Handeln statt Aushalten: Dimensionen digitaler Resilienz
Handeln statt Aushalten: Dimensionen digitaler Resilienz
23.04.26
Technisch, auf Organisationsebene, individuell: Digitale Resilienz betrifft alle Bereiche des Hochschul-Systems. Sie ist damit auch dort eine wichtige Kompetenz für die digitale Arbeitswelt, ein „Future Skill“. Die unterschiedlichen Dimensionen digitaler Resilienz sind zwar miteinander verknüpft, wirken aber auch einzeln. Das ermöglicht Handlungsoptionen. Ein Überblick.
Digitale Resilienz ist die Fähigkeit, mit digitalem Wandel sicher und handlungsfähig umzugehen. Gemeint ist nicht nur, dass Technik zuverlässig funktioniert, sondern dass Hochschulen Veränderungen erkennen, einordnen und sinnvoll darauf reagieren können. Dazu gehören klare Strukturen, passende Werkzeuge und die Kompetenzen der Menschen, die mit ihnen arbeiten. Digitale Resilienz entsteht im Zusammenspiel dieser Ebenen – und zeigt sich dort, wo Hochschulen auch unter neuen Bedingungen stabil bleiben und sich gleichzeitig weiterentwickeln können.
Technische Resilienz: sicher und souverän
Digitale Resilienz wird immer dann besonders herausgefordert, wenn sich bestehende Strukturen und Ansichten gegenüber einer neuen Entwicklung positionieren wollen oder müssen. Die ersten Überlegungen betreffen oft rechtliche und technische Unsicherheiten: Darf ich eine Hausarbeit mit Künstlicher Intelligenz überprüfen? Sind unsere Forschungsdaten sicher? Was muss alles in die Cloud – und was darf dort auf keinen Fall hin? Wie abhängig sind Hochschulen von Großkonzernen aus dem Silicon Valley? Können wir die Studienberatung auf KI-Agenten umstellen?
Technische digitale Resilienz lässt sich vor allem den folgenden Bereichen zuordnen:
- Infrastruktur & Betrieb: Verlässliche Systeme mit geringer Ausfallsicherheit sind die Grundlage stabiler digitaler Prozesse. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, die Technik aktuell und leistungsfähig zu halten. Dazu braucht es ausreichendes und gut geschultes Personal sowie entsprechende Ressourcen.
- IT-Sicherheit & Datenschutz: Forschungs- und persönliche Daten müssen besonders gut geschützt sein. Der effektive Schutz von Systemen und Identitäten sowie die Einhaltung regulatorischer Anforderungen hängt von einer technisch und personell leistungsfähigen IT ab..
- Interoperabilität & Standards: Keine Verwaltung kommt ohne das Zusammenspiel von verschiedenen Systemen aus. Das Ziel ist dabei, Kooperationen sowie offene Schnittstellen und Vermeidung von Abhängigkeiten erreichen, jedoch ohne Sicherheit oder Funktionalität einzubüßen.
Organisationale Resilienz: strategisch und strukturiert
Für komplexe Organisationen wie Hochschulen wird digitale Resilienz besonders wichtig, wenn sie Entscheidungen treffen und Veränderungen aktiv gestalten müssen. Die Fragen sind hier weniger technisch, sondern vielmehr strukturell: Wer entscheidet über den Einsatz neuer Technologien – und nach welchen Kriterien?
Wie werden digitale Projekte priorisiert und gesteuert? Welche Prozesse befördern Innovation, und welche bremsen sie aus? Wie gehen Hochschulen mit Unsicherheit, widersprüchlichen Anforderungen und externem Druck um? Und wie gelingt es, eine gemeinsame Richtung zu entwickeln, ohne die Vielfalt der Akteurinnen und Akteure zu verlieren?
- Governance, Strategie & Kultur: Klare Zuständigkeiten, Leitlinien und eine Kultur, die Offenheit, Lernen und verantwortlichen Umgang mit digitalen Technologien fördert, machen eine Organisation resilient.
