Wachsamkeit & Verifikation: Wege aus der digitalen Vertrauenskrise
Wachsamkeit & Verifikation: Wege aus der digitalen Vertrauenskrise
02.09.26
Es ist eine traurige Wahrheit: Im Internet wie im analogen Leben, im Hochschulbereich wie darüber hinaus meinen es nicht alle gut mit einem. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie man Falschinformationen erkennt und mit Täuschungen umgeht. In ihrem neuen Blogbeitrag klären Christoph Koitka-Fieke und Simon Vonlanthen über die gängigsten Gefahren in diesem Bereich auf und geben konkrete Ratschläge, wie Sie sich sicher im Internet und im Hochschulbereich bewegen. Weiterführende Informationen finden sich in einer Publikation zum selben Thema.
Die maßgebliche Währung von Wissenschaft und Hochschulen ist das Vertrauen: in saubere Arbeit, in belastbare Ergebnisse und in gut informierte Diskursräume. Dieses Vertrauen ist keine Selbstverständlichkeit, sondern wird durch kontinuierliche Bemühungen immer wieder aufgebaut und erhalten.
Genauso gibt es seit jeher Angriffe auf die Integrität von Hochschule und Wissenschaft. Die Digitalisierung hat diese, wie viele andere Felder auch, dynamisiert und vorangetrieben. Es ist heute leichter, Quellen zu fälschen oder Belege zu fabrizieren, als es das noch vor wenigen Jahren der Fall war.
Die Hochschulen sind deswegen diesen Angriffen aber nicht schutzlos ausgeliefert. Die Antworten halten in den meisten Fällen technisch mit. Es geht aber nicht darum, in ein digitales Wettrüsten zwischen falschen und wahren Informationen einzutreten – die Verifikation ist nur eine Säule unseres Ansatzes.
Im Folgenden stellen wir die häufigsten Probleme vor, die im Zusammenhang mit falschen Informationen das Hochschulsystem belasten – und zeigen, wie man ihnen auf individueller Ebene effektiv begegnet.
Fake News
Falschinformationen und gezielte Desinformation stellen Hochschulen vor eine doppelte Herausforderung: Studierende müssen lernen, manipulative Inhalte in sozialen Medien und Nachrichtenquellen zu erkennen. Gleichzeitig sind Hochschulen selbst Ziel von Desinformationskampagnen.
Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse (etwa zu Klimawandel, Impfungen oder Pandemien) gezielt verzerrt oder aus dem Kontext gerissen werden, müssen Wissenschaft und Hochschulen sich effektiv wehren können. Medienkompetenz und kritischer Umgang mit Quellen sind schon immer Kernkompetenzen akademischer Bildung – und bleiben auch digital wichtig.
- Im deutschsprachigen Raum ist der correctiv-Faktencheck der Goldstandard – hier können auch Beiträge eingeschickt werden.
- Das Recherche-Kollektiv Bellingcat ist auf Recherche mit modernen Technologien und öffentlich zugänglichen Daten spezialisiert. Auf der Website wird anhand von echten Recherchen detailliert gezeigt, wie sich Fake News entlarven lassen.
- Für den Hochschulkontext ist besonders interessant, in welchen Dimensionen und Konstellationen sich Desinformationen bewegen. Die seit März 2026 geförderten Projekte des BMFTR zum Thema Desinformation – erkennen, verstehen, abwehren zeigen den aktuellen Stand von Forschung. Technik und gesellschaftlicher Debatte.

Deep Fakes und andere KI-Inhalte
KI-generierte Text-, Bild-, Audio- und Videofälschungen eröffnen im Hochschulkontext neue Missbrauchsszenarien: von gefälschten Aussagen prominenter Wissenschaftler:innen über manipulierte Prüfungsvideos bis hin zu gezielter Rufschädigung von Lehrenden oder Studierenden. Besonders problematisch ist die zunehmend niedrige technische und soziale Hemmschwelle bei der Erstellung solcher Inhalte.
Professionelle Kenntnisse oder schwer zugängliche Software sind kaum noch erforderlich. Hochschulen brauchen sowohl technische Detektionswerkzeuge als auch klare Richtlinien und Sanktionsmechanismen, um dieser Bedrohung institutionell begegnen zu können. Für Einzelpersonen ist vor allem wichtig, die Problematik zu kennen und zu wissen, wie man im Zweifel eine Überprüfung durchführt.
