Open Data-Pflicht für Großunternehmen! - Interview mit Viktor Mayer-Schönberger

Sein mit Thomas Ramge geschriebenes Buch “Das Digital: Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus” wurde im Oktober 2017 veröffentlicht. Wir haben uns am Rande der Veranstaltung “Digital Masterminds” im Telefonica Basecamp mit Viktor Mayer-Schönberger über die Veränderungen von geldbasierten zu datenreichen Märkten unterhalten. Besonderen Fokus legt er auf die Verteilung von Daten durch Großfirmen an Start-ups und kleinere Unternehmen, um eine effizientere und innovativere soziale Marktwirtschaft zu etablieren. Viktor Mayer-Schönberger ist Informationswissenschaftler und derzeit am Oxford Internet Institute tätig.

Victor Mayer-SchönbergerViktor Mayer-Schönberger. Foto: Joi Ito: [https://www.flickr.com/photos/joi/538333155/sizes/o/in/photostream/ "Victor Mayer-Schönberger"] [https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ CC BY 2.0]

Herr Mayer-Schönberger, wie verändert die Datafizierung der Welt die Märkte?

Nun, Märkte sind herausragende soziale Innovationen, die Menschen helfen, sich zu koordinieren. Angebot trifft Nachfrage auf der Basis von Präferenzen, die alle Marktteilnehmer mit anderen Marktteilnehmern kommunizieren und austauschen. Bis vor kurzem gab es auf Märkten in der Regel  zu wenig an Information. Es war zu aufwändig, den anderen die eigenen Vorlieben mitzuteilen und die fremden Vorlieben abzuwägen. Deswegen haben die Betroffenen am Markt ihre Vorlieben in eine einzige Zahl kondensiert: den Preis.

Das heißt: die geldbasierten Märkte, die uns so vertraut sind, haben deshalb funktioniert, weil wir über den Preis unsere Vorlieben ausdrücken konnten. Das lässt sich leicht kommunizieren. Gleichzeitig gehen durch die Eindampfung auf eine Zahl viel an Details verloren. Im Gegensatz dazu erlauben datenreiche Märkte uns nun, am Markt unsere Vorlieben umfassend zu kommunizieren, ohne dass wir all diese zusätzlichen Informationen auf einen Preis kondensieren müssen. Und das ermöglicht uns ein besseres Matching - sehr viel effizienter und nachhaltiger Angebot und Nachfrage zusammenzubringen.

Schmiermittel im Wandel. Foto: [https://unsplash.com/photos/uOBApnN_K7w Roberta Sorge]

Das heißt: Daten sind also das neue Geld?

Daten sind jedenfalls teilweise das neue Geld. Geld hat klassischerweise zwei Funktionen. Die bekannte Weise ist es, ein Wertspeicher zu ein und damit verbunden ist die Funktion, bezahlen zu können. Aber Geld hat bisher auch noch eine andere und vielleicht mindestens ebenso wichtige Funktion in den Märkten gehabt. Und das war, sich über den Preis zu informieren, was am Markt nachgefragt wird und was an Angebot vorhanden ist. Also mit anderen Worten: Geld war das Schmiermittel am Markt. In dem Maße, in dem nun Daten das Schmiermittel der Märkte werden, wird Geld weniger wichtig. Geld werden wir immer noch verwenden, um zu bezahlen. Aber Geld werden wir nicht mehr oft verwenden, um uns zu informieren.

 

Was verändert sich dadurch für den einzelnen Bürger, was verändert sich für Sie und mich?

Schon heute sind sehr viele Informationen über die Waren und Dienstleistungen, die Online angeboten werden, für uns verfügbar. Viele von uns, die etwas älter sind, kennen noch die unglaublichen Informationsungleichgewichte, die in klassischen Märkten vorherrschten: Der Händler wusste über ein Produkt mehr als die Konsumentin oder der Konsument. Durch die neue Transparenz im Digitalen hat sich das verschoben. Die Konsumenten wurden bemächtigt. Das führt dazu, dass ich Produkte kaufe, die besser zu mir passen und mit denen ich dann zufriedener bin und nicht mehr unpassende Produkte kaufe. Diese Veränderung bedeutet für viele Konsumentinnen und Konsumenten einen praktischen Mehrwert. Nicht zuletzt die dramatisch gesunkenen Inflationsraten sind ein Anzeichen dafür: Denn sie zeigen, dass ich mit meinem Geld heute mehr an Wert bekomme. Das Finden von Angebot und Nachfrage zueinander hat sich also in diesem Kontext drastisch verbessert. Und dieser Trend wird weitergehen! Mit digitalen Assistenten, ob Alexa oder Siri oder viele andere, können Konsumentinnen und Konsumenten zukünftig noch mehr ihrer potentiellen informationellen Macht in tatsächliche Entscheidungen ummünzen.

