Dialog statt Detektoren: Der genKI-Führerschein der Universität Jena

Dialog statt Detektoren: Der genKI-Führerschein der Universität Jena

10.03.26

Dekoratives Bild mit dem Text: Dialog statt Detektoren: Der genKI-Führerschein der Universität Jena. Ein Blogbeitrag von Lea Hildermeier.

Generative KI ist längst im Studium angekommen und viele Hochschulen bemühen sich darum, klare Richtlinien für die Nutzung zu erarbeiten. In diesen Prozessen bleiben Studierende jedoch häufig außen vor. Die Universität Jena zeigt, dass es auch anders gehen kann: Sie hat einen „genKI-Führerschein” eingeführt, der Studierende als aktiv Teilhabende anspricht und sie dazu befähigen soll, kompetent mit KI-Systemen umzugehen.

Der KI-Monitor 2025 zeigt deutlich, wie fest Künstliche Intelligenz inzwischen im Hochschulalltag verankert ist. 97 Prozent der befragten Hochschulen setzen sich mit KI in Prüfungen auseinander, nahezu alle bieten Fortbildungen für Lehrende an, und die Hälfte arbeitet bereits an einer eigenen KI-Strategie. Doch während sich Gremien, Präsidien und Supportstrukturen intensiv mit der Gestaltung dieses KI-Alltags befassen, bleiben Studierende häufig außen vor. Sie nutzen KI längst selbstverständlich, werden aber nur selten in die strategische Entwicklung eingebunden.

Lediglich vier Prozent der befragten Hochschulen beteiligen Studierende federführend an Entscheidungsprozessen. KI bleibt damit, wie der Monitor resümiert, „Chef:innensache“. Gerade beim Thema Prüfungen zeigt sich, dass Hochschulen über Vertrauenskultur, Partizipation und gemeinsame Lernprozesse sprechen müssen und warum KI-Detektoren dabei das falsche Signal senden. Dass es auch anders gehen kann, zeigt der genKI-Führerschein der Universität Jena. Er setzt auf Orientierung und Befähigung und adressiert Studierende als Akteur:innen im Umgang mit generativer KI.

publikation

Blickpunkt: KI Monitor 2025. Hochschulen gestalten den KI-Alltag

04.09.2025

Studierende nutzen KI selbstverständlich – aber ihre Stimmen fehlen

Generative KI ist längst Teil des studentischen Alltags. Studierende schreiben, recherchieren und lernen in einer Umgebung, in der Tools wie ChatGPT oder automatisierte Feedbacksysteme selbstverständlich dazugehören. Die hochschulische Debatte über KI folgt jedoch oft einem vertrauten Muster: Es wird viel über Studierende gesprochen, selten mit ihnen. Das daraus entstehende Bild ist einseitig: Studierende erscheinen als Risiko — als diejenigen, die Regeln umgehen oder täuschen könnten — nicht als Partner:innen im Lernprozess und Lernende, die sich aktiv mit neuen Werkzeugen auseinandersetzen.

Was dabei verloren geht, ist der Dialog über das Wesentliche: Wie lässt sich verantwortungsvoll mit diesen neuen Werkzeugen lernen? Wo endet Unterstützung, wo beginnt Täuschung? Was bedeutet wissenschaftliche Integrität im KI-Zeitalter und warum ist sie für Wissenschaft so wichtig? Statt solche Fragen gemeinsam zu verhandeln, dominieren Warnungen, Misstrauen und Kontrolllogiken.

Prüfungen als Konfliktfeld der KI-Debatte

Besonders deutlich wird diese Problematik im Prüfungsbereich. Prüfungen sind mehr als Leistungsnachweise: Sie spiegeln wider, wie Hochschulen Lernen, Kompetenzentwicklung und wissenschaftliche Praxis verstehen. Im Aufkommen von KI im hochschulischen Alltag belegt der KI-Monitor 2025, wie sich das strukturell niederschlägt: So haben 87 Prozent der Hochschulen ihre Eigenständigkeitserklärungen angepasst und 43 Prozent haben Prüfungsordnungen verändert, etwa um neue Formen von Täuschung zu berücksichtigen.

In diesem Kontext rücken auch KI-Detektoren in den Fokus. Sie sollen dabei helfen, vermeintlich KI-generierte Texte zu identifizieren und so akademische Integrität im Prüfungsbereich zu sichern. Problematisch ist jedoch: Sie sind nicht zuverlässig. Die Systeme sind technisch fehleranfällig und erzeugen häufig false positives, also Fälle, in denen von Menschen verfasste Texte fälschlicherweise als KI-generiert markiert werden.

