“Bologna Digital” – den Europäischen Hochschulraum durch digitale Lösungen stärken

Den digitalen Wandel nicht als zusätzliche Herausforderung betrachten, sondern als ein wirksames Mittel, um zentrale Herausforderungen für die Hochschulbildung zu bewältigen: Das ist die zentrale Aussage des Positionspapiers "Bologna Digital", das auf Initiative von mehreren Organisationen entstand - unter anderem auch dem Hochschulforum Digitalisierung. Es wurde nun anlässlich des Treffens der europäischen Bildungs- und Wissenschaftsminister(innen) im Mai 2018 veröffentlicht. Florian Rampelt, Dominic Orr und Renata Suter haben das Papier für unseren Blog zusammengefasst. 

Digitalisierung muss in der Breite ankommen. [https://pxhere.com/de/photo/126747 Bild]

Zusammenfassung

Im Positionspapier “Bologna Digital” hat ein internationales Expertenteam in Begleitung durch das Hochschulforum Digitalisierung Impulse für die Bologna-Ministerkonferenz im Mai 2018 in Paris erarbeitet. Das Positionspapier kann in englischer Sprache hier abgerufen werden.

Kernaussage von “Bologna Digital” ist, dass der digitale Wandel nicht als zusätzliche Herausforderung betrachtet werden sollte, sondern als ein wirksames Mittel, um zentrale Herausforderungen für die Hochschulbildung im 21. Jahrhundert zu bewältigen. Es fehlt jedoch weiterhin die konkrete Unterstützung und Sichtbarkeit der Digitalisierung von Hochschulbildung in die Breite und der unmittelbare Beitrag digitaler Lösungen zur Bewältigung zentraler Herausforderungen der Hochschulbildung bleibt oft verborgen. Anhand konkreter Vorschläge wird daher diskutiert, wie die Digitalisierung bis 2020 als Querschnittsthema in allen Dimensionen der weiteren Implementierung des Bologna-Prozesses verankert werden kann – als Teil der Lösung von bestehenden Herausforderungen.

In den insgesamt 17 Empfehlungen wird unter anderem Hochschulen vorgeschlagen, digitale Einführungskurse für ihre Studienprogramme online verfügbar zu machen (etwa in Form von MOOCs), um Studienanfänger/-innen, und dabei besonders auch Studierenden aus bildungsfernen Schichten und internationalen Studierenden, bessere Vorabinformationen zu bieten und eine bessere Vorbereitung auf ihr Studium zu ermöglichen. Darüber hinaus werden Hochschulen dazu aufgefordert, standardisierte Verfahren und Prozesse für die Prüfung und Anrechnung von Kompetenzen, die in verschiedenen (offenen) Online-Formaten erworben wurden, zu erarbeiten und publizieren. Dies geht eng einher mit der Forderung nach Qualitätssicherungsmaßnahmen für digitale Lehr- und Lernformate, die auf den bestehenden Bologna-Standards aufbauen und Vertrauen im Umgang mit digitalen Lernprozessen schaffen sollen. Auch Möglichkeiten des virtuellen Austausches werden als ein zentrales Element der digitalen Hochschule der Zukunft beschrieben, die noch stärker auch Teil des Bologna-Arbeitsprogramms werden sollten.

Hier entlang: die Bildungs- und Wissenschaftsminister(innen) treffen sich in Paris. [https://pxhere.com/de/photo/830976 Bild]

Im Mai 2018 treffen sich Bildungs- und Wissenschaftsminister/-innen aus 48 Mitgliedsstaaten des Europäischen Hochschulraums (EHR/EHEA), um Prioritäten des Bologna-Prozesses und das Arbeitsprogramm für die kommenden Jahre zu diskutieren. Zwanzig Jahre nach der Sorbonne-Erklärung bleiben bereits dort fokussierte Themen wie die Öffnung von Hochschulbildung, gemeinsame Rahmenbedingungen für Lehren und Lernen, die Anerkennung von Qualifikationen und die Förderung der Internationalisierung und Mobilität große Herausforderungen. Die Autor/-innen und Unterstützer von “Bologna Digital” argumentieren, dass die Digitalisierung wesentlich dazu beitragen kann, diese Herausforderungen zu überwinden. Zentrale Argumente und Beispiele guter Praxis sind dabei aus der bisherigen Arbeit des Hochschulforum Digitalisierung mit eingeflossen, wie sie etwa im Rahmen des HFD-Abschlussberichts “The Digital Turn” zusammengefasst wurden.

