“Auf der Blockchain können wir das Lernen neu erfinden”

Helena Häußler

Blockchain ist eine neue Technologie des dezentralen Webs und bisher vor allem im Zusammenhang mit der Währung Bitcoin bekannt. Zuletzt wurden Blockchain und verschiedene Anwendungsfälle auf der diesjährigen Re:publica thematisiert. Wir haben Shermin Voshmgir, eine der vortragenden Expert(inn)en und Gründerin des BlockchainHubs Berlin, gefragt, wie es um das Potenzial für den Einsatz von Blockchain in der (Hochschul-) Bildung steht.

HandshakeBlockchain erlaubt Transaktionen ohne Mittelsmann. Bild: [https://unsplash.com/photos/AT5vuPoi8vc Charles Deluvio]

Frau Voshmgir, was ist Blockchain?

Blockchain ist eine neue Technologie, die Triebfeder der nächsten Generation Internet ist, dem Web 3.0 oder dem dezentralen Web.

Das Internet 1.0 hat die Weitergabe von Informationen revolutioniert. Das Web 2.0 hat Interaktionen revolutioniert, sei es durch Social Media, die Sharing Economy, Marktplätze wie Ebay und Amazon, aber auch durch neue Orte der Wissensweitergabe und -generierung wie Wikipedia. Durch dieses Web 2.0 hat sich eine Peer-to-Peer-Economy etabliert, die aber immer eine Plattform dazwischen hat, welche die Spielregeln der Transaktionen definiert und alle Daten speichert.

Blockchain ist eine neue Technologie, die uns zum ersten Mal wirkliche Peer-to-Peer-Transaktionen ohne Plattform oder Mittelsmann dazwischen ermöglicht. Dass Person A und Person B, die einander weder kennen noch vertrauen, eine Wert-Transaktion ohne vertrauenswürdigen Mittelsmann vornehmen können, ist mittels Blockchain-Protokoll oder Smart Contract möglich. Das Ganze hat mit Bitcoin begonnen. Bitcoin ist eine Online-Währung, die ohne Banken und ohne Bankmanager auskommt. Das bedeutet, wenn ich Ihnen Geld schicke, dann gibt es zur Validierung der Transaktion keine klassische dazwischen gelagerte Instanz wie eine Bank. Über das Protokoll auf dem Peer-to-Peer-Netzwerk wird per demokratischem Beschluss aller Rechner aus dem Netzwerk über die Transaktion entschieden. Wenn  ich genug Geld in meinem Bitcoin-Konto habe und die Empfängeradresse wirklich existiert, wird die Transaktion durchgeführt. Bitcoin kann als erster Usecase von Blockchain gesehen werden, aber man kann das Protokoll hinter Bitcoin auch für andere Werttransaktionen benutzen. Denkbar wären beispielsweise: Ridesharing ohne Uber, Flatsharing ohne Airbnb oder soziale Netzwerke ohne Facebook und Twitter.

Welche technischen Voraussetzungen sind für die Benutzung nötig?

Man braucht dafür einen Browser, der ein Web 3.0 Plugin hat. Die Benutzeroberfläche sieht wie bei einem herkömmlichen Browser aus und Blockchain ist das, was dahintersteckt. Die Usability ist allerdings noch wahnsinnig schlecht - ähnlich bei den Anfängen des Internets. Das ist einer der Gründe, warum Blockchain noch nicht so weit verbreitet ist. Wenn wir es schaffen, die Usability einfacher und leichter zu gestalten, sodass es auch meine Oma verwenden kann, dann wird sich Blockchain sicher auch weiter verbreiten.

In welchem Bereich wird Blockchain bisher eingesetzt und von wem?

