Offene Wissenschaft - ein Interview mit Dominik Scholl

Ende September 2018 ist das Fellow-Programm Freies Wissen in die dritte Runde gestartet. Das gemeinsame Programm von Wikimedia Deutschland, dem Stifterverband und der VolkswagenStiftung fördert die Öffnung von Forschung und Lehre im Sinne Offener Wissenschaft. Wir haben uns mit Dominik Scholl, dem Leiter der Abteilung Bildung, Wissenschaft und Kultur bei Wikimedia Deutschland über Offene Wissenschaft, ihre Vorzüge und Perspektive unterhalten. Dominik SchollDominik Scholl, Leiter Bildung, Wissenschaft und Kultur / Wikimedia Deutschland. Bild: Jan Apel, [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de CC BY-SA 3.0]

Was versteht man unter Offener Wissenschaft?

Offene Wissenschaft umfasst ein ganzes Bündel an Prinzipien, wie Wissenschaft offen betrieben werden kann. Das bekannteste Beispiel ist die Idee von Open Access, die sich inzwischen an vielen Stellen etabliert hat. Das heißt, Ergebnisse werden unter einer freien Lizenz veröffentlicht, damit sie zugänglicher und nachnutzbarer werden. Aber Offene Wissenschaft umfasst weit mehr: Es geht letztlich darum, potenziell den gesamten wissenschaftlichen Prozess, von der ersten Idee, über das Forschungsdesign, über die Datenerhebung, bis hin zur Veröffentlichung von Ergebnissen und Daten zu öffnen.

 

Was kann geöffnet werden?

Natürlich hat auch Offene Wissenschaft ihre Grenzen – beispielsweise, wenn wir über persönliche, sensible Daten sprechen. Aber am Ende sollte es nicht um ganz oder gar nicht, offen oder zu gehen, sondern eher darum, eine Haltung zu entwickeln, die vielleicht genau andersherum funktioniert. Sich also stattdessen zu fragen, was eigentlich nicht geöffnet werden kann und mehr in die Offenheit als Prinzip hineinzugehen und mit ihr zu experimentieren. Warum? Weil ich einfach glaube, dass es viele Vorteile hat. Sowohl für jede(n) einzelne(n) Wissenschaftler(in), als auch für uns als Gesellschaft.

 

Worin liegen die Vorteile von Offener Wissenschaft?

Drei Aspekte können das verdeutlichen: indem Wissenschaftler(innen) ihre Wissenschaft transparent machen, können sie auf den Zwischenergebnissen anderer aufbauen. Sie können die Daten anderer nutzen, um ihre eigene Forschung damit anzureichern und zu validieren. Durch die Digitalisierung wird vieles in der Wissensproduktion schneller, effektiver und effizienter, sodass letztlich mehr Qualität in der Art des Wissens gewährleistet wird. Einen zweiten Vorteil mache ich am Beispiel von freien Bildungsmaterialien fest, die auch ein Teil offener Wissenschaft sind. Wenn ich Lehr- und Lernmaterialien habe, die andere erarbeitet haben und die ich nehmen, adaptieren und an meine eigene Zielgruppe anpassen kann, dann spart mir das bei routinierter Arbeitsweise ab einem gewissen Punkt Zeit und Arbeit. Der dritte Vorteil spielt auf der gesellschaftlichen Ebene. Einerseits wird Wissensproduktion nutzbarer, verständlicher, sichtbarer für die Gesellschaft. Andere, die außerhalb des Wissenschaftssystems sind, aber dieses System doch auch mitfinanzieren, können davon profitieren, dass sie dieses Wissen für ihre Zwecke nutzen können. Umgekehrt kann die Öffnung auch bewirken, dass letztlich das Wissen, was produziert wird, sich für andere Perspektiven und Erfahrungen öffnet, und diverser und reichhaltiger wird.

 

Welche Faktoren und Akteure sind hemmend?

Was die Offene Wissenschaft vor allem bremst, sind bestehende Anreizsysteme, die bestimmte Arten von Arbeitsweisen und Karrierepfaden begünstigen, und andere nicht. Wir haben eine gewachsene etablierte Landschaft von Verlagen, von Zeitschriften, von Instrumenten wie dem Impact-Faktor, die an vieler Stelle Öffnung und Innovationen hindern. Letztlich geht es darum, mit der eigenen Arbeitsweise ein Stück weit auch das zu überwinden. Was mich positiv und optimistisch für die alltägliche Öffnung von Wissenschaft stimmt, ist das, was wir im Fellow-Programm Freies Wissen erleben. Das Fellow-Programm Freies Wissen hat der Stifterverband gemeinsam mit der VolkswagenStiftung und uns von Wikimedia e.V. vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Wir befinden uns nun in der dritten Runde des Programms und fördern wieder 20 Nachwuchswissenschaftler(innen). Wenn ich die Leidenschaft und das Interesse betrachte, mit dem alle in dieses Projekt starten – Fellow-Programm, offene Wissenschaft – und welche tollen Ergebnisse am Ende entstehen, bin ich wirklich zuversichtlich, dass sich an diesem großen Thema Freies Wissen für die Wissenschaft viel bewegen wird. Denn Wissenschaftler(innen) sind engagiert und die Gesellschaft hat ein Interesse daran, dass Freies Wissen entsteht und zugänglich wird. Wir sind auf einem guten Weg.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

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