- Prozesse & Strukturen: Um digital resilient zu sein, brauchen Hochschulen effiziente, anschlussfähige und transparente Abläufe, die digitale Lösungen integrieren und kontinuierlich weiterentwickeln.
- Umgang mit Information & Desinformation: Unsichere Handhabung von Daten und Desinformation sind existentiell bedrohlich für Wissensorganisationen. Digital resiliente Systeme setzen auf Mechanismen zur Qualitätssicherung, klare Kommunikationslinien und Strategien gegen Desinformation.
Individuelle Resilienz: kompetent und kritisch
Gerade im Zeitalter von KI bleibt der Mensch am wichtigsten. Am Ende sind es echte Personen, die konkret mit neuen Technologien arbeiten und deren Auswirkungen einordnen müssen. Im Alltag stellen sich dabei ganz praktische Fragen: Wie gehe ich mit KI-Tools in der Lehre, Forschung oder Verwaltung um? Welche Informationen sind verlässlich – und welche nicht? Wie verändere ich meine Arbeitsweise, ohne den Überblick zu verlieren? Wo liegen Chancen, wo Risiken? Und wie kann ich digitale Entwicklungen kritisch reflektieren, ohne mich ihnen grundsätzlich zu verschließen?
- Digitale Kompetenzen: Sicherer und reflektierter Umgang mit digitalen Werkzeugen und Daten sind kein „Future Skill“ – sondern jetzt bereits unverzichtbar. Digitalkompetenz ist kein „Nice to have“, und man lernt sie nicht nebenbei. Es braucht daher passende Angebote für den Kompetenzerwerb für alle Akteuer:innen im Hochschulbereich.
- Adaptionsfähigkeit: Digitale Transformation ist disruptiv und ein andauernder Change-Prozess. Die Fähigkeit, sich schnell auf neue Technologien und Arbeitsweisen einzustellen, ist hier für jede:n ein Plus.
- Kritische Reflexion: Digitalisierung ist nicht automatisch ein Segen: Die kritische Einordnung digitaler Entwicklungen, insbesondere im Umgang mit KI sowie (Des-)Information, ist eine der wichtigsten Grundkompetenzen für alle, die entsprechende Technologien und Anwendungen nutzen.
Gerade diese kritische Reflexion und die schon angesprochene Datensicherheit sind Handlungsfelder, die auch Einzelpersonen eine Handhabe bieten, selbst digital resilient(er) zu werden. Es ist kein Zufall, dass der Umgang mit Fake-News, Deepfakes und Desinformation die Hochschulen, ihre Lehrenden und Studierenden besonders beschäftigt: Das Thema betrifft alle konkret.
Hier wird das gesellschaftliche Ringen um Wissenschaftsfreiheit, Demokratie und Souveränität im digitalen Raum spürbar. Das Spannungsfeld zwischen der Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien und dem Anspruch von Wissensorganisationen, Informationen belegt und überprüfbar zu teilen, ist umkämpft.
Hier gilt es deswegen ganz besonders, kritisch und informiert zu bleiben. Jede:r hilft so auf dem Weg zu einer digitalen Resilienz, die für alle wirksam ist und uns schützt. Der Beitrag, den einzelne Menschen und Organisationen leisten, zahlt auf die gemeinsame Vision einer digital sicheren, strategischen und kompetenten Hochschullandschaft ein.
Die Hochschulen sind hier deswegen besonders gefordert: Sie geben den strategischen Rahmen vor, in dem die Auseinandersetzung mit der neuen Realität stattfindet und schaffen ein Umfeld, in dem Innovation gewinnbringend und gemeinschaftlich gelebt wird.
Autor

Christoph Koitka-Fieke ist HFD-Referent für IT und Technologie bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Er arbeitet an der Schnittstelle von digitaler Transformation, Technologie-Governance und strategischer Entwicklung im Hochschulkontext. Sein Fokus liegt auf Trendanalyse, Foresight und strategischer Priorisierung, um technologische Entwicklungen einzuordnen und für Entscheidungen nutzbar zu machen. MBA in Management & Innovation mit Hintergrund in Multimedia-Journalismus und internationaler Zusammenarbeit.
Sarah Becker 
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