Students as Partners oder Students as Customers? Eindrücke der HFD-Delegationsreise nach London

Students as Partners oder Students as Customers? Eindrücke der HFD-Delegationsreise nach London

19.03.24

Fünf ausgewählte HFD-geförderte Delegationsteams stellten sich der Herausforderung, eine „Peer Learning Journey“ zu konzipieren, um im Ausland Informationen zu sammeln, sich mit internationalen Partnern zu vernetzen und Good Practices in Deutschland zu teilen.  Im Februar 2024 unternahm die Gruppe um Prof. Nina Weimann-Sandig eine Reise nach London, um dem angelsächsischen Konzept „Students-as-Partners“ zu folgen und Ideen zum Ansatz der Studierendenbeteiligung nach Deutschland zu bringen. Welche Eindrücke die Gruppe gemacht hat, ist hier und in den Taskcards nachzulesen.

Kurz vorweg: ehe wir diese Delegationsreise antraten, hatten wir uns als Gruppe noch nie persönlich getroffen. Gerade deshalb war dieses Format für uns besonders gewinnbringend. An unseren Hochschulen und Universitäten arbeiten wir zur Frage der partizipativen Hochschulbildung und -entwicklung, der Gleichwürdigkeit von Lehr-Lern-Beziehungen und dies alles im Kontext der digitalen Transformation. Ein zentraler Anknüpfungspunkt ist der Students-as-Partners-Ansatz (Cook-Sather et al. 2016; Matthews 2016). Zu diesem Thema haben wir Delegationsmitglieder, gerade auch im Rahmen innovativer Drittmittelprojekte wie BediRa oder SDG-Campus, bereits geforscht und publiziert (Weimann-Sandig & Kleppsch 2023; Röwert 2022). 

Vom 19. bis 23. Februar 2024 durften wir dann auch eine intensive, interessante und innovative Zeit als HFD-Reisegruppe in London verbringen. Nur einen einzigen, etablierten Kontakt bezogen wir bei der Suche nach dem Ursprung des Students-as-Partners-Ansatzes in Großbritannien ein, ansonsten hatten wir alle Kontakte komplett neu recherchiert und geknüpft. Dies war uns wichtig, denn schließlich sollte diese HFD-Reise zur Erweiterung unseres Netzwerkes beitragen. Insofern waren die Monate vor der Abreise geprägt von der Programmentwicklung und -terminierung sowie Planung der begleitenden Kommunikationsaktivitäten, die schlussendlich in das Pflegen eines Live-Reisetagebuchs per TaskCard mündete. Wir recherchierten Universitäten mit interessanten partizipativen Konzepten, innovativen Zentren für Hochschuldidaktik bzw. digitaler Bildung und überlegten, wie wir in nur einer Woche ein möglichst gutes Bild von den Konzepten zur studentischen Partizipation in UK bekommen würden.

Reisetagebuch der Delegationsreise per TaskCard

Einschränkend müssen wir anmerken, dass wir nicht auf alle Anfragen an Londoner Universitäten eine Rückmeldung bekommen haben. Sehr gerne hätten wir ein etwas differenziertes Bild zwischen kleinen und großen Einrichtungen, Universitäten mit sehr hohem Renommee, aber auch solchen mit schwierigeren Rahmenbedingungen gezeichnet und auch regionale Disparitäten stärker in den Blick genommen. Wie wichtig das ist, haben wir vor Ort bemerkt. Denn unsere Einblicke beschränken sich auf Students-as-Partners-Konzepte von Universitäten der so genannten Russell Group. Diese kann man sich ähnlich wie die Ivy-League in den USA vorstellen. Die Russell Group zählt derzeit 24 Mitglieder, es handelt sich hierbei um sehr renommierte und forschungsstarke Universitäten. Besucht haben wir das King´s College, das Imperial College sowie das University College London. Einzig die Royal Holloway University, die wir ebenfalls besucht haben, zählt nicht zur Russell Group. Dies liegt u.a. daran, dass die Royal Holloway vor allem geisteswissenschaftliche Studiengänge anbietet, während die Mitglieder der Russell Group stark naturwissenschaftlich orientiert sind. Damit steht und fällt auch die Höhe der eingeworbenen Drittmittel. In den Geisteswissenschaften liegen diese deutlich unter dem Forschungsbudget von Naturwissenschaften oder Medizin. Dennoch gehört auch die Royal Holloway University zu den renommiertesten Universitäten in Großbritannien.

