It’s the economy, st[…] – Zwischen Big Tech und Ehrenamt: Die Ökonomie Digitaler Souveränität

It’s the economy, st[…] – Zwischen Big Tech und Ehrenamt: Die Ökonomie Digitaler Souveränität

01.09.26

Illustration zu einem Blogbeitrag über digitale Souveränität: Zwei Personen arbeiten mit Laptop und Unterlagen vor einem Whiteboard mit Innovationsideen, Diagrammen und einer Rakete. Titel des Beitrags: „It’s the Economy, St[…]“.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogreihe „Hochschule als Innovationsort“, in der wir Entwicklungen, Beobachtungen und Thesen aus der Hochschul- und Bildungslandschaft zur Diskussion stellen. Diesmal reflektiert Uwe Reckzeh-Stein Eindrücke aus einem europäischen EdTech-Workshop in Brüssel und fragt, warum Digitale Souveränität nicht nur eine technische oder politische, sondern vor allem auch eine ökonomische Herausforderung[1] ist.

Im Juni dieses Jahres hatte Uwe die dankbare Gelegenheit, vom EDEH (European Digital Education Hub) und den Kolleg:innen vom Stifterverband nach Brüssel zum „EU EdTech for Sovereign Education Futures Workshop“ und dem Collaborate for Impact: Advancing European Digital Education and Skills Event eingeladen worden zu sein. Dabei war insbesondere der Workshop mehr als erkenntnisreich. Viele der dort verwendeten Methoden kamen ihm bekannt vor: Ähnlich wie auf der Agora [Zukunft] 2025 des HFD wurde mit Personas, konkreten Bedarfen und schrittweise zu dekonstruierenden Problemstellungen gearbeitet. Nicht noch ein allumfassendes Zielbild sollte entstehen, sondern verschiedene Lösungen und Prototypen, die sich für bestimmte Usergruppen, Organisationen und Situationen tatsächlich umsetzen ließen.

Ein Unterschied war jedoch augenfällig: Obwohl es ähnliche Methoden und überschneidende Themenfelder gab, war eine ökonomische Perspektive von Anfang an mitgedacht. EdTech-Unternehmen etwa erschienen nicht bloß als proprietäre Player, von denen sich Bildungseinrichtungen möglichst unabhängig machen sollten. Schon der EDEH-Call beschrieb europäische EdTech-Anbieter ausdrücklich als mögliche strategische Partner der Bildungseinrichtungen. Deren Skalierung allerdings scheitert unseres Erachtens bislang gern unter anderem an fragmentierten Märkten, Beschaffungspraktiken und strukturellen Barrieren.  Damit stand originär eine Frage im Raum, die im deutschen Hochschuldiskurs über Digitale Souveränität erstaunlich häufig ausgeblendet wird: Wer macht aus einer guten Idee eigentlich ein dauerhaft verfügbares, professionell betreutes und skalierbares Angebot? Ein verbreitetes Ideal bisher: Die Hochschulen müssen das am besten selbst und am besten aus vollständig öffentlichen Mitteln bestreiten.

Das unproduktive Entweder-oder

Die Debatte um die technische Seite Digitaler Souveränität an Hochschulen folgt häufig einem bekannten Muster. Auf der einen Seite stehen die Angebote der großen Technologiekonzerne. Sie sind komfortabel, leistungsfähig, schnell verfügbar und skalierbar. Außerdem kennen wir sie alle und haben lang genug mit ihnen gelebt, dass sie teilweise unsere privatesten Räume wie selbstverständlich durchziehen. Und was uns teils beruflich und privat seit Jahrzehnten begleitet, soll nun besonders gefährlich für den öffentlichen Raum und/oder die Hochschulen sein? Es ist nun einmal nicht wie im Privaten und die Abhängigkeiten (die privat natürlich ebenso bestehen) treten bei Institutionen weit sichtbarer und schwerwiegender zutage: bei Preisen und Lizenzen, bei Datenhaltung und Datenverwendung, bei Schnittstellen, Arbeitsabläufen und politischen Rahmenbedingungen. Und offensichtlich wird ein späterer Wechsel umso schwieriger, je stärker sich eine Hochschule technisch und organisatorisch in einem solchen Ökosystem eingerichtet hat.

