Gestalten statt reagieren: Wie resiliente Hochschulen aus Krisen lernen

Gestalten statt reagieren: Wie resiliente Hochschulen aus Krisen lernen

29.06.26

Grafische Illustration mit Symbolen für Hochschule, Zusammenarbeit, Resilienz, Kreativität und Weiterentwicklung. Das Banner visualisiert den Blogbeitrag „Gestalten statt reagieren: Wie resiliente Hochschulen aus Krisen lernen“.

Hochschulen kennen Ausnahmesituationen: Prüfungsformate müssen über Nacht umgestellt, der Lehrbetrieb kurzfristig angepasst und Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden. Doch wie gut sind Hochschulen wirklich vorbereitet, wenn es nicht nur darum geht, eine Krise zu überstehen, sondern auch gestärkt daraus hervorzugehen? In diesem Beitrag zeigen wir, warum Resilienz mehr bedeutet als nur Widerstandskraft und warum Kreativität dabei eine zentrale – und doch häufig unterschätzte – Rolle spielt. Dafür stellen wir ein praktisches Werkzeug vor, das Hochschulleitungen, Lehrende und Support-Teams dabei unterstützt, gemeinsam resilienter zu werden: das Learn-and-Do Kit.

Mehr als Widerstandskraft: Was Resilienz an Hochschulen bedeutet

Wir befinden uns inmitten tiefgreifender, multipler Krisen, die die Gesellschaft auf globaler wie lokaler Ebene erschüttern. Genau hier gewinnt das Konzept der Resilienz als Heilsbringer eine besondere Bedeutung. Es wird heiß diskutiert, wie Organisationen und neuerdings auch Hochschulen an Widerstandskraft gewinnen können. Durch die Verflechtungen der Krisen in ihrer Gleichzeitigkeit, ihrer Intensität und Beschleunigung sind Hochschulen einem immensen Druck ausgesetzt, wodurch im Alltag der Hochschulen tiefgreifende Veränderungen der Hochschullehre entstehen.

So wurde beispielsweise in der COVID-19-Pandemie sichtbar, wie schnell sichere und vertraute Strukturen aufgebrochen wurden und wie essenziell Flexibilität und Kreativität für die Bewältigung von Krisen sind. In dieser von externen Notwendigkeiten getriebenen und aufgeheizten Debatte wird oftmals außer Acht gelassen, dass Resilienz weit mehr als eine reaktive Anpassungsleistung ist.

Denn Resilienz betont auch Fähigkeiten zur Anpassung, insbesondere in ihrer genuinen gestalterischen und kreativen Komponente sowie prozessual. In diesem Resilienzverständnis wird Lernen und insbesondere Reflexion als zentral für die Antizipation, Bewältigung und Adaption von Krisen angesehen (Duchek, 2020):

(1) Antizipation – als die Fähigkeit interne und externe Entwicklungen zu beobachten, kritische Events zu identifizieren und sich auf unerwartete Ereignisse vorzubereiten

(2) Bewältigung – Akzeptanz des Problems, Entwicklung und Implementierung von Lösungen durch Improvisieren, Koordination über formelle und informelle Netzwerke

(3) Adaption – Reflexion und Lernen, insbesondere organisationales Lernen und Integration in die organisationalen Struktur- und Veränderungsprozesse.

 

Auf Basis unserer Forschungserkenntnisse schlagen wir vor, Kreativität und Resilienz miteinander zu verknüpfen (Laufer et al., 2025).

Zwölf Hochschulen, 26 Länder, eine Erkenntnis

Dazu haben wir – ein Forschungsteam vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und dem Center of Advanced Technology for Assisted Learning and Predictive Analytics (CATALPA) der FernUniversität in Hagen – zwischen 2020 und 2026 zwölf Hochschul-Fallstudien in sieben Ländern durchgeführt und 95 Hochschulangehörige aus 26 Ländern interviewt. Die Erkenntnisse daraus zeigen: Es gibt nicht den einen Weg zur resilienten Hochschule. Was funktioniert, hängt stark vom jeweiligen institutionellen Kontext und der Identität der Organisation ab. Gleichzeitig zeigt sich, dass Hochschulen, die Reflexionsprozesse bewusst gestalten und nicht beim Reagieren stehen bleiben, deutlich resilienter aus Krisen hervorgehen. An dieser Stelle setzt unser Learn-and-Do Kit an.

Vom Forschungsbefund zum Werkzeug: Ein Learn-and-Do Kit für die Praxis

Der erste Teil (Learning) des Kits dient als Wissensbasis, die die Auseinandersetzung mit den theoretischen Konzepten von Resilienz und Kreativität ermöglicht. Im zweiten Teil (Doing) übersetzen wir die Theorie dann in die hochschulische Praxis. Im Zentrum steht dabei der von uns entwickelte Resilience & Creativity Canvas, ein Reflexionswerkzeug, das sowohl individuell als auch gemeinsam im Team eingesetzt werden kann. Da an Hochschulen viele verschiedene Perspektiven aufeinandertreffen, haben wir vier rollenspezifische Versionen des Canvas entwickelt: für die Hochschulleitung, Lehrende, den technischen Support und den didaktischen Support. Jede Version wird durch eigens entwickelte Personas ergänzt, die exemplarisch die unterschiedlichen Haltungen und Handlungen dieser Gruppen zeigen und als Inspiration dienen.