Students-as-partners-Ansatz

Der Students-as-Partners-Ansatz hat seinen Ursprung jedoch nicht im deutschen, sondern im angelsächsischen Bildungssystem. Dementsprechend war es uns ein großes Anliegen, unsere Erkenntnisse aus der deutschen Hochschullandschaft mit dem breiten Erfahrungsschatz von Kolleg:innen in Großbritannien zu verknüpfen, generell aber auch die Frage nach der Motivation für den Students as Partners-Ansatz in UK zu stellen.

Als kleines theoretisches Konzept lohnte sich für diese Auswahl der Rückgriff auf die Vorarbeiten von Nina, die Students-as-Partners als ganzheitlichen Ansatz zur Hochschulentwicklung definiert hatte. Neben studentischer Partizipation in der Lehre, beleuchtet dieses Konzept die Mehrwerte von Students-as-Partners auf allen hochschulischen Ebenen – beginnend mit der Studierendenverwaltung bis hin zu Nachhaltigkeitsstrategien und Beziehungsarbeit zwischen allen hochschulischen Akteur:innen (Weimann-Sandig 2022 ; Weimann-Sandig 2023 ). Neben Lehrenden und Studierenden, die wir als Mikroebene des Ansatzes definierten, wollten wir gerne Verantwortliche für Hochschuldidaktik und die Weiterentwicklung hochschulischen Lehrens und Lernens treffen (Mesoebene) und gleichzeitig auch die Strukturen des Hochschulsystems in Großbritannien besser verstehen (Makroebene). Letzteres wurde uns ermöglicht durch ein Treffen mit Mitarbeitenden von JISC.

Das Joint Information Systems Committee (Jisc) ist das Gegenstück zum deutschen Hochschulforum Digitalisierung (HFD), namentlich eine gemeinnützige Organisation zur Förderung digitaler Technologien in Forschung und Lehre. Jisc bietet digitale Dienstleistungen und Lösungen für Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen an, forscht zu relevanten Hochschulthemen und berät Hochschulen zu Zukunftsthemen. Insofern für uns eine sehr gute Anlaufstelle, um differenzierte und empirisch fundierte Informationen zu erhalten.

Was ist anders am britischen Hochschulsystem?

Für alle, die sich bisher mit dem britischen Universitätssystem noch nicht so detailliert auseinandergesetzt haben, kommt nun der Crash-Kurs. Tatsächlich sind die Eigenheiten des Students-as-Partners-Ansatzes in Großbritannien sehr eng mit den Strukturen der Hochschullandschaft verwoben. Während manche Dinge bei einem Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien sich erst einmal ähneln (z.B. die Organisation und Dauer der Bachelor- bzw. Masterstudiengänge oder die akademische Selbstverwaltung), gibt es dennoch fundamentale Unterschiede. Das britische Hochschulsystem hat eine explizit neoliberalistische Ausrichtung, ist also gekennzeichnet durch die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen. Für die dortigen Hochschulen bedeutet dies, dass sie nur geringe staatliche Zuwendungen bekommen und sich weitgehend aus den Studiengebühren finanzieren. In den späten 1990er Jahren führte die britische Regierung unter Tony Blair erhebliche Studiengebühren für britische und EU-Studierende ein, seit 2012 wurden diese Gebühren weiter erhöht. Durch den Brexit gibt es heute ein hierarchisches System der Studiengebühren. Während man früher noch reduzierte Studiengebühren für EU-Studierende gewährte, gibt es gegenwärtig lediglich die Unterscheidung zwischen internal und external students. External students zahlen bis zu 2/3 höhere Studiengebühren und finanzieren damit einen Großteil der britischen Universitätslandschaft (Studierende aus Großbritannien zahlen durchschnittlich etwa 9000 Pfund pro Studienjahr, Quelle: THE 2023).

