In Vielfalt – digital – geeint? Europäische Projektkooperationen während einer globalen Pandemie

In Vielfalt – digital – geeint? Europäische Projektkooperationen während einer globalen Pandemie

29.10.20

Zwei Paar Hände zeigen auf Dokumente auf einem Tisch

In diesem Blogbeitrag gibt Saskia Weißenbach Einblicke in das – größtenteils digitale – Projektmanagement des DAAD-Projektes ‚OpenU/ Online Pedagogical Resources for European Universities‘Das Projekt dient dazu, innovative politische Maßnahmen zur Förderung digitaler Zusammenarbeit, Mobilität sowie digitales Lehren und Lernen zwischen europäischen Universitäten zu testen. Weißenbach stellt im Beitrag unter anderem folgenden Fragen: Wie verändert sich Interkulturalität im digitalen Setting? Und wie wurde umgeplant, als die Corona-Pandemie einsetzte?

Zwei Paar Hände zeigen auf Dokumente auf einem Tisch

Dass Digitalisierung für Hochschulkooperationen in Europa eine bedeutsame Rolle einnimmt, ist keine Neuerung aus dem Jahr 2020. Es ist auch kein Phänomen, das durch die Corona-Pandemie hervorgetreten ist. Innovative Projekte im Bereich Lehre und Lernen oder virtueller Austausch und Onlinekollaborationen werden über Kooperationsprogramme wie Erasmus+ schon weit vor der Pandemie gefördert. Zukunftsfähige innovative Lösungsansätze sollen gemeinsam kreiert werden, um für andere Länder und Institutionen übertragbar zu sein und europäischen Zusammenhalt zu fördern. Wir sprechen vom Europäischen Mehrwert.

Das Projekt OpenU/ Online Pedagogical Resources for European Universities ist dafür ein Beispiel. Ziel ist es, innovative politische Maßnahmen zur Förderung digitaler Zusammenarbeit, Mobilität sowie digitales Lehren und Lernen zwischen europäischen Universitäten zu testen. Der DAAD koordiniert das Politikcluster als eines von sechs Arbeitspaketen. Allein in diesem sind Bildungsministerien aus Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, Deutschland und Lettland, außerdem das Erasmus Student Network vertreten. 

Die Reflexionsbrille aufsetzen

Nach über 1,5 Jahren als Projektmanagerin für das OpenU Politikcluster im DAAD, wurde ich vom HFD gebeten, „die Reflexionsbrille aufzuziehen“. Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf unsere Projektzusammenarbeit? Was sind Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen?

Ich habe mich entschlossen, die thematische Brille, die die Implementierung der digitalen Projektaktivitäten und deren Veränderungen durch die Auswirkungen der Pandemie technisch-digital betrachtet, liegen zu lassen. Vielmehr habe ich die Brille aufgezogen, die das Projektmanagement betrachtet. Ich habe dabei einige Erinnerungen neu reflektieren können, nicht selten begleitet durch Schmunzler und Erkenntnisse. Dabei kam ich an den Punkt, dass oftmals die Komponenten, die als Grundlage und Selbstverständlichkeit erscheinen, auch diejenigen sind, die digital am meisten herausgefordert sind. Die Auswirkungen einer globalen Pandemie waren auch nicht in unserem Risk Mitigation Plan vorgesehen. Weder geplante Projektaktivitäten noch Ansätze der Qualitätssicherung hatten diese Option berücksichtigt. Wie also reagieren? Diese Reflexionen teile ich hier. 

Kaffeetasse neben Laptop

‚Digitale Interkulturalität‘

Europäische Projektteams bestehen aus unterschiedlichen Institutionen, unterschiedlicher Länder, unterschiedlicher Kulturen. Interkulturelle Kompetenzen aller Beteiligten sind Voraussetzung für die Zusammenarbeit unter Ländern und unter Kulturen. Und doch sind sie die oftmals am vernachlässigsten im digitalen Diskurs. Seien wir ehrlich: Wir spielen mit Clishées, um die ein oder andere unangenehme, vielleicht erwartete, vielleicht unerwartete, Situation aufzulockern. Wir sind erstaunt, dass so manches Vorurteil sich tatsächlich als wahr erweist. Und wir sind überfordert, dass es sich als wahr zeigt. Und dennoch ist es die Zusammenarbeit zwischen Menschen, das wörtlich zwischenmenschlich-persönliche, das die Kooperation – zu Teilen über mehrere Jahre – gestaltet. Mehr noch: Es ist die Grundlage der Projektzusammenarbeit.