- Nicht verteufeln – verstehen, Rahmen setzen, Verstöße ahnden – das gilt für Hochschulen als Institution ebenso wie für Lehrende im Hochschulbetrieb.
- Prüfen, was echt ist: Der von der EU gefördert „Fake News Debunker“ hilft dabei mit KI-Unterstützung.
- Selbst prüfen: Wer weiß, worauf zu achten ist, kann Fake News und Deep Fakes auch ohne technische Hilfe oft schnell erkennen. Mit dieser Checkliste weiß jede:r, worauf zu achten ist.

Predatory Journals
Raubverlage, die gegen Gebühr wissenschaftliche Artikel ohne echte Qualitätssicherung publizieren, untergraben die Integrität des wissenschaftlichen Publikationssystems. Für Nachwuchswissenschaftler:innen, die unter Publikationsdruck stehen, sind sie besonders gefährlich: Wer unwissentlich in einem Predatory Journal veröffentlicht, riskiert nicht nur seinen Ruf, sondern trägt auch zur Verbreitung nicht peer-reviewter und potenziell fehlerhafter Forschungsergebnisse bei. Hochschulen sind gefordert, Forschende frühzeitig über Erkennungsmerkmale unseriöser Verlage aufzuklären und verlässliche Orientierung zu geben.
- Das Ombudsgremium für die wissenschaftliche Integrität in Deutschland hat eine detaillierte Handreichung zu Predatory Journals veröffentlicht, die als Orientierung hilfreich ist.
- Das Directory of Open Access Journals listet qualitätsgeprüfte Open-Access-Zeitschriften mit Peer Review. Um gelistet zu werden, müssen Zeitschriften ein aufwendiges Bewerbungsverfahren durchlaufen.
- Think, Check, Submit ist ein praktisches Online-Tool im Stil einer Checkliste, mit der Forschende testen können, ob der Verlag, der ihre Beiträge veröffentlichen will, seriös und wissenschaftlich ist.
KI-halluzinierte Quellen
Texte, die durch generative KI erstellt werden, können fiktive Quellen beinhalten, die von der KI „halluziniert“ wurden. Dabei können einzelne bibliographische Details halluziniert sein – oder auch die gesamte Quelle. Dies betrifft aber nicht nur Bibliografie-Einträge, sondern kann auch Zitate oder sogar Scans beinhalten. Dies macht die Verifikation von Quellen umso dringlicher.
Zum Glück kann man in vielen Fällen mit wenigen Schritten überprüfen, ob eine Quelle echt ist oder nicht. Das allgemeine Ziel ist es, sie im Netz aufzufinden und dadurch alle ihre Details überprüfen zu können – Autorennamen, Erscheinungsjahr, Titel, Journal/Verlag, Erscheinungsort und gegebenenfalls sogar den konkreten Inhalt. Die folgenden Tools helfen dabei:
- Easy-Checks: Angegebene bibliografische Daten lassen sich meistens schnell übers Internet überprüfen. Nebst dem Aufsuchen der Quelle über Suchmaschinen – wir empfehlen DuckDuckGo wegen seiner Privatsphäreneinstellungen – können einzelne Details gezielt überprüft werden:
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- DOI: Die Homepage der DOI Foundation hat eine Suchmaschine, mit der alle Publikationen mit DOIs („digital object identifier“ – persistente ID für Publikationen) gefunden werden können.
- ORCID: Die persistente ID für Forscher:innen kann ebenfalls über eine Search Engine auf der Homepage der vergebenden Organisation gesucht werden.
- Datenbanken: Je nach Quelle kann sich die Recherche mittels Suchmaschinen mühsam gestalten. In Publikationsdatenbanken kann teilweise zielgerichteter gesucht werden. Die größten sind Google Scholar und Semantic Scholar. Es gibt aber auch fachspezifische Datenbanken, wie PubMed für Medizin.
- Preprints und Zitatsuche: Bei der Verifikation von Zitaten oder größeren Abschnitten ist es ideal, Zugriff auf den Volltext zu haben. Häufig steht dieser aber hinter einer Paywall. Als Gegenmaßnahme kann man einerseits das Zitat oder den Abschnitt auf Suchmaschinen als Ganzes suchen, wodurch man manchmal auf Leseproben verlinkt wird, die die Verifikation des Zitats erlauben. Andererseits helfen auch sog. Preprints. Obschon sie von der publizierten Version abweichen können, sind sie häufig zu weiten Teilen identisch. arXiv ist die größte Datenbank für Preprints, es gibt aber auch fachspezifische Versionen (bspw. bioRxiv für Life Sciences).