„Zwischen Big Tech und einem idealistischen Bild community-gepflegter Open-Source-Software scheint für viele Entscheidungstragende nur wenig vorstellbar zu sein. Dabei existieren längst zahlreiche Zwischenformen.“
Uwe Reckzeh-Stein

Auf der anderen Seite stehen hochschuleigene Entwicklungen, Verbundprojekte und Open-Source-Lösungen. Sie versprechen mehr Kontrolle, Anpassbarkeit und Mitgestaltung. Doch auch hier gibt es ein wiederkehrendes Problem: Vieles wird als Projekt finanziert, obwohl Entwicklung, Betrieb, Wartung, Sicherheit und Support keine Projekte, sondern Daueraufgaben sind. Nach dem Ende der Förderung bleiben dann gute Lösungen zurück, deren Weiterentwicklung von einzelnen engagierten Personen, unbezahlter Communityarbeit oder den Überstunden von Hochschulbeschäftigten abhängt. Souverän ist auch das nicht.

Zwischen Big Tech und einem idealistischen Bild community-gepflegter Open-Source-Software scheint für viele Entscheidungstragende nur wenig vorstellbar zu sein. Dabei existieren längst zahlreiche Zwischenformen.

Souverän ist das Gegenteil von gratis

HIS eG, ZenDiS oder elan e.V. besitzen unterschiedliche Organisations- und Finanzierungsmodelle. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie professionelle Leistungen anbieten, dafür Ressourcen benötigen und auch Geld von ihren Nutzer*innen und/oder Mitgliedern erhalten. Darin liegt kein Gegensatz zur Digitalen Souveränität. Im Gegenteil: Verlässliche Finanzierung kann eine Voraussetzung dafür sein, dass eine Lösung nicht vom Wohlwollen eines Konzerns, einer befristeten Förderung oder dem Idealismus einzelner Entwickler abhängt. Und wie bereits das Abschlusspapier der AG „Digitale Souveränität“ mehrfach betont und mittlerweile wohl Allgemeinwissen sein dürfte: Wenn es gratis scheint, bezahlst Du auf andere Weise. In diesem Fall zumeist mit Daten.

Auch Open Source hebt ökonomische Realitäten nicht auf. Frei zugänglicher Quellcode setzt sich weder ohne Zutun in ein verwendbares Tool um noch wartet es sich selbst. Sicherheitstests, Barrierefreiheit, Dokumentation, Support, Migration, Produktmanagement, Schulungen und Usability müssen organisiert und bezahlt werden. Wer diese Leistungen nicht finanziert, spart nicht wirklich. Die Kosten werden nur verlagert: auf Hochschulbeschäftigte, auf prekäre Projektstrukturen oder auf spätere technische und organisatorische Probleme.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob mit souveränen digitalen Lösungen Geld verdient werden darf. Sie lautet, unter welchen Bedingungen Wertschöpfung entstehen soll und wie sie organisiert wird. Bleiben Schnittstellen offen? Können Daten exportiert und Dienste gewechselt werden? Haben Hochschulen Einfluss auf die Weiterentwicklung? Gibt es transparente Preise und eine nachvollziehbare Governance? Entsteht Anbieterpluralität oder lediglich ein neues Monopol?

Hochschulen als Orte der digitalen Wertschöpfung

Hochschulen sind nicht nur Nutzende digitaler Technologien. In ihnen entstehen Forschungsergebnisse, Software, didaktische Konzepte und konkrete Anwendungen. Alles oft in Datenform. Manche entwickelte Lösung verbleibt am eigenen Standort. Manches Angebot kommt über die Idee kaum Hinaus. Andere wandern von Förderphase zu Förderphase. Wieder andere verschwinden, sobald die verantwortlichen Personen die Hochschule verlassen.

