Digitale Souveränität: Die definitive Definition
Digitale Souveränität: Die definitive Definition
01.10.26
Wie werden wir digital souverän, und was heißt das – eigentlich klar so weit, oder? Nein, für die meisten ist es das noch nicht. Während die einen schon eine feste Definition in ihren Zielbildern und Strategien verankert haben, sind andere noch auf der Suche nach Orientierung. Und das ist okay. Das Hochschulsystem ist komplex, gleichzeitig starr und flexibel und ein Nebeneinander von Tradition und Innovation. Unser Angebot: Die definitive Definition digitaler Souveränität.
Überall stellen sich derzeit Hochschulentscheider:innen, Informatik- und Datenexpert:innen und viele weitere Stakeholder die Frage der Digitalen Souveränität.
Was bisher fehlt, ist eine gemeinsame Definition. Was also ist Digitale Souveränität?
- Ist sie in greifbarer Nähe, wenn sich der letzte Tech-Gigant aus dem Hochschulsystem verabschiedet hat?
- Sind wir digital souverän, wenn alle Kanzler:innen, CIOs und Rektor:innen entsprechende Software kennen und für ihre Hochschule flächendeckend einführen – vielleicht sogar im Verbund, mit weise geteilten Verantwortlichkeiten?
- Wenn Forschung, Verwaltung und Lehre nur noch Open Source nutzen: Ist die Digitale Souveränität dann erreicht?
Oder sogar: Alles davon, am besten jetzt, am besten gleichzeitig? Leichtes Nicken bei den Lesenden: Ja, das wäre wahrscheinlich nicht schlecht.
Denn die Zeit drängt, das weiß man nicht nur bei der Gesellschaft für Informatik, wo besonders engagiert darauf hingewiesen wird.
Wer sagt uns jetzt, was wir tun sollen? Wie kommen wir gemeinsam dahin? Beim Hochschulforum Digitalisierung haben wir auch keine schlüsselfertige Lösung oder gar die „definitive Definition Digitaler Souveränität“ im Ärmel. Trotzdem würden wir unser Versprechen aus der Überschrift gern einlösen.
Der definitiven Definition nähern wir uns deswegen aus den verschiedenen Perspektiven an, die das Thema bietet.

Souverän ist, wer zwischen Alternativen wählen und diese Wahl auch wieder revidieren kann. Dafür müssen Verträge, Datenformate und Schnittstellen einen Wechsel zulassen, statt über Lizenzmodelle und Campus-Deals ganze Ökosysteme festzuschreiben. Pragmatische Souveränität heißt nicht, auf kommerzielle Anbieter zu verzichten, sondern die Bedingungen so zu gestalten, dass man jederzeit gehen könnte.
Leitfragen: Was würde es kosten, morgen zu wechseln, und wer zahlt diesen Preis? Und: Was sind unsere Opportunitätskosten, wenn wir nichts verändern?
Technologische Souveränität betrachtet den gesamten Stack: Hardware, Netze, Rechenzentren, Betriebssysteme, Anwendungen und Schnittstellen. Auf jeder Ebene stellt sich die Frage, wer die Technologie kontrolliert, versteht und verändern kann. Vollständige Autarkie ist weder realistisch noch sinnvoll, entscheidend ist, kritische Abhängigkeiten zu kennen und mit offenen Standards, Open Source und europäischen Infrastrukturen gezielt gegenzusteuern.
Leitfrage: Welche Abhängigkeiten sind unvermeidbar, welche selbst gewählt und welche kritisch?
Umstellungen, die nicht gut begleitet werden, gehen zu Lasten derjenigen, die in ihrer täglichen Arbeit auf die vom Arbeitgeber ausgegebene Hard- und Software angewiesen sind. Besonders in Verwaltung und Bibliotheken treffen neue Systeme auf komplexe Prozesse und Strukturen, die teilweise seit Jahrzehnten verankert sind. Die Lösung sind kollaborative und partizipative Change-Prozesse für Media & Data Literacy, die Beschäftigte früh einbinden und Qualifizierung von Anfang an mitdenken.
Leitfrage: Wer muss was können, damit ein Wechsel nicht zur Überforderung wird?
Hochschulen erzeugen Daten in enormer Breite, von Forschungs- über Lern- und Prüfungsdaten bis zu Personal- und Verwaltungsdaten. Datensouveränität heißt, über Speicherort, Zugriff, Nutzung und Weitergabe selbst zu entscheiden, und zwar rechtlich, technisch und organisatorisch. Heikel wird es überall dort, wo Plattformen Nutzungsdaten auswerten oder Inhalte in das Training von KI-Modellen fließen, etwa bei Learning Analytics oder Prompts in KI-Chatbots.
Leitfrage: Könnten wir unsere Daten morgen vollständig und nutzbar zurückholen, und wissen wir, wer sie heute nutzt?