Eine wichtige Voraussetzung für “Bologna Digital” ist die Feststellung, dass die Digitalisierung sowohl im Rahmen des Bologna-Prozesses als auch in der darüber hinausgehenden Hochschulpraxis nicht grundsätzlich ignoriert wurde, sondern an vielen Stellen bereits gute Konzepte entwickelt und wirksame Maßnahmen implementiert wurden. Strategisch-konzeptionelle Arbeit zum möglichen Mehrwert der Digitalisierung für zentrale Herausforderung wie eine Öffnung von Hochschulbildung in Europa wurde insbesondere durch die Europäische Kommission in den vergangenen Jahren gestärkt (z. B. Inamorato dos Santos, Punie, & Muñoz, 2016). Darauf basierend wurde im Januar 2018 ein Digital Education Action Plan vorgeschlagen. Hochschulen, Bildungspolitiker sowie viele weitere Akteure und Netzwerke haben aktiv dazu beigetragen, dass digitale Lösungen an vielen Lernorten bereits jetzt eine wichtige Rolle spielen (vgl. hierzu etwa Wannemacher et al., 2016).

Das volle Potenzial der Digitalisierung konnte sich auf systemischer Ebene jedoch noch nicht entfalten. Es fehlt weiterhin die konkrete Unterstützung und Sichtbarkeit der Digitalisierung von Hochschulbildung in die Breite und der unmittelbare Beitrag digitaler Lösungen zur Bewältigung zentraler Herausforderungen der Hochschulbildung bleibt oft verborgen. Im Folgenden sollen daher sowohl die verschiedenen Schwerpunktthemen und Empfehlungen des Positionspapiers erläutert als auch ein direkter Bezug zu Beispielen guter Praxis hergestellt werden, die für mögliche weitere Handlungsoptionen Vorbildcharakter haben.

Öffnung von Hochschulbildung

Digitale Unterstützungsangebote helfen die Hochschulen für verschiedene Zielgruppen zu öffnen. [https://pxhere.com/de/photo/617659 Bild]

Die Herausforderung eine Studierendenschaft zu erreichen, die die gesellschaftliche Vielfalt und gleiche Chancen beim Zugang zu Hochschulbildung für alle unabhängig von ihrer Herkunft widerspiegelt, wird im Bologna-Prozess als “Soziale Dimension” diskutiert. Das Ziel von mehr Chancengleichheit und Durchlässigkeit geht dabei mit einer bisher nicht ausreichend erfüllten Notwendigkeit von wirksamen Informations-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten einher, und mit der Ermöglichung von flexiblen, individuellen Bildungsbiographien (Orr, Usher, Haj, Atherton, & Geanta, 2017). Eine wichtige Rolle kann dabei, etwa unter Berücksichtigung der Situation von Geflüchteten, auch vermehrt die Fragestellung einnehmen, wie unterbrochene Bildungsbiographien berücksichtigt werden.

Das EU-Projekt “PL4SD - Peer Learning for the Social Dimension" konnte etwa bis 2015 viele Beispiele für die Beratung und Unterstützung Studierender im Europäischen Hochschulraum identifizieren. Zwei zentrale Herausforderungen waren jedoch, dass es A) schwierig ist, jene Lernenden zu erreichen, die die Unterstützung am meisten benötigen, und B) finanzielle und personelle Ressourcen oft zu begrenzt sind, um Unterstützungsmaßnahmen im erforderlichen Maße auszubauen. Ein besserer Einsatz digitaler Hilfsmittel in Lernumgebungen könnte für solche Herausforderungen etwa personalisierte Angebote entsprechend des unterschiedlichen Vorwissens und persönlicher Bedürfnisse von Studierenden schaffen.

In verschiedenen Ländern wurde in den vergangenen Jahren auch ein besonderes Augenmerk auf (digitale) Brückenkurse gelegt, die Studierenden die Möglichkeit geben sollen, auf ein einheitliches Kompetenzniveau zu Studienbeginn zu kommen. Ein Beispiel hierfür mit Beteiligung zahlreicher Hochschulen ist der Online-Mathematik-Brückenkurs OMB+.