Schon eine Kaffeepause kann Abbild der unterschiedlichen Kulturen sein. Hier wird schon deutlich, dass nicht nur die Definition einer Kaffeepause von schlichtester Thermoskanne bis zur Reichung von edlem Gebäck variieren kann, sondern auch die Länge der eingeplanten Pause zum Abbild des kulturellen Anspruchs wird. Wie aber reagieren, wenn diese Zusammenkünfte nur noch und ausschließlich online stattfinden? Verändert sich Interkulturalität im digitalen Setting?

Projiziert man es digital, warten schon die Überpünktlichen in der Warteschlange, bevor ein Meeting überhaupt starten soll. Hintergründe können uns viel über die Wetter- und Landschaftsvielfalt Europas verraten, oder auch die Vorliebe mancher ProjektpartnerInnen für virtuellen Spaceraum erahnen lassen. Der Umgang mit digitalen Tools über Chat, Whiteboards oder Mikros sollte die Zusammenarbeit im Seminarraum und am Gruppentisch ersetzen. Die Möglichkeit dazu ist digital gegeben. Nutzung und Erfahrungen unterscheiden sich jedoch sehr zwischen PartnerInnen. Wir schreiben Oktober 2020 und mittlerweile haben viele Projekttreffen, Konferenzen und Seminare, die als Teil der Projekte oder begleitend wirken, online stattgefunden. Die technische Infrastruktur aller ProjektpartnerInnen und das nahtlose Weiterarbeiten, sind aber nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen. Auch Internetverbindungen können den am besten vorbereitesten Austausch und Onlineworkshop schnell beenden. Die digitale Kooperation erfordert also ein neues Kennenlernen der ProjektpartnerInnen untereinander und eine Neudefinition der Zusammenarbeit miteinander.

Europäischen Mehrwert schaffen: Ableitung politischer Empfehlungen digital

Mit 21 ProjektpartnerInnen zählt das OpenU Projekt zu einem großen Konsortium. Mit der Vielfalt der Institutionen im Projekt, darunter Hochschulen, Netzwerkorganisationen und politische Einrichtungen, die elf Länder vertreten, gilt es auch eine Vielzahl an Perspektiven und nationalen Situationen zu berücksichtigen. In Europa differiert die Situation der betroffenen Länder durch die Pandemie sehr. Je nach Partnerbeteiligung in Projektkonsortien hat dies ganz unterschiedliche Konsequenzen für laufende Kooperationen. Und das heißt auch, dass politische Agenden, ggf. gewählte Schwerpunkte im Bereich Digitalisierung und Internationalisierung derzeit angepasst werden.Globus mit Post It "Stay home!"

Kernaufgabe des OpenU Policy Clusters ist es, evidenzbasierten Politikdialog zu fördern. (Zwischen-)Ergebnisse von Projektaktivitäten und deren wissenschaftlicher Begleitung werden in Dialog mit nationalen politischen Agenden gebracht. Wir hatten die Möglichkeit, den ersten eines solchen Politikdialoges physisch im wunderschönen Riga auszurichten, Hochschulangehörige und VertreterInnen politischer Einrichtungen dort zu begrüßen. Knapp ein Jahr später im französischen Dialog, haben wir die Planung im März 2020 begonnen. Der Einstieg jedes Gesprächs zwischen den französischen Kollegen und uns deutschen VertreterInnen war immer gleich: Wie ist die Lage? Wie planen wir weiter? Können wir eine Anfahrt der ProjektpartnerInnen aus Europa überhaupt ermöglichen? Denn während heute, im Oktober, Onlineausrichtung schon selbstverständlicher scheint, so war es dies zu Beginn des Jahres nicht der Fall.

Große Projektkonsortien und die Parallelität der Aktivitäten bedürfen großes Vertrauen der Partner untereinander. Und Vertrauen wird gewohnt durch persönliche Zusammenkünfte kreiert. Ausgerichtet wurde der französische Politikdialog letztlich online, gemeinsam mit ProjektvertreterInnen und französischen HochschulexpertInnen. Politische Empfehlungen konnten auch aus diesen Treffen wunderbar abgeleitet werden. Aber: Es bedurfte einer angepassten Methodik im Workshop und einer deutlich angepassten Moderation, die alle Teilnehmenden immer wieder einbindet, befragt, integriert. Denn ist die Kamera einmal aus, fehlt die Möglichkeit zu Herstellung persönlicher Verbindungen. Es gilt nun auf Basis dieser Erfahrung weitere Projektaktivitäten umzuplanen und für digitale Ausrichtungen anzupassen.

