Neue Publikation: Gefährdet generative KI die digitale Autonomie im Studium?

Neue Publikation: Gefährdet generative KI die digitale Autonomie im Studium?

20 July 2026

Generative KI erleichtert Studierenden viele Aufgaben. Doch unterstützt sie damit auch selbstbestimmtes Lernen – oder gefährdet sie den Erwerb grundlegender Kompetenzen? Das neue HFD-Diskussionspapier von Stefan Münzer, Stefanie Go und Benjamin Paaßen nimmt das Risiko des Deskilling in den Blick und formuliert Handlungsaufträge für Fächer, Lehrende und Studierende.

Die weitgehend freie Entscheidung, generative KI im Studium einzusetzen, ist nicht automatisch Ausdruck digitaler Autonomie. So lautet eine zentrale These des neuen Diskussionspapiers. Die Autor:innen verstehen digitale Autonomie als die Fähigkeit, digitale Werkzeuge selbstbestimmt zur Verfolgung authentischer Bildungsziele zu nutzen – etwa zum Erwerb fachlicher Kompetenzen, zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Integration in eine wissenschaftliche Fachkultur.

Generative KI gehört längst zum Studienalltag. Studierende nutzen sie unter anderem, um wissenschaftliche Texte zu erschließen, Hausarbeiten zu verfassen, sich auf Prüfungen vorzubereiten oder ihr Studium zu organisieren. Im Vordergrund stehen dabei häufig Zeitersparnis, ein leichterer Zugang zu komplexen Inhalten und die Auslagerung kognitiver Arbeitsschritte. Vertieftes Verständnis und eine intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten werden dagegen seltener als Gründe für die Nutzung genannt.

Das Diskussionspapier warnt deshalb davor, das Risiko des Deskilling, also des Verlusts oder unzureichenden Aufbaus fachlicher Kompetenzen, zu unterschätzen. Quantitative Befragungen können zwar Einstellungen und Selbsteinschätzungen erfassen, geben aber kaum Aufschluss darüber, wie sich der Einsatz von KI tatsächlich auf fachliche Fähigkeiten auswirkt. Beobachtungen aus konkreten Lehr- und Lernsituationen legen jedoch nahe, dass grundlegende Kompetenzen beim Lesen, Schreiben und eigenständigen Lösen von Aufgaben beeinträchtigt werden können. Obwohl viele Studierende dieses Risiko selbst erkennen, folgen daraus nicht zwangsläufig entsprechende selbstregulative Verhaltensweisen.

Auch traditionelle Prüfungsformen geraten dadurch unter Druck. Studierende zweifeln selbst daran, ob klassische Hausarbeiten unter den Bedingungen umfassender KI-Nutzung noch als verlässlicher Kompetenznachweis geeignet sind. Gleichzeitig bewegen sie sich angesichts uneinheitlicher oder fehlender Vorgaben häufig in einer Grauzone: Welche Unterstützung ist erlaubt, und ab wann wird die geforderte Eigenständigkeit verletzt?

Die Autor:innen vertreten daher eine bewusst zugespitzte Position: In bestimmten Phasen des Studiums könne eine stärkere Regulierung des KI-Einsatzes notwendig sein, um den Erwerb grundlegender Kompetenzen zu sichern. Eine solche Einschränkung kurzfristiger Handlungsfreiheit müsse digitaler Autonomie nicht entgegenstehen. Sie könne vielmehr dazu beitragen, dass Studierende langfristig eigenständig urteilen, handeln und KI-Ergebnisse fachlich bewerten können. Gefordert sind dabei keine pauschalen Verbote, sondern fachspezifische Entscheidungen darüber, welche Kompetenzen unverzichtbar sind, wie sie erlernt werden und in welchen Prüfungsformaten ihr Erwerb verlässlich nachgewiesen werden kann.

Das Papier beschreibt hierfür drei Handlungsebenen: Die Fächer sollten ihre Kompetenzziele, Curricula und Prüfungsformen überprüfen. Lehrende müssen Lernziele und Regeln für den KI-Einsatz transparent machen und Lerngelegenheiten schaffen, die eine eigenständige Kompetenzentwicklung fördern. Studierende wiederum sind gefordert, kurzfristige Vorteile wie Zeitersparnis gegen die langfristigen Ziele ihres Studiums abzuwägen. Die Publikation richtet sich insbesondere an Lehrende, Fakultäten und Studiengangsverantwortliche sowie an Studierende, Fachschaften und Fachgesellschaften.

Erste Diskussionen über digitale Autonomie in der Hochschulbildung fanden im Rahmen eines Workshops in Bielefeld statt. Aus diesem Austausch ging die Gruppe AIDARE Education hervor. Ihre Mitglieder haben die Entwicklung der im Diskussionspapier behandelten Fragestellungen mit angestoßen.

Das Diskussionspapier „Gefährdet generative KI die digitale Autonomie im Studium?“ ist als Diskussionspapier Nr. 41 des Hochschulforums Digitalisierung erschienen. Autor:innen sind Stefan Münzer, Professor für Bildungspsychologie an der Universität Mannheim, Stefanie Go, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld und am Kompetenzzentrum Soziale Dienste, sowie Benjamin Paaßen, Juniorprofessor:in für Wissensrepräsentation und Maschinelles Lernen an der Universität Bielefeld.

publikation

Diskussionspapier Nr. 41: Gefährdet generative KI die digitale Autonomie im Studium?

20.07.2026