Digital nachhaltig oder digital und nachhaltig? Vier Szenarien digitaler Nachhaltigkeit im Hochschulsektor

Digital nachhaltig oder digital und nachhaltig? Vier Szenarien digitaler Nachhaltigkeit im Hochschulsektor

14.08.26

Dekoratives Bild. Im Vordergrund: Futuristische gläsernne Kacheln. Im Hintergrund ein sonnenbelichteter Baum.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit gehören inzwischen zu den wichtigsten Transformationsaufgaben von Hochschulen. Immer häufiger werden beide Themen auf Ebene der Hochschulleitung verankert – oft sogar mit eigenen Vizepräsidien. Doch wie entwickeln sich diese beiden Agenden in den kommenden Jahren? Vier Szenarien zeigen mögliche Zukunftsbilder für den deutschen Hochschulsektor mit internationaler Perspektive.

Vier mögliche Szenarien

Viele Hochschulen stärken sowohl Digitalisierung als auch Nachhaltigkeit – allerdings als getrennte Transformationsprogramme. Beide Themenkomplexe verfügen über Strategien, Projekte und Verantwortlichkeiten, adressieren jedoch unterschiedliche Ziele, Kennzahlen und Akteursgruppen innerhalb der Hochschule. Digitalisierung konzentriert sich auf KI, Verwaltungsmodernisierung, Lernplattformen oder digitale Souveränität. Nachhaltigkeit behandelt Klimabilanzen, Mobilität, Beschaffung oder Nachhaltigkeitsberichte. Berührungspunkte entstehen punktuell, etwa bei Green IT oder Smart Campus-Projekten, bleiben aber die Ausnahme.

Dieses Szenario entspricht heute vielerorts dem Status quo, nicht nur in Deutschland, sondern auch international. Besonders im deutschen Hochschulsystem mit föderalen Zuständigkeiten, projektförmiger Finanzierung und begrenzten Governance-Kapazitäten ist diese Parallelität plausibel. Das Risiko liegt weniger im mangelnden Engagement als in verpassten Synergien: Entscheidungen über Digitalisierung berücksichtigen Nachhaltigkeit kaum – und umgekehrt. Beide Transformationen bleiben wirksam, entfalten ihre Wirkung jedoch nicht gemeinsam.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit werden zunehmend als zusammenhängende Transformationsaufgaben verstanden. Die Hochschulen schaffen gemeinsame Steuerungsstrukturen, stimmen ihre Strategien aufeinander ab und entwickeln bereichsübergreifende Ziele. Digitalisierung wird gezielt eingesetzt, um Nachhaltigkeitsziele zu unterstützen: etwa durch datenbasiertes Energiemanagement, intelligente Flächennutzung oder digitale Prozesse, die Ressourcen sparen. Gleichzeitig werden Nachhaltigkeitskriterien Bestandteil digitaler Entscheidungen, beispielsweise bei Beschaffung, Softwarearchitektur oder Infrastruktur.

Anders als im ersten Szenario bleibt der Fokus jedoch auf Optimierung bestehender Strukturen. Die Hochschule verändert sich evolutionär, nicht grundlegend. International finden sich Vorbilder vor allem in Skandinavien oder den Niederlanden, wo Nachhaltigkeit und Digitalisierung bereits häufiger gemeinsam gedacht werden. Für das föderal organsierte Deutschland wäre dieses Szenario ein realistischer Entwicklungspfad. Es baut bestehende Governance-Strukturen weiter aus, ohne tiefgreifende organisatorische Umbrüche vorauszusetzen.

Externe Entwicklungen erhöhen den Handlungsdruck deutlich. Energiepreise, Fachkräftemangel, steigende Anforderungen an Cybersecurity, neue Berichtspflichten, geopolitische Unsicherheiten oder der wachsende Ressourcenbedarf datenintensiver Anwendungen – einschließlich KI – verschärfen Zielkonflikte. KI spielt dabei eine wichtige Rolle, ist aber nicht der alleinige Treiber: Sie steht exemplarisch für eine breitere Dynamik wachsender digitaler Infrastruktur- und Steuerungsanforderungen. Hochschulen müssen Prioritäten setzen und Investitionen zwischen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und anderen strategischen Aufgaben austarieren.