Der erste Anwendungsfall Bitcoin ist wie gesagt aus dem Finanzsektor, was Geldtransaktionen ohne Banken möglich gemacht hat. Bitcoin basiert lediglich auf einem Smart Contract, der dafür sorgt, dass ich ohne Mittelsmann Geld von A nach B schicken kann. Außerdem gibt es Ethereum, eine neue Plattform und die Blockchain, die dafür sorgt, dass ich jeden denkbaren Smart Contract bauen kann. Man kann Ethereum als dezentralen Weltcomputer bezeichnen, auf der jeder mit einfachen Programmierkenntnissen Smart Contracts programmieren kann, z.B. Flugversicherungen ohne Versicherungsgesellschaft oder Energietrading ohne Energiekonzerne. Eigentlich kann ich jede Art von Anwendung darauf programmieren: im Energiebereich, im Versicherungsbereich oder im Educationbereich. Beispielsweise könnte es Peer-to-Peer-Education geben, bei der ich direkt online für meine Nachhilfe bezahlen. Eigentlich ist es wie beim Internet: es betrifft alle Branchen.

Bei Ihren bisher genannten Beispielen geht es immer um monetäre Transaktionen. Ist auch ein Anwendungsfall denkbar, bei dem es nicht um Geld geht?

Ja, natürlich. Geld ist nur ein Wertaustausch, generell geht es um jede Art der Werttransaktion. Es ist auch abbildbar, Dinge über die Blockchain ohne Geldaustausch zu machen. Im Smart Contract wird die Bedingung festgelegt, wie viel zur Ausführung bezahlt werden muss. Die Summe kann dabei auch Null sein. Vielleicht müssen dafür andere Bedingungen erfüllt werden.DollarzeichenBlockchain geht auch ohne Geldaustausch. Bild: [https://unsplash.com/photos/8koEuSiR1zM Jimi Filipovski]

Aus dem akademischen Bereich gibt es aktuell einen Anwendungsfall zum Thema Peer Review, “Blockchain for Science”. Hier versuchen wir, die herkömmlichen Peer-Review-Modelle zu überwinden. In Zukunft könnte ein Autor ein akademisches Paper online stellen und jeder, der die festgelegten Kriterien erfüllt, kann es beurteilen - beispielsweise jemand, der schon eine gute Reputation hat. Der Smart Contract könnte zudem sicherstellen, dass die Beurteilung von jemandem, der schon zehn Paper beurteilt hat, mehr wert ist, als die von jemandem, der noch gar kein Paper beurteilt hat. Wenn es so vorgesehen ist, kann die Honorierung des Reviewers auch über den Smart Contract abgewickelt werden.

Die akademische und angewandte Forschung ist zudem ein interessantes Anwendungsgebiet, wenn es darum geht, Hypothesen zu überprüfen und zu ändern. Es ist wirklich ein großes Problem, dass Forscher zunächst zwar ihre Hypothesen für ein Forschungsprojekt aufsetzen, wenn dann aber Resultate herauskommen, die der Hypothese nicht entsprechen, wird die Hypothese im Nachhinein geändert. Blockchain ist hier hilfreich, weil meine Hypothese auf der Blockchain mit einem Zeitstempel versehen wird und ich meine Ursprungshypothese im Nachhinein nicht mehr fälschen kann.

Können Sie die Funktion eines Smart Contract noch etwas ausführen?

Man kann den Smart Contract als ein Stück Code betrachten, der kein rechtlicher Vertrag ist und noch keine juristische Gültigkeit besitzt. Eigentlich ist er auch nicht besonders ‘smart’, aber sein Vorteil ist die automatische Ausführbarkeit. Das bedeutet, ich kann die Spielregeln einer Transaktion im Vorfeld definieren und in dem Code mit einfachen Wenn-Dann-Regeln darstellen: “Wenn jemand schon 10 Paper bewertet hat, dann gilt seine Stimme um soundsoviel Prozent mehr”. Oder “Nur jemand, der einen Universitätsabschluss hat, darf dieses Paper bewerten.” Stellen wir uns eine Plattform “Research Gate 3.0” vor. Dort wäre ich mit meiner Identity registriert und könnte sagen: “Das bin ich, ich habe das und das studiert und schon Paper in dem Bereich geschrieben.” Der Smart Contract würde mich automatisch mit meiner Identität verifizieren und mir die Erlaubnis geben, nicht nur auf das Paper zuzugreifen, sondern auch zu bewerten - ohne dass Daten zentral bei den Betreibern der Plattform abgespeichert werden müssen. Die Bewertung würde danach automatisch publiziert.

