Inklusive Kommunikation: Wie das Online-Tool Sprachkompass unterstützt
Inklusive Kommunikation: Wie das Online-Tool Sprachkompass unterstützt
27.02.26
Der Sprachkompass ist ein Online-Tool, das von der Zentralen Anlaufstelle Barrierefrei (ZAB) der Universität Bielefeld entwickelt wurde. Jeder kann es nutzen, um selbst geschriebene Texte auf diskriminierende Sprache zu überprüfen. Erkennt das Tool diskriminierende Sprache, schlägt es Alternativen vor und erklärt auch, warum die entsprechende Formulierung als problematisch eingestuft wird. So verbessert der Sprachkompass nicht nur die Texte, sondern regt auch zur aktiven Auseinandersetzung mit der Wirkung von Sprache an.
Ein Sprachkompass für inklusive und wertschätzende Kommunikation – ist das wirklich notwendig? Ja absolut, sagen wir von der Zentralen Anlaufstelle Barrierefrei (ZAB) der Universität Bielefeld und sind daher selbst in die Entwicklung gegangen.
Sprache ist nicht nur ein Mittel zur Verständigung – sie ist ein Spiegel unserer Haltung. Getreu dem Sprichworte „Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“ (Talmud-Zitat), wird deutlich, welche Kraft Sprache besitzt. Sprache ist kein neutrales Transportmittel von Informationen, sondern Ausdruck unserer Wahrnehmung von Welt und Mitmenschen. Worte sind eng mit Haltung, Handeln und Verantwortung verbunden.
Gerade in Wissenschaft und Universität, wo Sprache und Texte das zentrale Medium des Austauschs sind, können Formulierungen unbewusst zu Diskriminierungen führen. Um Sprache reflektiert und wertschätzend im Kontext von Behinderung, chronischer oder psychischer Erkrankung zu gestalten, haben wir als Zentrale Anlaufstelle Barrierefrei den ZAB Sprachkompass entwickelt – ein Tool, das eine Vielzahl ableistischer Formulierungen erkennt und über bloße Korrektur hinaus zur gemeinsamen Lernlandschaft für inklusive Kommunikation wird.
Sprache wahrnehmen, verstehen, weiterentwickeln
Der Sprachkompass überprüft selbst verfasste Texte auf ableistische Formulierungen – also auf Begriffe, Redewendungen oder Beschreibungen, die Menschen mit Behinderung, chronischer oder psychischer Erkrankung diskriminieren, abwerten oder sie auf ihre körperlichen oder geistigen Fähigkeiten reduzieren. Findet das Tool entsprechende Begriffe, weist es darauf hin und schlägt wertschätzende, inklusive Alternativen vor. So wird nicht nur der Text verändert, sondern bewusst gemacht, wie Sprache wirkt und wie sie Beziehungen und Sichtweisen beeinflusst. Die Verwendung des Sprachkompasses kann dabei helfen, sich mit Sprache auseinanderzusetzen und ein Bewusstsein für den Wandel von historisch geprägten Begrifflichkeiten schaffen, die heute als diskriminierend eingestuft werden.