Gerade in Antwort auf die große Anzahl Geflüchteter, die ab 2015 nach Europa gekommen sind, haben verschiedene Akteure auch digitale Informations- und Einführungskurse speziell für diese Zielgruppe entwickelt. Beispielhaft hierfür steht die Arbeit von Kiron Open Higher Education, das MOOC-basierte Online-Curricula für die Studienvorbereitung sowie den Studieneinstieg in verschiedenen Fachbereichen entwickelt hat. Ein Beispiel für digitale Vorbereitungsmaßnahmen sind auch die Kursangebote der Lübecker oncampus GmbH, etwa das Angebot fit4uni zur Vorbereitung auf ein Studium an einer Hochschule in Deutschland. Solche Ansätze haben, etwa in Verbindung mit einer nationalen Hochschulplattform, auch das Potential, Hochschulbildung im Allgemeinen gesellschaftlich stärker sichtbar zu machen.

Empfehlungen:

  1. Hochschulen werden dazu ermutigt, Einführungskurse in ihre Studienprogramme online verfügbar zu machen, einschließlich angemessener Unterstützungsmechanismen, um neuen Studierenden bessere Vorabinformationen und eine bessere Vorbereitung auf ihr Studium zu ermöglichen.
  2. Regierungen und die EU werden dazu aufgefordert, finanzielle Mittel für solche digitalen Lösungen zur Verfügung zu stellen, um die Hochschulbildung zu öffnen und besonders auch den Lernerfolg für nicht-traditionelle Lernende sicherzustellen.

Anrechnung nicht-formalen (digitalen) Lernens

Auch nicht-formelle Lernerfahrungen sollen anerkannt werden. [https://pxhere.com/de/photo/895692 Bild (bearbeitet)]

Die Anerkennung und Anrechnung des Lernens an verschiedenen und flexiblen Lernorten (sowohl formal als auch nicht-formal) bleibt auch zwanzig Jahre nach der Sorbonne-Erklärung eine Herausforderung. Dies gilt besonders für die Anrechnung von zuvor erworbenem Wissen (Recognition of Prior Learning) über die gesamten Bildungsbiografie von lebenslangen Lernenden innerhalb und außerhalb von formalen Studienprogrammen. Wenn die Anbieter von Hochschulbildung die zunehmenden Lernmöglichkeiten in digitalen Bildungsräumen erkennen und ausbauen, können sie die Lernenden auf neue Lernpfade in und durch die Hochschulbildung führen, die besser auf die Bedürfnisse der Lernenden, aber auch Anforderungen des Arbeitsmarkts eingehen.

Sowohl im Europäischen Hochschulraum als auch in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren in diesem Bereich vor allem für analog erworbene Kompetenzen durchaus aber auch große Fortschritte erzielt (Europäische Kommission / EACEA / Eurydice, 2015). In Deutschland wurden etwa über die BMBF-Initiative „ANKOM - Übergänge von der beruflichen in die hochschulische Bildung“ mögliche Prozesse aufgezeigt und Leitlinien geschaffen.

Für in digitalen Lernumgebungen nicht-formal erworbene Kompetenzen besteht an vielen Hochschulen nach wie vor eine besonders große Unsicherheit hinsichtlich der Gleichwertigkeit mit formalen Angeboten der Hochschulbildung. Qualitätsstandards für (offene) Online-Kurse erscheinen nicht einheitlich und transparent überprüfbar: “Für die Anrechnung außerhochschulisch erworbener Kompetenzen müssen [entsprechend] qualitätsgesicherte Kriterien und Standards etabliert werden. Die Anwendung dieser Kriterien soll den Hochschulen die Feststellung, ob digital erworbenes Wissen äquivalent zu konventionellen Curricula ist (Äquivalenzprüfung), ermöglichen” (Themengruppe Curriculum Design & Qualitätsentwicklung, 2016).

Empfehlungen:

  1. Hochschuleinrichtungen werden dazu ermutigt, standardisierte Verfahren und Prozesse für die Prüfung und Anrechnung von Kompetenzen, die in verschiedenen (offenen) Online-Formaten erworben wurden, zu erarbeiten und publizieren. Dies sollte auf Qualitätssicherungsmaßnahmen durch Anbieter von MOOCs und weiteren Formaten aufbauen. Die Maßnahmen können einen gleitenden Übergang von nicht-traditionellen Lernenden in Studienprogramme sowie flexiblere Lernpfade fördern.
  2. Hochschulen werden dazu eingeladen, Listen der Online-Kurse (z.B. MOOCs) und Micro-credentials zu veröffentlichen, die sie als Teil ihrer Studienprogramme anerkennen bzw. anrechnen und transparente und digitale Anrechnungsmanagementsysteme zu entwickeln.