Drei Dimensionen sind im Reflexionsprozess von zentraler Bedeutung: Infrastruktur und Ressourcen, Kommunikation und Kollaboration, und Rollen und Verantwortlichkeiten. Im Folgenden zeigen wir anhand der Verbreitung von generativer KI als disruptives Ereignis, worauf es jeweils im Reflexionsprozess ankommt.

Experimentieren auf feste Beine stellen

In der ersten Dimension geht es um Infrastruktur und Ressourcen, also technische Voraussetzungen (Hardware und Software) für Lernprozesse sowie Guidelines, Schulungs- und Trainingsangebote. Unsere Forschung zeigt, dass es bereits vor der Einführung von generativer KI für Hochschulangehörige sinnvoll sein kann, proaktiv vorhandene Infrastruktur und Ressourcen offen und zugänglich zu gestalten. Das kann beispielsweise mithilfe leicht verständlicher Guidelines und Tutorials für Open-Source-Lösungen gelingen, die durch den technischen Support an Hochschulen entwickelt werden. Auch der didaktische Support kann vor einer Krise Materialien zur innovativen Lehrentwicklung an die unterschiedlichen Bedürfnisse von Lehrenden anpassen. Bestehende Guidelines und Materialien können dann nach der tatsächlichen Nutzung von generativer KI durch Studierende und Lehrende angepasst werden. Darüber hinaus ist im akuten Krisenfall im Kontext von Infrastruktur und Ressourcen eine schnelle Bereitstellung von Ressourcen sowie eine effiziente Koordination zwischen Hochschulleitung, Lehrenden sowie technischem und didaktischem Support notwendig.

Aber auch kreative Experimente werden notwendig, die den Umgang mit der neuen Technologie testen und Stärken und Schwächen im Transformationsprozess offenlegen. Im Fall von generativer KI kann der didaktische Support durch das Aufsetzen von „Emergency AI Hours” die Integration von KI in die Lehre stärken oder Lehrende können in „rompting Workshops” für Studierende Wissen zu KI vermitteln. Diese Experimente gilt es schließlich auf langfristige Eignung zu prüfen und zu institutionalisieren: Welche Infrastrukturen und Ressourcen werden tatsächlich genutzt? Wie können langfristige Lösungen, etwa für die durch den Einsatz generativer KI notwendig gewordene Anpassung der Prüfungsorganisation, entwickelt werden?

Netzwerke mobilisieren, um neue Ufer zu erreichen

In der zweiten Dimension werden Kooperationen mit anderen sowie die dafür nötigen Kommunikationsräume und -kanäle reflektiert – also Prozesse und Strukturen, die für die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen Fakultäten und auch mit außeruniversitären Partnern wichtig sind. Die Bereitstellung von ChatGPT führt bei Hochschulen zu sehr unterschiedlichen Reaktionen. Besonders was die interne Kommunikation angeht, zeigt unsere Forschung, dass sich viele nicht vorbereiten oder abstimmen und sich in der Hochschullehre eher ein individuelles „Durchwurschteln“ als eine kooperative Herangehensweise durchsetzt. Gleichzeitig werden hochschulübergreifende Kooperationen teilweise gestärkt und beispielsweise eigene generative Sprachmodelle gemeinsam entwickelt. Auch die Experimentierfreude für den Umgang mit KI wird in diesen Kooperationen gefördert.

Um ihre Kooperationen und Kommunikationswege auf Krisenfestigkeit zu überprüfen, kann die Leitungsebene schon vor einer Krise reflektieren, mit welchen internen und externen Partnern sie bereits zusammenarbeitet und wie diese Kooperationen kreative Ideen für die Hochschullehre fördern. Während der Krise kommt es dann konkret auf Kommunikationswege an, mit denen die Hochschulleitung kurzfristig und kohärent nach innen und außen kommunizieren kann. In der Nachbereitung einer Krise können insbesondere Mitarbeitende des technischen und didaktischen Support überlegen, wie im Notfall entstandene Kommunikationswege auch langfristig etabliert und institutionalisiert werden können. Lehrende sollten für mehr Resilienz reflektieren, welche Kommunikationsnetzwerke, -räume und -kanäle vor einer Krise bzw. im ganz normalen Hochschulalltag, für sie nützlich und kreativitätsfördernd sind. Welche Kooperationen oder Netzwerke können Sie schon jetzt mobilisieren, sodass diese während der Krise einen Raum schaffen für Gemeinschaftsgefühl und ganz neue kreative Lösungen?