Hier wird es philosophisch und politikwissenschaftlich: Digitale Souveränität ist im föderalen Hochschulsystem immer ein Aushandlungsprozess zwischen Wissenschaftler:innen, Hochschulen und Ländern. Die individuelle Freiheit der einzelnen Wissenschaftler:innen und die Freiheit von Forschung und Lehre dürfen dabei nicht eingeschränkt werden. Dennoch wird das Gesamtsystem nur souveräner, wenn Einzelne an bestimmten Stellen auf eigene Gestaltungsmöglichkeiten verzichten.
Leitfragen: Wie erarbeiten wir konsensual verbindliche Standards und ein gemeinsames Zielbild? Wo hilft die Freiheit einzelner Personen und Hochschulen, und wo ist es effizient, zum Wohle aller auf eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu verzichten?
Muss jede Hochschule alles selbst entwickeln, und müssen an jeder Hochschule kleine Projekte parallel laufen? „Kluge Redundanzen“, wie sie der Rat für Informations-Infrastrukturen vorschlägt, bedeuten, kritische Dienste und Kompetenzen an mehreren Stellen vorzuhalten, ohne dasselbe hundertfach zu bauen. Der Weg führt über Verbünde und Shared Services, getragen von verlässlicher Governance, fairen Kostenmodellen, guter Kommunikation und Vertrauen.
Leitfragen: Was muss jede Hochschule selbst können, was reicht es gemeinsam zu können, und wo brauchen wir bewusst Optionen?
Hochschulen bewegen sich in einem dichten Regelwerk aus Vergaberecht, DSGVO, AI Act und Data Act, während außereuropäische Anbieter zugleich anderem Recht wie dem US CLOUD Act unterliegen. Eine einzelne Hochschule hat gegenüber globalen Konzernen kaum Verhandlungsmacht und übernimmt Vertragsbedingungen meist, wie sie kommen. Rechtliche Souveränität entsteht durch gebündelte Verhandlungen in Konsortien, gemeinsame Musterverträge und geteilte juristische Expertise.
Leitfrage: Wessen Recht gilt für unsere Systeme, und wer verhandelt für uns?
Die Projektförderlogik finanziert den Aufbau neuer Lösungen, selten aber deren Betrieb, Wartung und Weiterentwicklung. Open Source ist nicht kostenlos, sondern verlagert Kosten von Lizenzen zu Personal, Betrieb und Support. Finanzielle Souveränität setzt deshalb ehrliche Total-Cost-of-Ownership-Rechnungen und verstetigte Mittel für Infrastrukturen voraus.
Leitfrage: Wer bezahlt den Betrieb, wenn die Förderung ausläuft?
Cyberangriffe haben bereits mehrere deutsche Hochschulen wochenlang lahmgelegt. Hinzu kommt das geopolitische Risiko, dass Dienste durch Sanktionen, Exportkontrollen oder einseitige Anbieterentscheidungen plötzlich nicht mehr verfügbar sind. Resilienz heißt, Notfallpläne, Backups und Ausweichsysteme vorzuhalten und kritische Dienste nicht von einem einzigen Anbieter abhängig zu machen.
Leitfrage: Wie lange wären wir handlungsfähig, wenn unser wichtigster Anbieter morgen den Zugang sperrt?
Wenige Wissenschaftsverlage und Datenkonzerne kontrollieren Publikation, Recherche, Forschungsinformation und zunehmend auch die Bewertung wissenschaftlicher Leistung. Durch Datentracking auf Verlagsplattformen entstehen Profile von Forschenden, die sich kommerziell verwerten lassen. Damit berührt diese Dimension den Kern der Wissenschaftsfreiheit und unterscheidet die Hochschuldebatte von der allgemeinen Verwaltungsdigitalisierung.
Leitfrage: Wer bestimmt, wie Wissen gefunden, bewertet und weitergegeben wird?
Jede Souveränitätsstrategie braucht Menschen, die Systeme aufbauen, betreiben und weiterentwickeln können. Die besten IT-Fachkräfte sind mit Gehältern nach TV-L und befristeten Projektstellen kaum zu gewinnen und noch schwerer zu halten. Anders als bei Media & Data Literacy geht es hier nicht um die Nutzer:innen, sondern um die Expertise, ohne die es keine Alternative zu externen Anbietern gibt.
Leitfrage: Haben wir die Leute, die unsere Alternativen tatsächlich betreiben können?
Generative KI ist das derzeit dynamischste Feld und wird von wenigen, überwiegend US-amerikanischen Anbietern dominiert. Hier verdichten sich alle anderen Dimensionen: Lock-in, Datenabfluss, Kompetenzen, Recht und Finanzierung. Souveränität bedeutet hier nicht, eigene Top-Modelle zu trainieren, sondern offene Modelle, eigene Rechenkapazitäten und Wahlfreiheit zwischen Anbietern zu sichern.
