Exnovation im Curriculum – wenig reizvoll, aber notwendig
Exnovation im Curriculum – wenig reizvoll, aber notwendig
11.08.26
Alle reden über Innovation, aber was ist eigentlich mit Exnovation? Wenn Curricula erweitert werden, müssen zwangsläufig auch Inhalte weichen. Doch das ist nicht so simpel, sondern bedarf umfangreicher Abstimmungen. Im neuen Blogbeitrag beschreiben Tobias Seidl und Christiane Metzger, wie Exnovationsprozesse umsichtig durchgeführt werden können und berichten von einem Workshop, den sie dazu auf dem diesjährigen University:Future Festival durchgeführt haben.
KI, Future Skills, Demokratiekompetenz, Bildung für nachhaltige Entwicklung – die Themen und Kompetenzziele, die derzeit an Hochschulen und die Curricula ihrer Studiengänge herangetragen werden, sind vielfältig. Für nahezu jedes dieser Themen lassen sich gute Argumente finden, warum Absolvent:innen entsprechende Kompetenzen erwerben sollten. Entsprechend werden regelmäßig neue Lehrformate, Module oder Projekte entwickelt und vorgestellt.
Weniger Aufmerksamkeit erhält jedoch eine zentrale Voraussetzung für curriculare Innovation. Damit Neues Platz findet, muss an manchen Stellen Altes weichen. Angesichts begrenzter Studienumfänge stellt sich daher zwangsläufig die Frage: Was muss, was darf und was sollte künftig nicht mehr Teil eines Curriculums sein?
Exnovation – altes Thema mit neuer Relevanz
Diese Frage ist keineswegs neu. Hochschulcurricula wurden schon immer an wissenschaftliche Erkenntnisse, technologische Entwicklungen sowie gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Veränderungen angepasst. Neu erscheint uns jedoch die Verdichtung und Gleichzeitigkeit dieser Veränderungsprozesse. Forderungen nach der Integration von Future Skills oder AI Literacy in nahezu allen Studiengängen sind nur zwei prominente Beispiele.
Gleichzeitig stehen Hochschulen vor der Herausforderung, bewährte fachliche Traditionen mit neuen Anforderungen in Einklang zu bringen – und das unter den strukturellen Rahmenbedingungen eines durch Akkreditierungsvorgaben begrenzten Studienumfangs (Bachelor: 180–240 ECTS, Master: 60–120 ECTS; KMK 2017).
Eine notwendige Voraussetzung für Innovation ist daher die bewusste Reduktion bestehender Inhalte. Dieser Prozess lässt sich als Exnovation (vgl. zum Konzept Bils & Töpfer 2024) beschreiben, also als das gezielte Beenden oder Ausphasen bestehender Inhalte, Module oder Kompetenzziele. Bezogen auf Curricula bedeutet dies, Entscheidungen darüber zu treffen, welche Inhalte künftig nicht mehr gelehrt werden sollen.
Dimensionen von Exnovationsprozessen
Dabei handelt es sich keineswegs nur um eine fachliche Entscheidung. Prozesse von Exnovation besitzen mindestens zwei Dimensionen: eine inhaltliche und eine emotionale.
- Auf der inhaltlichen Ebene muss bewertet werden, welche Inhalte künftig eine geringere Relevanz besitzen als neue Anforderungen. Solche Priorisierung en beruhen nie ausschließlich auf objektiven Kriterien, sondern werden auch durch Faktoren wie fachkulturelle Traditionen und normative Setzungen beeinflusst.
- Auf der persönlichen Ebene können Exnovationsprozesse tief in fachliche Identitäten eingreifen. Lehrende sind häufig über viele Jahre mit bestimmten Themen verbunden; nicht selten spiegeln sich diese auch in Denominationen und regelmäßig durchgeführten Lehrveranstaltungen wider. Das Herausnehmen von Inhalten aus dem Curriculum kann daher durchaus Abschieds- oder Verlustgefühle sowie individuelle Mehraufwände (das Lehrdeputat kann nicht mehr auf dem gewohnten Weg abgeleistet werden) auslösen. Hinzu kommen Status- und Machtfragen, da die Präsenz eines Themenfeldes im Curriculum häufig auch mit der Bedeutung einzelner Personen verbunden wird. Werden diese Aspekte in Entwicklungsprozessen der Curricula nicht ausreichend berücksichtigt, können Widerstände und Konflikte entstehen.
Erste Erkenntnisse aus der Praxis
Obwohl Exnovation somit eine wesentliche Voraussetzung curricularer Innovation darstellt, wird sie bislang nur selten explizit thematisiert. Vor diesem Hintergrund haben wir im Rahmen des University Future Festival 2026 einen explorativen Workshop durchgeführt, um erste Erfahrungen und Perspektiven auf Exnovationsprozesse in der Curriculumentwicklung zusammenzutragen. Nach einer kurzen Einführung diskutierten Lehrende, Hochschuldidaktiker:innen, Hochschulentwickler:innen und weitere Funktionsträger:innen in Kleingruppen basierend auf ihren Kenntnissen und Erfahrungen zwei Leitfragen:
- Wie wird methodisch die Entscheidung getroffen, welche Inhalte aus dem Curriculum gestrichen werden, und welche Rahmenbedingungen unterstützen diesen Prozess?