Simon J. Rofe, Deputy Director of the Centre for Distance Education at the University of London, bringt es folgendermaßen auf den Punkt: 

„Die Studiengebühren haben das Hochschulstudium zu einer Ware gemacht, die von den Studierenden bzw. deren Eltern gekauft wird. Das hat erhebliche Einflüsse auf die Freiheit von Lehrenden, aber auch auf die Macht von Studierenden.“

Dementsprechend hat sich seit dem Brexit die Studierendenlandschaft in Großbritannien, vor allem auch an den Londoner Elite-Unis, erheblich verändert. Dies beschreibt Dr. Isabell Hertner, Senior Lecturer and Chair of the Departmental Education Committee am King’s College London so:

„Während wir vor dem Brexit sehr viele europäische Studierende hatten, gerade in meinem Department European and International Studies, gehen die jetzt an andere europäische Universitäten. Dort ist es zum einen billiger und zum anderen ist das europäische Ideal ja nicht gerade hochgehalten worden von den britischen Regierungen. Stattdessen erleben wir einen deutlichen Aufwuchs an Studierenden aus Asien und Indien. Das ist für uns eine deutliche Umstellung, denn diese Studierenden sind anders sozialisiert, haben andere kulturelle Rahmungen und die Eltern haben auch eine deutlich andere Erwartungshaltung an das Studium hier. Die Eltern möchten, dass ihre Kinder die meiste Zeit auf dem Campus verbringen und dass eine intensive Betreuung erfolgt. Das hat beispielsweise auch dazu geführt, dass wir eigentlich keine Onlinelehre mehr machen, weil die Eltern Präsenzlehre erwarten.“

Tatsächlich stammen 40-60% der internationalen Studierenden an denjenigen Unis, die wir besucht haben, aus Asien oder Indien. 

Eine weitere Eigenheit des britischen Hochschulsystems ist dementsprechend die hohe Kompetitivität, d.h. es besteht ein starker Wettbewerb im Gerangel um möglichst viele zahlungskräftige Studierende. Die Ranglisten und Bewertungssysteme wie der Research Excellence Framework (REF) bewerten die Leistung der Universitäten und beeinflussen deren Reputation und Finanzierung. Dies führt zu einem intensiven Wettbewerb um Studierende, Forschungsgelder und internationale Rankings. Kennzeichnend sind auch die engen Beziehungen zu Unternehmen und der Industrie. An allen besuchten Universitäten sind Forschungskooperationen, finanzielle Unterstützung durch Unternehmen sowie die Einrichtung von unternehmens-orientierten Studiengängen üblich. Diese Partnerschaften sichern einerseits die Finanzierung der Universitäten und entkoppeln sie ein wenig von den Studiengebühren, gleichzeitig nehmen die Unternehmen durchaus Einfluss auf Forschungsausrichtungen der Universitäten, manchmal auch auf Führungsstrategien oder die Besetzung von Führungsstellen. Sehr kritisch beurteilten alle Gesprächspartner:innen die Entwicklungen des britischen Hochschulsystems weg von einer kollegialen Governance-Struktur hin zu einem managerial geführten Modell. Heute spricht man nicht mehr von Deans oder Vice-Deans, sondern durchgehend über die besuchten Hochschulen hinweg vom Senior Management. Universitätsleitungen haben mehr Entscheidungsbefugnisse erhalten, während die Beteiligung von Mitarbeitenden in Entscheidungsprozessen abgenommen hat. Insbesondere die Departments wurden mit Blick auf ihre Autonomie erheblich beschnitten, um die Effizienz und den wirtschaftlichen Erfolg der Universitäten zu steigern. Prof. Dr. Nicholas Allen, Professor für Politikwissenschaft an der Royal Holloway University zeigt sich besorgt mit Blick auf die zunehmende Entmachtung der Departments:

„Die zunehmend zentralisierten Entscheidungen sind nicht immer sinnvoll. Alle Departments haben unterschiedliche fachliche und auch didaktische Herangehensweisen. Es braucht Freiheit, damit man gute Lehre entfalten kann, es braucht auch Möglichkeitsräume. Die werden aber in unserem System immer geringer, weil alles klar vorgegeben und durchstrukturiert ist.“

Während die Privatisierung der Universitäten als old-established beschrieben wird und unsere Gesprächspartner:innen mit der daraus resultierenden, unterschiedlichen Qualität und Ausstattung der Universitäten kein Problem hatten (noch einmal: wir haben sehr renommierte Universitäten besucht), verursacht die Zentralisierung des Hochschulmanagements so-wie die zunehmende Differenzierung zwischen profitablem und nicht-profitablem Wissen schon mehr Bauchschmerzen. Die Einschränkung der Vielfalt der Studiengänge und Forschungsbereiche sowie die zunehmende Qualitätskontrolle durch die Universitätsleitungen wurden von allen Gesprächspartner:innen kritisch bewertet. Zwar sind Leistungsindikatoren und Rankings seit jeher kennzeichnend für das britische Hochschulsystem, um die Qualität der Bildung zu bewerten, aber die Ausweitung der Rechenschaftspflicht wird durchaus als Gefahr gesehen, die Bildungsqualität auf rein quantifizierbare Aspekte zu reduzieren.