Das Ruder abgeben eröffnet neue Möglichkeiten

Vor dem Hintergrund, dass an Hochschulen viele verschiedene Perspektiven aufeinandertreffen, müssen in der dritten Dimension unterschiedliche Rollen und Verantwortlichkeiten zusammengebracht werden. Für die Stärkung der Resilienz durch Kreativität bedeutet das, dass Verantwortlichkeiten möglicherweise anders verteilt werden als bisher.

Bereits vor der Krise kann es helfen, zu identifizieren, wer die treibenden Kräfte für die institutionelle Entwicklung und Vorbereitung auf mögliche Krisen sind. Wenn wir an die plötzliche Verbreitung generativer KI denken, können beispielsweise explizit Pionier:innen einbezogen werden, die frühzeitig Einblicke und Impulse liefern. Wenn generative KI dann einmal die Hochschulwelt auf den Kopf gestellt hat, sind Entscheidungen unter großem Zeitdruck zu treffen. Hierbei ist es zentral, alle relevanten Perspektiven einzubeziehen, um spontan kreative Lösungen entwickeln zu können. Das gemeinsame Gefühl der Dringlichkeit ist dabei essentiell, denn es kann helfen, etablierte Hierarchie-Barrieren abzubauen, da sich Menschen wegen ihrer Expertise, und nicht aufgrund ihrer formellen Rolle einbringen können.

Organisch entstehende, informelle Rollen tragen während des akuten Krisenszenarios dazu bei, dass Hochschulen neue, kreative Lösungen entwickeln – auch wenn das bedeutet, das Machbare dem Idealen vorzuziehen. Für das Krisenszenario von generativer KI kann das beispielsweise meinen, dass zunächst mit bereits bestehenden KI-Systemen gearbeitet wird, bevor ein eigenes aufgebaut werden kann. Um nach der Krise die gewonnenen Erkenntnisse verstetigen zu können, müssen auch hier die unterschiedlichen Perspektiven in diesen Prozess einbezogen und die neu entstandenen informellen Rollen berücksichtigt werden. Für Hochschulleitungen gilt es daher, einen inklusiven Reflexions- und Entscheidungsprozess zu initiieren und zu gestalten, der es einerseits erfordert, gezielt Entscheidungen zu treffen und andererseits offen für Neues zu sein, um Innovationen voranzubringen. Denn, wie offen die Entscheidungsträger:innen an einer Hochschule sind, hat einen großen Effekt auf die Resilienz der ganzen Organisation. Können Lehrende, die sich eine große Expertise für den zielgerichteten Einsatz generativer KI in der Lehre angeeignet haben, auch langfristig neue Verantwortlichkeiten erhalten, um die institutionelle Entwicklung zu stärken?

Drei Erkenntnisse für resiliente und kreative Hochschulen

Obwohl unsere Forschung zeigt, wie eng Kreativität und Resilienz verzahnt sind, ist Kreativität ein bislang unterschätzter Hebel für Resilienz – und das gleichermaßen vor, während und nach der Krise. Dabei kann Kreativität für Hochschulen ein konkreter Ansatzpunkt sein, um Krisen besser zu begegnen. Egal, ob Hochschulen von einer Pandemie überrascht werden oder sich plötzlich mit der Bedeutung von generativer KI für Lehr- und Lernprozesse auseinandersetzen müssen – durch das Herunterbrechen in die drei Resilienz-Phasen anhand der genannten Dimensionen lassen sich mithilfe unseres Resilience & Creativity Canvas auch unvorstellbare Ereignisse greifbar machen und strukturiert reflektieren. Anstatt von Krise zu Krise zu springen, können Hochschulen so einen produktiven Umgang mit Krisen und Umbruchphasen finden – und zwar immer zugeschnitten auf ihren spezifischen Hochschulkontext und ihre organisationale Identität.

Referenzen

 

Duchek, S. (2020). Organizational resilience: A capability-based conceptualization. Business Research, 13(1), 215–246. https://doi.org/10.1007/s40685-019-0085-7

Laufer, M., Schäfer, L. O., Kuper, F., & Deacon, B. (2025). Building resilient and creative universities: Exploring the new normal for eight universities across Europe. Discover Education, 4(1), 171. https://doi.org/10.1007/s44217-025-00580-w

Autor:innen

Lena Marie Henkes ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit gesellschaftlichen Auswirkungen von Digitalisierungsprozessen.

Dr. Ann-Kathrin Watolla ist Senior Researcher am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und forscht an der Schnittstelle von Gesellschaft, Technologie und Bildung.

Dr. Len Ole Schäfer ist Postdoc am Forschungsinstitut CATALPA – Center of Advanced Technology for Assisted Learning and Predictive Analytics und erforscht grundlegende Fragen von Organisationen, Technologien und der Gesellschaft mit einem besonderen Fokus auf Hochschulen.

Freia Kuper ist Wissenschaftlerin am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft im Forschungsschwerpunkt Gesellschaftliche Werte, Transformation und Künstliche Intelligenz.

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