Gute Lehre: Freundlichkeit schlägt Methodenvielfalt? Wenn didaktische Ideale auf studentischen Pragmatismus treffen
Gute Lehre: Freundlichkeit schlägt Methodenvielfalt? Wenn didaktische Ideale auf studentischen Pragmatismus treffen
18.03.26
Was ist Studierenden in der Lehre am wichtigsten? Eine Umfrage unter BWL-Studierenden der Hochschule Bochum liefert überraschende Antworten: Den befragten Studierenden sind klar strukturierte, gut vorbereitete und prüfungsorientierte Lehrveranstaltungen wichtiger als fachliche Kompetenz oder kreative Unterrichtsmethoden. Was die Umfrage noch herausgefunden hat und welche Rolle dabei Freundlichkeit spielt, berichtet Jonas Schug im neuen Blogbeitrag.
Was wollen Studierende?
Was erwarten Studierende von guter Lehre – und inwiefern passt das zu dem, was wir als Lehrende anbieten (wollen oder sollen)? Genau dieser Frage sind wir in einer Befragung unter 539 Bachelorstudierenden der Betriebswirtschaftslehre nachgegangen.
Ein Ergebnis sticht besonders hervor: Gefragt nach den Bewertungskriterien für Lehrpersonen wurde Freundlichkeit von den Studierenden deutlich häufiger genannt als fachliche Kompetenz oder didaktische Gestaltung. Aspekte wie methodische Vielfalt oder Qualität der Lernmaterialien landeten abgeschlagen auf den hinteren Rängen.
Das irritierend zunächst – vor allem, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Maßstäbe in der hochschuldidaktischen Diskussion gelten. Interaktive (digitale) Lehrformate, Eigenverantwortung, forschendes Lernen: All das gilt heute als Standard guter Hochschullehre. Und es ist gut begründet.
Doch unsere Daten legen aber nahe: Was in der Didaktik als Ideal gilt, ist nicht zwangsläufig das, was Studierende als hilfreich oder relevant erleben. Zumindest im hier untersuchten Kontext gibt es deutliche Differenzen – in den Erwartungen an Lehrpersonen, an Materialien, an Lernformate, an die Rolle der Lehre insgesamt.
Dieser Beitrag nimmt sich – anhand einiger ausgewählte Fragen aus dieser Befragung – dieses Themas an und nimmt die Rückmeldungen der Studierenden ernst. Wir wollen zeigen, welche Vorstellungen unter Studierenden verbreitet sind – und was das für die Gestaltung von Lehre bedeutet.
Die Analyse bezieht sich auf Fachhochschulstudierende der Betriebswirtschaftslehre und ist nicht ohne Weiteres übertragbar. Und doch: Es ist anzunehmen, dass die Spannung zwischen didaktischem Anspruch und studentischer Erwartung nicht nur die BWL betrifft – sie zieht sich durch viele Studiengänge. Wer Lehre gestalten will, muss beides im Blick haben: die pädagogischen Ziele und die Perspektiven derer, die mitlernen sollen.
Was wurde untersucht?
Ziel unserer Befragung war es, zentrale Erwartungen an Lehre und Lehrpersonen zu erfassen – unabhängig von konkreten Veranstaltungen. Abgefragt wurden unter anderem Präferenzen zu Lehrformaten, Materialien und Rollenbildern von Lehrenden. Im Fokus standen dabei nicht absolute Bewertungen, sondern relative Gewichtungen: Was ist aus Sicht der Studierenden besonders wichtig – und was weniger?
Die Auswertung erfolgte deskriptiv. Sie bildet subjektive Einschätzungen ab, keine objektiven Wirksamkeitsnachweise. Es geht also nicht um die Frage, was wirkt, sondern was als wirksam wahrgenommen wird – ein entscheidender Unterschied, wenn es um die Gestaltung anschlussfähiger Lehre geht.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Aktivierende und interaktive Lehrformate gelten heute als zentrales Qualitätsmerkmal universitärer und hochschulischer Lehre. Sie sind fest verankert in hochschuldidaktischen Leitbildern, Weiterbildungsprogrammen und Empfehlungen zur Lehrentwicklung. Modelle wie Constructive Alignment, der Shift from Teaching to Learning oder das Konzept der Studierendenzentrierung betonen die Bedeutung von Eigenverantwortung, Selbststeuerung und partizipativer Lernkultur.
Damit geht ein verändertes Rollenverständnis für Lehrpersonen einher: Weg von der reinen Vermittlung, hin zur Begleitung und Gestaltung von Lernprozessen. Gute Lehre wird nicht nur daran gemessen, was erklärt wurde – sondern daran, was Lernende selbstständig erarbeiten, anwenden und reflektieren können.
Dieser Anspruchsrahmen bildet die hochschuldidaktische Norm. Doch wie steht es um die Erwartungen der Studierenden? Inwiefern decken sich diese mit den Leitlinien aktivierender Lehre – und wo ergeben sich möglicherweise Spannungen?
Was sagen die Daten?
Die Auswertung der Befragung zeigt ein deutliches Bild: BWL-Studierende bevorzugen vor allem solche Lehrformate, die klar strukturiert, gut vorbereitet und prüfungsorientiert sind. Klassische Vorlesungen schneiden dabei durchweg positiv ab, ebenso begleitende Materialien wie gut aufbereitete Foliensätze. Aktivierende Formate – etwa Gruppenarbeiten, Diskussionen oder offene Projektformate – werden zwar nicht grundsätzlich abgelehnt, aber deutlich seltener als hilfreich bewertet.

