Prüfungen mit generativer KI neu denken: Was Studierende uns im Design Thinking Lab über die Zukunft des Prüfens verraten haben

Prüfungen mit generativer KI neu denken: Was Studierende uns im Design Thinking Lab über die Zukunft des Prüfens verraten haben

13.08.26

Zeichnung von zwei Studierenden, die sich auf eine Prüfung vorbereiten.

Wie könnten Prüfungen in Zeiten generativer KI aussehen? Diese Frage betrifft Studierende konkret, doch zu oft wird über sie, statt mit ihnen geredet. Deshalb haben Dr. Lea Bönisch und Lea-Sophie Natter einen Workshop mit Studierenden veranstaltet, wo sie gemeinsam Probleme identifiziert und Ideen entwickelt haben. Was die Teilnehmenden dabei erarbeitet haben, berichten die beiden in diesem Blogbeitrag.

Prüfungen mit generativer KI: Warum wir Studierende gefragt haben

Künstliche Intelligenz (KI) verändert nicht nur den privaten Alltag, sondern auch Lernen, Lehren und Prüfen an Hochschulen. Diese müssen Studierende gezielt auf diese Transformation und die zukünftige Arbeitswelt vorbereiten – insbesondere durch die Vermittlung eines verantwortungsvollen, fachlich fundierten, rechtssicheren und kreativen Umgangs mit generativer KI als Future Skill.

Besonders herausfordernd ist dabei die Weiterentwicklung der Prüfungspraxis: KI-gestützte Werkzeuge sind für Recherche, Textproduktion oder Lernunterstützung selbstverständlich, doch die Konsequenzen für Prüfungen bleiben oft unklar. Prüfungen mit generativer KI müssen u. a. fair, kompetenzorientiert und zukunftsfähig gestaltet werden. Dafür ist nicht nur eine  „rechtssicher[e] und didaktisch sinnvoll[e]“ Umsetzung nötig, sondern eine „grundlegende Neuausrichtung tradierter Lehr- und Prüfungsformate“ und damit ein tiefgreifender Wandel der bestehenden Prüfungskultur.

Bislang diskutieren vor allem Lehrende und zentrale Einrichtungen wie Hochschul- und Mediendidaktik über die Zukunft von Prüfungen mit generativer KI. Weniger sichtbar wird dabei die Perspektive der Studierenden (hier sind die DigitalChangeMaker eine Ausnahme): Welche Erwartungen haben sie an Prüfungen im Zeitalter generativer KI? Welche Chancen und Herausforderungen sehen sie?

Um studentische Partizipation in dieser Phase „tiefgreifende[r] Disruption“ aktiv zu fördern und die Perspektiven Studierender sichtbar zu machen, haben wir im Rahmen der Campuswoche (ein einwöchiger inter- und transdisziplinärer Lernraum an der Hochschule Niederrhein) das vierstündige Design Thinking Lab „Prüfen mit KI“ durchgeführt. Gemeinsam mit fünf Studierenden verschiedener Studiengänge und Semester wollten wir herausfinden, wie sie sich die Zukunft von Prüfungen mit generativer KI vorstellen und welche Anforderungen sie an eine zeitgemäße Prüfungskultur stellen.

Design Thinking für KI und Prüfungen

Ziel des Labs war es, mithilfe von Methoden Design Thinking Bedarfe, Herausforderungen, Ängste und Ideen von Studierenden zum Thema „Prüfen mit KI“ zu identifizieren und sichtbar zu machen. Bestehende Prüfungsformate wurden unter Bedingungen generativer KI diskutiert, innovative Prüfungsformate mitgedacht und Implikationen für die Prüfungskultur abgeleitet.

Dabei ging es nicht um fertige Antworten, sondern um das gemeinsame Entwickeln erster Ideen im Sinne eines Prototypings. Denn für Prüfungen mit generativer KI gibt es keine eindeutige Lösung. Vielmehr handelt es sich um eine komplexe Herausforderung mit zahlreichen Perspektiven und Unsicherheiten – genau dafür eignet sich Design Thinking.

Gleichzeitig schafft Design Thinking einen Raum für Kreativität, Perspektivwechsel und gemeinsames Lernen. Ein geschützter Rahmen, flexible Raumgestaltung und agile Methoden wie Timeboxing und kontinuierliche Feedbackschleifen förderten die kreative Zusammenarbeit. Ein Gallery Walk mit KI-Memes förderte den informellen Austausch zwischen den teilnehmenden Studierenden und uns (den „Coaches“).