Laut KI-Monitor setzen 18 Prozent der Hochschulen KI-Detektoren ein, im Regelbetrieb sind es lediglich 6,5 Prozent; eine gewisse Zurückhaltung ist also erkennbar. Dennoch prägt bereits die bloße Existenz dieser Tools die Haltung gegenüber Studierenden. KI-Nutzung wird dadurch schnell mit Verdacht verknüpft.

Das Diskussionspapier „Wissenschaftliche Abschlussarbeiten im KI-Zeitalter“ (Weßels, Bils, Budde, 2025) warnt in diesem Zusammenhang vor einem „System permanenter Selbstzensur“. Aus Angst vor ungerechtfertigten Vorwürfen verzichten Studierende mitunter auf sprachliche Präzision oder fachliche Tiefe, aus Vorsicht, fälschlicherweise mit KI-Nutzung in Verbindung gebracht zu werden. Der Diskurs verschiebt den Fokus folglich weg von Lernen, Reflexion und Kompetenzaufbau hin zu Überwachung, Kontrolle und Sanktion.

Dialog statt Detektoren

Eine auf Kontrolle ausgerichtete Haltung zu Prüfungen und Studierenden trägt wenig dazu bei, die mit KI verbundenen Lernprozesse zu stärken. Im Gegenteil: sie untergräbt Vertrauen und erschwert eine gemeinsame Auseinandersetzung mit neuen wissenschaftlichen Praktiken. Statt Misstrauen zu institutionalisieren, braucht es einen Perspektivwechsel. Prüfungen im KI-Zeitalter müssen Transparenz, Selbstreflexion und die kritische Bewertung von Tools fördern und zwar im Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden.

Das bedeutet nicht, akademische Standards aufzugeben, sondern sie neu zu definieren. Bewertet werden sollte nicht nur das Produkt, sondern auch der Prozess: Wie wurde KI eingesetzt? Welche Entscheidungen wurden getroffen? Wo liegen die Grenzen der Tools? Damit ein solcher Dialog gelingen kann, bedarf es einer gemeinsamen Ausgangsbasis: Studierende müssen lernen, wie sie KI sinnvoll und verantwortungsvoll nutzen können und Lehrende müssen darauf vertrauen können, dass diese Kompetenzen vorhanden sind. Genau hier setzen Qualifizierungsangebote an.

Ein Praxisbeispiel: der genKI-Führerschein der Universität Jena

Wie eine solche Befähigung konkret aussehen kann, zeigt der genKI-Führerschein der Universität Jena. Das Online-Selbstlernangebot wurde 2024 im Rahmen einer hochschulweiten Arbeitsgruppe zu generativer KI in der Lehre initiiert. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass es zwar viele Informationen und Regelungen für Lehrende — etwa zum Prüfen oder zur Anpassung von Eigenständigkeitserklärungen — gab, Studierende jedoch kaum systematisch angesprochen wurden.

Der genKI-Führerschein schließt diese Lücke niedrigschwellig. In einem etwa 60-minütigen Selbstlernkurs erwerben Studierende grundlegendes Orientierungswissen zum Einsatz generativer KI im Studium. Behandelt werden unter anderem die Funktionsweise von KI-Systemen, ihre Potenziale und Risiken, Regeln zum transparenten Einsatz sowie konkrete Tools für den Studienalltag. Ergänzend verweist der Kurs auf weiterführende Materialien und Angebote, die eine vertiefte Auseinandersetzung ermöglichen.

Die Inhalte sind modular aufgebaut und werden schrittweise freigeschaltet, um die Bearbeitung überschaubar und die Abbruchquoten gering zu halten. Die Metapher des Führerscheins ist dabei programmatisch: Wie ein Führerschein auf das Autofahren vorbereitet, soll der Kurs Studierende befähigen, generative KI risikobewusst und verantwortungsvoll einzusetzen. Ziel ist kein Expert:innenwissen, sondern Orientierungswissen; die Fähigkeit, KI einzuordnen, kritisch zu bewerten und Entscheidungen über ihren Einsatz begründen zu können.

Wirkung und Resonanz

Auf den Kurs werden Studierende über unterschiedliche Kanäle aufmerksam gemacht, darunter hochschulweite E-Mails, Fachschaftsräte, Infodisplays sowie im Rahmen von Lehrveranstaltungen. Christina Otto und Charlotte Steinke von der Stabsstelle Digitale Universität der Universität Jena, die im eTeach-Netzwerk Thüringen für den genKI-Führerschein verantwortlich sind, berichten, dass die Resonanz auf das Angebot hoch ist.

