„Wir brauchen mehr unternehmerische Freiheit im Bildungssystem“ - Interview mit Manuel Dolderer von der CODE University

Wir haben mit Manuel Dolderer, Mitgründer der CODE University,  ein Interview über die zukünftige Relevanz deutscher Hochschulen, digitale Expertise und natürlich die CODE University geführt. Das Interview fand im Rahmen der Veranstaltung "Future Skills - Zukunftsbildung für das 21. Jahrhundert" statt.

HFD: Was hat dich dazu gebracht, die CODE University mitzugründen?

Manuel Dolderer: Der Gründungsimpuls für die CODE University kam eigentlich aus der Idee heraus, dass es Zeit wird, die Rolle und das Selbstverständnis von Hochschulen in Deutschland neu zu denken. Gerade der Bereich digitaler Produkte - Programmierung, Interaktionsdesign, Produktmanagement etc. - ist sehr gut dafür geeignet. Auf der einen Seite haben wir hier einen hohen Druck aus der Wirtschaft, also eine riesige Nachfrage. Auf der anderen Seite sind wir in der Lage, junge Menschen dafür zu begeistern. Sie verstehen, dass darin ihre Zukunft liegt. Deswegen kamen zwei Dinge zusammen: Einerseits der Wunsch, diese neue Welt digitaler Produkte für junge Menschen zu öffnen und ihnen im Rahmen eines neuen Lernkonzepts nicht einfach nur Dinge beizubringen, von denen wir hoffen, dass sie diese später brauchen. Und andererseits, ihnen Kompetenzen beizubringen. Diese Kompetenzen sollen sie in die Lage versetzen, drei Dinge zu tun: Erstens im Team kreativ Probleme zu lösen, zweitens sich immer wieder in neue Themen und Sachverhalte einzuarbeiten und drittens einen unternehmerischen Blick auf die Welt zu entwickeln. Dieser unternehmerische Blick soll es ihnen erlauben, nicht nur vorgesetzte Dinge abzuarbeiten, sondern wirklich neue Themen zu entdecken, neue Problemfelder anzugehen und einen Pioniergeist zu entwickeln –  und somit die Gesellschaft mit voran zu bringen.

Erfolg beim Erlernen digitaler Technologien  (das ist übrigens nicht Manuel Dolderer) [https://unsplash.com/photos/PG3NsaGpY3s rawpixel.com] Erfolg beim Erlernen digitaler Technologien (das ist übrigens nicht Manuel Dolderer) [https://unsplash.com/photos/PG3NsaGpY3s rawpixel.com]

Was bedeutet digitale Expertise bei der CODE University?

Digitale Expertise bedeutet für uns mehrere Dinge. Zum einen das ganz grundlegende Verständnis von digitalen Technologien und zwar nicht nur von den Technologien, die wir schon heute kennen, sondern auch von den Technologien, die mit hoher Wahrscheinlichkeit unsere Gesellschaft von morgen beeinflussen werden. Eine ganz wichtige Fähigkeit besteht darin, in unseren Zukunftsdiskussionen zu unterscheiden, was sehr wahrscheinliche Entwicklungen sind und was eher unwahrscheinliche, um sich dann auf die wahrscheinlichen zu konzentrieren.

Ein anderer Aspekt ist ein kritisches Selbstbewusstsein, sowohl für die eigenen Fähigkeiten, als auch für deren Einfluss auf die Gesellschaft. Denn was wir nicht wollen, sind junge Menschen, die einfach nur gut darin sind, digitale Produkte zu entwickeln und dann versuchen, damit möglichst erfolgreich zu sein. Wir wollen vielmehr Menschen, die mit ihren Fähigkeiten gleichzeitig kritisch darüber nachdenken, wie sie diese Fähigkeiten einsetzen können, um unsere Gesellschaft zu verändern. Denn das werden die Treiber der Veränderung von Morgen sein. Deswegen braucht es für uns beides: Ein Grundverständnis digitaler Technologien, also die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen und den Blick in die Zukunft zu wagen, sowie auf der anderen Seite ein kritisches Bewusstsein für das einhergehende gesellschaftliche Veränderungspotenzial.

Den Pioniergeist der CODE University aufrecht erhalten (dieser Computer gehört unseres Wissens nicht Manuel Dolderer) [https://unsplash.com/photos/m_HRfLhgABo Christopher Gower]Den Pioniergeist der CODE University aufrecht erhalten (dieser Computer gehört unseres Wissens nicht Manuel Dolderer) [https://unsplash.com/photos/m_HRfLhgABo Christopher Gower]

Was sind 2018 die größten Herausforderungen für die CODE University?

2018 haben wir als Hochschule verschiedene Herausforderungen vor uns. Wir müssen ganz formal unsere Studiengänge akkreditieren. Das heißt, wir werden mit unserem doch sehr ungewöhnlichen Lernkonzept in die Auseinandersetzung mit einer Akkreditierungsagentur gehen und versuchen, denen klar zu machen, warum unser Lernkonzept eine Existenzberechtigung im Hochschulsystem hat. Zum Zweiten werden wir natürlich schauen müssen, dass der Pioniergeist und die Aufbruchsstimmung, die jetzt gerade im ganzen Team herrschen, nicht einfach im Sand verläuft und damit der Reiz und die Dynamik ein wenig verloren gehen. Diese Dynamik müssen wir aufrechterhalten.

