Digitale Souveränität wird konkret: Ein Besuch in Bochum
Digitale Souveränität wird konkret: Ein Besuch in Bochum
05.06.26
In diesem Blogbeitrag berichten Uwe Reckzeh-Stein und Christoph Koitka-Fieke weiter von ihrem Besuch an der Ruhr-Universität Bochum, wo sie sich über Digitale Souveränität ausgetauscht haben. Bei Digitaler Souveränität geht es darum, gemeinsam kontrollierte Alternativen zu schaffen, deshalb haben sie sich auch über konkrete Projekte wie das geplante KI-Expertisezentrum.NRW oder die geplante gemeinsame Inferenzinfrastruktur in Aachen und Köln informiert. Warum rein technische Ansätze jedoch zu kurz greifen, erklären sie in diesem Beitrag.
In unserem ersten Beitrag haben wir sieben Gedanken formuliert, wie Hochschulen jetzt digital souveräner werden können. Diese Ansätze stammen aus unseren anhaltenden Diskussionen und Arbeitsergebnissen im HFD, jüngst aber insbesondere aus unserem Arbeitsbesuch in Bochum. In diesem zweiten Beitrag wollen wir deshalb einen Schritt zurückgehen – oder besser: näher heranzoomen. Warum war dieser Besuch für uns mehr als ein Austauschtermin?
In Bochum wurde für uns sichtbar, wie Digitale Souveränität vom Begriff zur Praxis wird.
Wer Digitale Souveränität sagt, muss auch Kooperation und Vernetzung sagen. Das ist uns nicht neu. Aber unser jüngster Besuch hat es noch einmal deutlich unterstrichen. Gemeinsam mit Christian Friedrich und Niklas Sax (Gesellschaft für Informatik), Martin Bovermann (KI:edu.NRW / RUB) und Dr. Peter Salden (Zentrum für Wissenschaftsdidaktik / RUB), Dr. Martin Jungwirth (Digitalen Hochschule NRW) sowie Prof. Dr. Malte Persike (RWTH Aachen) haben wir darüber gesprochen, wie Hochschulen Digitale Souveränität nicht nur beschreiben, sondern praktisch voranbringen können – und es vielerorts bereits tun. Für das HFD nahmen Christoph Koitka-Fieke und Uwe Reckzeh-Stein teil.
Am Nachmittag kam mit dem Besuch beim Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) eine weitere Perspektive hinzu. Dr. Lea Beiermann gab uns dort Einblicke in die Arbeit eines Dienstleisters, der für öffentliche Einrichtungen Open Source und digitale Handlungsfähigkeit in konkrete Services übersetzt. Das ZenDiS beschreibt seine Aufgabe selbst als Stärkung der öffentlichen Verwaltung mit Open Source, um Digitale Souveränität und Unabhängigkeit von Big Tech zu sichern.
Für uns war das eine wichtige Ergänzung: Hochschulen sind nicht die einzigen öffentlichen Einrichtungen, die sich aus einseitigen Abhängigkeiten lösen wollen. Sie können aber viel von anderen Bereichen des öffentlichen Sektors lernen und die Hand ist ausgestreckt.
Bochum als Ort vieler Verbindungen
Für unsere Befassung mit dem Themenkomplex erwies sich Bochum als erstaunlich facettenreicher Ort. Strategisch steht die DH.NRW für eine Governance-Perspektive, in der Hochschulen und Land gemeinsame Digitalisierungsvorhaben in Studium und Lehre, Forschung, Administration und Infrastruktur entwickeln. Praktisch werden diese Fragen an der RUB, in Kooperation mit der RWTH Aachen und weiteren NRW-Hochschulen, in konkreten KI-Projekten bearbeitet: von Kompetenzaufbau über Softwarezugänge bis hin zu einer eigenen Inferenzinfrastruktur.
Martin Jungwirth beschrieb die Digitale Hochschule NRW als Zusammenschluss von 41 Hochschulen in NRW und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft. Es gehe, so seine Einordnung, um „Grundsatzfragen der Digitalisierung: in Studium und Lehre, in Forschung, im Bereich Infrastruktur und auch in der Verwaltung“. Viele der großen Themen, die Hochschulen stemmen müssten, wurden gemeinsam bearbeitet.
Denn Digitale Souveränität bleibt abstrakt, solange sie nur als Zielbild formuliert wird. Sie wird greifbar, wenn geklärt wird, wer gemeinsam Verantwortung übernimmt, wer Infrastruktur betreibt, wer Kompetenzen aufbaut und wer die Finanzierung langfristig absichert.