Kopfüber in das Problem

Wie gestaltet man möglichst miese Prüfungen? Der Einstieg erfolgte über einen sogenannten Kopfstand bzw. ein „Negatives Brainstorming“. Die Teilnehmenden sammelten Ideen, wie Prüfungen – mit oder ohne generative KI – möglichst unfair, demotivierend und sinnlos gestaltet werden könnten. So führten sie schnell zahlreiche Probleme aus ihrem Studienalltag an.

Häufig nannten sie Probleme in der Prüfungsorganisation. Gleichzeitig entstanden erste Ideen, wie generative KI dabei unterstützen könnte, Prüfungsprozesse studierendenfreundlicher zu gestalten.

Schon hier zeigte sich: Die Teilnehmenden haben ein ausgeprägtes Bewusstsein für Fairness bei Prüfungen mit generativer KI. Sie diskutierten intensiv, welche Voraussetzungen für einen gleichen KI-Einsatz nötig wären. Aspekte der Transparenz – etwa klare Regeln zum KI-Einsatz – spielten hier aber nur vereinzelt eine Rolle.

Die Perspektive definieren: Vom Problem zur Anforderung

Im zweiten Schritt des Kopfstandes wurden die Negativbeispiele in positive Anforderungen und Gestaltungsideen überführt. Die Studierenden beschäftigten sich also nun mit der Frage, wie Prüfungen mit generativer KI chancengleich, kompetenzorientiert und zukunftsfähig gestaltet werden können.

Bereits in dieser frühen Phase zeigte sich: Studierende nutzen häufig generative KI im Studium und wünschen sich deren Einsatz auch in Prüfungen. Für sie ist das ein wichtiger Bestandteil einer zeitgemäßen Prüfungskultur. Sie hatten zahlreiche Ideen für die Praxis.

Dabei betonten sie, dass der Einsatz generativer KI immer mit dem Aufbau entsprechender KI-Kompetenzen verbunden sein muss, denn generative KI soll unterstützen und nicht das Denken ersetzen. Hier zeigt sich die Motivation der Studierenden, nicht nur Tools anzuwenden, sondern auch selbstwirksam und kompetent den Bildungsweg an der Hochschule zu gestalten.

Ideen entwickeln: Prüfungsformate neu denken

Im nächsten Design-Thinking-Schritt, der Entwicklung von Prototypen, ging es um die aktuell an der Hochschule Niederrhein vorherrschenden Prüfungsformate (Klausuren, mündliche Prüfungen und Hausarbeiten bzw. Essays) und die Frage, wie dort generative KI einbezogen werden kann. Mithilfe der Silent Paper-Methode hielten die Teilnehmenden ihre Gedanken ungestört fest und kommentierten sie gegenseitig mit Stiften, Stickern und Emojis. Zudem hatten sie hier die Möglichkeit, sich neue Prüfungsformate oder -möglichkeiten auszudenken.

Die Teilnehmenden wünschten sich einen Einbezug von generativer KI in alle drei Prüfungsformen: als Teil des wissenschaftlichen Schreibens, in der Vorbereitungszeit direkt vor mündlichen Prüfungen und teilweise auch bei der Überprüfung von Grundlagenwissen in Klausuren. Wichtig ist ihnen dabei Fairness (etwa durch gleiche KI-Modelle für alle). Gleichzeitig sehen sie in mündlichen Prüfungen mehr Chancengleichheit, da hier der Einfluss generativer KI eher überprüft werden kann.

Außerdem wurden auch einige Blind Spots sichtbar. So spielten Fragen der kritischen Reflexion KI-generierter Inhalte, der Eigenständigkeit von Prüfungsleistungen oder der transparenten Kennzeichnung von KI-Nutzung kaum eine Rolle. Ebenso wurden die Auswirkungen generative KI auf das gegenseitige Vertrauen zwischen Lehrenden und Studierenden (Stichpunkt: Misstrauenskultur) nicht thematisiert.

Die Methode des Silent Papers erwies sich als besonders wertvoll. Alle hielten ihre Gedanken zunächst unabhängig voneinander fest, bevor die Beiträge gegenseitig kommentiert und weiterentwickelt wurden. So fanden auch ruhigere Personen Gehör und viele wichtige Punkte wurden genannt, die im weiteren Verlauf des Labs und darüber hinaus aufgegriffen wurden.

Student Insights: Was die Studierenden sich wünschen

Am Ende des Labs fassten die Teilnehmenden ihre Erkenntnisse in Forderungen zusammen und priorisierten sie. Die deutlichste Forderung ist ein allumfassender und bewusster Einbezug von generativer KI in Prüfungen. Aus Sicht der Studierenden gehört die Nutzung von generativer KI mittlerweile zur Lebens- und Arbeitsrealität und sollte daher auch in Prüfungen berücksichtigt werden.

