Agenten, Avatare und Androiden: Neue Akteure in der Hochschulbildung – neue Rollen für uns alle?

Agenten, Avatare und Androiden: Neue Akteure in der Hochschulbildung – neue Rollen für uns alle?

10.08.26

Bunte Stiftzeichnungen von Menschen, die mit Computern interagieren.

Wie können Hochschulen der Entwicklung von dialogbasierter KI hin zu multiagentischen und verkörperten KI-Systemen begegnen? Diese Frage stand im Fokus des Symposiums „Agenten, Avatare, Androiden: Neue Akteure in der Hochschulbildung?“, das am 14. Juli an der FernUniversität in Hagen stattfand. Die entscheidende Frage ist längst nicht mehr, ob diese KI-Systeme Teil von Hochschulbildung und -Praxis werden, sondern wie sich die Rollen von Lehrenden, Lernenden und KI-Systemen neu gestalten sollten.

Von Werkzeugen zu autonom handelnden Akteuren

Die Diskussionen über KI in der Hochschulbildung wurden in den vergangenen Jahren vor allem durch generative KI-Systeme geprägt. Diese schreiben Texte, erstellen Bilder, programmieren oder fassen Inhalte zusammen. Doch die derzeitige Entwicklungsstufe geht einen Schritt weiter.

KI-Agenten verfolgen eigenständig Ziele, planen Handlungen und koordinieren Arbeitsschritte. Digitale Avatare schaffen soziale Präsenz und eröffnen neue Formen der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Androiden wiederum zeigen künstliche Intelligenz in physischer Form. Alle Systeme markieren den Übergang von KI als Werkzeug hin zu KI als autonom handelnden Kooperations- und Interaktionspartner. 

Diese Entwicklungen wurden umfangreich im Rahmen des Symposiums diskutiert. Ziel war es, die Auswirkungen dieser neuen KI-Systeme auf Lehren und Lernen zu reflektieren und neue Impulse für die Hochschulpraxis zu entwickeln. Veranstalter waren der KI-Campus-Hub NRW der FernUniversität in Hagen (Prof. Dr. Claudia de Witt, Caroline Berger-Konen) gemeinsam mit dem KI:Expertisezentrum.nrw (Dr. Peter Salden, Robert Queckenberg) und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V..

Foto: FernUniversität in Hagen

Agenten und Avatare sind längst Teil der Hochschulpraxis

Während Androiden derzeit nur in einzelnen hochschulischen Bereichen (z. B. Medizin) eingesetzt werden, sind Agenten (eng. Agents) und Avatare bereits in zahlreichen Hochschulkontexten im Einsatz. 

Das Thema AI-Agents wurde im interaktiven Workshop von Stefan Göllner und Andreas Sexauer fokussiert. Der Workshop verfolgt nach einer Einführung und Demonstration der Funktionsweise von KI-Agenten das Ziel, die Teilnehmenden dabei anzuleiten, eigene agentische Anwendungsszenarien für reale Aufgaben zu entwickeln und dabei geeignete Schnittstellen sowie Werkzeuge zu identifizieren.

Dabei wurde deutlich, dass die größte Herausforderung nicht technischer Natur ist, sondern vor allem in der Umsetzung liegt: Die eigentliche agentische Aufgabe muss zunächst erkannt, präzise beschrieben und sinnvoll strukturiert werden. Darauf aufbauend gilt es, den Agenten mit den passenden Fähigkeiten, Werkzeugen und Ressourcen auszustatten sowie dessen technische Ausgestaltung angemessen zu dimensionieren.

Auch Avatare verändern bereits heute Lehr-Lernprozesse. Gemeinsam mit Univ.-Prof. Dr. Malte Persike diskutierten die Teilnehmenden, welche neue Möglichkeiten für Beratung, Betreuung, Simulation oder auch für kollaboratives Lernen eröffnet werden können, wobei äußerst heterogene Anforderungen an das Erscheinungsbild von Avataren seitens der Lehrenden bestehen. Entscheidend ist dabei weniger ihre technische Perfektion als ihre Fähigkeit, soziale Teilhabe zu ermöglichen und Kommunikation zu erleichtern.