Das KI-Expertisezentrum.NRW: nicht ein Tool, sondern eine Kette
Besonders anschaulich wurde dies beim Blick auf das geplante KI-Expertisezentrum.NRW. Peter Salden und Martin Bovermann beschrieben, wie die bisherigen NRW-Projekte KI.NRW und Open Source-KI.nrw in einer größeren Struktur zusammengeführt werden sollen. Ziel ist nicht, ein weiteres Einzeltool anzubieten. Vielmehr sollen mehrere Ebenen digitaler Souveränität zusammengedacht werden: Kompetenz, Recht, Vernetzung, Software, Modellzugriff und technische Infrastruktur.
Peter Salden erklärte dafür ein einfaches Bild: Wenn Hochschulen kommerzielle KI-Angebote nutzen, liegen oft alle Glieder der Kette außerhalb des eigenen Einflusses – Schulung, Interface, Modell, Hosting und Datenflüsse. Im schlechtesten Fall werden Nutzer:innen von einem großen kommerziellen Anbieter geschult, nutzen dessen Tool, greifen auf dessen Modell zu und verarbeiten ihre Daten in dessen Infrastruktur.
Das KI-Expertisezentrum.NRW soll an möglichst vielen Stellen dieser Kette eigene bzw. gemeinsam kontrollierte Alternativen schaffen. Salden formulierte den Anspruch so: „Wir wollen nicht das neue OpenAI werden.“ Es gehe nicht darum, kommerzielle Anbieter vollständig aus den Hochschulen zu verdrängen. Aber: „Wir brauchen den Raum, der frei ist, weil er von uns kontrolliert wird.“
Digitale Souveränität bedeutet also nicht vollständige technische Autarkie. Sie bedeutet, kontrollierte Räume zu schaffen: für sensible Daten, für strategische Anwendungen, für Forschung, Lehre und Verwaltung, in denen Hochschulen selbst gestalten und verantworten können.
Eigene Infrastruktur als Anfang, nicht als Allheilmittel
Ein konkreter Baustein dafür ist die geplante gemeinsame Inferenzinfrastruktur in Aachen und Köln. Sie soll es ermöglichen, KI-Modelle in eigener oder zumindest kontrollierter Infrastruktur zu betreiben. Martin Jungwirth machte dabei deutlich, dass dies kein fertiger Endzustand ist, sondern ein Anfang: Für 2027/2028 sollen in Aachen und Köln Mittel in eine gemeinsame NRW-Inferenzinfrastruktur fließen. Damit werde es möglich, „die gesamte Kette sich ein Stück weit auch selbst kontrollieren“ zu können und nicht allein von kommerziellen Dienstleistern abhängig zu sein.
Gerade dieses „ein Stück weit“ ist wichtig. Es macht die Debatte ehrlicher. Niemand am Tisch behauptete, Hochschulen könnten kurzfristig oder vollständig unabhängig von (großen) Technologieanbietern werden. Martin Bovermann brachte es nüchtern auf den Punkt: „Wir haben alle hier so ein Windows- oder Apple-Gerät auf dem Tisch.“ Hundertprozentige Unabhängigkeit gebe es auch langfristig vermutlich nicht. Aber dort, wo Hochschulen Einfluss nehmen können, sollten sie es tun!
Für Bovermann hat das nicht nur mit Datenschutz zu tun. Es geht auch um Wissen und Gestaltungsfähigkeit: „Wir wollen selber Know-how haben. Wir wollen uns nicht auf die Dienste verlassen, die andere uns anbieten, ohne zu wissen, was da passiert.“ Hochschulen seien Wissens- und Forschungsinstitutionen. Gerade deshalb wäre es absurd, zentrale digitale Gestaltungsfragen vollständig aus der Hand zu geben.
Souveränität ist mehr als Technik
Gleichzeitig wurde im Gespräch immer wieder deutlich: Wer nur über Infrastruktur spricht, greift zu kurz. Digitale Souveränität ist ein soziotechnisches Thema. Sie betrifft neben Servern, Modellen und Schnittstellen insbesondere echte Menschen mit Routinen, Kompetenzen. Sie betrifft Gremien und Kommunikationskulturen.
Peter Salden warnte deshalb davor, Digitale Souveränität rein technisch zu betrachten. Man könne manche Dinge technisch nicht lösen. Oder man könne sie technisch lösen, erreiche aber trotzdem nicht das Ziel, wenn Menschen die Lösung nicht verstehen oder nicht nutzen. Entscheidend sei, das „integrierte soziotechnische System“ zu gestalten.
