Hochschule als Innovationsort: Eine Einladung zur gemeinsamen Neubetrachtung
Hochschule als Innovationsort: Eine Einladung zur gemeinsamen Neubetrachtung
29.07.26
Christoph Koitka-Fieke hat kürzlich dafür plädiert, digitale Resilienz nicht als bloßes Aushalten zu verstehen, sondern als Fähigkeit zum Handeln. Dieser Gedanke beschäftigt uns weiter. Denn wer im digitalen Wandel handlungsfähig bleiben will, muss nicht nur Risiken abfedern, Abhängigkeiten erkennen und Notfallpläne schreiben. Hochschulen müssen sich auch fragen, welche Rolle sie selbst in digitalen Innovationsprozessen spielen wollen.
Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe, in der wir künftig Beobachtungen aus der HFD-Community, aktuelle Entwicklungen, gute Beispiele und offene Thesen zur Diskussion stellen möchten. Den Anfang macht eine Frage, die uns in den vergangenen Wochen mehrfach begegnet ist: Verstehen wir Hochschulen stark genug als Innovationsorte?
Mehr als Nutzerinnen digitaler Produkte
In der Digitalisierungsdebatte erscheinen Hochschulen oft als Anwenderinnen, Beschafferinnen oder Betroffene. Sie müssen entscheiden, welche Lernplattform sie nutzen, welche KI-Tools erlaubt sind, welche Cloud-Infrastruktur datenschutzkonform ist und wie sich Abhängigkeiten von großen Anbietern begrenzen lassen. All das ist wichtig und wir befassen uns mit diesen Fragen Digitaler Souveränität in aller Ausgiebigkeit. Trotzdem entspricht dies nur der einen Seite.
Auf der anderen Seite ist zu ergänzen: Hochschulen sind Orte, an denen digitale Innovation überhaupt entstehen kann. Wir meinen nicht unbedingt Forschungsergebnisse. Wir meinen eher, dass hier Erkenntnisse und neue Technologien erprobt und auch auf die Probe gestellt werden durch den ureigensten Betrieb: Hier treffen Forschung, Lehre, Verwaltung, IT, Didaktik, Datenschutz, Transfer und reale Nutzungsszenarien aufeinander. Hochschulen kennen die Probleme, für beispielsweise EdTech- oder KI-Lösungen entwickelt werden. Sie können Prototypen testen, Anforderungen formulieren, Wirkungen untersuchen und Standards mitprägen. Damit sind sie nicht nur Kundinnen eines Marktes, sondern mögliche Co-Entwicklerinnen eines gemeinwohlorientierten digitalen Ökosystems.
Was Bochum sichtbar gemacht hat
Unser Besuch in Bochum (wir haben hier Einblick gewährt) hat diese Rolle sehr konkret werden lassen. An der Ruhr-Universität Bochum, in Kooperation mit der RWTH Aachen, der Digitalen Hochschule NRW und weiteren Partnern, entstehen KI-Angebote nicht abstrakt „für den Bildungsmarkt“, sondern aus konkreten Bedarfen der Hochschulen heraus. Es geht um Nutzung in Lehre, Forschung und Verwaltung, um sichere Datenflüsse, um eigene oder kontrollierte Infrastruktur, um Kompetenzaufbau und um rechtliche Orientierung.
Der Besuch beim Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) warf ähnliche Beobachtungen auf. Dort wird Digitale Souveränität nicht als bloßer Gegenbegriff zu Big Tech verstanden, sondern als praktische Aufgabe: Open Source muss professionell betrieben, erklärt, beschafft, unterstützt und weiterentwickelt werden. Darin liegt eine wichtige Lehre für Hochschulen. Innovation ist nicht schon dann gelungen, wenn ein gutes Tool existiert. Sie wird erst wirksam, wenn daraus ein nutzbarer, tragfähiger und vertrauenswürdiger Dienst wird. Alles andere wäre wieder eine Insellösung, ein Leuchtturm, ein weiteres Projekt. Zwar bietet ZenDiS seine Dienste aktuell insbesondere dem öffentlichen Sektor ohne die Hochschulen, aber wir wissen, dass gemeinsame Gespräche begrüßt werden.
EdTech, Ausgründungen und die Souveränitätsfrage
Wenn Hochschulen Innovationsorte sind, stellt sich auch die Frage nach Ausgründungen. Viele EdTech-Ideen entstehen nah an Forschung und Lehre. Das ist eine Chance. Hochschulnahe Gründungen können Bedarfe besser verstehen als Anbieter, die Bildungseinrichtungen nur als Absatzmarkt sehen. Sie können europäische Datenschutzstandards, Offenheit, Interoperabilität und didaktische Qualität von Beginn an mitdenken und sogar erproben.
Trotzdem entstehen möglicherweise auch neue Spannungen: Wie verhindert man, dass öffentlich geförderte Innovation später selbst neue Lock-ins produziert? Wie lassen sich Entwicklung, Betrieb und Support finanzieren, ohne Gemeinwohlorientierung aufzugeben? Wie können Hochschulen Erstnutzer:innen, Referenzkund:innen oder Co-Entwickler:innen sein, ohne sich vorschnell an einzelne Produkte zu binden? Und welche Beschaffungswege ermöglichen es europäischen oder hochschulnahen EdTechs überhaupt, in die Breite zu kommen? Was jedenfalls nicht wünschenswert scheint (unserer Ansicht nach) ist ein deutscher oder europäischer Tech-Gigant nach amerikanischem Vorbild mit allen Problemen, die es ohnehin schon gibt. Das schwindende Vertrauen in eben jene ist schließlich mit dem geografischen Standort nicht abschließend erklärt – die zugrunde liegenden Dynamiken könnten sich ebenso hier entwickeln.