Androiden hingegen werfen vor allem Fragen für die Zukunft auf. Im kreativen Workshop mit Jun.-Prof. Dr. Christian Leineweber wurde u. a. gefragt: Welche Aufgaben könnten verkörperte KI-Systeme in Laboren, Lernräumen oder in der praktischen Ausbildung übernehmen? Welche Formen von Interaktion entstehen, wenn KI nicht nur spricht, sondern physisch nahbar erscheint?

Noch sind diese Szenarien in den meisten Studiengängen eher Vision als Alltag doch die Diskussionen verdeutlichten, dass technologische Innovationen nicht erst dann für Bildungskontexte zu reflektieren sind, wenn sie flächendeckend zur Verfügung stehen, sondern bereits dann, wenn sie neue Perspektiven für zukünftige Formen des Lernens und Lehrens eröffnen.

Foto: FernUniversität in Hagen

Drei Keynotes: Harness-Engeneering, funktionalistisches Lernen und hybride Intelligenz

Ein zentraler Impuls aus der Keynote von Prof. Dr. Doris Weßels war das Konzept des Harness Engineering. Wenn KI-Agenten zunehmend autonom planen, Entscheidungen treffen, Handlungen durchführen und mit anderen KI-Agenten interagieren, besteht die Herausforderung nicht mehr primär darin, einzelne Prompts zu optimieren.

Vielmehr geht es darum, die Zusammenarbeit von multiplen Agentensysteme zu orchestrieren und diese verantwortungsvoll für die von Menschen gesetzten Ziele einzusetzen. Damit verbunden ist ein Verständnis von AI Leadership, das über ein reines Anwendungswissen weit hinausgeht:

„AI Leadership bezeichnet die Kompetenz, den Einsatz von KI-Systemen innerhalb eines werteorientierten, transparenten und reflektierten Rahmens zu steuern – ohne dabei die Entscheidungshoheit an die eingesetzte Technologie abzugeben. Diese Definition erweitert etablierte Konzepte wie Digital Literacy, Data Literacy und AI Literacy um eine entscheidende Dimension: die aktive Führungs- und Managementkompetenz. Es geht nicht mehr nur darum, KI zu verstehen oder anzuwenden, sondern sie strategisch zu steuern und dabei ethische sowie rechtliche Aspekte im Blick zu behalten.“
vgl. Weßels 2026

Zum Abschluss ihrer Keynote griff Prof. Dr. Doris Weßels eine eindrückliche Schiffsmetapher auf, die die Diskussionen des Tages prägte: Hochschulen gleichen im Hinblick auf die Veränderungen, die mit KI-Systemen einhergehen, derzeit eher einem traditionellen Holzschiff, das metaphorisch für Stabilität, Verlässlichkeit und tradierte Strukturen steht. Die Entwicklungsgeschwindigkeit von KI-Systemen erfordert hingegen innovative Schnellboote, die neue Kurse setzen, „Wellengänge“ und „Stürme“ aushalten und auch selbst als Motor für Veränderungen stehen.

Die zentrale Frage lautete daher nicht, ob Hochschulen ihre Traditionen zugunsten von Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit vollumfänglich aufgeben sollten, vielmehr gehe es darum, wie sie vor dem Hintergrund tradierter Konzepte und Steuerungsmechanismen technologische Innovationen einbinden, nutzen und für Bildungsziele entsprechend weiterentwickeln können. 

Foto: FernUniversität in Hagen

Anschließend ordnete Prof. Dr. Kevin Liggieri die aktuellen Entwicklungen technikphilosophisch ein. Er zeichnete die historische Entwicklung verschiedener Lernverständnisse nach und unterschied zwischen einem humanistischen Bildungsverständnis, das den Menschen als selbstbestimmtes Subjekt in den Mittelpunkt stellt, und einem funktionalistischen Verständnis, das Lernen stärker als Optimierung von Fähigkeiten und Leistungen begreift.

Gerade im Hinblick auf künstlich intelligente Systeme gewinnt diese Unterscheidung erneut an Aktualität: Die Frage ist nicht nur, was KI leisten kann, sondern auch, welchem Lern- und Bildungsverständnis ihr Einsatz folgt.

Foto: FernUniversität in Hagen

Eine der zentralen Erkenntnisse des Symposiums war auch, dass sich die Diskussion zum kritisch-reflexiven Einsatz von KI-Systemen in der Hochschulbildung nicht in einem Gegensatz zwischen Mensch und Maschine erschöpfen darf.