Leitfrage: Können wir KI nutzen, ohne dafür Daten, Wahlfreiheit und Urteilsvermögen abzugeben?
Energie- und Ressourcenverbrauch digitaler Dienste bleiben oft intransparent, weil die Anbieter die Daten dazu kontrollieren. Wer den Verbrauch nicht kennt, kann Nachhaltigkeitsziele bei Beschaffung und Betrieb nicht wirksam verfolgen. Ökologische Souveränität verbindet so die digitale mit der nachhaltigen Transformation und macht Transparenz zur Vergabebedingung.
Leitfrage: Wissen wir, was unsere digitale Infrastruktur ökologisch kostet, und können wir es beeinflussen?
Aus diesen Ansätzen lässt sich für den eigenen Gebrauch vielleicht schon einiges ableiten, das einer pragmatischen Definition nahekommt. Viel wichtiger als diese wird es aber sein, ein passendes Zielbild zu entwickeln – und das werden wir nur gemeinsam schaffen.
Digitale Souveränität ist ein Marathon und ein Sprint. Alle müssen jetzt loslaufen – und zwar schnell. Selbst wenn das gelingt, wird es trotzdem lange dauern. Es gibt nicht den einen Change-Weg, den wir beschreiten müssen: Unser Marathon und auch unser Sprint führen über mehrere, verzweigte und verschlungene Innovationspfade.
Wir bieten an, Sie auf diesen Wegen zu begleiten, Orientierung und Unterstützung zu geben. Die Grafik veranschaulicht, wie unterschiedlich Innovation im komplexen Systemen angegangen wird. Auch die digitale Souveränität wird in vielen verschiedenen Geschwindigkeiten erreicht werden.

Was sind also die konkreten nächsten Schritte?
- Einzelne Projekte, Hochschulen und Verbünde, die schon aktiv sind, müssen ihr Engagement weiter vorantreiben. Am besten ist, wenn sie ihre Erkenntnisse und Best Practices in der Community sichtbar machen (wir helfen gern!).
- Wer noch nicht aktiv ist, sollte sich Verbündete suchen und loslaufen – egal, wie klein der erste Schritt sein mag! Dabei unterstützen wir ebenfalls gerne.
- Wir brauchen ein gemeinsam formuliertes Zielbild für Digitale Souveränität der Hochschulen. Am Ende wird es darum gehen, wie dieses realisiert (spricht: organisiert und finanziert) werden kann. Dieser Prozess ist ein politisches Anliegen und kann nicht von einer Organisation oder Hochschule allein getragen werden. Die Wünsche und Bedarfe der Community werden an vielen Stellen geäußert. Das geschieht in Workshops und Konferenzen, aber auch schriftlich in Manifesten, Positionspapieren und offenen Briefen. Wir konsolidieren diese Anliegen und entwickeln daraus mit allen interessierten Stakeholdern ein politisches Zielbild.
Unser Angebot lautet: Sprechen Sie uns an, machen Sie mit!
Wir vernetzen, skalieren und treiben den Prozess für mehr Digitale Souveränität voran.
- Kennen Sie ein gelungenes Beispiel für eine konkrete Umsetzungsidee für mehr Digitale Souveränität an der Hochschule, das andere nutzen sollten?
- Möchten Sie mitarbeiten an der „Definitiven Definition Digitaler Souveränität“, dem Zielbild, mit dem wir gemeinsam ins Rennen gehen?
- Haben Sie Fragen, Einwände, Hilfestellungen?
Wir freuen uns auf den Austausch – und vor allem darauf, gemeinsam den nächsten, konkreten Schritt für mehr Digitale Souveränität im Hochschulbereich zu gehen.
Autor

Christoph Koitka-Fieke ist HFD-Referent für IT und Technologie bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Er arbeitet an der Schnittstelle von digitaler Transformation, Technologie-Governance und strategischer Entwicklung im Hochschulkontext. Sein Fokus liegt auf Trendanalyse, Foresight und strategischer Priorisierung, um technologische Entwicklungen einzuordnen und für Entscheidungen nutzbar zu machen. MBA in Management & Innovation mit Hintergrund in Multimedia-Journalismus und internationaler Zusammenarbeit.
Magnus Schubert 
Mattis Neiling 
Uwe Reckzeh-Stein ![Illustration zu einem Blogbeitrag über digitale Souveränität: Zwei Personen arbeiten mit Laptop und Unterlagen vor einem Whiteboard mit Innovationsideen, Diagrammen und einer Rakete. Titel des Beitrags: „It’s the Economy, St[…]“.](https://hochschulforumdigitalisierung.de/wp-content/uploads/2026/08/2026_Its-the-economy-HS-Innovationsort-2-Reckzeh-Stein-und-Koitka-Fieke.png)