Innovative Lehre neu denken: Wie Curricula unter Druck zukunftsfähig werden
Innovative Lehre neu denken: Wie Curricula unter Druck zukunftsfähig werden
05.08.26
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Lehre, sondern stellt auch die Frage nach den Bildungszielen von Hochschulen neu. Marina Konno blickt auf die Diskussionen des University:Future Festivals 2026 zurück und zeigt, warum zukunftsfähige Curricula heute weit mehr leisten müssen als die Vermittlung von Fachwissen.
Im Juni haben wir im Rahmen des University:Future Festivals unter dem Motto „Under Pressure“ gemeinsam diskutiert, gelernt und Erfahrungen ausgetauscht. Im HFD-Blog blicken wir auf die Themen zurück, die das Festival in diesem Jahr besonders geprägt haben. Im Bereich der innovativen Lehre zeigte sich vor allem, dass Hochschulen ihre Curricula neu denken müssen. Künstliche Intelligenz und gesellschaftliche Transformationen verändern die Rahmenbedingungen akademischer Bildung von Grund auf.
Die Diskussionen kreisten zunehmend um eine zentrale Frage: Welche Kompetenzen brauchen Studierende in einer Zukunft, die sich immer schneller verändert, und welche Rolle kommt Hochschulen dabei zu? Deutlich wurde, dass die Integration von KI in die Lehre dabei nur ein Teil der Antwort ist. Entscheidend ist vor allem, Curricula so weiterzuentwickeln, dass sie Studierende auf eine Welt vorbereiten, in der Anpassungsfähigkeit, Urteilsvermögen und kritisches Denken zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Vom Vermitteln von Wissen zum Entwickeln von Handlungskompetenz
Einen passenden Ausgangspunkt dafür bot das Panel „Was müssen wir lehren? Lernziele in KI-Zeiten“. Die Diskussion machte deutlich, dass Hochschulen ihre Bildungsziele neu ausrichten müssen. Wenn KI immer mehr Routinetätigkeiten übernehmen kann, reicht die Vermittlung von Fachwissen allein nicht mehr aus. Zunehmend rücken Kompetenzen in den Mittelpunkt, die einen reflektierten Umgang mit Wissen ermöglichen.
Im Mittelpunkt des Panels standen Kompetenzen wie Urteilsfähigkeit, kritisches Denken, interdisziplinäre Zusammenarbeit und der konstruktive Umgang mit Unsicherheit. Fachkompetenz bleibt unverzichtbar, jedoch reicht sie allein nicht mehr aus. KI-Kompetenz wurde deshalb nicht als eigenständiges Zusatzthema verstanden, sondern als Querschnittsaufgabe, die sich durch Studium und Lehre ziehen sollte.
Dabei wurde auch deutlich, dass Hochschulen Studierende nicht auf eine Arbeitswelt vorbereiten können, in der jede Antwort bereits von einer KI geliefert wird. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Menschen zu befähigen, Probleme eigenständig zu analysieren, Technologien kritisch einzuordnen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.
KI-Kompetenz entsteht nicht durch einzelne Lehrveranstaltungen
Wie diese Integration gelingen kann, zeigte die Session „3 Jahre. 2 Erfolgskonzepte. 1 Battle – Wie die Integration von KI-Kompetenz in die Lehre gelingt“.
Mit dem Heilbronner Modell und dem bayerischen Tandem-Modell wurden zwei unterschiedliche Wege vorgestellt, KI-Kompetenz in Studium und Lehre zu verankern. Während der eine Ansatz auf ein wissenschaftlich begleitetes Blended-Learning-Konzept setzt, steht beim anderen die Zusammenarbeit von Lehrenden und Studierenden im Mittelpunkt.