Zulassungsprozesse

Digitale Zulassungsprozesse können Verzögerungen und Frustration vermeiden. [https://pxhere.com/de/photo/957625 Bild]

Während Studiengänge heute selbstverständlich online auf Hochschulwebsites und speziellen Studienportalen beschrieben werden, ist der Prozess der Zulassung zu Hochschulbildungsprogrammen immer noch weitgehend ein langwieriger, papierbasierter Prozess. Papierbasierte Aufnahmeverfahren sind oft mit hohen Aufwänden verbunden, nicht transparent genug und verursachen Verzögerungen und Frustration, insbesondere bei internationalen Studierenden. Die Digitalisierung von Prozessen der Bewertung und Zulassung kann hier eine Erleichterung für Studieninteressierten bewirken und Anstrengungen und Kosten vor allem auch auf institutioneller Seite reduzieren. Natürlich kann dies nur gelingen, wenn auch Datenschutz und Datensicherheit berücksichtigt werden. Grundlage für die Entwicklung und Angleichung von Systemen zur Arbeit mit digitalen Studierendendaten können etwa die Prinzipien sein, die in der Groningen Declaration formuliert wurden.

Eine mögliche Lösung für den internationalen, digitalen Transfer von Studierendendaten zwischen verschiedenen Hochschulen zeigt das Projekt EMREX auf, das derzeit von staatlichen Akteuren und Hochschulen in fünf europäischen Ländern unterstützt wird und eine höhere Transparenz, Qualität und Zuverlässigkeit von Studierendeninformationen schaffen will.

Empfehlungen:

  1. Hochschulen werden dazu aufgefordert, papierbasierte Zulassungsprozesse schrittweise zu beenden und die Nutzung elektronischer Studierendendaten auszubauen, um Anerkennungs- und Zulassungsprozesse auf der Grundlage der in der Groningen Declaration festgelegten Grundsätze besser zu informieren, abzusichern und zu beschleunigen.
  2. Regierungen und die EU werden ermutigt, die Einrichtung und Vernetzung zentraler (nationaler) elektronischer Datenspeicher für Studierendendaten zu unterstützen (im Einklang mit den in der Groningen Declaration festgelegten Grundsätzen) und angemessene Maßnahmen zu ergreifen, um dabei ein hohes Maß an Datensicherheit und Datenschutz zu gewährleisten.
  3. Die von der Europäischen Kommission vorgeschlagene EU Student Card sollte als (virtueller) Ausweis für Lebenslanges Lernen entwickelt werden, der Zulassungsentscheidungen für eine viel größere Gruppe von Lernenden als nur junge Studierenden erleichtert.

Lehren und Lernen

Offene Bildungsressourcen tragen zur Verbesserung von digitalem Lernen und Lehren bei. Bild: Kiron

Lehren und Lernen ist Kern der Hochschulbildung. Verschiedene Erklärungen der Bologna-Minister fordern dabei, die Lernenden ins Zentrum zu stellen. Dieser Ruf nach einem Lerner-zentrierten Ansatz des Lernens ist nicht neu. Diese Art des Lernens in einem institutionellen Rahmen und in der Breite anzubieten, ist jedoch nicht leicht. Die Nutzung offener Bildungsressourcen und Peer-Learning-Netzwerke sind zwei Beispiele dafür, wie digitale Lösungen die Bewältigung dieser Herausforderung erleichtern. Europaweite Initiativen könnten als zentrale Ressource und als Beispiele für nationale Lösungen untersucht werden.

Ein Lerner-zentrierter Ansatz ruft deswegen nach einer stärkeren institutionellen Förderung solcher digitaler Lernumgebungen. Weiter muss die Akzeptanz von offenen Bildungsressourcen (OER) erhöht werden. Insgesamt ist ein zentraler Erfolgsfaktor hierfür die noch stärkere Zusammenarbeit von Hochschulen, einerseits um voneinander zu lernen, aber auch um gemeinsam eine hohe Qualität digitaler Bildungsmaterialien sicherzustellen.