EdTech-Ausgründungen, hochschulnahe Dienstleister, Vereine, Genossenschaften oder öffentlich-private Kooperationsmodelle könnten dabei Abhilfe schaffen. Oben genannte Beispiele zeigen, sie tun es bereits. Das Open Source Development Network in Niedersachsen etwa verfolgt ausdrücklich das Ziel, Open-Source-Entwicklung zu professionalisieren und auch Ausgründungen zu ermöglichen. In eine ähnliche Richtung weist der Ideenwettbewerb des Hochschulforums Digitalisierung: Gute Ansätze sollen sichtbar gemacht, weiterentwickelt und mit möglichen Partnern für Transfer und Umsetzung zusammengebracht werden.

Dabei geht es nicht darum, jede Idee möglichst schnell zu kommerzialisieren. Es geht darum, für solche Entwicklungen geeignete Wege zu eröffnen, die dauerhaft genutzt, gepflegt und verbreitet werden sollen. Ein Forschungsprototyp ist noch kein Dienst. Und eine funktionierende Software ist noch kein Produkt, das andere Hochschulen rechtssicher beschaffen, integrieren und zuverlässig einsetzen können!

Blog
Dekoratives Titelbild. EIne Gruppe erarbeitet Ideen. Text: Auftakt zur neuen Blogreihe! Hochschule als Innovationsort: Eine Einladung zur gemeinsamen Neubetrachtung. Von Uwe Reckzeh-Stein und Christoph Koitka-Fieke

Hochschule als Innovationsort: Eine Einladung zur gemeinsamen Neubetrachtung

Bild: Uwe Rekzeh-Stein
Uwe Reckzeh-Stein
29.07.2026

Zur Digitalen Souveränität kann man sich nicht hinsparen

Ein Satz, den wir oft bemühen und der uns zur Leitmahnung wurde. Aber nach wie vor wird auf Leitungsebene Digitale Souveränität häufig zuerst als Kostenfaktor wahrgenommen. Das ist unmittelbar zwar nachvollziehbar, volkswirtschaftlich und strategisch aber kurzsichtig. Eigene oder gemeinsam betriebene Infrastrukturen kosten Geld, korrekt. Kompetenzen müssen aufgebaut, Personalstellen geschaffen und alternative Lösungen parallel zu etablierten Systemen erprobt werden, ebenfalls korrekt. Diese Perspektive ist nicht falsch, jedoch unvollständig.

Wie oben angedeutet, bleibt die Abhängigkeit von proprietären Anbietern schließlich ebenfalls nicht kosten- und nicht folgenlos. Lizenzsteigerungen, eingeschränkte Wechselmöglichkeiten, aufwendige Migrationen, der Verlust eigener Kompetenzen und die Anpassung ganzer Arbeitsabläufe an externe Plattformen verursachen erhebliche direkte und indirekte Kosten. Und die Sicherheitslücken, die Beeinflussung gesellschaftlicher Denkkulturen und die Unterminierung europäischer Bildungs-, Rechts- und Gesellschaftsideale haben wir noch gar nicht adressiert!

Investitionen in souveräne digitale Angebote hingegen können zugleich wirtschaftliche Wertschöpfung erzeugen. Wird nicht allenthalben über Wege gesprochen, Wachstum zu generieren und die Wirtschaft zeitgemäß und lauffähig zu gestalten? Investitionen finanzieren hier qualifizierte Arbeitsplätze, stärken europäische Anbieter, fördern Ausgründungen und halten Wissen, Steuern und Investitionen stärker im eigenen Wirtschaftsraum (#Wettbewerbsfähigkeit). Hochschulen und öffentliche Förderer kaufen dann nicht lediglich digitale Leistungen ein. Sie tragen zum Aufbau eines Ökosystems bei, aus dem neue Dienstleistungen, Unternehmen und Innovationen hervorgehen können.

Also bleibt es: Zur Digitalen Souveränität kann man sich nicht hinsparen.

Aber: Man kann in sie so investieren, dass daraus nicht nur Resilienz, sondern auch wirtschaftliche Produktivität entsteht.

Wir brauchen kein deutsches Google, Sascha!