Wo integrierte Governance fehlt, entstehen Reibungsverluste, Doppelarbeit und kurzfristige Entscheidungen. Wo sie vorhanden ist, können Zielkonflikte transparenter bearbeitet werden. Gerade im deutschen Hochschulsystem mit knappen Ressourcen und hoher Abhängigkeit von Förderprogrammen erscheint dieses Szenario besonders plausibel. Die zentrale Herausforderung besteht darin, Transformation nicht erst unter Krisenbedingungen organisieren zu müssen, sondern ihre Governance vorausschauend zu gestalten.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit werden nicht länger als zwei getrennte Strategien verstanden, sondern als gemeinsames Zukunftsprojekt der Hochschule. Beide Perspektiven prägen Entscheidungen in Forschung, Lehre, Verwaltung, Transfer und Campusentwicklung gleichermaßen. Nachhaltigkeit wird zum Maßstab digitaler Innovation, Digitalisierung zum Wegbereiter nachhaltiger Entwicklung. Die Hochschule versteht sich als lernende Organisation, die ihre gesellschaftliche Verantwortung ebenso ernst nimmt wie ihre technologische Innovationsfähigkeit. Internationale Initiativen zu Open Science, digitaler Souveränität oder nachhaltigen Campusstrategien verschmelzen zunehmend zu einer gemeinsamen Transformationsagenda.

In Deutschland dürfte dieses Szenario zunächst vor allem an einzelnen Hochschulen mit starker strategischer Führung sichtbar werden. Langfristig könnte es jedoch zum Referenzmodell werden – insbesondere dann, wenn Förderprogramme und Hochschulpolitik beide Agenden systematisch miteinander verknüpfen.

Die vier Szenarien digitaler Nachhaltigkeit illustriert

Vierfelder-Matrix zu möglichen Entwicklungspfaden von Digitalisierung und Nachhaltigkeit an Hochschulen. Die vertikale Achse zeigt den Veränderungsdruck von niedrigen, stabilen Rahmenbedingungen bis zu hohem externen Druck durch Regulierung, Ressourcenknappheit, KI, Cybersicherheit, Geopolitik und Finanzierung. Die horizontale Achse zeigt die Steuerungslogik von getrennter zu integrierter Steuerung. Die vier Felder beschreiben die Szenarien „Parallele Welten“, „Koordinierte Optimierung“, „Transformation unter Druck“ und „Twin Transformation als Leitbild“.
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Die Grafik wurde mithilfe eines generativen KI-Systems auf Basis eines von den Autor:innen erstellten Konzepts und Prompts erzeugt und redaktionell geprüft.

Analyse

Die vier Szenarien sind keine Prognosen, sondern mögliche Entwicklungspfade. Sie zeigen, dass die eigentliche strategische Herausforderung weniger in einzelnen Technologien als in der Governance zweier gleichzeitiger Transformationen liegt. KI ist dabei bewusst nur einer von mehreren Einflussfaktoren. Zwar verändert sie Anforderungen an Infrastruktur, Kompetenzen und Ressourcen erheblich. Ebenso prägend sind aber Regulierung, Digitale Souveränität, Cybersicherheit, Finanzierung oder Fachkräftemangel. Für den deutschen Hochschulsektor wird daher entscheidend sein, ob Digitalisierung und Nachhaltigkeit weiterhin getrennt gesteuert werden – oder sich zu einer gemeinsamen Transformationslogik entwickeln.

Autor:innen

Stella John Berendes ist Referentin im Hochschulforum Digitalisierung bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Sie verantwortet die Arbeitsbereiche Digitale Nachhaltigkeit und Digitale Barrierefreiheit. Ferner ist sie für die Planung und Durchführung diverser Workshops und Veranstaltungen zuständig. Zuvor arbeitete sie beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Sie studierte Deutsch-italienische Studien in Bonn und Florenz, sowie berufsbegleitend Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit in Kaiserslautern.

Christoph Koitka-Fieke ist HFD-Referent für IT und Technologie bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Er arbeitet an der Schnittstelle von digitaler Transformation, Technologie-Governance und strategischer Entwicklung im Hochschulkontext. Sein Fokus liegt auf Trendanalyse, Foresight und strategischer Priorisierung, um technologische Entwicklungen einzuordnen und für Entscheidungen nutzbar zu machen. MBA in Management & Innovation mit Hintergrund in Multimedia-Journalismus und internationaler Zusammenarbeit.

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