Retracted Papers
Im Unterschied zu den Fällen von halluzinierten Quellen oder Deep Fakes sind zurückgezogene Studien („retracted papers“) zwar echt, wurden aber nach ihrer Publikation wieder zurückgezogen. Dies kann aus diversen Gründen geschehen, von unbeabsichtigter Verletzung von Urheberrechten bei einzelnen Grafiken über manipulierte Peer-Reviews bis hin zur Verwendung von anderen zurückgezogenen Studien als Quelle. Bei Studien gilt es also zweierlei zu berücksichtigen: zu überprüfen, ob sie zurückgezogen wurde und wenn ja, weshalb.
Für den Umgang mit den Aussagen einer zurückgezogenen Studie ist entscheidend, ob sie wegen einer Urheberrechtsverletzung zurückgezogen wurde oder ob ihr Design schlecht war. Je nach Grund kann im entsprechenden Journal, bei den Autor:innen oder bei Zitierungen der Quelle durch andere Publikation weiterverfolgt werden, ob und inwiefern die Aussagen dennoch stichhaltig waren.
- Um zu überprüfen, ob eine Studie zurückgezogen wurde, findet man häufig auf den Webseiten der Herausgeber einen entsprechenden Vermerk. Achtung: Dieser kann manchmal etwas versteckt sein, solche Webseiten müssen sorgfältig studiert werden.
- Die Retraction Watch ist die größte Datenbank, die sich auf zurückgezogene Studien spezialisiert hat. Dort wird auch immer gleich der Grund für das Zurückziehen genannt.
- Es gibt auch Online-Foren, die sich auf das Post-Publication Peer-Review spezialisiert haben. Dort kann selbst nach genuiner Publikation nachgeschaut werden, ob die Studie gut designt war oder etwaige Mängel aus Sicht der Community aufweist. Ein klassisches Beispiel wäre PubPeer.
Social Engineering
Zur Abrundung der bisher vorgestellten Themen wenden wir uns noch dem Schnittgebiet zwischen Desinformation und Cybersicherheit zu – letzteres ebenfalls ein Aspekt von digitaler Resilienz. Hierzu rückt der „Faktor Mensch“ in den Fokus: Obschon Cybersicherheit eine zentrale Aufgabe der Hochschulverwaltung und -leitung ist, ist es gerade die „Schwachstelle“ des Individuums, die von entscheidender Bedeutung für die Cybersicherheit auf dem Campus ist.
Angreifer verschaffen sich nicht selten über sogenanntes „Social Engineering“ Zugänge zu internen Netzwerken und sensiblen Daten. Dabei ist Social Engineering nichts anderes als das Verwenden von Desinformation zur Täuschung mit den oben genannten Zielen. Die häufigste Form ist dabei das „Phishing“, also das Fischen nach Passwörtern und Zugangsdaten mittels vorgetäuschter Identität über E-Mail, SMS oder Telefon.
- Phishing und verwandte Formen sind aber erst notwendig, wenn die Basics der Cybersicherheit funktionieren. Dazu gehört korrektes Passwort-Management sowie Grundvorsicht in der Benutzung des Internets, Social Media, E-Mail und auch künstlicher Intelligenz.
- Reguläres Phishing ist meistens weder personen- noch gruppenspezifisch und fällt nicht selten durch gängige Muster auf: schlechte Sprache, Druckmache zu bestimmten Handlungen, obskure Absender-Adressen oder fragwürdige Anhänge. Im Zweifelsfalle hilft es, die Kontaktaufnahme auf unabhängigem Wege zu verifizieren, wie bspw. das BSI vorschlägt.
- Beim „Spear-Phishing“ wird vorher gezielt nach Personen oder Gruppen recherchiert, um die Täuschung möglichst gut zu tarnen. Hier gilt: desto weniger man über sich öffentlich preisgibt, desto weniger können Recherchen in öffentlichen Quellen Cyberkriminellen beim (Spear-)Phishing helfen.
Schlussbemerkungen & Fazit
Auf den ersten Blick mögen all diese Tipps und Methoden in ihrer Anzahl und Tiefe überwältigend wirken. An dieser Stelle ist es daher wichtig zu betonen, dass man selbstverständlich nicht jeden News-Artikel, jedes Bild auf den sozialen Medien oder jede wissenschaftliche Publikation ins Detail auf Echtheit überprüfen kann.