Was wir aber nicht brauchen, sind deutsche oder Europäische Tech-Giganten , die DSGVO-konform trotzdem alle anderen Schattenseiten großer Tech-Unternehmen auf sich vereinen. Auf der diesjährigen re:publika sagte Sascha Lobo in einer Podiumsdiskussion sinngemäß, dass er sich für die Souveränität Deutschlands bzw. Europas eine Art deutsches Google wünsche. Ganz abgesehen davon, dass uns noch nicht ersichtlich geworden ist, inwiefern die allermeisten Amerikaner:innen von der Größe des Silicon Valley und ihrer Unternehmensgiganten für das konkrete Leben wirklich profitiert hätten. Ein deutscher Plattformgigant wäre nicht automatisch souveräner, nur weil seine Zentrale in Europa liegt und seine Verträge der DSGVO entsprechen. Ein proprietäres, geschlossenes Ökosystem mit hohen Wechselhürden bleibt ein proprietäres, geschlossenes Ökosystem und die Unternehmensziele werden immer zuerst Wachstum und Profit sein. Nicht die Bildungsideale Deutscher Hochschulen oder die Sicherung volkswirtschaftlicher Nachhaltigkeit.

Darum empfehlen wir, nicht sofort euphorisch aufzuspringen, wenn ein (nun ehemaliger) Bundestrainer für die digital souveränen Angebote eines Tech-Anbieters (eigentlich vornehmlich ein Lebensmittel-Discounter) wirbt.

Das Ziel sollte absolut nicht eine Hand voll europäischer Champions sein, die die bestehenden Abhängigkeiten lediglich national oder europäisch einfärben. Benötigt wird ein vielfältiges Ökosystem aus öffentlichen, gemeinnützigen und privatwirtschaftlichen Akteuren: mit offenen Standards, interoperablen Lösungen, transparenten Verantwortlichkeiten und realistischen Wechselmöglichkeiten.

Digitale Souveränität bedeutet nicht, alles selbst herzustellen. So weit so bekannt. Sie bedeutet auch nicht, auf wirtschaftliche Akteure zu verzichten. Das musste uns zugegebenermaßen noch bewusster werden. Sie bedeutet, Märkte, Kooperationen und Geschäftsmodelle so zu gestalten, dass Hochschulen handlungsfähig bleiben.

Vielleicht liegt darin die bislang unterschätzte ökonomische Dimension der Debatte: Souveräne Hochschulen in einer nachhaltigen Zukunft brauchen eine andere digitale Wirtschaft. It’s the economy, st[…]!

[1] Der berühmte Satz „It’s the economy, stupid!“ stammt aus dem US-Präsidentschaftswahlkampf 1992 und bedeutet, dass die Wirtschaftslage für Wähler das wichtigste Thema ist. Der Wahlkampfmanager James Carville prägte diesen internen Spruch für Bill Clintons Kampagne gegen George Bush senior. Im Kern und bezogen auf unser Thema sagt der Satz, es sei offenkundig, dass (politische) Entscheidung letztlich auf ökonomischen Abwägungen basieren.

Autoren

Profilbild von Uwe Reckzeh-Stein

Uwe Reckzeh-Stein ist bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Projektreferent für das Hochschulforum Digitalisierung. Dort betreut er die Community, organisiert deren regionale Vernetzung und koordiniert die AG-Arbeit seitens der HRK. Nach einer Ausbildung zum Technischen Assistenten für Informatik, studierte er Katholische und Ökumenische Theologie in Münster und Bonn. Er arbeitete als Vikar in Karlsruhe und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Bonn. Zwischen 2017 und 2020 forschte er zu Kirchen- und Militärgeschichte.

Christoph Koitka-Fieke ist HFD-Referent für IT und Technologie bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Er arbeitet an der Schnittstelle von digitaler Transformation, Technologie-Governance und strategischer Entwicklung im Hochschulkontext. Sein Fokus liegt auf Trendanalyse, Foresight und strategischer Priorisierung, um technologische Entwicklungen einzuordnen und für Entscheidungen nutzbar zu machen. MBA in Management & Innovation mit Hintergrund in Multimedia-Journalismus und internationaler Zusammenarbeit.

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