Das Personalised Learning Consortium unterstützt beispielsweise amerikanische Hochschulen, die mit adaptiven digitalen Lernumgebungen experimentieren und so innovative Methoden der Lernendenbetreuung und des Lernerfolgs entwickeln. Ein weiteres Beispiel bietet die University of Derby (UK). Als Teil ihrer Gesamtstrategie für Exzellenz im Lehren und Lernen werden Studierende mit einem personalisierten Assessment-Feedback unterstützt. Diese Strategie wurde 2017 im Rahmen des Teaching Excellence Framework (TEF) mit Gold ausgezeichnet. Die Universität Edinburgh bietet ihren Lernenden und Lehrern eine kollaborative, digitale Lernumgebung, in der offene Bildungsressourcen (OER) angeboten werden, die geteilt und weiterentwickelt werden können. Sie hat dazu kürzlich eine Digitalisierungsstrategie für die gesamte Hochschule verabschiedet.

Empfehlungen:

  1. Hochschuleinrichtungen werden dazu ermutigt, digitale Lernumgebungen als wichtigen strategischen Pfeiler ihrer institutionellen Strategie zu fördern, um die Lernerfahrung und den Lernerfolg aller Lernenden zu verbessern.
  2. Hochschuleinrichtungen werden ermutigt, bei der Entwicklung digitaler Lernumgebungen zusammenzuarbeiten (z. B. bei der Nutzung und Weiterentwicklung von offenen Bildungsmaterialien), um gegenseitiges Lernen und Qualitätsverbesserungen zwischen Hochschuleinrichtungen zu gewährleisten.
  3. Die Regierungen und die EU werden aufgefordert, Mittel für Hochschuleinrichtungen und andere Akteure bereitzustellen, um die pädagogischen Innovationen des Lehrpersonals zu unterstützen.
  4. Alle Akteure sind dazu eingeladen, die Idee einer europaweiten Plattform digitaler Hochschulbildung und stärkerer Zusammenarbeit zu untersuchen (One-Stop-Shop).

Abschlüsse und Qualifikationen

Bleibt der Hochschulabschluss die einzige Qualifikation?

Zentrales Element des Bologna-Prozesses und Grundlage eines gemeinsamen Rahmens für die europäische Hochschulbildung war die Einigung über eine gestufte Studienstruktur (Kurzzyklen, Bachelor-, Master- und Doktorandenprogramme) und die Einführung des Europäischen Systems zur Anrechnung von Studienleistungen (ECTS) zur Vergabe von Leistungspunkten für Lernfortschritte. Die zunehmende Vielfalt der Angebote und unterschiedliche Möglichkeiten des Zugangs zu Hochschulbildung werfen dabei gegenwärtig zwei zusätzliche Fragen auf: Sollen Qualifikationen, die zum Ende eines Studienprogramms vergeben werden, weiterhin die einzige Form der Dokumentation und Zertifizierung sein oder muss künftig ein stärkerer Fokus auch auf kleinere Lerneinheiten gelegt werden, die flexiblere Wege des Studienfortschritts fördern? Für die zweite Frage sollte zudem auch die Passung der Hochschulqualifikationen zu den Anforderungen des künftigen Arbeitsmarkts berücksichtigt werden, etwa da Arbeitgeber neben den formalen Qualifikationen auch ein wachsendes Interesse an Querschnittskompetenzen (sog. soft-skills) zeigen.

Zur Dokumentation solcher alternativer Qualifikationen sollten Hochschulen digitale Möglichkeiten deutlich intensiver nutzen. Insbesondere die Nutzung sogenannter Open Badges, d.h. digitaler Abzeichen, und anderer innovativer Portfolio-Ansätze sollte an Hochschulen noch stärker implementiert werden, um Kompetenzen, die während des Studiums erworben wurden sowie auch Vorerfahrungen zuverlässiger, transparenter und mobiler dokumentieren und mit ihren formalen Studienprogrammen verbinden zu können. Zudem kann so auch der Erwerb neuer Formen wie Micro-credentials dokumentiert und integriert sowie auch eventuell neuen Bedürfnissen des Arbeitsmarktes besser begegnet werden.

Empfehlungen:

  1. Hochschulen werden ermutigt, digitale Lösungen (z. B. digitale Badges) zu nutzen, um eine detailliertere Dokumentation der Kenntnisse, Fähigkeiten, Kompetenzen und Erfahrungen zu gewährleisten, die Lernende während ihres Lernfortschritts erwerben.
  2. Die EU wird ermutigt, sich weiterhin mit Regierungen und anderen Akteuren darum zu bemühen, europaweite Lösungen mit hoher Akzeptanz auf dem Arbeitsmarkt (z. B. Europass-Reform) zu konzipieren und umzusetzen.

Internationalisierung und Mobilität

Leinen los! Digitalisierung soll zur Mobilität beitragen. [https://pxhere.com/de/photo/705346 Bild]

Die Internationalisierung und Mobilität von Studierenden und Mitarbeitern ist nicht nur eine zentrale Säule des Bologna-Prozesses sondern eine grundsätzliche Voraussetzung für ein weltoffenes Selbstverständnis von Bürgerinnen und Bürgern, das auch eine Verbesserung des sozialen Zusammenhalts zwischen Bevölkerungsgruppen verschiedener Nationen begünstigen kann. Das Erasmus-Programm und verschiedene nationale Initiativen haben die internationale Mobilität von Studierenden und Mitarbeitenden seit vielen Jahren sehr erfolgreich unterstützt. Es zeigt sich jedoch, dass große Teile der Studierendenschaft, aber auch viele Hochschulmitarbeitende, weiter ausgeschlossen bleiben von Mobilitätserfahrungen – insbesondere nicht-traditionelle Studierende sind während ihres Studiums besonders selten international mobil (Orr, 2012). Um ein international offenes Campusleben auch vor Ort an deutschen Hochschulen zu ermöglichen, müssen auch weitere Initiativen ergriffen werden, um die "Internationalisierung zu Hause" für alle Studierenden und Hochschulpersonal zu unterstützen. Zusätzlich sind im Bachelor-Bereich die Studienabbruchquoten unter internationalen Studierenden immer noch höher als im nationalen Vergleich (Burkhart & Kercher, 2014).

Im Januar 2018 wurde durch die Europäische Kommission die Pilotphase von Erasmus+ Virtual Exchange gestartet. Das Programm bietet jungen Menschen einen niedrigschwelligen, digitalen Weg zum interkulturellen Austausch. In Zusammenarbeit mit Jugendorganisationen und Hochschulen steht es allen jungen Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren offen, die in Europa und im südlichen Mittelmeerraum leben. Umgesetzt wird Erasmus+ Virtual Exchange von einem Konsortium bestehend aus der Anna Lindh Foundation, der UNIMED, der Sharing Perspectives Foundation und Soliya durchgeführt, UNICollaboration, Kiron Open Higher Education und Migration Matters. Teil der Pilotphase sind z.B. verschiedene Online-Kurse, die von Studierenden an Hochschulen in ganz Europa gemeinsam mit jungen Menschen, die (noch) nicht studieren, belegt werden.

Die RWTH Aachen hat im Rahmen des Verbundvorhabens INTEGRAL² MOOCs aus ihrem Bachelor-Bereich explizit auch für Erasmus-Studierende geöffnet, um diesen zusätzlich zur Präsenzvorlesung ein ergänzendes digitales Studium in eigener Geschwindigkeit online zu ermöglichen. Mit Angeboten wie dem EBWL MOOC könnten Studierende grundsätzlich noch vor ihrer Ankunft in Deutschland einen solchen “Überblick über grundlegende Modelle, Theorien und Prinzipien der Betriebswirtschaftslehre” im Gastland erhalten.

Empfehlungen:

  1. Hochschulen werden dazu angehalten, Möglichkeiten des virtuellen Austauschs noch stärker zu nutzen als eine Ergänzung klassischen Austauschprogrammen für Studierende und Hochschul-Mitarbeitende.
  2. Hochschulen werden dazu ermutigt, Einführungskurse in ihre Studienprogramme online verfügbar zu machen, um internationalen Studierenden bessere Vorabinformationen und eine bessere Vorbereitung auf ein Präsenzstudium im Ausland zu ermöglichen.

Qualitätssicherung

Ist alles top? Standards zur Qualitätssicherung runden das Positionspapier ab. [https://pxhere.com/de/photo/1225341 Bild]

Nicht  erst seit Verabschiedung  des vierten „Sustainable Development Goals“ (SDG 4) „Quality Education“ nimmt der Qualitätsbegriff eine zentrale Rolle im Diskurs um hochwertige und wirksame Bildungsangebote ein.  In digitalen Lehr- und Lernszenarien sind alleine aufgrund der theoretisch grenzenlosen Verfügbarkeit an Bildungsressourcen Möglichkeiten zur Orientierung für Studierende und Lehrende, aber auch Produzent/-innen digitaler Bildungsmaterialien anhand von transparenten Qualitätsstandards besonders wichtig. Im Bologna-Prozess wurde insbesondere durch die “Standards und Leitlinien für die Qualitätssicherung im Europäischen Hochschulraum” ein Rahmen geschaffen, der übergreifend Transparenz und Vertrauen ermöglichen soll. Unter den Rahmenbedingungen der Digitalisierungen gilt es, solche Leitlinien mit einem besonderen Fokus auf Herausforderungen und Rahmenbedingungen digitaler Lehr- und Lernszenarien weiterzuentwickeln und schlussendlich auch entsprechende Beurteilungskriterien zu schaffen. Diese müssen dabei keineswegs neu sein, sondern nur vorhandene Leitlinien explizit und verständlich auf den digitalen Kontext beziehen, um wirksam Unsicherheiten abzubauen.

Witthaus et al. (2016) haben für die Europäische Kommission Faktoren zusammengefasst, die die Beurteilung der Qualität und der damit verbundenen Anrechenbarkeit von MOOCs durch Hochschulen wesentlich erleichtern. Auf Grundlage dieser Faktoren haben die Autoren ein Ampel-Modell erstellt, mit dem MOOC-Anbieter bestimmte Qualitätsstandards transparent aufbereiten und leicht zugänglich darstellen können. Auch die Partnerhochschulen der von der EADTU koordinierten Initiative und MOOC-Plattform OpenupEd haben einen gemeinsamen Rahmen für Qualitätsmerkmale von MOOCs erstellt und darauf basierend ein eigenes Qualitätslabel für MOOCs entwickelt. Kiron Open Higher Education hat für die standardisierte Bewertung seiner MOOC-basierten Curricula neben allgemeinen Qualitätssicherungsmaßnahmen als neues Transparenzinstrument sogenannte MOOklets entwickelt.

Empfehlungen:

  1. Alle Akteure im Bildungsbereich, aber besonders auch die EU und die BFUG werden ermutigt, verstärkt gemeinsam daran zu arbeiten, allgemeingültige Qualitätskriterien zu entwickeln, die Hochschuleinrichtungen, Studierenden und Evaluatoren helfen, die Qualität und Relevanz von Online-Lernangeboten und alternativen Lernnachweisen zu beurteilen.
  2. Die Mitgliedstaaten und andere Akteure im Europäischen Hochschulraum werden dazu aufgefordert, ihre derzeitigen Qualitätssicherungs- und Akkreditierungsmaßnahmen zu überprüfen und diese auf geeignete Verfahren für neue Formen des (digitalen) lebenslangen Lernens auszuweiten. In diesem Zusammenhang könnten Regierungen und Interessengruppen die Einrichtung einer oder mehrerer spezieller (europäischer) Agenturen fördern, die sich auf die Bewertung digitaler Angebote für lebenslanges Lernen konzentrieren, z. B. MOOCs. 

Das Autorenteam und die verschiedenen Unterstützer hoffen, mit dem Positionspapier einem notwendigen Diskurs weitere Dynamik verleihen zu können und dabei insbesondere auch konkrete nächste Schritte anzuregen. Sie können die Autor/-innen gerne direkt kontaktieren oder am Austausch über Twitter unter dem Hashtag #BolognaDigital teilnehmen.

Über das Positionspapier “Bologna Digital”

Das Positionspapier wurde in Koordination durch Kiron Open Higher Education vom Autor/-innenteam Dr. Dominic Orr, Peter van der Hijden, Florian Rampelt, Ronny Röwert und Dr. Renata Suter erarbeitet und in verschiedenen Entwurfs-Versionen ab Dezember 2017 unter Akteuren im Hochschulsektor disseminiert und diskutiert. Die Publikation mit zentralen Forderungen zur stärkeren Berücksichtigung und Förderung der digitalen Dimension im Bologna-Prozess dient als Impuls für die Bologna-Ministerkonferenz am 24. Mai 2018 in Paris und wird unterstützt durch die Bertelsmann Stiftung, das Hochschulforum Digitalisierung, die European Association of Distance Teaching Universities (EADTU), das Groningen Declaration Network (GDN) und das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS).