 

‚Wenn Corona vorbei ist‘: Projektmanagement digital neu denken?

‚Wenn Corona einmal vorbei ist‘– viel genutzter Satz und dennoch kaum anwendbar für europäische Kooperationsprojekte im Bildungsbereich. Die Folgen der Corona-Pandemie sind massiv in einzelnen Ländern und auf den Zustand vor der Pandemie werden wir nicht zurückkommen. Die Folgen auf Hochschulen sind zu Teilen schwer abschätzbar. Risk mitigation kann nur mittelfristig, nicht aber langfristig betrieben werden.

Für Projekte, die vor dem Jahr 2020 gestartet sind, müssen vorgesehene Projektaktivitäten wahrscheinlich umgedacht, Budgetplanungen angepasst, Partnerbeteiligung möglicherweise geändert, neue Zeit- und Projektpläne erstellt und mit der jeweiligen Förderorganisation abgestimmt werden. Umso wichtiger wird ein angepasstes Projektmanagement und deutlich stärkere Koordination. Wenn Projekte weitergeführt werden sollen, muss Flexibilität geschaffen werden, die es erlaubt, auf die unterschiedlichen nationalen Situationen einzugehen und mögliche Anpassungen der Beteiligungen zu ermöglichen. Und das fortlaufend.

Große, institutionell-diverse Projektkonsortien können verschiedenste Perspektiven in Projekte einbringen, was ein großer Mehrwert ist. Wie so oft gilt auch hier, umso mehr Perspektiven, umso größer die Diskussionen, umso wichtiger Moderation, Kommunikation und Dialog. Rein digitale Zusammenarbeit schärft jede einzelne dieser Komponente.

Es mögen nationale Bedingungen im Vordergrund stehen. Aber das Gefühl der Gemeinschaftlichkeit sollte stets erhalten bleiben. Ein Projektkonsortium repräsentiert auch eine europäische Gemeinschaft. Und europäische Projektpartner können in derzeitigen Monaten ggf. anderen Herausforderungen gewidmet sein. Es ist also wichtig, dass sie nicht ausgeschlossen werden, sondern flexible Kommunikationswege die Integration aller Partner ermöglichen.

Interkulturelle Begegnungen werden auch weiterhin essentieller Kern internationaler Projekte sein. Digitale Interkulturalität bringt uns zu neuen Erfahrungsmomenten, lässt uns Neues erkennen und lernen. Die Vielfalt der Länder bleibt bestehen – oftmals helfen schon die nötige Selbstreflexion und eine gute Prise Humor, um die ein oder andere Situation – auch und insbesondere digital – zu meistern.

Es sind die Komponenten des klassischen Projektmanagements, die mir durch die Reflexionsbrille ganz besonders deutlich wurden. Durch rein digitale, länderübergreifende Zusammenarbeit treten sie immens in den Vordergrund: Situationen akzeptieren und die Kooperation anpassen, Transparenz schaffen und die Projekte in der Art planen und umsetzen, dass sie flexibel auf diverse Situationen reagieren können. Durch Transparenz, Koordination, Kommunikation, Gemeinschaftlichkeit, Akzeptanz und Flexibilität. Digitale Interkulturalität bringt Neues mit sich. Sie ist aber auch Grundlage um weiterhin europäischen Mehrwert zu schaffen und internationale Kooperationsprojekte während einer globalen Pandemie weiterzuführen und innovative Lösungen fortlaufend entwickeln zu können.

Um tatsächlich in Vielfalt – digital – geeint an der Erreichung gemeinsamer Ziele zu arbeiten und Europa gemeinsam zu stärken.

 

Weiterführenden Informationen zum Projekt OpenU

Das OpenU Projekt ist weiterhin laufend. Der DAAD koordiniert das Politikcluster; weitere Politikdialoge werden folgen.
Weitere Informationen sind hier zu finden:
European Student Card Initiative / Digital Education Action Plan / OpenU Projektseite / OpenU Projektseite DAAD

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