Die damit zusammenhängende Förderung des Erwerbs von KI-Kompetenzen in der Breite wurde auch genannt, von den Studierenden aber nicht als so zentral wie die anderen Punkte bewertet. Wichtiger war ihnen die Forderung nach Fairness – auch unabhängig vom Einsatz generativer KI. Die Studierenden betonten, dass ein sinnvoller KI-Einsatz vergleichbare technische Bedingungen für alle voraussetzt.

Unsere Retrospektive: Was wir aus dem Lab gelernt haben

Wie in agilen Prozessen üblich, haben wir nach jeder Phase eine schnelle Feedbackrunde durchgeführt – mit einem Emoji-Check-in, der anschließend kurz erläutert wurde.

Dabei zeigte sich, dass die kreativen Methoden auf große Zustimmung stießen. Viele kannten weder das Negative Brainstorming noch das Silent Paper und beschrieben die Arbeitsweise als erfrischend, abwechslungsreich und aktivierend. Besonders positiv wurde das Silent Paper bewertet. Mehrere Teilnehmende berichteten, sie fühlten sich durch die Methode stärker gehört, weil alle unter gleichen Bedingungen arbeiteten und nicht die lautesten Stimmen den Diskurs bestimmten.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass das für Design Thinking typische „Thinking outside the box“ meistens schwerfiel. Dies überraschte uns wenig, denn kreatives Denken erfordert Mut und Übung. Zudem haben die Teilnehmenden bisher nur Erfahrungen mit etablierten Prüfungsformaten – dies erschwert die kreative Entwicklung neuer Prüfungsformate zusätzlich.

Für zukünftige Labs würden wir die beiden Ziele des Workshops stärker trennen: zuerst Design Thinking als Methode kennenlernen und an einfacheren Fragestellungen erproben, bevor die Teilnehmenden die Methode auf die Zukunft von Prüfungen mit generativer KI anwenden. So ließe sich leichter von bestehenden Denkmustern lösen und mutigere Ideen entwickeln.

Und jetzt? Vom Lab zur neuen Prüfungskultur

Da wir Coaches selbst weder lehren noch prüfen, können wir die Ideen nicht unmittelbar erproben. Die Ergebnisse fließen stattdessen direkt in hochschulweite Entwicklungsprozesse ein: z. B. in das Projekt „KI in Lehren, Lernen und Prüfen“ und in strategische Diskussionen zur Gestaltung von Studium, Lehre und Prüfungen. 

Neue Prüfungsformate müssen erprobt, reflektiert, weiterentwickelt und ggf. verworfen werden. Lehrende können die studentischen Erkenntnisse des Labs als Anstoß nutzen, um Prüfungen so zu gestalten, dass sie den Einsatz generativer KI berücksichtigen und zugleich eigenständige Leistungen überprüfen. Gleichzeitig bietet sich die Chance, Prüfungen kompetenz- und prozessorientierter auszurichten und so eine zeitgemäße Prüfungskultur mitzugestalten.

Dafür sollten Lehrende ihre Gestaltungsspielräume nutzen, um Prüfungen weiterzuentwickeln, Feedback von Studierenden einzuholen und ihre Konzepte iterativ und partizipativ anzupassen.

Für uns ist eine Erkenntnis zentral: Wenn Hochschulen ihre Prüfungskultur im Zeitalter generativer KI weiterentwickeln wollen, reicht es nicht, über Studierende zu sprechen. Sie müssen sie als aktive Gestalter:innen in (Entscheidungs-) Prozesse einbeziehen und ko-kreativ arbeiten.

Das Design Thinking Lab hat gezeigt, welches Potenzial entsteht, wenn Studierende nicht nur Zielgruppe sind, sondern aktiv Veränderungen mitgestalten. Es hat zugleich verdeutlicht, wie Hochschulentwicklung auf Augenhöhe, (ko-)kreativ, partizipativ und zeitgemäß gestaltet werden kann. Eine nachhaltige und zukunftsfähige Prüfungskultur entsteht gerade in Zeiten schneller technologischer Veränderungen dort, wo Lehrende und Studierende gemeinsam experimentieren, reflektieren und neue Wege erproben.

Autor:innen

Dr. Lea Bönisch ist Teilprojektleitung im Verbundprojekt #Digitalkompetenz.nrw und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team digitaLe an der Hochschule Niederrhein. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Förderung von digitalen und KI-Kompetenzen für Studierende und Hochschulmitarbeitende sowie der Integration von inter- und transdisziplinärem Lehren und Lernen ins Studium.

Lea-Sophie Natter ist Projektleitung im Projekt „KI in Lehren, Lernen und Prüfen“ und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team digitaLe an der Hochschule Niederrhein. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Förderung von KI-Kompetenzen für Lehrende sowie auf immersiven Lernräumen und agilen Methoden wie Scrum oder Design Thinking in der Lehre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert