Medizin im digitalen Zeitalter als Herausforderung für die Hochschullehre

In diesem Blogbeitrag berichtet die Studierende Lisa Ulzheimer von den zentralen Erkenntnissen ihrer Masterarbeit zur digitalen Medizin als Herausforderung für die Hochschullehre. Im Fokus der Untersuchung steht das Wahlpflichfach Medizin im digitalen Zeitalter, das im Jahr 2017 an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz eingeführt wurde.

Was der digitale Wandel für die Lehrenden dieses Kursformats bedeutet, berichtet Lisa Ulzheimer am 15. Oktober 2018 (17:00 bis 17:30 Uhr) auch in unserem nächsten HFD Hangout. Das Format bietet Gelegenheit zum informellen Austausch in der Community. Für das Online-Meeting können Sie sich hier anmelden.

FitbitMit etwas anderen Gesundheitsdaten umgehen. Bild: [https://unsplash.com/photos/V7UoMNWsYsg Andres Urena]

Im Fokus des Erkenntnisinteresses der Masterarbeit standen die subjektiven Erfahrungen der Lehrenden mit dem Blended Learning-Konzept „Medizin im digitalen Zeitalter“ an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, welches im Mai 2017 als ein im deutschsprachigen Raum einmaliges curriculares Lehrkonzept der digitalen Medizin implementiert wurde. Dabei handelt es sich um ein einwöchiges Wahlpflichtfach, bestehend aus fünf Modulen mit jeweils vier Präsenzstunden. Die Humanmedizinstudierenden sollen durch die Vermittlung neuer Unterrichtsinhalte und innovativer Lehrmethoden auf die veränderten Anforderungen an den Beruf des Arztes durch die digitale Transformation der Medizin vorbereitet werden. Der Präsenzunterricht wird von einem inter- und transdisziplinären Dozierenden-Team durchgeführt, um die Perspektivenvielfalt und breite Expertise der digitalen Medizin abzubilden. Es unterrichten Ärztinnen und Ärzte und Expert(inn)en aus den Fachdisziplinen Psychologie, Informatik oder Ethik sowie externe Expert(inn)en aus medizinischen Start-ups oder dem Landesdatenschutz (Kuhn 2018). Die Studierenden erhalten von dem Projektteam vorab ein E-Book. Die technische und die organisatorische Komponente der Veranstaltung wird weitestgehend von einem Projektteam übernommen. Der Projektleiter übernimmt dabei vor allem die vorherige und kursbegleitende Koordination der Lehrveranstaltung (u. a. Zusammensetzung von Dozierenden und curricularen Inhalten, grundlegende didaktische Konzeption und Begleitung des Unterrichts) und wird bei der Umsetzung von Medienpädagog(inn)en unterstützt. Die Dozierenden der jeweiligen Module sind primär für die Durchführung der Präsenzeinheiten verantwortlich. Die Präsenzmodule zeichnen sich durch eine praktische Interaktion mit den Lehrinhalten der digitalen Medizin durch eine problembasierte Lernatmosphäre, Simulationen und Selbsterfahrungsmöglichkeiten aus (Kuhn/Kirchgässner/Deutsch 2017). Neben der Teilkompetenz Wissen liegt im Präsenzunterricht daher der Schwerpunkt vor allem auf den Aspekten Fertigkeiten und Haltung (Kuhn/Deutsch/Michl 2018).

Im Rahmen der Masterarbeit konnten durch semistrukturierte Experteninterviews sowohl Potentiale als auch Herausforderungen der Lehrveranstaltung aus Dozierendenperspektive identifiziert werden. Die qualitative Forschungsmethode eignete sich hierfür besonders, da die entdeckende Forschungslogik im Vordergrund des Erkenntnisinteresses stand (Brüsemeister 2008). Die Auswertung der Interviews erfolgte nach den Regeln der qualitativen Inhaltsanalyse in Anlehnung an Udo Kuckartz, da dies eine regelgeleitete und kategorienbasierte Vorgehensweise vorsieht (Kuckartz 2016). Nachfolgend werden zentrale Ergebnisse der empirischen Untersuchung vorgestellt.