Warum nicht einfach eine Liste diskriminierender Wörter?
Die Idee zum Sprachkompass entstand aus einer bewussten Abgrenzung gegenüber klassischen Listen oder Glossaren, in denen ableistische Begriffe gesammelt und damit zwangsläufig erneut reproduziert werden. Denn auch gut gemeinte Aufzählungen diskriminierender Sprache können dazu beitragen, derartige Begriffe weiter sichtbar und verwendbar zu machen, oft losgelöst von Kontext und Reflexion. Unsere Motivation, einen Sprachkompass zu entwickeln, besteht daher genau im Gegenteiligen.
Wir möchten Ableismus nicht „nachlesbar“, sondern im konkreten Schreibprozess wirksam sichtbar machen. Durch die händische Entwicklung und Pflege vom Sprachkompass rückt er nicht die problematische Sprache selbst in den Vordergrund, sondern eröffnet einen Raum, in dem Alternativen, Sensibilität und Lernprozesse im Fokus stehen. Ziel ist es, Aufmerksamkeit für Sprache zu schaffen, ohne sie zu fixieren und so eine reflektierte, respektvolle und sich weiterentwickelnde Sprachpraxis zu fördern.
Ein Tool mal ohne KI
Ein wichtiges Merkmal des ZAB Sprachkompasses gilt es zu betonen: Dieser verspricht keine Sensibilisierung der Sprache durch künstliche Intelligenz, sondern wird sorgfältig durch die Expertise der ZAB-Mitarbeitenden gepflegt. Der Sprachkompass ist kein starres Nachschlagewerk, sondern ein händisch entwickeltes und gepflegtes Tool, das von Menschen mit Expertise im Bereich Barrierefreiheit kontinuierlich weiterentwickelt wird.
Zusätzlich fließen durch das inklusive Team der ZAB Mitarbeitenden und der persönlichen Betroffenheit auch eigene Diskriminierungs-Erfahrungen mit ein. Durch eine anonyme Umfrage innerhalb des Arbeitsbereiches der ZAB wurden ableistische Formulierungen zusammengetragen. Diese sind samt wertschätzender Alternativen sowie einem Regelwerk in dem Tool hinterlegt worden. Entsprechend kann das Tool auf mögliche ableistische, diskriminierende Formulierungen hinweisen, ohne dass diese wie beispielsweise in einem Glossar selbst reproduziert wurden.
Um keine ableistische Sprache zu verbreiten, zeigt der ZAB-Sprachkompass immer nur Feedback zum eingegebenen Text an. Dazu wird der Text auf dem Server der ZAB analysiert, von wo aus anschließend das passende Feedback zurückgesendet wird. Der Text wird dabei verschlüsselt an den Server übertragen und dort einmalig analysiert. Es werden keinerlei Daten über den Text selbst oder sonstige Metadaten auf dem Server gespeichert.
Ein wohlüberlegtes System
Die Übertragung an den Server ist nötig, um sicherzustellen, dass die gesammelten Beispiele von ableistischer Sprache nie alle als Liste einsichtig sind. Für die Verwaltung der Regeln steht unseren Expert:innen eine separate Webseite zur Verfügung. Dort können alle Regeln verwaltet werden. Alle Änderungen werden sofort im Sprachkompass verwendet. So können die Expert:innen den Sprachkompass mit geringem Aufwand aktuell halten, ohne das aufwändige Updates der Software nötig sind.
Das Regelmanagement und der Sprachkompass sind voneinander vollständig entkoppelt und die eigentliche Analyse des Textes passiert im Regelmanagement, welches durch weitere Sicherheitsmaßnahmen geschützt ist. So wird sichergestellt, dass etwaige Sicherheitslücken im Sprachkompass nicht zu einem Abfließen der Regeln und somit zu einer Reproduktion der ableistischen Sprache führen kann.
Sofern bei der Analyse des eingegebenen Textes ableistische Formulierungen erkannt werden, erhalten die Nutzenden nicht nur wertschätzende Alternativformulierungen, sondern auch Erklärungen zu dem Begriff. Es ist immer eine Begründung hinterlegt, warum die verwendete Sprache als diskriminierend markiert wurde.
In einem reflektierten Ansatz greift der ZAB Sprachkompass aktiv in Schreibprozesse ein, regt zur Auseinandersetzung mit Sprache an und fördert eine Kultur, in der Worte als Teil gelebter Inklusion verstanden werden.
Lernend, offen und gemeinschaftlich
Sprache verändert sich – gesellschaftlich wie individuell. Auch die Auseinandersetzung mit Ableismus ist kein abgeschlossenes Thema, sondern ein fortlaufender Prozess. Deshalb beinhaltet der Sprachkompass eine Funktion, über die Nutzende anonyme weitere Vorschläge für Begriffe oder Formulierungen einreichen können, die ihnen als ableistisch begegnen und die im Tool ergänzt werden sollten.
Diese Einsendungen werden ausschließlich von den Entwickler:innen gesichtet, geprüft und gegebenenfalls in das Tool integriert. So bleibt der Sprachkompass offen für neue Perspektiven und trägt zur kollektiven Weiterarbeit an reflektierter Sprache bei.
Sprache als Praxis der Inklusion
Das Ziel des Sprachkompasses ist nicht, den moralischen Zeigefinger zu heben, sondern Bewusstsein zu schaffen, Reflexion anzuregen und eine inklusive Sprachpraxis zu fördern. Worte können Türen öffnen – oder ungewollt diskriminieren und ausgrenzen. Indem wir uns dieser Wirkung bewusstwerden, gestalten wir nicht nur Texte, sondern auch den kommunikativen Raum der Universität mit mehr Respekt, Offenheit und Teilhabe.
Autor:innen

Kim Althoff hat in Bielefeld das Bachelor- und Masterstudium im Fach Erziehungswissenschaft absolviert. Seit 2023 arbeitet sie in dem Forschungsprojekt „SHUFFLE – Hochschulinitiative digitale Barrierefreiheit für Alle“ an der Universität Bielefeld mit dem Schwerpunkt die digitale Barrierefreiheit in der Hochschullehre zu verbessern und eine chancengerechte digitale Teilhabe für alle Studierenden zu gewährleisten.

Jan Reppien hat an der Universität Bielefeld Informatik und Philosophie studiert. Seit 2022 hat er bei der ZAB – Zentrale Anlaufstelle Barrierefrei als Wissenschaftliche Hilfskraft an der App UniMaps für die barrierefreie Navigation auf dem Campus mitentwickelt. Seit 2023 arbeitet er als Festangestellter im Projekt Kompetenzzentrum barrierefreie digitale Hochschulverwaltung.NRW und entwickelt an und berät dort zu barrierefreie Software.

Anika Voigt hat in Bielefeld das Masterstudium im Fach Erziehungswissenschaft absolviert. Seit 2021 arbeitet sie als Beraterin für Studierende mit Behinderung, chronischen oder psychischen Erkrankungen in der ZAB – Zentrale Anlaufstelle Barrierefrei. Sie koordiniert zudem das Peer-Mentoring Programm und verschiedene Vernetzungsgruppen für Studierende mit Behinderung, chronischen oder psychischen Erkrankungen.
Mauritz Danielsson 
Peter van der Hijden 
Annalisa Biehl 