 

Sie erwähnen Alexa und Siri. Das sind Produkte von Großunternehmen, in diesem Fall Amazon und Apple. Daneben gibt es noch Google und Facebook, mit Abstrichen auch Microsoft. Sie halten diese großen, mächtigen Internetkonzerne für Übergangsphänomene. Wie begründen Sie das?

In der Vergangenheit waren die erfolgreichen Unternehmen riesige Organisationen mit vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wenn wir heute auf die großen Superstar-Unternehmen blicken - die Amazons, Apples, Googles und Facebooks dieser Welt - dann sind das nicht mehr primär große Firmen mit vielen Mitarbeitern, sondern es sind Marktplätze, und zwar datenreiche Marktplätze - etwa für Content, für Werbung oder für Konsumgüter wie bei Amazon. Das heißt, diese großen Superstar-Firmen betreiben im Kern Märkte. Und sie sind so erfolgreich, weil sie darüber hinaus auch viele Daten sammeln und aus diesen Daten lernende Entscheidungsassistenten betreiben. Das heißt, sie führen alle Elemente eines Marktes zusammen. Das bedeutet eine immense Informationskonzentration. In dem Maße, in dem es anderen Unternehmen und Startups gelingt unabhängige Entscheidungsassistenten zu schaffen, und Konsumenten damit eine Wahlmöglichkeit haben, welche Entscheidungsassistenten wir wählen, vermindert sich die Marktmacht von Amazon, Google und Facebook. Sie betreiben zwar dann immer noch den Markt, haben aber nicht mehr das faktische Monopol auf die Assistenz der Transaktionsentscheidung, weil es viele Alternativen gibt. So werden die großen Superstars am Ende dann Unternehmen, die einen Markt organisiert, aber zu geringen, kommodifizierten Kosten - sie bieten ein “commodity product” wie die Experten sagen. Daraus können sie dann keine übertriebene informationelle Marktmacht mehr ableiten. Was wir aber auf diesem Weg brauchen, ist ein Zugang zu Daten für Mitbewerber, um entsprechende alternative Entscheidungsassistenten aufbauen zu können.

 

Zugang zu Daten - das ist das Stichwort. Sie fordern eine Art Open-Data-Pflicht. Was heißt das, was versprechen sie sich davon genau?

In der Vergangenheit entstammte die Innovation menschlichen Intelligenz, einem menschlichen Einfall. Gerade dreht sich das Blatt. Innovation befeuert sich zunehmend aus den Daten, die maschinen-lernende Systeme erhalten. Das führt dazu, dass jene, die mehr Daten haben, auch innovativer werden - also etwa die großen Online-Marktplätze. Das macht es für Start-ups und Mitbewerber extrem schwierig, erfolgreich und innovativ zu sein. Dem muss politisch entgegen gewirkt werden, will man Vielfalt der Innovation.

Das ganz offensichtliche ist, das Rohmaterial für diese innovativen Einsichten breiter zu streuen. Das versuchen wir über eine progressive Datenteilungspflicht. Man könnte es auch ganz salopp formulieren: über Open-Data für die Wirtschaft.

Die großen Datenspeicher. Foto: [https://unsplash.com/photos/klWUhr-wPJ8 imgix]

Würde das in der Konsequenz quasi einen neuen digitalen Ordoliberalismus bedeuten?

Ja, das würde es. Denn das Ziel wäre die Sicherstellung von Wettbewerb und Vielfältigkeit am Markt. Das bedeutet wiederum nicht nur geringere Kosten und für die betroffenen Konsumentinnen und Konsumenten höhere Effizienz, sondern es würde auch bedeuten,

dass auf dem Markt nicht ein Anbieter alle Entscheidungen der Marktteilnehmer beeinflussen kann - etwa über einen dominierenden Entscheidungsassistenten. Es würde also die Diversität der Entscheidungen am Markt sicherstellen und damit einen einzelnen Knackpunkt vermeiden, den der den an sich resilienten Markt verletzlich macht - ein “Single Point of Failure”sozusagen. Das Ergebnis wäre also ein wettbewerblicher Markt, der auch demokratischer ist. Das ist im Kern nichts anderes als die Gründer des Ordo-Liberalismus gefordert haben.

Ich danke Ihnen sehr für das interview.

 

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