Während Interaktion mit anderen Studierenden von vielen skeptisch gesehen wird, erhalten klassische Frontalformate Zustimmung – solange sie professionell durchgeführt sind. Die Forderung nach Verständlichkeit, klarer Struktur und „rotem Faden“ zieht sich durch alle Rückmeldungen.

Besonders deutlich wird diese Erwartungshaltung beim Blick auf das präferierte Lernmaterial. Hoch im Kurs stehen Präsentationen mit erläuterndem Kommentar, Zusammenfassungen, strukturierte Handreichungen – also Materialien, die zeitökonomisch nutzbar sind und eine klare Lernrichtung vorgeben. Weniger gefragt sind komplexe Fachtexte, explorative Aufgaben oder interaktive Selbstlernangebote, die ein hohes Maß an Eigensteuerung verlangen.

Daneben zeigt sich ein Trend zum individuellen, grundlagenorientierten und kleinteiligen Lernen. Diese Präferenzen weisen auf ein Lernverständnis hin, das stark pragmatisch und zielorientiert geprägt ist. Lernen wird hier offenbar nicht primär als offener Erkenntnisprozess verstanden, sondern als strukturierter Weg zum Prüfungserfolg – idealerweise effizient, planbar und gut geführt.
Erwartungen an Lehrpersonen: Klarheit, Unterstützung, Verlässlichkeit
Auch bei der Frage nach den Erwartungen an Lehrpersonen zeigt sich ein konsistentes Muster. BWL-Studierende wünschen sich in erster Linie eine klar kommunizierende, gut erreichbare und verlässlich organisierende Lehrperson. Inhaltliche Expertise wird durchaus vorausgesetzt, rangiert in den Rückmeldungen jedoch nicht an erster Stelle.

Besonders häufig genannt wurden Aspekte wie transparente Kommunikation, strukturierte Vorlesungsplanung, eindeutige Prüfungsanforderungen und eine generelle Zugänglichkeit – etwa in der Form von ansprechbaren Sprechstunden oder zeitnahen Rückmeldungen. Lehrpersonen sollen den Lernprozess begleiten, entlasten und Orientierung geben – weniger als Impulsgeber:in für offenen Austausch, sondern eher als strukturierende Instanz.
Damit wird ein Rollenbild deutlich, das Lehrende auch in einer gewissen Service-Logik adressiert. Gute Lehre bedeutet aus Sicht vieler Studierender nicht in erster Linie didaktische Innovation oder maximale Interaktion, sondern Zuverlässigkeit, Klarheit und Unterstützung. Die Lehre wird dabei nicht nur als Ort der Wissensvermittlung, sondern auch als Rahmen für Studienorganisation verstanden – gerade in einem stark modularisierten und prüfungsorientierten Studium wie der BWL.
Was heißt das für die Lehre?
Die Befragung bringt eine grundlegende Spannung auf den Punkt: Was viele Lehrende mit Blick auf gute Lehre entwickeln wollen – aktivierende, partizipative, kompetenzorientierte Formate – entspricht nicht dem, was viele BWL-Studierende konkret erwarten. Sie wünschen sich vor allem Struktur, Klarheit, verlässliche Materialien und Unterstützung bei der Prüfungsvorbereitung.
Das ist keine bloße Vorliebe, sondern Teil einer rationalen Erwartungslogik: Ein modularisiertes Studium unter Zeitdruck, mit starker Output-Orientierung, bringt andere Anforderungen mit sich als das idealisierte Bild des forschenden Lernens. Wer unter diesen Bedingungen studiert, sucht Effizienz – nicht offene Prozesse.
Die zentrale Herausforderung lautet deshalb nicht: Wie aktivieren wir Studierende stärker? Sondern: Wie gestalten wir Lehre so, dass sie aktivierend ist – ohne gegen die Erwartungen der Studierenden zu arbeiten?
Denn genau hier liegt das Risiko: Wenn didaktisch gut gemeinte Formate permanent an studentischen Bedürfnissen vorbeigehen, entstehen Frust, Demotivation und stille Verweigerung. Nicht, weil Studierende „konsumieren wollen“, sondern weil sie in einem Studium agieren, das auf Zielorientierung und Planbarkeit setzt – und sie sich entsprechend verhalten.
Die Implikation für die Lehre ist deutlich: Aktivierende Formate müssen anschlussfähig sein. Sie brauchen erkennbare Relevanz, eine klare Einbettung, einen sichtbaren Nutzen. Und: Sie brauchen Lehrpersonen, die nicht nur methodisch innovativ sind, sondern die Erwartungen ihrer Studierenden kennen – und ernst nehmen.
Das heißt nicht, dass wir uns von hochschuldidaktischen Zielen verabschieden. Aber es heißt: Wir müssen sie stärker aushandeln. Mit den Studierenden – nicht über sie hinweg.
Autor

Jonas Schug forscht und lehrt am interdisziplinären DigiTeach-Institut für digitale Transformation und E-Learning an der Hochschule Bochum. Er beschäftigt sich mit der didaktischen Gestaltung digitaler Lehr-Lern-Formate sowie dem Einsatz von KI-Systemen in Studium und Lehre. Seine Arbeit verbindet hochschuldidaktische Fragen mit empirischer Forschung zu Lernprozessen, Erwartungen von Studierenden und der Rolle von Lehrenden im digitalen Wandel.
Mauritz Danielsson 
Peter van der Hijden 
Annalisa Biehl 