Die zentralisierten Entscheidungen schlagen sich beispielsweise auch im Umgang mit digitaler Lehre nieder. Die Reports zu den Auswirkungen digitaler Lehre auf die mentale Gesundheit der Studierenden, aber auch ihre Leistungen, haben dazu geführt, dass kaum noch Online-Lehre stattfinden darf. Die Rückkehr zur Präsenzlehre bzw. die Verpflichtung, dies zu tun, wird von vielen Lehrenden, mit denen wir sprechen konnten, als Eingriff in ihre Lehrorganisation bzw. auch einen Rückschritt mit Blick auf Digital Skills empfunden. Digitalisierung wird dementsprechend gegenwärtig in UK vor allem mit Blick auf digitale Lehr-Lernplattformen diskutiert.

Was hat das alles mit Students-as-Partners zu tun?

Warum nun all dieses Vorgeplänkel, wo wir doch eigentlich etwas über die Umsetzung des Students-as-Partners-Ansatzes erfahren wollten? Ganz einfach: die Struktur des britischen Hochschulsystems, die Konsequenzen des Brexits mit Blick auf veränderte Studierendenkohorten sowie die zunehmende zentralisierte Entscheidungsfindung an britischen Universitäten beeinflusst ganz entscheidend den Grundgedanken, der hinter dem Students-as-Partners-Ansatz steht. 

Unsere Gesprächspartner:innen haben uns deutlich gemacht, dass zwei Motivlagen für Students-as-Partners unterschieden werden müssen:

Die erste Motivlage ist neoliberalistisch motiviert, verfolgt also den Gedanken der Sicherung von Unternehmensqualität und damit -erfolg durch Kundenzufriedenheit. Für die britischen Hochschulen gibt es also die klare Order, dass Studierende als maßgebliche Finanzierende des Hochschulsystems bestmöglich zufrieden gestellt werden sollen. Dies zeigt sich beispielsweise allein schon am unterschiedlichen Aufbau von britischen und deutschen Hochschulwebseiten. Während in Großbritannien die Studierenden sofort direkt angesprochen werden und die Kernbotschaft „egal was ihr sucht, wir helfen Euch und sind für Euch da“ im Mittelpunkt steht, finden sich auf den Websites deutscher Hochschulen in der Regel erst einmal ein Überblick über Forschungsleistungen und eine Vielzahl theoretischer Informationen.
Kurz: der Ton und die Adressierung unterscheiden sich ganz erheblich. 

Die zweite Motivlage ist didaktisch motiviert, aber durchaus auch eine Folgeerscheinung der neoliberalistischen Motivlage. Im Kern geht es hier um folgende Fragestellung: wenn Studierende als Konsument:innen betrachtet werden sollen und wenn es zunehmend Studierende aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten gibt, wie kann die Qualität von Lehre dann sichergestellt werden? Professor Martyn Kingsbury, Leiter des Centre for Higher Education and Scholarship am Imperial College London, gibt folgende Antwort darauf:

“Wir haben Studierende aus unterschiedlichsten Kulturkreisen, die in ihren Heimatländern oftmals Schulsysteme durchlaufen haben, wo sie gar nicht aktiv beteiligt wurden. Wenn wir das hier fortführen würden, würden sie sich niemals wohlfühlen, sie blieben immer fremd. Wir müssen sie aktiv einbeziehen durch aktivierende Lehr- und Lernmethoden. Das ist das eine. Das andere ist, dass die Studierenden so viel wertvolles Hintergrundwissen mitbringen. Das darf nicht ungenutzt bleiben. Deshalb machen wir die StudentShapers Programme. Wir bringen unterschiedliches Wissen zusammen, fördern Integration und Interkulturalität.”