An der Universität Jena haben bislang rund 1.800 Studierende am Kurs teilgenommen, etwa 500 Zertifikate zum Abschluss des Kurses wurden vergeben. Rückmeldungen zeigen, dass der Kurs vor allem bei der Orientierung hilft und als praxisnah und gut integrierbar wahrgenommen wird. Auch Lehrende berichten von positiven Erfahrungen, insbesondere wenn der Führerschein in Lehrveranstaltungen eingebunden oder als Voraussetzung für die Teilnahme empfohlen wird.

Aktuell wird ein vergleichbares, ebenfalls niedrigschwelliges Angebot für Lehrende entwickelt. Die Hoffnung ist, auf dieser gemeinsamen Wissensbasis den Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden zu erleichtern und Vorbehalte abzubauen. Gerade weil Lehrende oft selbst Unsicherheiten im Umgang mit KI haben, kann ein solches Angebot als Brücke dienen.

Während prüfungsbezogene Inhalte hochschulspezifisch gestaltet sind, ist der Kurs insgesamt so konzipiert, dass er an unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen angepasst werden kann. Über Jena hinaus wird der Kurs nachgenutzt: Hochschulen wie Leipzig, Erfurt oder Rosenheim haben ihn in ihre eigenen Lernplattformen integriert. Die Materialien stehen zur offenen Nachnutzung als OER zur Verfügung. Dieser kollaborative Ansatz soll verhindern, dass einzelne Hochschulen isoliert vergleichbare Angebote entwickeln, wie Otto und Steinke betonen.

Kompetenz als Voraussetzung für Prüfungswandel

Der genKI-Führerschein ersetzt keine grundlegende Reform von Prüfungen, schafft jedoch eine wichtige Voraussetzung dafür. Solange Studierende vor allem mit Warnungen konfrontiert werden und Lehrende keine verlässliche Grundlage haben, um KI-Kompetenzen einzuschätzen, bleiben Prüfungen ein Spannungsfeld. Qualifizierungsangebote wie der genKI-Führerschein tragen dazu bei, diese Ausgangslage zu verändern: weg von der Frage, ob KI genutzt wurde, hin zu der Frage, wie sie genutzt wurde  und wie diese Nutzung reflektiert und transparent gemacht werden kann.

Damit eröffnen sich Spielräume für die Weiterentwicklung von Prüfungsformaten, etwa hin zu prozessbegleitenden, reflexiven oder dialogischen Formen des Prüfens. Der gegenwärtige Fokus vieler Hochschulen auf den Nachweis KI-generierter Texte verdeutlicht, wie stark Prüfungen bislang produktorientiert ausgerichtet sind und als solche  Ausdruck eines Prüfungsverständnisses sind, das mit den aktuellen Lernrealitäten von Studierenden nur begrenzt anschlussfähig ist.

Von der Misstrauenskultur zur Lernkultur

Der KI-Monitor 2025 zeigt, dass Hochschulen strukturell viel in Bewegung setzen: 81 Prozent haben hochschulweite Austauschprozesse etabliert, 50 Prozent arbeiten an KI-Strategien, 77 Prozent sichern datenschutzkonforme Zugänge. Organisatorischer Fortschritt allein reicht jedoch nicht aus. Eine zukunftsfähige KI-Hochschule braucht auch eine Haltung. Diese Haltung zeigt sich nicht in Kontrollinstrumenten, sondern im Vertrauen darauf, dass Studierende verantwortungsvoll mit neuen Technologien umgehen können, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt.

Studierende sollten nicht primär als zu Überwachende verstanden werden, sondern als Mitgestaltende: als Partner:innen bei der Entwicklung von Leitlinien und Prüfungsformaten. Partizipative Ansätze und Qualifizierungsangebote wie der genKI-Führerschein zeigen auf, wie ein solcher Perspektivwechsel gelingen kann.

Autorin

Lea Hildermeier arbeitet beim Hochschulforum Digitalisierung am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), wo sie in Projekten zu Hochschulpolitik und digitalem Wellbeing tätig ist. Seit mehreren Jahren engagiert sie sich für studentische Perspektiven in der digitalen Hochschulbildung, unter anderem als DigitalChangeMaker. Ihr Schwerpunkt liegt auf Partizipation, mentaler Gesundheit und zukunftsfähiger Lehre.

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