Under Pressure: Warum Digitale Souveränität zur Organisationsaufgabe wird
Under Pressure: Warum Digitale Souveränität zur Organisationsaufgabe wird
28.07.26
Im Juni haben wir im Rahmen des University:Future Festivals unter dem Motto „Under Pressure” gemeinsam gelernt, diskutiert und uns ausgetauscht. In verschiedenen Blogartikeln wollen wir nun auf die zentralen Themen zurückblicken, die das Festival in diesem Jahr besonders geprägt haben. Den Anfang macht heute Michael Siegel mit einem Rückblick auf die Veranstaltungen des Festivals, bei denen es um Digitale Souveränität ging.
Wie können Hochschulen ihre digitale Zukunft gestalten, ohne die Kontrolle über ihre Daten, Infrastrukturen und Entscheidungen zu verlieren? Beim University:Future Festival 2025 stand diese Frage vor allem im Zeichen wachsender Abhängigkeiten von großen Technologieunternehmen. Open Source erschien als Gegenentwurf zu Lock-ins, Blackboxes und dem Verlust institutioneller Gestaltungsspielräume.
Ein Jahr später hat sich die Lage weiter zugespitzt. Künstliche Intelligenz hält Einzug in Lehre, Forschung und Verwaltung, Kostenmodelle verändern sich, Sicherheitsanforderungen steigen – während Geld, Personal und Zeit knapp bleiben. Das Festivalmotto „Under Pressure“ beschrieb damit auch die Ausgangslage der Debatte über Digitale Souveränität.
Die Sessions des U:FF 2026 zeigten jedoch: Der Diskurs ist nicht bei der Warnung vor Abhängigkeiten stehen geblieben. Digitale Souveränität wird konkreter. Im Mittelpunkt steht zunehmend die Frage, wie Hochschulen unter realen Bedingungen handlungsfähig bleiben – und welche technischen, organisatorischen und finanziellen Strukturen sie dafür benötigen.
Welche Form nehmen Hochschulen unter Druck an?
Einen passenden Rahmen dafür entwickelte Ladan Pooyan-Weihs in ihrem Vortrag „Universitäten digitalisieren – ja. Plattformisieren – nein.“
Nicht ob Hochschulen unter Druck stehen, sei die entscheidende Frage, sondern: Welche Form nehmen sie unter diesem Druck an?
Digitalisierung könne Lehre, Forschung und Zusammenarbeit unterstützen. Plattformisierung beginne dagegen dort, wo nicht mehr nur neue Werkzeuge eingesetzt werden, sondern deren Logik die Institution verändert: wenn Kennzahlen Urteile ersetzen, Skalierbarkeit zum Qualitätskriterium wird und Algorithmen darüber mitbestimmen, was sichtbar und wertvoll ist.
Digitale Souveränität betrifft deshalb mehr als Serverstandorte oder Softwarelizenzen. Sie entscheidet auch darüber, ob Hochschulen ihren eigenen Bildungs- und Wissenschaftsbegriff bewahren. KI kann Informationen aufbereiten, Muster erkennen und Entscheidungen vorbereiten. Die Verantwortung dafür, was richtig, gerecht oder pädagogisch sinnvoll ist, kann sie nicht übernehmen. Souverän ist eine Hochschule daher auch dann, wenn sie technische Möglichkeiten nutzen kann, ohne ihre Urteilskraft an sie abzugeben.
Nicht jede Abhängigkeit vermeiden – aber Wahlmöglichkeiten erhalten
Das Panel „Souveränität unter Druck“ übersetzte diese grundsätzliche Perspektive in strategische Entscheidungen. Digitale Souveränität bedeute nicht, alles selbst zu entwickeln oder jede externe Dienstleistung auszuschließen. Entscheidend sei vielmehr ein aktives Risikomanagement.