Die Lehrenden haben die Unterrichtsveranstaltung „Medizin im digitalen Zeitalter“ insgesamt sehr positiv wahrgenommen. Potentiale ergeben sich aus Sicht der Dozierenden vor allem dahingehend, die Studierenden durch die interaktive Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten zu einer kritischen Reflexion des Erlebten anzuregen und das Interesse an der Digitalisierung zu wecken. Im Präsenzunterricht besteht die Herausforderung für die Lehrenden in diesem interaktiven Format darin, spontan auf die Bedürfnisse und Fragen der Studierenden zu reagieren. Es wird weiterhin die Notwendigkeit betont, das Kursmaterial stetig weiterzuentwickeln und neue digitale Entwicklungen in den Unterricht miteinzubeziehen. Die Dozierenden haben die Studierenden dabei auch als außergewöhnlich motiviert und interessiert wahrgenommen. Dies lässt sich unter anderem auch auf das große Interesse an der Thematik zurückführen, da die Studierenden dieses Fach als Wahlpflichtfach bewusst wählen konnten.HürdenDie digtiale Transformation birgt noch Hürden. Bild: [https://unsplash.com/photos/kY2H30v6Bs4 John Cameron]

Während die Lehrveranstaltung selbst sehr positiv wahrgenommen wurde, wird jedoch die Übertragbarkeit in das reguläre Curriculum als Herausforderung betrachtet. Dabei lassen sich zwei Problematiken differenzieren. Einerseits betrifft dies vor allem die hochschulpolitische Ebene, da sich die curricularen Inhalte der digitalen Medizin keinem spezifischen Fach im Medizinstudium zuteilen lassen. Andererseits betrifft dies aber auch die Notwendigkeit eines generellen Kulturwandels in der Lehre, da angenommen wird, dass sich die Lehrmethode aufgrund unzureichender personeller oder institutioneller Ressourcen (z. B. technische Ausstattung) nicht in der regulären Lehre umsetzen lässt. Die Expert(inn)en betonen dabei den hohen Arbeitsaufwand, der mit einer Lehrkonzeptänderung verbunden ist und der sich von einem einzelnen Lehrbeauftragten nicht bewältigen lässt. Als eine wichtige Gelingensvoraussetzung für das Lehrkonzept können daher die personellen Ressourcen der Veranstaltung benannt werden. Die Arbeitsteilung von mehreren Dozierenden aus verschiedenen Fachbereichen sowie die Unterstützung durch das Projektteam werden als entlastend wahrgenommen. Die Mitwirkung an diesem Unterrichtsformat erforderte von den Lehrenden auch keine spezifischen Vorkenntnisse bezüglich des Unterrichtsformats Blended Learning, sodass sich die Lehrbeauftragten mit ihren individuellen Interessen und ihren Lehrkompetenzen einbringen konnten. 

Welche Implikationen lassen sich daraus für die Curriculumsentwicklung und -implementierung in der Hochschullehre ableiten?

Die Forschungsergebnisse deuten auf die Notwendigkeit hin, die Hochschullehre parallel zu den Digitalisierungsprozessen in der Gesellschaft kontinuierlich anzupassen. Diese Anpassungsfähigkeit wird jedoch durch die bestehenden infrastrukturellen, personellen und institutionellen Strukturen an Universitäten gehemmt. Im Sinne eines agilen „Curriculum by Design“ müssen in der Lehre allerdings Experimentierräume möglich sein, um flexibel mit neuen Inhalten oder Vermittlungsformen experimentieren zu können. Nur so kann dem digitalen Wandel hinreichend begegnet werden (Michel u. a. 2018).