- Wie wird der Vollzug dieses Prozesses (erfolgreich) strukturell, inhaltlich oder emotional begleitet, um Konflikten vorzubeugen bzw. diese gut zu managen?
Um die Diskussion zu strukturieren, betrachteten die Teilnehmer:innen diese Fragen jeweils für verschiedene Ebenen: tertiäres Bildungswesen/Gesellschaft insgesamt, Hochschule, Fachbereich/Fakultät, Studiengänge und Individuum.
Dabei wurden mehrere Faktoren identifiziert, die erfolgreiche Exnovationsprozesse unterstützen können. Für die Entscheidungsfindung wurden insbesondere transparente Begründungen des Veränderungsbedarfs – etwa aufgrund veränderter Berufsfelder oder gesetzlicher Vorgaben – als wesentlich angesehen. Ebenso wichtig erschienen kontinuierliche Curriculumentwicklung, Curriculum Mapping, kompetenzorientierte statt personenbezogener Strukturen, die Beteiligung von Studierenden sowie die Unterstützung durch Hochschulleitungen.
Darüber hinaus wurden personelle Wechsel und die Reakkreditierungen von Studiengängen als Zeitfenster identifiziert, in denen Veränderungen besonders gut umgesetzt werden können. Auch nachfrageorientierte Wahlpflichtmodelle und disziplinübergreifende Module wurden als Ansatzpunkte für die Neugestaltung genannt. Mit dem Angebot von Wahlpflichtmodulen geht man der Herausforderung der Exnovation allerdings eher aus dem Weg, als dass man sie bearbeitet. Denn letztlich wird damit die Entscheidung darüber, welche Inhalte tatsächlich wichtig sind, auf die Studierenden verlagert – deren Wahlverhalten wiederum von inhaltlichen Interessen, aber ebenso von pragmatischen Überlegungen wie Arbeitsaufwand oder Stundenplanung bestimmt sein kann.
Für die Begleitung des Vollzugs von Exnovationsentscheidungen wurden vor allem transparente Kommunikation, frühzeitige Beteiligung aller relevanten Akteur*innen sowie verlässliche Zeitpläne als entscheidend angesehen. Ebenso wurden ausreichende Ressourcen, interdisziplinäre Entwicklungsteams, externe Moderation sowie ein gemeinsames Verständnis über Aufbau und Ziele des Curriculums als hilfreiche Rahmenbedingungen genannt. Angesichts der häufig berührten fachlichen Identitäten der Betroffenen wurde außerdem die Bedeutung von Wertschätzung, Perspektivübernahme und einem konstruktiven Umgang mit Widerständen hervorgehoben.
Wie es weitergeht
Die Diskussion im Workshop machte deutlich, dass Exnovation in der Curriculumsentwicklung bislang kaum systematisch untersucht wird. Zwar konnten erste förderliche Faktoren identifiziert werden, belastbare Erkenntnisse darüber, wie Exnovationsprozesse in diesem Bereich erfolgreich initiiert, entschieden und begleitet werden können, fehlen bislang weitgehend.
Im kommenden Jahr möchten wir diese Fragestellungen daher durch Expert:inneninterviews und die Analyse von Good-Practice-Beispielen weiter untersuchen. Langfristig stellt sich aus unserer Sicht nicht nur die Frage, wie Innovation in Curricula gelingt, sondern ebenso, wie Hochschulen einen reflektierten und konstruktiven Umgang mit dem notwendigen Loslassen etablieren können. Denn Innovation bedeutet nicht nur, Neues hinzuzufügen – sie setzt ebenso voraus, bewusst zu entscheiden, worauf künftig verzichtet werden kann.
Literatur
- KMK (2017): Qualifikationsrahmen für deutsche Hochschulabschlüsse.
- Bils, S., & Töpfer, G. L. (2024). Exnovation und Innovation: Synergie von Ende und Anfang in Veränderungen. Schäffer-Poeschel.
Autor:innen

Dr. Tobias Seidl ist Professor für Schlüssel- und Selbstkompetenzen Studierender an der Hochschule der Medien Stuttgart. Zu seinen Lehr- und Forschungsschwerpunkten gehören Future Skills, KI und Hochschule sowie zukunftsfähige Hochschul(aus)bildung.

Dr. Christiane Metzger leitet das Zentrum für Lernen und Lehrentwicklung der HAW Kiel. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört die Weiterentwicklung von Studiengängen und Modulen, insbesondere die Curriculumentwicklung.
Caroline Berger-Konen
Marina Konno 
Jannica Budde 