In der dritten Keynote beschrieben Prof. Dr. Claudia de Witt, Caroline Berger-Konen und Silke Wrede Formen hybrider Intelligenz, deren Potenziale für die Hochschulbildung in der komplementären Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine liegen. Menschliche Stärken spiegeln sich in Werteorientierung, Kreativität, Empathie und Verantwortungsbewusstsein.

Die Stärken von KI-Systeme liegen hingegen in der Verarbeitung große Datenmengen, sie können Muster erkennen, eine Fülle an Informationen strukturieren und auch administrative Routineaufgaben übernehmen. Werden beide Potenziale entsprechend der von Menschen gesetzten Ziele werteorientiert miteinander verbunden und genutzt, eröffnen sich neue Gestaltungsmöglichkeiten für Lehr- und Lernprozessen.

Gleichzeitig wurde im Vortrag verdeutlicht, dass hybride Intelligenz kein technischer Selbstläufer sein darf, denn geeignete mediendidaktische Konzepte, soziale Interaktionen, sowie menschliche Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume sind einige Voraussetzungen, die in Bildungskontexten zentral bleiben müssen.

Foto: FernUniversität in Hagen

Mehr KI und gleichzeitig weniger KI

Besonders prägnant brachte die abschließende Podiumsdiskussion diese Spannung auf den Punkt: Hochschulen brauchen gleichzeitig mehr und weniger KI. Auf den ersten Blick wirkt diese Aussage widersprüchlich, tatsächlich beschreibt sie jedoch eine der zentralen Herausforderungen im Kontext von KI in der Hochschulbildung. 

„Mehr KI“ bedeutet, ihre Potenziale für Bildungskontexte zu nutzen: für personalisierte Lernangebote, intelligente Assistenzsysteme, administrative Entlastung, adaptive Lernumgebungen oder neue Formen der komplementären Zusammenarbeit. „Weniger KI“ bedeutet, den Kern akademischer Bildung bewusst zu schützen. Bildung lebt von kritischem Denken, wissenschaftlicher Urteilskraft, persönlicher Begegnung und verantwortlichem Handeln – Qualitäten, die, auch mit Blick auf die Forderung nach KI-freien Räumen, weiter zu bewahren sind.

In der Diskussion wurde deshalb auch für ein „gesundes Misstrauen“ gegenüber KI-Systemen plädiert. Gemeint ist keine grundsätzliche Skepsis gegenüber technologischen Innovationen, sondern eine reflektierte Haltung: KI-generierte Ergebnisse sollten nicht unkritisch übernommen, sondern erst überprüft, eingeordnet und dem jeweiligen Kontext entsprechend bewertet werden.

Foto: FernUniversität in Hagen

Neue Akteure – neue Rollen

Insgesamt zeigte das Symposium, dass wir uns mitten in einem grundlegenden Wandel befinden. Agenten und Avatare sind bereits im Einsatz und auch androidische Systeme gewinnen zunehmend an Bedeutung für Hochschulkontexte. Die entscheidende Aufgabe besteht nun darin, deren Rolle so zu gestalten, dass sie das Lehren und Lernen in der Hochschulbildung – entsprechend den von Lehrenden und Lernenden gesetzten Zielen –  unterstützen, ohne dabei die humanistischen Werte von Hochschulbildung aus dem Blick zu verlieren.

Denn wenn KI zunehmend zur Mitakteurin wird, verändert sich nicht nur die Art, wie wir lernen. Die Diskussionen werden auch weiterhin darum kreisen, was gute Lehre zukünftig ausmacht, welche Rahmenbedingungen dafür notwendig sind und welche Rollen und Aufgaben wir selbst dabei schon jetzt übernehmen sollten.

Autorin

Caroline Berger-Konen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet Bildungstheorie und Medienpädagogik an der FernUniversität in Hagen. Im Fokus ihrer Arbeit stehen die Potenziale und Herausforderungen künstlich intelligenter Systeme für Bildungsprozesse sowie Fragen der KI-Kompetenzentwicklung und des lernförderlichen, kritisch-reflexiven und verantwortungsvollen Einsatzes von KI in Studium und Lehre. Im BMFTR-Projekt „KI-Kompetenzen an Hochschulen stärken“ leitet sie Open Think Tanks und weitere Communityformate, um den interdisziplinären Austausch und den Wissenstransfer zu KI für eine werteorientierte Weiterentwicklung von Hochschulbildung zu stärken.

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