Wer überprüft die Zertifikate, in diesem Fall meinen Universitätsabschluss?

 

Die Überprüfung meiner Zertifikate erfolgt automatisch durch den Smart Contract. Da stecken viele technische Details dahinter und Probleme, die noch nicht ganz gelöst sind.Blockchain steckt bei vielen Dingen noch in den Kinderschuhen.

Eine Lösung heißt Verifiable Claims. Wenn ich einen Studienabschluss angebe, können zwar zentrale Autoritäten wie meine Uni sagen: “Ja, das stimmt”, aber es könnten auch einzelne Individuen bestätigen: “Ich habe mit dieser Person an der Uni studiert”. Jede Plattform kann für sich selbst entscheiden, welche Zertifikate gültig sind: akzeptiert man nur klassische, zentrale Instanzen wie Universitäten oder akzeptiert man auch, was andere Leute über einen sagen. Das Wichtige ist, dass der Smart Contract dies automatisch überprüft. Auf LinkedIn hingegen überprüft das niemand. Dort kann ich irgendetwas behaupten und fünf Freunde bitten, dass sie das fälschlicherweise bestätigen. Im Web 3.0 sind Identitäten, Zertifikate und Behauptungen über automatisch ausführbare Verträge schwerer manipulierbar.

Ok GraffitiVerifiable Claims sagen: "Ja, das stimmt". Bild: [https://unsplash.com/photos/x6Sy2gPHnDo Zed Kolk]

Wie sieht es denn zum Beispiel mit den Lernleistungen aus: mit den Scheinen oder Prüfungen, die Studierende ablegen?

Das basiert auf dem gleichen Prinzip der Verifiable Claims, die an eine Identität gebunden sind. Ich glaube, es ist ein großes Missverständnis, alles mit Blockchain lösen zu wollen, denn das ist tatsächlich nur eine von vielen Technologien im dezentralen Web.

Es könnte doch sein, dass sich daraus etwas Neues entwickelt, aus dem dezentralen Web.

Ich glaube, im Zeitalter des Internets ist das klassische Lernen an Universitäten oder Schulen völlig obsolet geworden. Es ist eine Zeitverschwendung für alle.

Man kann sicherlich Geschäftsprozesse oder Dokumentenverwaltung für Universitätsmanagement auf der Blockchain optimieren. Letztendlich aber wünsche ich mir eine Welt, in der es Peer-to-Peer-Lernen, Peer-to-Peer-Plattformen, Peer-to-Peer-Verifizierungen und -Zertifizierungen gibt und die zentralen Instanzen ersetzen. Universitäten und Schulen haben in einem Zeitalter Sinn gemacht, in dem Bücher und Wissen rar waren und man an einen Ort gehen musste, an dem schlaue Menschen das Wissen gesammelt und erweitert haben und Studenten benotet haben. Seit der Entwicklung des Internets in den 1990er Jahren ist dieses Konzept völlig obsolet.

Ich kenne unterschiedliche Leute, die an Projekten zu Peer-to-Peer-Lernplattformen arbeiten, die blockchainbasiert funktionieren. Das hat aber mit Schule und Universität nichts mehr zu tun. Ich glaube, Peer-to-Peer-Lernen ist die Zukunft. Im Internet haben wir schon das gesamte geballte Wissen und Peer-to-Peer-Lernplattformen könnten Universitäten und Schulen in Zukunft sogar ersetzen. Solche Lernplattformen gibt es zwar im Web 2.0 schon. Auf der Blockchain, im Web 3.0, haben wir zusätzlich auch die Mittel der Reputationssysteme, die im Web 2.0 noch nicht ganz ausgereift waren. Damit können wir auch dezentral Zertifizierungen vergeben, die sinnvoller funktionieren als zentrale Instanzen. So ähnlich wie das Peer-Review. In der zentralisierten Welt habe ich einen Lehrenden, der mir eine Prüfung abnimmt und dann bescheinigt: “Ja, Shermin kann das und ich gebe die Note 1, 2, 5 oder 6.” Im dezentralen Web habe ich Schwarmintelligenz. Menschen, die selber Zertifikate haben, können mich dann bewerten. Dadurch entgehe ich der Willkür von Einzelpersonen, die mir vielleicht aus persönlichen Gründen eine schlechtere Note geben.