Letztlich gipfeln diese Überlegungen in sehr ausgefeilten Students-as-Partners Projekten, deren Professionalität und thematische Vielfalt uns sehr beeindruckt hat. Ein ähnliches Programm wurde uns von Studierenden des University College London, kurz UCL, vorgestellt, in dem interessierte und motivierte Studierende zusammen mit Lehrenden, Professor:innen oder wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen Projekte zu verschiedenen Themen umsetzen und dadurch ihr breit aufgestelltes Wissen teilen und weiter ausbauen können. Dadurch profitieren nicht nur die Studierenden von den Erfahrungen der Mitarbeitenden des Colleges, auch andersherum sind Lerneffekte erkennbar, die von gegenseitigem Vertrauen und Gleichberechtigung geprägt sind und so einen positiven Wandel im Hochschulleben hervorrufen können (mehr Informationen zum ChangeMakers-Projekt). Tatsächlich gibt es aber an keiner der besuchten Universitäten eine curriculare Verankerung von Students-as-Partners. Dies wird von den Lehrenden, aber auch den Hochschuldidaktiker:innen als unmöglich aufgrund des starren und regelgeleiteten Studiensystems erachtet.

Unser gedankliches Rückreisegepäck

Wie dieser Ländervergleich verdeutlicht, hatten wir als Delegationsreisegruppe die eindrucksvolle Möglichkeit, hinter die Kulissen eines grundsätzlich anders organisierten und strukturierten Hochschulsystems zu blicken. Tatsächlich erfolgte die Auseinandersetzung mit Students-as-Partners aus der Ferne stets vor dem Hintergrund der Annahme, dass man es mit einer hohen intrinsischen Motivation der Lehrenden in UK zu tun hat. Ohne dies in Abrede stellen zu wollen, wurde uns aber deutlich, dass Students-as-Partners vielmehr ein Konzept ist, das aus den Eigenlogiken des neoliberalen Systems abgeleitet wurde. Dass wir es mit einem gänzlich anders ausgerichteten Hochschul- und auch Bildungssystem zu tun haben, führte in allen Pausen und bis spät abends zu sehr wertvollen und lebhaften Grundsatzdiskussionen innerhalb unseres Reiseteams. Fragen wie “Was ist uns Bildung wert?” oder “Wie viel Ökonomisierung verträgt die Hochschulbildung?” standen dabei im Mittelpunkt (und werden sicherlich Anlass zu neuen Papers bieten).

Gleichzeitig sind wir auch nachhaltig beeindruckt von einzelnen Charakteristika des britischen Hochschulbildungssystems (bzw. “sector”, wie man in UK sagt), die uns in mehrerer Hinsicht auch als Vorbild für Deutschland dienen können:

  1. Feedbackkultur: Wir erlebten eine stark ausgeprägte, konstruktive und wertschätzende Feedbackkultur. Feedback wird kollegial wertschätzend gegeben. Ebenso sind in Bewertungsprozessen wie Korrekturen von Studierendeneinreichungen immer mehrere Lehrende, v.a. auch externe Lehrpersonen, involviert. Darüber hinaus gibt es viele Wege für Studierende, die Lehre zu feedbacken, d.h. ihre Lehrenden zu beurteilen, etwa durch anonyme digitale Feedbackoptionen, die in regelmäßigen Abständen in den jeweiligen Unterrichtseinheiten durchgeführt werden. Dies wird von den Studierenden als sehr positiv wahrgenommen, die sich dadurch gehört fühlen und offen äußern können, wenn bspw. das wöchentliche Lernpensum zu hoch ist.

  2. Professionalität: Die generelle Serviceorientierung gegenüber Studierenden und auch uns als Besucher:innen war durchgehend beeindruckend. Hochschulwebsites halten alle Infos kompakt zusammen, die virtuellen Lernumgebungen sind ansprechend und formelle Studierendenvertretungen sind professionell organisiert und ausgestattet. Der Campus wird mehr und mehr zum Wohlfühlort für Studierende umgestaltet. Es gibt eine Vielfalt an preiswerten Essensmöglichkeiten und unterschiedlichen Einkaufsmärkten, damit Studierende aus allen Ländern nicht auf heimische Produkte verzichten müssen.

  3. Flache Hierarchien: Generell ist das britische Miteinander sehr direkt und kollegial, u.a. da es keine Sie/Du-Unterscheidung gibt. Man ist schnell bei der gegenseitigen Ansprache mit Vornamen. Konkret ist die Governance der Fakultäten und Fachbereiche im Hochschulsystem auch weniger hierarchisch, da es eher eine Departmentstruktur gibt, also keine Institute oder Lehrstühle wie in Deutschland, sondern viele Wissenschafter:innen, die nebeneinander arbeiten.