Das klingt abstrakt, wurde im Gespräch aber sehr konkret: Ein wiederkehrendes Thema war die Usability. Viele Nutzer:innen entscheiden im Alltag nicht danach, welche Lösung strategisch souveräner ist. Sie entscheiden danach, was funktioniert, was stabil läuft, was gut integriert ist und was ihnen ihre Arbeit erleichtert. Genau deshalb reicht es nicht, auf Open Source, eigene Infrastruktur oder Datenschutz zu verweisen. Souveräne Alternativen müssen alltagstauglich werden. (Siehe dazu als historischer Rückblick unsere mmb-Studie von 2023!)
Malte Persike beschrieb das am Beispiel bestehender Hochschulsysteme. Bei Lernplattformen wie Moodle oder ILIAS seien Hochschulen in vielen Fällen bereits vergleichsweise souverän unterwegs. Aber das umgebende Ökosystem dürfe man nicht ausblenden: Identity Management, Datenbanken, Betriebssysteme und andere technische Grundlagen basierten häufig weiterhin auf kommerziellen, oft außereuropäischen Angeboten. Seine Schlussfolgerung: Man müsse immer beide Perspektiven im Blick behalten – die konkrete Plattform und das Ökosystem, in dem sie läuft.
Verwaltung als überraschend klarer Hebel
Ein besonders interessanter Befund des Gesprächs war die Rolle der Verwaltung. Während Lehrende und Forschende häufig eigene Lizenzen kommerzieller KI-Tools nutzen, zeigte sich an der RUB und der RWTH Aachen ein anderes Bild: Gerade Verwaltungsmitarbeitende nutzen hochschuleigene KI-Angebote intensiv, weil sie mit sensiblen Daten arbeiten und klare Vorgaben brauchen.
Martin Bovermann berichtete, dass an der RUB ein großer Teil der Nutzenden des eigenen Chatportals aus der Verwaltung komme. Dort werde das Tool als Arbeitshilfe genutzt, gerade weil zugesichert werden könne: „Da verlassen keine Daten das Haus.“ Datenfluss, Qualifizierung und Kontrolle seien gewährleistet.
Malte Persike bestätigte diese Erfahrung für Aachen: „Zu den Power-Usern der eigenen KI-Plattform KI gehören ganz klar die Verwaltungsmitarbeitenden.“ Das liege auch daran, dass sie häufig mit sensiblen Materialien arbeiten und von ihren Abteilungsleitungen klare Dienstanweisungen erhalten können. Für uns war das ein wichtiger Hinweis: Verwaltung ist nicht nur ein Anwendungsfeld unter vielen, sondern kann ein strategischer Hebel sein, um souveräne Lösungen tatsächlich in Nutzung zu bringen.
Open Source braucht Entwicklung, nicht nur Betrieb
Neben NRW war auch Niedersachsen indirekt immer wieder Teil der Diskussion. Christian Friedrich brachte die Perspektive des Open Source Development Network ein. Dort geht es nicht in erster Linie um den Betrieb einzelner Systeme, sondern um die kooperative Weiterentwicklung von Open-Source-Software für Studium und Lehre – also um Barrierefreiheit, Security, Usability, Refactoring und grundlegende Softwarequalität.
Seine zentrale Mahnung war deutlich: „Infrastrukturpflege darf kein Projekt sein.“ Gute Ansätze könnten nicht dauerhaft tragen, wenn sie immer nur als befristete Förderprojekte organisiert werden. Gerade digitale Infrastruktur braucht Pflege, Personal, Roadmaps und verlässliche Zuständigkeiten.
Damit berührte Friedrich einen Punkt, der sich durch viele HFD-Arbeiten zieht: Hochschulen haben viele gute Projekte. Aber Projekte allein schaffen eher Machbarkeitsbeispiele statt dauerhafter Handlungsfähigkeit. Wenn digitale Souveränität ernst gemeint ist, müssen erfolgreiche Ansätze verstetigt werden. Das betrifft KI-Infrastrukturen ebenso wie Lernplattformen, Campus-Management-Systeme, Videodienste oder Open-Source-Komponenten (und einiges mehr!).
Digitale Souveränität als Handlungsfähigkeit
Der Rote Faden des Bochumer Gesprächs ließe sich wohl mit einem guten Satz von Martin Jungwirth abbilden: „Digitale Souveränität ist im Grunde ein Thema der Handlungsfähigkeit.“ Wir verstehen das so: Hochschulen müssen Risiken und Limitationen ihrer Software, Hardware, Infrastruktur und Datenflüsse kennen. Sie müssen wissen, was sie steuern können, was sie nicht steuern können und wo sie bewusst Abhängigkeiten eingehen.