Also macht man sich auch die Anonymität zunutze.  

Man ist vielleicht gar nicht anonym, aber man ist der Willkür einer zentralen Instanz eines Lehrers, Professors oder einer Universität nicht mehr unterlegen.

Man bräuchte die Schwarmintelligenz auch dazu, das gesammelte Wissen im Internet zu überprüfen, denn nicht alles, was irgendwo geschrieben steht, stimmt auch.

Ja, weil wir noch keine funktionierenden Reputationssysteme haben. Die meisten Leute halten leider nach wie vor an Konzepten des Analogen Zeitalters fest, als hätten wir das Internet noch nicht erfunden. Als würde die Wahrheit von einer zentralen Instanz zertifiziert werden können. Wir haben Twitter, haben aber keine Reputationssysteme für Twitter. Wir können auf Twitter nicht den Troll vom Experten unterscheiden und das ist unser Problem. Zum ersten Mal haben wir im Web 3.0 die Möglichkeit, Reputationssysteme für soziale Netzwerke einzuführen, die auf der Blockchain aufbauen. Dort würde man ökonomisch abgestraft: über den Smart Contract verliert man z.B. Geld, wenn man etwas Falsches sagt. Das sind aber alles Anwendungen, die noch gar nicht vollständig modelliert sind und sich noch im Stadium des Prototypen befinden. Ich könnte sagen: “Okay, der und der hat das zu einem Zeitpunkt gesagt”. Aber jetzt sagen in sozialen Netzwerken hunderttausend Leute: “Hey, das ist falsch!” Es hat sich herausgestellt, dass es falsch ist und meine Reputation sinkt. Das können Reputation Points sein oder es kann sein, dass ich dadurch Geld verliere.

PrivatsphäreDie Daten werden nicht zentral gespeichert. Bild: [https://unsplash.com/photos/u5Zt-HoocrM Dayne Topkin]

Wem gehören die Daten in einem dezentralen Netzwerk?

In einem dezentralen Netzwerk gehören die Daten mir. Stichworte sind hier “Self-Sovereign Data” und “Self-Sovereign Identity”. Die Daten sind weder auf einem Server, noch auf der Blockchain. Auf der Blockchain sind nur die Daten der Transaktionen abgespeichert, nämlich: wer hat wann was gemacht. Persönliche Daten aber sollten nie auf der Blockchain abgespeichert werden.

Was wir in der ersten Generation Internet gemacht haben, war: wir haben die analoge Welt genommen und sozusagen ins Digitale transformiert. Aber wir sind nicht davon ausgegangen, dass man die Sachen in der digitalen Welt eigentlich auch anders machen kann. Mit den Blockchains und dem dezentralisierten Web gibt es keine zentrale Datenspeicherung mehr, sondern die Daten liegen bei der Person, der sie gehören. Wir erfinden die Datenstruktur neu und passen sie an die vernetzte Welt an. Da brauche ich keine Dateien mehr, die ich hin und herschiebe. Es reicht, wenn das Teil einmal auf einem Computer ist und ich beispielsweise über Social Linked Data dorthin referenziere.

Kommen wir kurz auf das Thema Manipulation zu sprechen: Blockchain gilt als sehr vertrauenswürdig und unveränderlich, aber Sie meinten: die Manipulation ist lediglich erschwert.