Diese Fragen werden auch auf europäischer Ebene diskutiert. Das muss man der speziellen Deutschen Bubble durchaus mitgeben. Im Kontext eines Workshops im European Digital Education Hub, an dem Uwe Reckzeh-Stein freundlicherweise kürzlich mitwirken durfte, stand nicht nur die Frage im Raum, welche EdTech-Lösungen Bildungseinrichtungen nutzen, sondern wie Anbieter, Hochschulen und öffentliche Akteure gemeinsam interoperable, vertrauenswürdige und skalierbare Lösungen entwickeln können. Das scheint uns entscheidend: Digitale Souveränität entsteht nicht automatisch, weil Hochschulen zwischen fertigen Produkten frei wählen können, sondern wenn sie auch Anforderungen, Standards und Entwicklungsräume mitgestalten wollen.
Die Kostenfrage ehrlich stellen
Dabei sollten wir aber auch nicht so tun, als sei souveräne Innovation kostenlos. In letzter Zeit wiederholen wir den Satz gern:
„Zur souveränen Hochschule kann man sich nicht hin sparen.“
Proprietäre Angebote wirken oft bequem und kurzfristig günstig, weil viele Kosten zunächst unsichtbar bleiben: spätere Lizenzsteigerungen, Datenabhängigkeiten, fehlender Kompetenzaufbau, erschwerte Wechselmöglichkeiten. Souveräne oder offene Lösungen wirken dagegen manchmal teuer, weil ihre Kosten sichtbarer sind: Entwicklung, Betrieb, Pflege, Sicherheit, Barrierefreiheit, Usability, Support und Kommunikation.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob digitale Innovation kostet. Sie lautet: Wofür zahlen Hochschulen eigentlich (bereits)? Zahlen sie nur für Nutzung – oder auch für Gestaltungsfähigkeit?
Diese Unterscheidung ist doch zentral. Wer nur Nutzung einkauft, kann schnell handeln und fühlt sich erst einmal versorgt, bleibt aber oft abhängig. Wer Gestaltungsfähigkeit aufbaut, investiert in Kompetenzen, Strukturen und Optionen. Das ist anstrengender, aber gerade für öffentliche Hochschulen strategisch wertvoll. Die Verantwortung hierfür ist zuerst einmal nicht leicht zu tragen, aber schließlich, so glauben wir, werden es alle Statusgruppen danken, wenn langfristig ein sicherer und fairer Zugang und zu Lehren, Lernen, Lenken und Verwalten möglich geworden ist.
Sandboxes für den großen Traum: Interoperabilität
Ein möglicher Weg liegt u. E. in sogenannten Sandboxes: Geschützten Erprobungsräumen, in denen Hochschulen, EdTech-Anbieter, öffentliche Akteure und Nutzer gemeinsam testen können, was technisch funktioniert, didaktisch sinnvoll, rechtlich tragfähig und organisatorisch skalierbar ist. Solche Räume könnten helfen, die Lücke zwischen Prototyp, Projektförderung, Beschaffung und breiter Nutzung zu schließen.
Vielleicht brauchen wir genau solche Formate häufiger: weniger als Innovationsshowcase als vielmehr als Arbeitsräume. Räume, in denen Hochschulen nicht nur Feedback geben, sondern mitentscheiden und in denen europäische und hochschulnahe Anbieter nicht nur „pitchen“, sondern gemeinsam mit Bildungsinstitutionen Standards, Schnittstellen und tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln. Solche Räume auf europäischer Ebene adressieren dabei natürlich eine schöne Utopie aller, die sich mit souveränen Lösungen für Hochschulen beschäftigen: Interoperabilität weit über Landes-, sogar Bundesgrenzen hinaus.
Hochschule als Innovationsort ernst nehmen
Wir werden selbst unseren Beitrag leisten, mit den (operativen) Entscheider:innen und Verantwortlichen an Rahmensetzungen und konkreten Zielvorstellungen zu arbeiten. Am 3. September treffen wir online CIOs und Kolleg:innen vergleichbarer Zuständigkeiten online für einen Workshop, dessen Ergebnisse uns gewiss weit über die diesjährige Agora [Zukunft] hinaus bereichern werden. Ein parallel laufender Ideenwettbewerb identifiziert derweil bestehende, leicht skalier- und implementierbare Lösungen für mehr Digitale Souveränität und bringt sie mit passenden Hochschulen zusammen.
Wer die Hochschulen als Innovationsorte denkt, fragt, was sie selbst hervorbringen, prüfen und mitgestalten können.
Uns scheint: Diese Frage dürften wir alle gemeinsam noch stärker stellen. Nicht, weil jede Hochschule ein Start-up hervorbringen oder eigene Software entwickeln müsse. Beileibe nicht! Aber Hochschulen sind eben doch ganz besondere Orte: Sie verbinden Expertise mit Anwendung, Kritik mit Erprobung, Forschung mit gesellschaftlichem Auftrag. Wenn sie diese Rolle ernst nehmen, können sie mehr sein als Nutzerinnen digitaler Innovation. Sie können Orte sein, an denen digitale Zukunft öffentlich, verantwortlich und gemeinsam erforscht, erprobt und gestaltet wird.
Michael Siegel 
Leon Adel 
Prof. Dr. Doris Weßels 