 

Weiterführende Literatur

Burkhart, S., & Kercher, J. (2014). Abbruchquoten ausländischer Studierender. DAAD Blickpunkt. Bonn: Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD). Verfügbar unter https://www.daad.de/medien/der-daad/analysen-studien/final_blickpunkt-ab...

European Commission/EACEA/Eurydice. (2015). European Higher Education Area in 2015: Bologna Process Implementation Report. Luxemburg: Publications Office of the European Union. Verfügbar unter http://www.ehea.info/pid34367/implementation-and-national-reports.html

European Commission. (2018). Communication from the Commission to the European Parliament, the Council, the European Economic and Social Committee and the Committee of the Regions on the Digital Education Action Plan. Brüssel: Europäische Kommission. Verfügbar unter https://ec.europa.eu/education/sites/education/files/digital-education-a...

Hochschulforum Digitalisierung (2016). The Digital Turn – Hochschulbildung im digitalen
Zeitalter. Arbeitspapier Nr. 27. Berlin: Hochschulforum Digitalisierung. Verfügbar unter https://hochschulforumdigitalisierung.de/sites/default/files/dateien/Abs...

Inamorato dos Santos, A., Punie, Y., & Muñoz, J. C. (2016). Opening Up Education: A Support Framework for Higher Education Institutions. Luxemburg: Publications Office of the European Union. Verfügbar unter https://ec.europa.eu/jrc/en/publication/eur-scientific-and-technical-research-reports/opening-education-support-framework-higher-education-institutions

Jansen, D., & Konings, L. (2017). MOOC Strategies of European Institutions. Status report based on a mapping survey conducted in November 2016 - February 2017. Maastricht: European Association of Distance Teaching Universities (EADTU). Verfügbar unter http://eadtu.eu/documents/Publications/OEenM/MOOC_Strategies_of_European_Institutions.pdf

Orr, D. (2012). Mobility is not for all. Tying it all together. Bonn: Lemmens. Verfügbar unter http://www.aca-secretariat.be/fileadmin/aca_docs/images/members/ACA_2012_Tying_it_together..pdf

Orr, D., Usher, A., Haj, C., Atherton, G., & Geanta, I. (2017). Study on the impact of admission systems on higher education outcomes Volume I: Comparative report (Vol. I). Luxemburg: Publications Office of the European Union. Verfügbar unter  https://doi.org/10.2766/943076

Rampelt, F. & Suter, R. (2017). Recognition of prior learning – outcome-oriented approaches to the recognition and assessment of MOOC-based digital learning scenarios. In L. Gómez Chova, A. López Martínez & I. Candel Torres (Hrsg.), EduLearn 2017. 9th Annual International Conference on Education and New Learning Technologies (S. 6645-6653). Barcelona.

Standards und Leitlinien für die Qualitätssicherung im Europäischen. Hochschulraum. (ESG). (2015), Bonn: Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Verfügbar unter https://www.hrk.de/uploads/media/ESG_German_and_English_2015.pdf

Themengruppe Curriculum Design & Qualitätsentwicklung (2016). Anerkennung, Anrechnung und
Zertifizierung von digitalen Lehr- und Lernangeboten. Arbeitspapier Nr. 8. Berlin: Hochschulforum
Digitalisierung. Verfügbar unter https://hochschulforumdigitalisierung.de/sites/default/files/dateien/HFD%20AP%20Nr%208_Anerkennung%2C%20Anrechnung%20und%20Zertifizierung.pdf

Wannemacher, K., Jungermann, I. Scholz, J., Tercanli, H. & Villiez, A. (2016). Digitale Lernszenarien im Hochschulbereich. Arbeitspapier Nr. 15. Berlin: Hochschulforum Digitalisierung. Verfügbar unter https://hochschulforumdigitalisierung.de/sites/default/files/dateien/HFD%20AP%20Nr%2015_Digitale%20Lernszenarien.pdf

Witthaus, G., Inamorato dos Santos, A., Childs, M., Tannhäuser, A., Conole, G., Nkuyubwatsi, B., & Punie, Y. (2016). Validation of Non-formal MOOC-based Learning: An Analysis of Assessment and Recognition Practices in Europe (OpenCred). Luxemburg: Publications Office of the European Union. Verfügbar unter http://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/bitstream/JRC96968/lfna27660enn.pdf

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