Willkommen zur Paartherapie für Hochschulen!

Willkommen zur Paartherapie für Hochschulen!

01.04.26

Dekoratives Bild mit dem Text: Willkommen zur Paartherapie für Hochschulen! Ein Blogbeitrag von Lea Röhrig, Leon Adel, Sarah Becker, Sebastian Schiele und Nicole Vögele. DCM-Blogreihe, Teil 1.

Fünf DigitalChangeMaker aus der neuen Kohorte kommen im Thementrack Shaping Learning zusammen, um gemeinsam zu erarbeiten, wie eine zukunftsfähige Vision von Lehren und Lernen an Hochschulen aussehen kann. Die Ergebnisse stellen sie in dieser Blogreihe vor. Ihr Vorschlag: Studierende und Hochschulen müssen wieder mehr miteinander ins Gespräch kommen, um ihre unterschiedlichen Perspektiven besser zu verstehen – fast wie bei einer Paartherapie!

Lehrende und Studierende verbringen in Vorlesungen, Seminaren, Prüfungen und E-Mail-Threads viel Zeit miteinander. Dennoch unterscheiden sich die jeweiligen Lebensrealitäten oft grundlegend. Erwartungen treffen auf Frustrationen, gute Absichten auf strukturelle Grenzen. 

Mit unserer Blogreihe „Paartherapie für Hochschulen“ möchten wir als DigitalChangeMaker untersuchen, wo diese unterschiedlichen Perspektiven im Hochschulalltag aufeinandertreffen. Ziel ist es, sie sichtbar zu machen und ein besseres gegenseitiges Verständnis zwischen Lehrenden und Studierenden zu fördern. Gemeinsam wollen wir erkunden, wie diese Dynamiken Lehre und Studium prägen und wie ein konstruktiver Umgang damit gelingen kann.   

Dabei wollen wir diese Themen bewusst aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, ganz im Sinne unserer „Paartherapie für Hochschulen“. Deswegen sind wir offen für weitere Themen und Perspektiven. Denn echte Einblicke entstehen nur dort, wo Erfahrungen geteilt werden, und genau deshalb sind wir auch auf eure Perspektiven angewiesen. Am Ende des Beitrags findet ihr einen Call, in dem wir euch einladen, eure Erfahrungen mit uns zu teilen!

Hinter unserem Thementrack Shaping Learning stehen fünf Studierende aus unterschiedlichen Fachbereichen. Was uns verbindet, ist ein gemeinsames Ziel: Sinnvolle Veränderungen im Bereich Hochschule und Lehre im Zeitalter der Digitalisierung anzuregen und aktiv mitzugestalten.

Wie kamen wir zu dem Projekt?

Während der DCM-Spring School Ende Februar in Berlin saßen wir als Gruppe zusammen und haben über ein Phänomen gesprochen, das aktuell stark medial vertreten ist: Immer weniger Studierende besuchen ihre Veranstaltungen. Lehrende reagieren frustriert. Es wird über Anwesenheitspflichten diskutiert. Und irgendwo zwischen Aussagen wie „Die Studierenden sind einfach nicht mehr motiviert“ und „Die Lehre ist halt schlecht“ verhärten sich dabei die Fronten. 

Uns stellte sich daraufhin die Frage: „Was ist eigentlich das Kernproblem, um das in dieser Diskussion alle herumreden?“

Vielleicht ist es eben nicht Faulheit.
Vielleicht ist es auch nicht mangelnde Wertschätzung.
Sondern es geht eigentlich um fehlendes Verständnis. 

Viele Studierende arbeiten neben dem Studium. Nicht ein bisschen, sondern so viel, dass Stundenpläne zu logistischen Puzzles werden. BAföG-Druck, hohe Mieten, steigende Lebenshaltungskosten, Effizienzerwartungen – das ist die Realität der meisten Studierenden in Deutschland (Kroher et al. 2023; Tagesschau 18.9.2025). Gleichzeitig stehen Lehrende unter ganz eigenen strukturellen Zwängen: Finanzierungskürzungen an Hochschulen, hohe Lehrdeputate, befristete Verträge, Leistungsdruck (Bahr, Eichhorn & Kubon, 2022).

Beide Seiten erleben Stress und Frustration.
Beide Seiten fühlen sich teilweise nicht gesehen.
Und beide Seiten neigen dazu, das Verhalten der anderen moralisch zu deuten. 

In unserer Diskussion während der Spring School sagte dann jemand von uns: „Eigentlich bräuchten Hochschulen eine Paartherapie.“ 

Wir haben gelacht.
Und dann gemerkt: Das trifft es ziemlich gut. 

„Paartherapie“? Was wir damit meinen

Nicht, dass die Menschen an Hochschulen „krank“ wären.
Und auch nicht, dass es darum geht, Schuldige zu finden. 

Sondern: Dass hier zwei Gruppen dauerhaft miteinander arbeiten, voneinander abhängig sind und sich im Hochschulalltag trotzdem oft nicht wirklich verstehen.  

Damit wird eine zentrale Voraussetzung für zukunftsfähige Lehre leicht übersehen: die Beziehungsebene zwischen Lehrenden und Studierenden. Eine Hochschule, die Lernen zukunftsfähig gestalten möchte, darf diese Ebene nicht ignorieren. Denn ohne belastbare Beziehungen versanden selbst die besten Lehrinnovationen schnell. Insbesondere dann, wenn individuelle sowie strukturelle Herausforderungen, mit denen sich die verschieden Statusgruppen konfrontiert sehen, nicht berücksichtigt werden.