Welche Daten dürfen eine Hochschule verlassen? Welche Systeme gehören zu ihren besonders schützenswerten Bereichen? Lassen sich Inhalte in brauchbaren Formaten exportieren? Was kostet eine spätere Migration? Und kann ein Anbieter gewechselt werden, ohne zentrale Hochschulprozesse neu aufbauen zu müssen? Solche Fragen müssen bereits bei Beschaffung und Systemarchitektur berücksichtigt werden – nicht erst, wenn Preise steigen oder ein Dienst eingestellt wird.
Gerd Kortemeyer unterschied in diesem Zusammenhang zwischen Daten- und Inferenzsouveränität. Sprachmodelle erzeugen Antworten, verwalten aber nicht zwangsläufig Gesprächsverläufe, hochgeladene Dokumente oder Nutzer:innenkonten. Diese Informationen liegen im umgebenden KI-System. Kontrolliert die Hochschule dieses System und seine Schnittstellen, können die Modelle im Hintergrund ausgetauscht werden.
Damit wird Souveränität nicht automatisch daran gemessen, ob jede Berechnung auf eigener Hardware stattfindet. Strategisch wichtiger kann es sein, Daten, Workflows und Zugänge unter eigener Kontrolle zu halten. Auch externe Rechenleistung kann dann Teil einer souveränen Architektur sein, sofern sie austauschbar bleibt und klare rechtliche sowie technische Bedingungen gelten.
Ähnlich pragmatisch argumentierte Phillipp Schmidt. Hochschulen müssten nicht grundsätzlich zwischen „Besitzen“ und „Mieten“ wählen. Sie könnten Basismodelle zeitweise extern beziehen und zugleich in offene Schnittstellen, Anwendungen und öffentliche Infrastruktur investieren. Offene Alternativen seien dabei nicht nur Selbstzweck: Sie halten Spielräume offen, setzen Standards und stärken die Verhandlungsposition gegenüber kommerziellen Anbietern.
Aus Schatten-KI muss ein institutionelles Angebot werden
Wie sich diese Prinzipien praktisch verbinden lassen, zeigte Andreas Sexauer am Beispiel des KIT. Ausgangspunkt war eine Situation, die inzwischen viele Hochschulen kennen: Beschäftigte und Studierende nutzen KI mit privaten Accounts und unterschiedlichen Werkzeugen – häufig ohne geklärte Rahmenbedingungen.
Das KIT reagierte darauf nicht mit einem weiteren Einzeltool, sondern mit einer zentralen KI-Toolbox. Sie verbindet verschiedene Modelle mit gemeinsamen Prompt-Vorlagen, fachbezogenen Chatbots, Teamfunktionen und einem API-Zugang. Ein lokal betriebenes Modell ist als Standard voreingestellt; leistungsfähigere Cloudmodelle müssen bewusst ausgewählt werden. Fast die Hälfte der Anfragen wird dadurch bereits mit dem lokalen Modell bearbeitet.
Souveränität wird hier in die Gestaltung des Angebots eingebaut. Kosten werden sichtbar gemacht, die Nutzung kostenpflichtiger Modelle wird budgetiert und Qualifizierung ist Voraussetzung für den Zugang. Fachabteilungen entwickeln ihre Anwendungen selbst, statt das Thema vollständig an IT oder Datenschutz zu delegieren. Die Hochschule schafft somit nicht nur einen sicheren Zugang zu KI, sondern baut eigenes Erfahrungswissen auf.
Dieser Ansatz gewinnt an Bedeutung, wenn KI-Systeme nicht mehr nur antworten, sondern selbstständig Dateien bearbeiten, Programme aufrufen oder mehrstufige Prozesse ausführen. Mit dem Übergang „von Antwort zu Aktion“ entstehen neue Anforderungen an Berechtigungen, Protokollierung und menschliche Freigaben. Die Frage lautet dann nicht nur, welche KI eine Hochschule anbietet, sondern auch, wie viel Autonomie sie ihr in welchen Prozessen zugesteht.
Open Source braucht Personal, Pflege und Kooperation
Open Source bleibt ein zentraler Baustein digitaler Souveränität. Die Diskussionen des Festivals machten jedoch deutlicher als im Vorjahr, dass offener Quellcode allein keine tragfähige Infrastruktur schafft.
