Wie Hochschulen jetzt digital souveräner werden

Wie Hochschulen jetzt digital souveräner werden

29.05.26

Grafik mit dem Text: Wie Hochschulen jetzt digital souveräner werden

Digitale Souveränität ist für Hochschulen ein Thema, das nicht zu unterschätzen ist. Als Hochschulforum Digitalisierung haben wir sie deshalb bereits in der Vergangenheit zentral auf die Agenda gesetzt. Mittlerweile ist das Bewusstsein für den Wert Digitaler Souveränität in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das ist gut, heißt aber nicht, dass Hochschulen ihre einschlägigen Aktivitäten jetzt einstellen sollten – im Gegenteil: Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, aktiv zu werden.  

In dieser Mission waren wir kürzlich in Bochum – einer der „Places to be“, wenn es um Digitale Souveränität an Hochschulen geht. Aus den Gesprächen und Eindrücken, die wir dort sammeln durften (Danke!) haben wir die folgenden Thesen abgeleitet: Mit diesen konkreten Schritten können Hochschulen jetzt digital souveräner werden. 

1. Kontrolle strategisch planen

Digitale Souveränität bedeutet nicht, alle digitalen Lösungen selbst zu bauen. Aber Hochschulen müssen aktiv und strategisch entscheiden, welche Teile ihrer digitalen Infrastruktur (und auch Wertschöpfungskette) so kritisch sind, dass sie kontrolliert, überprüft und/oder gemeinsam betrieben werden sollten.  

Am Beispiel KI wird die Komplexität und Herausforderung sichtbar: Es geht nicht nur um Chatbot-Oberflächen, sondern auch um dahinter verborgene Modelle, Hosting, Datenflüsse, Schnittstellen, Identitätsmanagement und Schulungen. Eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre wird sein, diese kritischen Bereiche hochschulübergreifend zu priorisieren.  

2. Projektlogik vermeiden

Viele gute Ansätze entstehen in befristeten Projekten. Für digitale Infrastrukturen reicht das nicht aus. Betrieb, Wartung, Sicherheit, Barrierefreiheit, Usability, Support und Weiterentwicklung sind Daueraufgaben. Das gilt für KI-Angebote ebenso wie für Open-Source-Systeme in Studium, Lehre und Verwaltung. Souveränität entsteht erst, wenn aus erfolgreichen Pilotprojekten verlässliche Strukturen werden. Zur digitalen Souveränität kann man sich nicht hinsparen!

3. Kooperation und Governance fair organisieren

Alle sind sich einig: Keine einzelne Hochschule kann die nötigen Ressourcen allein aufbringen, um digital souverän zu werden. Schwieriger ist die Frage, wer betreibt, wer zahlt, wer entscheidet und wer mitnutzen darf. Beispiele wie dieDH.NRW zeigen, dass landesweite Governance-Strukturen ein wichtiger Rahmen sind. Zugleich bleiben länderübergreifende Nachnutzung, faire Lastenteilung und die Beteiligung kleinerer Hochschulen offene Aufgaben. Kooperation muss deshalb nicht nur empfohlen, sondern konkret vertraglich, finanziell und organisatorisch ermöglicht werden – zum Nutzen aller.  

4. Souveräne Alternativen alltagstauglich machen

Nutzer:innen entscheiden im Alltag selten nach strategischen Souveränitätskriterien. Sie nutzen, was funktioniert, verständlich ist und in ihre Abläufe passt. Deshalb müssen souveräne Angebote nicht nur sicher und kontrollierbar sein, sondern auch stabil. Sie sollten gut integriert, gut erklärt und gut unterstützt werden. Digitale Souveränität scheitert meist weniger an der Idee als an fehlender Usability, fehlendem Support oder fehlender Kommunikation.

5. Verwaltung strategisch hebeln

Hochschulverwaltungen haben besonders starke Nutzungsmotive für souveräne Lösungen. Dort werden sensible Daten verarbeitet und dort ist der Bedarf an sicheren Arbeitshilfen besonders greifbar. Verwaltung kann deshalb ein wichtiger Einstiegspunkt sein, um souveräne KI- und Softwareangebote in echte Nutzung zu bringen. Entscheidend ist, Datenschutz, Schulung, Support und Arbeitsentlastung zusammenzudenken.