Diese Handlungsfähigkeit entsteht nicht allein durch Technik. Sie entsteht durch Governance, Finanzierung, Kompetenzaufbau, Kommunikation und Vertrauen. Sie entsteht, wenn Hochschulleitungen Digitale Souveränität als strategisches Querschnittsthema behandeln. Und sie entsteht, wenn Länder, Hochschulen, Verbünde und Einrichtungen gemeinsame Ziele formulieren und diese auch mit Ressourcen unterlegen.
Für uns im HFD war der Besuch deshalb ein Realitätscheck. In unserer bisherigen Arbeit zur Digitalen Souveränität haben wir sie immer als „Umbrella“-Begriff beschrieben: Sie umfasst politische, institutionelle und individuelle Ebenen, aber auch KI-, Daten- und Beschaffungssouveränität und infrastrukturelle Unabhängigkeit. Zusätzlich bestätigen die Rückmeldungen einer HFD-Blitzumfrage vom März dieses Jahres, dass Hochschulen vor allem bei Governance, Kompetenzen, Anbieterabhängigkeiten, Finanzierung und strategischer Verankerung Handlungsbedarf sehen.
In Bochum wurde sichtbar, dass viele Akteur längst (und nicht zu früh!) über die Begriffsdiskussion hinaus sind. Sie bauen Infrastrukturen auf, testen Dienste, vernetzen Projekte, formulieren Governance-Fragen und suchen nach Wegen aus der Projektlogik. Gleichzeitig wurde klar: Der Weg ist anspruchsvoll. Vollständige Unabhängigkeit von kommerziellen Anbietern ist für Hochschulen nicht unbedingt ein realistisches Ziel. Realistisch und notwendig ist aber der Aufbau kontrollierter Räume, in denen Hochschulen für sensible oder strategisch wichtige Anwendungen eigene, vertrauenswürdige und gestaltbare Alternativen anbieten können.
Von Bochum aus weiterdenken
In Bochum haben wir begonnen, unseren Auftrag des letztjährigen Agora [Zukunft] weiter umzusetzen: Das HFD muss bestehende Ansätze sichtbarer machen, Akteur zusammenbringen, gute Beispiele kritisch auf ihre Skalierbarkeit prüfen und mit Hochschulen, Ländern, Verbünden und politischen Stakeholdern an tragfähigen nächsten Schritten arbeiten.
Dazu gehört auch, die Perspektiven zusammenzuführen: die strategische Governance-Perspektive der DH.NRW, die konkreten KI-Projekte an RUB und RWTH Aachen, die Arbeit an einer großen Studie der Gesellschaft für Informatik zu digitaler Resilienz und Unabhängigkeit (more to come!), die Arbeit des Open Source Development Network und die Erfahrungen des ZenDiS aus dem öffentlichen Sektor.
Unser Dank gilt allen, die sich für diesen Austausch Zeit genommen haben: Christian Friedrich, Niklas Sax, Martin Bovermann, Dr. Peter Salden, Dr. Martin Jungwirth, Prof. Dr. Malte Persike und Dr. Lea Beiermann. Die Gespräche haben gezeigt, dass Digitale Souveränität dort entsteht, wo Kooperation, Finanzierung, Governance, Kompetenzaufbau und Alltagstauglichkeit zusammenkommen – und wo Menschen bereit sind, diese Verbindung praktisch zu gestalten.
Autoren

Uwe Reckzeh-Stein ist bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Projektreferent für das Hochschulforum Digitalisierung. Dort betreut er die Community, organisiert deren regionale Vernetzung und koordiniert die AG-Arbeit seitens der HRK. Nach einer Ausbildung zum Technischen Assistenten für Informatik, studierte er Katholische und Ökumenische Theologie in Münster und Bonn. Er arbeitete als Vikar in Karlsruhe und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Bonn. Zwischen 2017 und 2020 forschte er zu Kirchen- und Militärgeschichte.

Christoph Koitka-Fieke ist HFD-Referent für IT und Technologie bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Er arbeitet an der Schnittstelle von digitaler Transformation, Technologie-Governance und strategischer Entwicklung im Hochschulkontext. Sein Fokus liegt auf Trendanalyse, Foresight und strategischer Priorisierung, um technologische Entwicklungen einzuordnen und für Entscheidungen nutzbar zu machen. MBA in Management & Innovation mit Hintergrund in Multimedia-Journalismus und internationaler Zusammenarbeit.

Katharina Kinga Kowalska 
Uwe Reckzeh-Stein 
Christoph Koitka-Fieke 