Ja, 100% sicher ist nichts. Wir haben im dezentralen Web keine “unique point of failure” mehr. Damit ich Daten manipuliere, muss ich einen Großteil des Netzwerks manipulieren und in der Transaktionsgeschichte zurückgehen. Durch die neue Form der Datenstruktur - weil Daten nicht mehr zentral gespeichert sind - ist es schwieriger, Daten zu manipulieren. Ich müsste einen großen Aufwand betreiben: die Daten auf hunderttausenden Computern manipulieren, zusätzlich in der Transaktionskette zurückgehen und mit kryptografischen Schlüsseln hoch hunderttausend rechnen, wenn ich so viele Transaktionen in der Geschichte zurückgehe. Das ist eine unglaubliche Rechenleistung, die ich bräuchte. Da müsste ich Milliarden reinstecken, und dafür, dass ich vielleicht ein paar Tausend Euro stehle, ist das lächerlich.

Um noch einmal zurückzukommen auf die Idee vom Peer-to-Peer-Lernen. Welcher Akteur ist dafür am besten geeignet, die Plattformen bzw. diese Art von Lernen voranzutreiben?

Es ist keine Plattform, wir schaffen gerade mit dem Web 3.0 traditionelle Web 2.0 Plattformen ab, auf denen Daten zentral gespeichert und verifiziert werden. Es gibt auch keinen zentralen Akteur. Jeder kann das machen. Und jeder kann hier mitspielen.

Meinen Sie, die Bewegung von unten reicht, um sich irgendwann durchzusetzen?   

Ja, ich glaube schon. Es ist jetzt schon lächerlich.

Ich unterrichte an der Uni und ich sage allen Studierenden, sie können sich ihren Abschluss in die Haare schmieren, der wird ihnen überhaupt nichts bringen.

Universitäten und Schulen sind meiner Meinung nach schon seit Jahren obsolet und werden immer unnötiger. Ich glaube, in den nächsten zehn Jahren werden uns die Kinder umbringen, wenn wir sie zwingen, in die Schule zu gehen. Unser Schulsystem ist doch aus dem tiefsten 19. Jahrhundert und ist unreformierbar. Die einzige Alternative sind alternative Plattformen, die es den Leuten ermöglichen, alternativ zu lernen. Die größten und wichtigsten Firmen sagen schon jetzt, dass ein Universitätsabschluss heutzutage nicht mehr relevant ist. Die großen Unternehmensberater, die früher auf einen Einser Universitätsabschluss gepocht haben, stellen jetzt auch Leute ein, die niemals auf die Uni gegangen sind. Lernen funktioniert heute anders, Lernen muss sich neu erfinden. In der Form, dass der Professor oder der Lehrende vielmehr ein Coach ist.

Jetzt benutzen Sie aber auch das Wort “alternative Plattformen”.

Das stimmt (lacht). Es ist letztendlich aber keine Plattform in dem Sinne, die von einer zentralen Person gesteuert wird, sondern eine, die vom Peer-to-Peer-Netzwerk beeinflussbar ist. Ich glaube, es wäre sinnvoll, wenn Universitäten anfangen würden, zusätzlich zu ihrem normalen Universitätsbetrieb zu überlegen: “Wie könnten wir auf der Blockchain Lernen neu erfinden?” Ich denke, dass uns vielleicht die Universitäten helfen könnten, in dem Sinne: “Okay, wir wissen eigentlich, dass wir obsolet sind, warum helfen wir nicht mit und machen den ersten Schritt, um Lernen neu zu erfinden.”

Was könnte das für Universitäten konkret bedeuten?

Obsoleszenz"Universitäten sind obsolet" Bild: [https://unsplash.com/photos/YZiJS_QrPao Rebecca Matthews]

Vielleicht können die progressiven Universitäten sowie die progressiven Professorinnen und Professoren selber spielerisch herausfinden: “Was ist Blockchain und wie können wir das für eine neue, alternative Form des Studierens verwenden?” Und wenn sie mutig sind, dann stellen sie ihre Rolle als “central trusted third party” infrage. Ich glaube, nur so werden Universitäten überleben. Indem sie sich bewusst machen, dass das Jahr 1960 längst vorbei ist, das Internet schon seit 30 Jahren existiert und mit Blockchain der nächste Boost auf sie zukommt, mit dem zentrale Instanzen mit Zertifizierungsautorität abgelöst werden können.