Außerdem müssen wir uns sehr stark mit der Wachstumsfrage auseinandersetzen. Wir hatten im Jahr 2017 für den ersten Jahrgang 2.000 Bewerbungen und es hat uns sehr viel Zeit und Energie gekostet, diese Bewerbungen überhaupt abzuarbeiten, um am Ende auf 88 Studierende zu kommen. Wir hoffen natürlich, dass wir nächstes Jahr doppelt oder vielleicht drei Mal so viele Bewerbungen haben werden, aber das heißt auch, dass wir andere Wege finden müssen, um mit den Bewerbern umzugehen und neue Studierende und Professoren an Bord zu holen. Darüber hinaus müssen wir uns überlegen, ob unsere Wachstumsperspektiven eher darin liegen, neue Bachelor-Studiengänge zu schaffen oder eher Master-Studiengänge, welche die Bachelor-Studiengänge sinnvoll ergänzen. Zudem sind wir davon überzeugt, dass Hochschule ein regionales Phänomen ist, also müssen wir vielleicht über neue Standorte nachdenken. Oder wollen wir stärker in Richtung Weiterbildung gehen und intensiver auch mit Unternehmen über Lebenslanges Lernen diskutieren? Eine der großen Herausforderungen 2018 liegt also darin zu entscheiden, wohin wir uns entwickeln wollen und wie wir wachsen können.

Balance zwischen lebendigem Wettbewerb und Schutz der Studierenden (das ist nicht der Fuß von Manuel Dolderer)  [https://unsplash.com/photos/HUiSySuofY0 James Pond]Balance zwischen lebendigem Wettbewerb und Schutz der Studierenden (das ist nicht der Fuß von Manuel Dolderer) [https://unsplash.com/photos/HUiSySuofY0 James Pond]

Was wünschst du dir von der neuen Bundesregierung?

Von der neuen Bundesregierung würde ich mir mehr unternehmerische Freiheit im Bildungssystem wünschen, und zwar ohne dass daraus eine Beliebigkeit wird, indem auf dem Rücken von Schülern und Studenten Geld verdient wird. Das ist ein schwieriger Balanceakt. Aber ich glaube, der kann gelingen, indem die Vorteile eines lebendigen Wettbewerbs zum Tragen kommen, ohne dass Schüler und Studenten schutzlos den Profitinteressen einzelner Akteure überlassen werden. Zusätzlich müssen wir eine sehr intensive Diskussion über Qualität im Bildungssystem führen und Standards definieren, an denen sich Bildungsanbieter messen lassen müssen. Hochschulen, die sich an diese Standards halten, sollen ansonsten viel unternehmerische Freiheit haben, um neue Konzepte, neue Ansätze und neue Positionierungen auszuprobieren. Denn damit entsteht eine Vielfalt, in der Akteure voneinander lernen können. So wird deutlich, welche Konzepte zukunftsfähig sind und welche nicht.

Wie bleiben Hochschulen auch in Zukunft relevant – und was können sie von euch lernen?

Die Frage, ob deutsche Hochschulen in Zukunft noch relevant sind, hat sehr viel mit ihrem Selbstverständnis und ihrer Positionierung zu tun. Zurzeit haben Hochschulen in Deutschland ein sehr einheitliches Selbstbild oder zumindest ein Bild davon,  wo sie hin wollen. Die Erfolgsfaktoren, denen sich deutsche Hochschulen verschreiben, sind sehr stark an Aspekten wie akademische Exzellenz, Forschungsexzellenz, Einwerbung von Drittmitteln und der Anzahl von Publikationen ausgerichtet.

Wir brauchen eine größere Vielfalt und unterschiedliche Gruppen von Hochschulen, die sich einem jeweils anderen Selbstverständnis verschreiben. Viele Hochschulen definieren sich immer noch über die Zeit, in der sie eine kleine wissenschaftliche Elite ausbildeten. Wenn man sich heute die Zahl der Abiturienten in Deutschland anschaut, wird der Gang zur Hochschule zum Standard der beruflichen Bildung. Diese Entwicklung erfordert ein neues Selbstverständnis von Hochschulen. Wir brauchen Hochschulen, die sich dieser Herausforderung stellen, indem sie ihr ganzes Lehr- und Lernkonzept und auch die Rolle von Professoren überdenken. Nur dann ist Platz für Nischen-Hochschulen, die weiter an akademischer Exzellenz und internationaler Forschung und Anerkennung arbeiten. Dafür brauchen wir diese Differenzierung und über diese Differenzierung muss sich jede einzelne Hochschule ihre Existenzberechtigung neu definieren. Gerade Fachhochschulen könnten ihre Existenzberechtigung in ihrer Berufs- und Praxisorientierung finden. Stattdessen wollen sie ein bisschen wie Universitäten sein, mit Promotionsrecht und viel Forschung.

Die fehlende Differenzierung ist eine Herausforderung für viele deutsche Hochschulen. Ich glaube, genau da können wir als CODE University ein Beispiel dafür sein, wie sich eine Hochschule für das 21. Jahrhundert positionieren kann und was das im Detail für das Selbstverständnis der Lehrenden, für das Lernkonzept und letztlich auch für das Selbstverständnis der Studierenden heißt.

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