  4. Nachhaltigkeit: Die Partizipationsprojekte an den Hochschulen sind wie die meisten Hochschulentwicklungsprojekte in der Regel ohne Frist. Hochschulen sind im Bereich der Lehr-Lernentwicklung nicht drittmittel-, sondern studierendenfinanziert und damit längerfristig angelegte Entwicklungsprozesse. Dadurch haben Projekte nicht die in Deutschland übliche Frist von etwa drei Jahren, auch die Wissenschaftler:innen und damit Lehrenden haben langfristige Arbeitsverträge, was einer qualitativ hochwertigen Lehr-Lernentwicklung zugutekommt.

Wir nehmen also Grundsatzfragen zu Hochschule und Bildung mit, die uns kritisch stimmen, aber glücklicherweise auch konkrete konstruktive Impulse für unsere jeweilige hochschulische und hochschulübergreifende Arbeit in allen Himmelsrichtungen Deutschlands geben und freuen uns auf den weiteren Dialog dazu mit der HFD-Community und darüber hinaus.

Weitere Informationen zur HFD-Delegationsreise nach Großbritannien finden Sie auf dem Travelboard und im Podcast „Lehrreiche Hochschulinnovationen“ von Franz Vergöhl und Ronny Röwert.

Autor:innen

Prof. Dr. Nina Weimann-Sandig ist Professorin für Soziologie und Empirische Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule Dresden. Darüber hinaus ist sie Hochschuldidaktische Beauftragte und leitet seit 2021 das Hochschulentwicklungsprojekt BediRa (gefördert von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre), dass sich mit Beziehungsarbeit als Gesamtkonzept hochschulischer Entwicklung befasst. Ein Schwerpunkt liegt hier auf der Ausgestaltung der Beziehungsarbeit im digitalen Raum. Ebenso verantwortet sie an der ehs Dresden das Verbundprojekt D2C2 (ebenfalls gefördert von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre).

Ronny Röwert

Ronny Röwert ist Projektbüro-Leiter des Digital Learning Campus SH (DLC) beim Wissenschaftszentrum Kiel. Der DLC besteht aus einer digitalen Lern- und Kollaborationsplattform zu Future Skills sowie physischen Lernorten, die über die Plattform vernetzt sind, unter anderem an vielen Hochschulstandorten in Schleswig-Holstein. Zuvor hat er Transformationsprojekte im Kontext digitaler Bildung bei den Stationen CHE Consult, Kiron Open Higher Education, Stifterverband und Technische Universität Hamburg verantwortet.

Saskia Junge arbeitet seit September 2023 an der Evangelischen Hochschule Dresden als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Projekten D2C2 und BediRa, in denen studentische Partizipation eine wesentliche Rolle zur Arbeitsweise beiträgt, und war vorher lange Zeit als studentische Hilfskraft über das Projekt BediRa Mitglied eines selbstorganisierten studentischen ThinkTanks. Weiterhin hat sie nebenbei im Master Soziale Arbeit studiert und diesen Ende Februar ‘24 erfolgreich abgeschlossen.

Bonny Brandenburger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Weizenbaum-Institut. In ihrer Forschung hat sie sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich Open Educational Practices in der Hochschullehre unter dem Aspekt der Partizipation identifizieren und gestalten lassen. Hierfür hat sie u.a. aufbauend auf ihrer Forschung ein praxisorientiertes OEP-Self-Asessment-Tool für Dozierende wissenschaftlicher Einrichtungen entwickelt (howtoopen.education). Das Thema der Partizipation bewegt sie nicht nur im Kontext der Forschung und Lehre, sondern auch in Bezug auf die Gestaltung einer transdisziplinären Wissensgemeinschaft für Kommunen, die digitale Transformationsprozesse durchlaufen.

Franz Vergöhl

Franz Vergöhl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team Medien und Didaktik an der HafenCity Universität Hamburg. Nach Tätigkeiten in den Teams Hochschullehre und studentische Partizipation, sowie Willkommenskultur und Chancen der Digitalisierung im Universitätskolleg der Universität Hamburg arbeitet er nun im Projekt „Open T-Shape for Sustainable Development“ an der Entwicklung der digitalen Lernplattform SDG-Campus. Weiterhin ist er Promotionsstudent und forscht zum Thema studentische Partizipation in der Hochschullehre. In seiner Forschung stehen Lehr-Lernveranstaltungen unter den Bedingungen der Digitalität im Fokus. 

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