6. Know-how im Haus behalten

Abhängigkeit von großen Anbietern ist nicht einfach ein Datenschutzproblem. Wenn Hochschulen zentrale Dienste vollständig auslagern, verlieren sie auch Wissen darüber, wie Systeme funktionieren, wie sie angepasst werden können und welche Folgen sie für Forschung, Lehre und Verwaltung haben. Digitale Souveränität heißt also auch: Hochschulen müssen technisches, rechtliches und organisationales Know-how aufbauen und halten. Das betrifft IT-Personal ebenso wie Hochschulleitungen, Lehrende, Forschende und Verwaltungsmitarbeitende.

7. Awareness in Aktion übersetzen

In den letzten Jahren konnten wir beobachten: Das Problembewusstsein wächst, aber es übersetzt sich noch nicht automatisch in Entscheidungen. Hochschulen brauchen Orientierungsrahmen, Good Practices, technische Referenzarchitekturen, Markttransparenz und Strategiedialoge auf Leitungsebene. Noch wichtiger ist aber die Verständigung auf nächste Schritte: Welche Abhängigkeiten werden zuerst bearbeitet? Welche Dienste sollen gemeinsam skaliert werden? Welche politischen und finanziellen Rahmenbedingungen braucht es dafür?

Zu diesen Fragestellungen bieten wir im Verlauf der nächsten Monate konkrete Formate an, in denen Fachkenntnis und Problembewusstsein in Aktion übersetzt werden. Wir freuen uns, mit euch und Ihnen nicht nur in den Austausch zu gehen, sondern die Zukunft der Digitalen Souveränität an deutschen Hochschulen gemeinsam zu gestalten! 

Zu guter Letzt: Anregungen, Einladungen zu Konferenzen, Ideen für Pilotprojekte gern per Mail an Uwe Reckzeh-Stein (reckzeh@hrk.de) und Christoph Koitka-Fieke (koitka-fieke@hr.de).

Die oben vorgestellten Thesen sind im Rahmen eines Arbeitsbesuchs in Bochum entstanden.

Für die Eindrücke und Gespräche danken wir Christian Friedrich (OSDN u.a.), Niklas Sax (GI), Malte Persike (RWTH) und darüber hinaus für die herzliche Gastfreundschaft Martin Jungwirth (DH.NRW), Martin Bovermann (KI:edu.nrw/RUB) und insbesondere Peter Salden (ZfW/RUB), sowie Lea Beiermann (ZenDis).

Auf dem HFD-Blog folgt in Kürze ein weiterer Beitrag, in dem wir konkrete Einblicke aus unseren Gesprächen teilen werden. Dort zeigen wir, wie Kooperation und Vernetzung zur Digitalen Souveränität in der Praxis aussehen – und gelingen!

Autoren

Bild: Uwe Rekzeh-Stein

Uwe Reckzeh-Stein ist bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Projektreferent für das Hochschulforum Digitalisierung. Dort betreut er die Community, organisiert deren regionale Vernetzung und koordiniert die AG-Arbeit seitens der HRK. Nach einer Ausbildung zum Technischen Assistenten für Informatik studierte er Katholische und Ökumenische Theologie in Münster und Bonn. Er arbeitete als Vikar in Karlsruhe und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Bonn. Zwischen 2017 und 2020 forschte er zu Kirchen- und Militärgeschichte.

Christoph Koitka-Fieke ist HFD-Referent für IT und Technologie bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Er arbeitet an der Schnittstelle von digitaler Transformation, Technologie-Governance und strategischer Entwicklung im Hochschulkontext. Sein Fokus liegt auf Trendanalyse, Foresight und strategischer Priorisierung, um technologische Entwicklungen einzuordnen und für Entscheidungen nutzbar zu machen. MBA in Management & Innovation mit Hintergrund in Multimedia-Journalismus und internationaler Zusammenarbeit.

Grafik mit Hinweis auf Informationsangebot: Digitale Souveränität und Hochschulen. Mehr Informationen hier!

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