Daneben gilt es auch, geeignete Supportstrukturen für Lehrende zu implementieren. Diese Unterstützungsstrukturen sollten dabei nicht nur technisch-didaktische Aspekte in Form von E-Learning-Weiterbildungen in den Blick nehmen. Die curriculare Entwicklung und Implementierung dieser Lehr-Lernkonzepte und Strukturen bedarf gebündelter und eingesetzter Expertise, Kooperation und Peer-Beratung. Weitere Aspekte, wie beispielsweise die Entlastung von Lehrenden durch den Ausbau von Teamteaching, sollten ebenso gefördert werden. Eine bessere Vernetzung der Lehrenden unterschiedlicher Fächer ist insbesondere im Bereich der Digitalisierung von Bedeutung, da dies ein sehr breites Themenfeld ist, das nicht von einem existierenden fachspezifischen Lehrbeauftragten oder von einem Institut/einer Klinik abgedeckt werden kann. Nur durch das Zusammenspiel von Expert(inn)en aus verschiedenen Disziplinen kann den Studierenden ein umfassender Einblick in die Potentiale und Herausforderungen der digitalen Lebens- und Arbeitswelt gegeben werden. Interdisziplinäres Arbeiten wird auch als eine der Zukunftskompetenzen („21st Century Skills“) aufgefasst. Damit verbunden ist die Annahme, dass multiprofessionelle Arbeitsweisen im Zuge der Digitalisierung künftig noch wichtiger werden als bisher (Seidl 2018). Indem die Dozierenden den Studierenden diese interdisziplinäre Arbeitsweise im Unterrichtsgeschehen vorleben, können sie diesbezüglich auch eine Vorbildfunktion einnehmen.

Insgesamt betrachtet zeigt sich, dass dem Transfer von Pilotprojekten, die die digitale Transformation adressieren, bislang noch einige Hürden, wie beispielsweise unzureichende personelle Ressourcen, entgegenstehen. Diese institutionellen Hürden sowie die Herausforderungen der digitalen Transformation lassen sich von einzelnen Lehrbeauftragten kaum bewältigen und erfordern daher eine trans- und interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Hochschullehre. Die Schaffung von institutionsübergreifenden personellen und räumlichen Strukturen oder die Etablierung einer interdisziplinären disziplinunabhängigen Institution hat sich hier als erfolgversprechend erwiesen.

Medizin im digitalen Zeitalter wird als curriculares Reformprojekt der Universitätsmedizin Mainz ab dem 01.12.2016 vom Stifterverband im Rahmen des mit der Carl-Zeiss-Stiftung gemeinsam initiierten Programms Curriculum 4.0 gefördert.

 

Quellen

Brüsemeister, T (2008): Qualitative Forschung. Ein Überblick. 2. Auflage. Berlin

Kuckartz, U (2016): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 3. Auflage. Weinheim u. a.

Kuhn S, Kadioglu D, Deutsch K, and Michl S (2018): Data Literacy in der Medizin. In: Der Onkologe, Vol. 24. Nr. 5, S. 368-377

Kuhn S: Medizin im digitalen Zeitalter (2018): Transformation durch Bildung. In: Deutsches Ärzteblatt International, Vol. 115. Nr. 14, S. 633-638

Kuhn S, Kirchgässner E, Deutsch K (2017) Medizin im digitalen Zeitalter. Do it by the book but be the author. In: Synergie, Nr.  4., S. 28–31. https://uhh.de/9ipxl. Zugegriffen: 20.09.2018

Michel, A., Baumgartner, P., Breil, C., Hesse, F., Kuhn, S., Pohlenz, P., Quade, S., Seidl, T., Spinath, B. (2018). Framework zur Entwicklung von Curricula im Zeitalter der digitalen Transformation. Diskussionspapier Nr. 01. Berlin

Seidl, T (2018): Schlüsselkompetenzen als Zukunftskompetenzen - Die Bedeutung der ‚21st century skills’ für die Studiengangsentwicklung. In: Berendt, Brigitte (Hrsg.): Neues Handbuch Hochschullehre.  (Nachlieferung 4/2017 - Griffmarke J 2.23). Organisationsentwicklung und Lehrkultur. Studiengangsentwicklung. Berlin, S. 89-114

 

Die Erkenntnisse aus ihrer Masterarbeit stellt Lisa Ulzheimer am 15. Oktober 2018 um 17 Uhr auch im Rahmen eines HFD Hangouts vor. Für das Online-Meeting können Sie sich hier anmelden.

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