Wenn eine Uni Lust hat, ein Experiment zu wagen, dann kann sie mich gerne kontaktieren. Sie könnten mit mir und dem BlockchainHub zusammenarbeiten. Wir könnten ein Pilotprojekt auf der Blockchain aufsetzen und uns die Entwicklung gemeinsam anschauen.

Das müssten wir gemeinsam machen, weil die Technologie noch sehr neu ist und in den Kinderschuhen steckt - ähnlich wie das Internet 1990. Wir wissen noch nicht, wohin die Reise geht und wir können erst mit Trial and Error schauen, was überhaupt möglich ist.

Frau Voshmgir, Ihr Schlusswort?

Es gibt noch keine fertigen Lösungen. Aber klar ist, dass auch die Universität eine zentrale Instanz ist, die Wissen zertifiziert und auch die wird letztendlich auf der Blockchain abgeschafft werden. Die Frage ist, wie sich die Universität im digitalen Zeitalter neu erfinden kann, um den technischen und sozialen Anforderungen der heutigen Zeit, von 2017, gerecht zu werden.

 

Kommentare

Wolfgang Deicke

Wieder was dazugelernt: "Lernen" im 21. Jahrhundert ist primär als Werttransaktion zu verstehen, das Hauptproblem dabei ist die Zertifizierung von Wissen bzw. die Sicherstellung seiner Marktfähigkeit. Dank Blockchain ist das aber eigentlich schon gar kein Problem mehr.

martin lindner

... das rare beispiel einer blockchain-expertin, die keinen nebel verbreitet.

zum "tod der universitäten": das gilt, wenn überhaupt, für die reputationspunkte, die durch leistungsnachweise erbracht werden. de facto haben universitäten aber viel mehr funktionen. sie sind eine art lebensform, und die wahre reputation speist sich am ende aus "X hat 3 Jahre irgendwie erfolgreich mit anspruchsvoller geistiger Tätigkeit auf dem Feld Y im Institut Z verbracht."  dazu kommen die netzwerkontakte (auch die geistigen anknüpfungspunkte), die man während dieser sozialen initiation und geistigen "gehirnwäsche" erwirbt.

wie würde blockchain-studien aussehen, wenn sie auch diese funktionen offizieller unis anders organisieren? dann wäre quasi das netzwerk die universität bzw. auch das institut, an dem geforscht/gelehrt wird.

ein zentrales problem dabei ist, dass die entwicklung zweischneidig ist. so sehr ich dem provozierenden satz von der (potenziell) obsoleten alten universität zustimme, man muss sich klarmachen, dass die absehende regulierung, personalisierung und privatisierung aller bildungswege zuerst immer den starken & privilegierten nutzt -- sie werden noch viel stärker & privilegierter als sie es jetzt schon sind. die "bürokratische" universität war in vieler hinsicht eine errungenschaft, die ein (relativ) offeneres feld erzeugte.

visionen einer universität-der-zukunft, mit oder ohne blockchain, müsste darauf imho eine antwort finden.

Timo van Treeck

Mir scheint hier ein altes Verständnis von Wissen und Lernen mit neuen technischen Möglichkeiten zusammengeführt zu werden. Das führt eigentlich eher zu einem Rückschritt. Wenn alles Wissen im Internet ist, hilft uns das wenig für die Kompetenzen, die erlernt werden müssen, zumindest so lange wie wir dieses Wissen nicht in Handlungen bzw. Handlungsdispositionen von Menschen transferieren können. Maschinen können durch die Verfügbarkeit vielleicht anders lernen, Menschen zumindest nicht grundsätzlich mit Blick auf komplexen Denkleistungen und Handlungen. Der einzige Unterschied: Die absolute Basis für diese Handlungsdispositionen ist jetzt leichter verfügbar.