Trotz ihrer unterschiedlichen Herangehensweisen verband beide Projekte dieselbe Überzeugung: Nachhaltige Curriculumentwicklung entsteht durch langfristige Strukturen und kontinuierliche Weiterentwicklung. Dazu gehört auch, KI-Kompetenz interdisziplinär in Curricula zu verankern und sie als Querschnittsaufgabe über Fachgrenzen hinweg zu vermitteln, statt sie auf einzelne Lehrveranstaltungen oder Studiengänge zu beschränken
Interessant war dabei auch, dass immer wieder die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen thematisiert wurde. Viele der vorgestellten Konzepte leben davon, Erfahrungen zu teilen, Materialien gemeinsam weiterzuentwickeln und voneinander zu lernen. Curriculumentwicklung wurde damit nicht als Aufgabe einzelner Hochschulen verstanden, sondern zunehmend als gemeinsamer Lernprozess.
Lernen braucht mehr als schnelle Antworten
Auch der Live-Podcast „KI und Bildung – Verlernen wir gerade, wie man denkt?“ lenkte den Blick auf die didaktische Gestaltung zukünftiger Lehre. Weniger die Technologie selbst als vielmehr ihr sinnvoller Einsatz stand dabei im Mittelpunkt.
Katharina Scheiter machte deutlich, dass KI weder automatisch zu besseren noch zu schlechteren Lernergebnissen führt. Entscheidend sei vielmehr, wann und wie sie eingesetzt wird. Wer sich zunächst selbst mit einem Problem auseinandersetzt und KI anschließend zur Reflexion oder Vertiefung nutzt, kann davon profitieren. Erfolgt der Einsatz jedoch zu früh, besteht die Gefahr, dass wichtige Denk- und Problemlösungsprozesse gar nicht erst entstehen.
Die Diskussion verdeutlichte damit, dass innovative Curricula nicht nur neue Inhalte brauchen, sondern auch Lernumgebungen, die eigenständiges Denken weiterhin fördern. Wenn richtig eingesetzt, kann KI kann diesen Prozess unterstützen. Ersetzen kann sie ihn jedoch nicht.
Curricula als Antwort auf eine unsichere Zukunft
Die Beiträge des University:Future Festivals machten deutlich, dass innovative Lehre heute weit mehr umfasst als digitale Werkzeuge oder neue Prüfungsformate. Hochschulen stehen vor der Aufgabe, Curricula kontinuierlich an neue gesellschaftliche, technologische und berufliche Anforderungen anzupassen.
Dafür braucht es nicht nur neue Inhalte, sondern auch geeignete Strukturen: fachübergreifende Zusammenarbeit, Raum für didaktische Experimente und eine Kultur des gemeinsamen Lernens. Viele der vorgestellten Projekte zeigten, dass nachhaltige Innovation vor allem dort entsteht, wo Hochschulen Erfahrungen teilen, Konzepte weiterentwickeln und Veränderungen strategisch begleiten.
„Under Pressure“ bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem, Curriculumentwicklung als kontinuierlichen Prozess statt als einmalige Reformaufgabe zu verstehen. Zukunftsfähige Lehre entsteht dort, wo Hochschulen bereit sind, ihre Bildungsziele immer wieder zu hinterfragen und Veränderung als festen Bestandteil akademischer Bildung begreifen.
Autorin

Marina Konno ist studentische Mitarbeiterin im Kommunikationsteam des Hochschulforum Digitalisierung. Sie studiert Kultur- und Medienwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin mit besonderem Fokus auf postkolonialen Studien, digitalen Öffentlichkeiten und gesellschaftlichen Transformationsprozessen.
Vor ihrer Tätigkeit im HFD arbeitete sie in unterschiedlichen Bereichen der Bildungs-, Kommunikations- und Digitalpraxis – unter anderem im Bundestag, bei der internationalen Jugendorganisation IJGD sowie bei Amazon. Im HFD unterstützt sie die redaktionelle und kommunikative Arbeit rund um Themen der Hochschulbildung, Digitalisierung und gesellschaftlichen Transformation.
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