Vielmehr gilt es, einen pragmatischen Umgang mit solchen Tools zu entwickeln. Ihr Einsatz ist stark vom Kontext abhängig und muss sich auch lohnen, muss also meist nicht der Standard sein. Eine Methode, um hierzu einen Erfahrungswert aufzubauen, ist es, sich mit folgenden zwei Aspekten zu beschäftigen:
- Täuscherperspektive einnehmen: Zu was lohnt es sich überhaupt, zu täuschen? Wenn man eine Gruppe zum Thema X täuschen wollte, wie würde man es tun?
- Selbstreflexion: Zu was könnte man mich besonders gut täuschen, weil ich bspw. stark emotional darauf reagiere? Welche persönlichen Schwächen würden dazu ausgenutzt werden?
Anstelle also jedes Mal mit den obigen Tools in die Tiefe zu tauchen, kann man auch pragmatisch die Thematik von der anderen Seite her aufrollen: Wo sollte man im Allgemeinen wachsam bleiben, weil dort ein Interesse an Täuschung am ehesten beziehungsweise überhaupt erst besteht? Und wo ist man persönlich besonders verwundbar?
Zusätzlich zum gezielten Einsatz dieser Methoden ist auch der Aufbau von Routine entscheidend. Denn mit zunehmender Übung ist ein DOI-, Deepfake- oder Identitätscheck auch schneller und effizienter durchgeführt! In diesem Sinne möchten wir besonders zum Aufbau von Routine und der Entwicklung individueller Strategien und Vorgehensweisen raten.
Wir haben in diesem Blog-Beitrag häufig die individuelle Verantwortung und Rolle im Umgang mit Desinformation betont. Der gemeinsame Nenner praktisch aller Tools und Methoden war dabei das kritische Denken sowie die Bereitschaft, diese Fähigkeit auch anzuwenden. Bekannterweise sind wir aber fehlbar: Wir fallen alle hin und wieder auf Täuschungen rein, gerade bei den Themen und Inhalten, bei denen wir besonders anfällig sind. Deshalb ist es wichtig zu betonen, dass man die genannte Verantwortung nicht in einem Vakuum, sondern als Teil einer Gesellschaft wahrnimmt.
Leben wir gemeinsam eine positive Fehlerkultur, das heißt wir helfen einander, üben konstruktive Kritik und betrachten Fehler als Lernchancen, steigern wir unsere Resilienz durch eine Stärkung der individuellen Ebene, ohne dabei das Individuum allein zu lassen. So können wir der Gefahr von Desinformation auch in Zukunft umso gestärkter und souveräner entgegentreten.
Autoren

Christoph Koitka-Fieke ist HFD-Referent für IT und Technologie bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Er arbeitet an der Schnittstelle von digitaler Transformation, Technologie-Governance und strategischer Entwicklung im Hochschulkontext. Sein Fokus liegt auf Trendanalyse, Foresight und strategischer Priorisierung, um technologische Entwicklungen einzuordnen und für Entscheidungen nutzbar zu machen. MBA in Management & Innovation mit Hintergrund in Multimedia-Journalismus und internationaler Zusammenarbeit.

Simon D. Vonlanthen ist seit 2026 Referent für (hochschul-)politische Analyse beim Hochschulforum Digitalisierung. Besondere inhaltliche Schwerpunkte liegen dabei auf Themen der digitalen (Demokratie-)Resilienz und Barrierefreiheit. Bevor er ins HFD kam, studierte er Philosophie und Mathematik im Bachelor an der Universität Zürich, danach formale Logik im Master an der Universiteit van Amsterdam. Anschließend promovierte er in Sprachphilosophie und formaler Logik an der Ruhr-Universität Bochum.
Uwe Reckzeh-Stein ![Illustration zu einem Blogbeitrag über digitale Souveränität: Zwei Personen arbeiten mit Laptop und Unterlagen vor einem Whiteboard mit Innovationsideen, Diagrammen und einer Rakete. Titel des Beitrags: „It’s the Economy, St[…]“.](https://hochschulforumdigitalisierung.de/wp-content/uploads/2026/08/2026_Its-the-economy-HS-Innovationsort-2-Reckzeh-Stein-und-Koitka-Fieke.png)
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