Auch Aussagen zu Konzepten mit Blockchain wie: “Dort würde man ökonomisch abgestraft: über den Smart Contract verliert man z.B. Geld, wenn man etwas Falsches sagt.” sind zumindest in dieser hoffentlich nur krass zugespitzten Form gerade etwas, das einer Innovationsfreundlichen Kultur nun wirklich nicht zuträglich ist.

Wo bleibt die Diskussion zur Fehlerkultur, zu positiven Utopien (und aus meiner Perspektive auch sehr gerne zu Dystopien) die nicht aus einer wirtschaftlichen Denke entspringen. So lange wir die mit wirtschaftlichen Mechanismen verbundenen Prozesse nicht im Licht von Emanzipation, Lernen sowie Auswirkungen auf die Gesellschaft kritisch auf den Kopf stellen, bevor wir sie automatisieren und auf Bildungsprozesse übertragen, werden wir a) eine Diskussion führen, die für viele (aus gutem Grund) nicht anschlussfähig ist und b) eine Entwicklung beschleunigen, die im schlechtesten Sinne kopflos passiert.

Was mir dagegen einleuchtet, sind die Überlegungen Open Badges und Blockchain miteinander zu verbinden. Wenn ich das richtig sehe, hat das Sandra Schön bspw. hier in ihrem Foliensatz gemacht. Und ich bin sehr gespannt, wie Lambert Heller beim OERcamp17 in Hamburg Blockchain thematisieren wird.

Zurück zum Lernverständnis: Lehrende als Coach zu betrachten, ist etwas, das in der Hochschuldidaktik mindestens seit der Diskussion des Shift from Teaching to Learning (Barr & Tagg 1995) vertreten wird (ok, wir können darüber diskutieren, warum es sich noch nicht flächendeckend durchgesetzt hat, aber das wäre eine andere Diskussion).

Und wie hier in dem Blobeitrag argumentiert, dass wir anderes Lernen brauchen? Ausschließlich aus Unternehmenssicht: “Die größten und wichtigsten Firmen sagen schon jetzt, dass ein Universitätsabschluss heutzutage nicht mehr relevant ist. Die großen Unternehmensberater, die früher auf einen Einser Universitätsabschluss gepocht haben, stellen jetzt auch Leute ein, die niemals auf die Uni gegangen sind.” Der Wissenschaftsrat hat 2015 beispielsweise betont, dass es an der Hochschule um (Fach-)Wissenschaft, Persönlichkeitsbildung und Arbeitsmarktvorbereitung gehen sollte.

Grundsätzlich mit neuen Formen zu experimentieren halte ich für wichtig, wenn man die obigen Dinge dabei mitdenkt. Und sich mal endlich von einer alten Vorstellung von Hochschulen wie der folgenden verabschiedet: “Es gibt noch keine fertigen Lösungen. Aber klar ist, dass auch die Universität eine zentrale Instanz ist, die Wissen zertifiziert und auch die wird letztendlich auf der Blockchain abgeschafft werden.” Das ist eine von mehreren Funktionen von Hochschulen, und es geht längst nicht nur darum, Wissen zu zertifizieren. Es geht an Hochschulen darum, Wissen gemeinsam zu entwickeln, zu forschen, Bildung zu betreiben, alles zusammen. Und der Anspruch ist es, Kompetenzen zu entwickeln und zu zertifizieren, davon ist Wissen nur ein Teil. Wer sich von der im Blogpost dargestellten alten Vorstellung von Hochschulen nicht verabschiedet, wird auch mit neuen Entwicklungen an den innovativen Hochschulen vorbeireden und vorbei experimentieren.

Ansonsten aber Danke für den Beitrag, vielleicht kann man - auch mit den anderen Blockchain-Bezügen, das Thema gemeinsam weiter für sinnvolle Bildungsprozesse nutzen.

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