Wenn wir von „Paartherapie für Hochschulen“ sprechen, geht es deshalb nicht um Pathologisierung, sondern um Perspektivarbeit. In Paartherapien geht es unter anderem darum, Einblicke in die Perspektive des Gegenübers zu gewinnen, einander zuzuhören und die Dynamik zwischen zwei Parteien besser zu verstehen. Nicht darum festzustellen, wer recht hat, sondern darum, wiederkehrende Muster sichtbar zu machen, implizite Erwartungen zu benennen und gegenseitige Wahrnehmungen zu reflektieren.

Übertragen auf die Hochschule bedeutet das: Konflikte nicht vorschnell als individuelles Versagen zu lesen, Zuschreibungen zu hinterfragen und strukturelle Rahmenbedingungen sichtbar zu machen. Viele hochschulische Brandherde verstehen wir deshalb weniger als Schuldfrage, sondern als Beziehungskrise aufgrund mangelnder Transparenz. 

Genau hier setzt unser Ansatz an. Wir möchten Räume für Beziehungsarbeit schaffen, in denen unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar werden und gegenseitiges Verständnis entstehen kann. Dazu wollen wir Lehrende und Studierende in einen strukturierten Austausch bringen, Perspektiven bewusst nebeneinanderstellen, gegenseitige Wahrnehmungen spiegeln und gemeinsam reflektieren, welche strukturellen Dynamiken hinter aktuellen Spannungsfeldern stehen. 

Dabei ist das Ziel nicht vollkommene Harmonie, sondern vor allem gegenseitiges Verständnis. Denn erst wenn die Realität des Gegenübers sichtbar wird, können Lösungen entstehen, die über Moralisierung hinausgehen und Beziehungen nachhaltig stärken.

Hier geht’s zum Call!

Über unseren Call for Experiences können Sie Erfahrungen aus dem Hochschulalltag mit uns teilen – anonym oder direkt per E-Mail, wenn Sie mit uns ins Gespräch kommen möchten. 

Quellen

  • Bahr, A.; Eichhorn, K.; Kubon, S. (2022) #IchBinHanna, Suhrkamp Verlag, Berlin, ISBN: 9783518772966.  
  • Kroher, M.; Beuße, M.; Isleib, S.; Becker, K.; Ehrhardt, M.-C.; Gerdes, F.; Koopmann, J.; Schommer, T.; Schwabe, U.; Steinkühler, J.; Völk, D.; Peter, F. & Buchholz, S. (2023). Die Studierendenbefragung in Deutschland. 22. Sozialerhebung. Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2021. Bonn; Berlin.  
  • Tagesschau. (2025, 18. September). Studenten-Mieten erstmals über 500 Eurohttps://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/studenten-mieten-500-euro-100.html. 

Autor:innen

Sarah Becker

Ich studiere im Master Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum mit einem persönlichen Fokus auf Technikphilosophie und Technikethik, insbesondere mit Schwerpunkt auf Bildungstechnologien und Künstliche Intelligenz. Ich arbeite am liebsten an der Schnittstelle von Hochschulbildung, Technikethik und partizipativer Gestaltung, denn mich interessiert, wie Technologien die Beziehungen zwischen den Statusgruppen an Hochschulen verändern und welche ethischen Haltungen, Vertrauensformen und Beteiligungspraktiken daraus entstehen. Mein Ziel ist es, Studierende nicht nur als Betroffene, sondern als Mitgestaltende dieser Entwicklungen sichtbar zu machen.

Nicole Vögele

Ich studiere aktuell Medieninformatik und möchte den Master im Schwerpunkt UX/UI und Data Analysis abschließen. Mein Gehirn wird von Kreativität, Musik, Bewegtbild und einer Prise Chaos angetrieben.

Lea Röhrig

Mein Name ist Lea, ich bin Studentin der Betriebswirtschaftslehre an der TH Köln und ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin. Die zunehmend prekären Arbeitsbedingungen im Gesundheitssystem haben mich zu einer beruflichen Neuorientierung bewogen. Ich interessiere mich für strukturelle Zusammenhänge und dafür, wie nachhaltige Veränderungen entstehen können. Mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn dient mir dabei als wichtiger persönlicher Kompass.

Sebastian Schiele

Ich studiere KI in der Gesellschaft im Masterstudium an der TU München. Während des Bachelorstudiums im Ingenieurswesen habe ich als Fußballtrainer und Tutor gearbeitet, wo ich meine Leidenschaft für das Entwickeln von motivierenden und produktiven Lehrumgebungen entwickelt habe. Anschließend habe ich in einem Praktikum als Lehrer an unterschiedlichen Schulformen unterrichtet. Aktuell arbeite ich mit einem Lehrstuhl der TU München zusammen daran, die Lehre zu verbessern.

Leon Adel

Ich bin Leon, Data-Science-Student mit Leidenschaft fürs Lernen und Gestalten. Wenn ich nicht gerade im Gym bin oder Gitarre spiele, vertiefe ich mich gern in Bücher über Persönlichkeitsentwicklung und Wirtschaft. Ich träume davon, die Welt ein kleines Stück gerechter zu machen – durch Forschung, soziales Engagement oder einfach gute Ideen.

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