Tim Trappen brachte die Voraussetzungen auf drei Begriffe: Kapital, Personal und Wissen. Das Projekt Open Source-KI.nrw begann mit einem kleinen Team, vorhandener Hardware und ersten Prototypen. Daraus entstand schrittweise eine dezentrale Infrastruktur, die Ressourcen mehrerer Standorte verbindet. Der Ansatz zeigt, dass Hochschulen nicht auf eine perfekte zentrale Lösung warten müssen. Kleine funktionsfähige Anwendungen können Wissen erzeugen, Vertrauen schaffen und zur Grundlage größerer Kooperationen werden.
Gleichzeitig reicht projektförmiger Pioniergeist nicht für den Dauerbetrieb. In der Diskussion „Selbstbestimmt digital: Was Hochschulen jetzt tun müssen“ wurde sichtbar, wie stark wichtige Lernmanagementsysteme, Videoplattformen und OER-Infrastrukturen noch von befristeten Mitteln, einzelnen Engagierten und Arbeit außerhalb regulärer Zuständigkeiten abhängen.
Bei proprietärer Software werden Pflege und Weiterentwicklung über Lizenzgebühren finanziert. Bei Open Source bleiben diese Kosten oft unsichtbar. Doch auch offene Systeme müssen sicher, barrierefrei und benutzerfreundlich gehalten werden. Das Open Source Development Network in Niedersachsen erprobt deshalb eine gemeinsame Finanzierung von Entwicklungsaufträgen. Der Vergleich aus der Session ist treffend: Hochschulen bauen Forschungsgebäude nicht als kurzfristige Projekte – sie planen und unterhalten sie über Jahre. Kritische Software benötigt eine ähnliche Ressourcenverantwortung.
Digitale Souveränität ist deshalb keine Aufgabe, die jede Hochschule für sich lösen kann. Gemeinsame Infrastrukturen, Entwicklungsfonds und geteiltes Wissen sind keine Ergänzung zur Souveränität, sondern eine ihrer Voraussetzungen.
Vom Gegenentwurf zur institutionellen Praxis
Gegenüber dem vergangenen Jahr hat sich die Debatte damit spürbar verschoben. 2025 stand vor allem die Gefahr im Mittelpunkt, dass Hochschulen ihre Gestaltungsmacht an kommerzielle Plattformen verlieren. 2026 ging es stärker um die Strukturen, mit denen sie diese Gestaltungsmacht praktisch ausüben können.
Die Diskussion ist zugleich differenzierter geworden. Open Source und Eigenbetrieb bleiben wichtig, aber sie sind keine pauschalen Antworten. Je nach Anwendung kann eine Hochschule selbst entwickeln, gemeinsam betreiben oder Leistungen extern beziehen. Entscheidend ist, dass sie diese Wahl bewusst trifft, kritische Daten und Prozesse kontrolliert und ihre Entscheidung später revidieren kann.
„Under Pressure“ bedeutet in diesem Sinne nicht, möglichst schnell auf jede technologische Entwicklung zu reagieren. Souverän handeln Hochschulen dann, wenn sie unter Druck urteilsfähig bleiben: wenn sie Abhängigkeiten kennen, Alternativen pflegen, Kompetenzen aufbauen und entscheiden können, welchen Zielen ihre digitalen Systeme dienen sollen.
Autor

Michael Siegel arbeitet als Kommunikationsmanager beim Hochschulforum Digitalisierung für den Stifterverband. Dort ist er unter anderem mitverantwortlich für Pressearbeit und Online-Redaktion. Zuvor beschäftigte er sich auf vielfältige Weise mit der Kommunikation von Wissenschaft und Forschung und war in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Wissenschaft im Dialog tätig, wo er darüber hinaus zahlreiche Diskussionsveranstaltungen organisierte. Er studierte Philosophie, Neuere Deutsche Literatur und Kunstgeschichte an der Philipps-Universität Marburg.
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