Lernraumgestaltung im digitalen Wandel – ein Interview mit Prof. Dr. Richard Stang

Wie verändert Digitalisierung die Raumgestaltung in Hochschulen? Dieser Leitfrage widmet sich die aktuelle HFD-Ad-hoc-AG Lernarchitekturen. Denn digitale Hochschulbildung stellt,  mit dem zunehmenden Einsatz von Bildungstechnologien und sich damit wandelnden Lehr-Lern-Settings, auch neue Anforderungen an die Gestaltung physischer Lernräumen in Hochschulen. In einer Interview-Reihe kommen die Mitglieder der Arbeitsgruppe in den kommenden Wochen mit ihren verschiedene Perspektiven aus Forschung, Pädagogik, Flächenplanung und Architektur auf das Thema Lernräume zu Wort.

Bild: [https://unsplash.com/photos/c0rplvWqyZk Jordan Encarnacao]Bild: [https://unsplash.com/photos/c0rplvWqyZk Jordan Encarnacao]

Prof. Dr. Richard Stang ist Leiter des Learning Research Center an der Hochschule der Medien Stuttgart, das unter anderem auch die Nutzung neuer Raumstrukturen beforscht. Zudem leitet er das Forschungsprojekt Lernwelt Hochschule, das seine Ergebnisse auf der Konferenz “Zukunft Lernwelt Hochschule” am 28. und 29. März 2019 in Heilbronn präsentieren und diskutieren wird.

 

Herr Stang, Sie forschen bereits über 20 Jahre zu Lernwelten. Warum ist Lernraumgestaltung an Hochschulen so aktuell?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein Grund ist sicher, dass durch den Bologna-Prozess die Aufenthaltszeiten der Studierenden an den Hochschulen zugenommen haben und bei veranstaltungsfreien Zeitslots Studierende gerne die Zeit an der Hochschule nutzen, um studienbezogene Arbeiten zu erledigen. Ein anderer Grund sind die Anforderungen an Hochschulen, die sich aus den gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen ergeben. Wenn Hochschulen die Grundlagen dafür schaffen wollen, dass ihre Absolventinnen und Absolventen Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme der Zukunft entwickeln, bedarf es neben fachlichen Qualifikationen vor allem auch der Vermittlung von Schlüsselkompetenzen. Diese lassen sich in den klassischen Hörsälen in der Form der Vorlesung nur bedingt vermitteln. Hochschulen, die ihre Lehre stärker in Richtung problembasiertes, projektorientiertes und forschungsbasiertes Lernen verändern, sind hier deutlich im Vorteil. Um dies allerdings umzusetzen bedarf es veränderter Lernraumangebote.

 

Digitaler Wandel und physische Lernraumgestaltung: Wie passt das zusammen?

Es mag wie eine Paradoxie klingen, aber je stärker die Mediennutzung den Alltag bestimmt, desto größer scheint der Bedarf an physischen (Lern-)Räumen. Bei der Diskussion über die Digitalisierung wird oft vergessen, dass der Mensch über einen “analogen” Körper verfügt, der bestimmte Grundbedürfnisse hat. Wir können - zumindest auf absehbare Zeit - den physischen Raum nicht verlassen. Hinzu kommt, dass der Mensch auch ein soziales Wesen ist. Überspitzt formuliert wollen Studierende bei ihren Lernanstrengungen auch sehen, dass sich andere auch anstrengen müssen. Der Boom der Hochschulbibliotheken erklärt sich heute weniger über deren Medienangebot, sondern vielmehr über deren Raumangebot - seien es Einzel- oder Gruppenarbeitsplätze. Die große Herausforderung heute ist, den physischen und den digitalen Raum zu einem hybriden zu verschmelzen. Hierzu gibt es bislang kaum sinnvolle Konzepte. Deshalb ist in diesem Bereich auch eine Intensivierung der Forschung notwendig.

 

Rückblickend auf Ihre Forschung im Gebiet der Planung von Bildungsräumen und Lernwelten, welche Hürden und Stolpersteine in der Umsetzung haben Sie besonders beobachtet?

Die größte Hürde ist sicher das Verständnis davon, was Lernen ist. Als Pädagoge beobachte ich an Hochschulen, dass dort Personen über Lehr-/Lernkontexte entscheiden, die sich noch nie mit Lerntheorien auseinandergesetzt haben, sondern das fortführen, was sie an Lehr-/Lernarrangements kennen. Nehmen wir zum Beispiel den Hörsaal, der im Prinzip seit der Gründung der ersten Hochschulen bis heute in der Struktur gleich geblieben ist. Ich will nicht sagen, dass es keine Angebote gibt, die im Hörsaal gut positioniert sind. Doch scheint mir der Hörsaal eher ein Lehrraum zu sein, der ein ökonomisch optimales Verhältnis von Dozierenden und Studierenden generieren lässt, ein pädagogisch sinnvolles ist es in den meisten Fällen sicher nicht. Wenn die Lehre stärker in Richtung problembasiertes, projektorientiertes und forschungsbasiertes Lernen (“from teaching to learning”) gehen soll, dann brauchen wir neben der Veränderung von Betreuungsverhältnissen von Dozierenden und Studierenden vor allem neue Raumangebote an Hochschulen, die flexible und agile Arbeitsstrukturen unterstützen bzw. erst ermöglichen.  

 

Welche Empfehlungen können Sie Hochschulleitungen und auch Lehrenden mit auf dem Weg geben, sich dem Thema “Lernraumentwicklung” nachhaltig anzunähern?

Zunächst müssen Konzepte entwickelt werden, wie die Vermittlungsprozesse und Lehr-/Lernprozesse in Zukunft gestaltet werden können - da können wir sicher vom Ausland lernen. Auf der Basis dieser Konzepte müssen Raumanforderungen unabhängig von den vorhandenen Raumstrukturen konzeptioniert werden, um dann zu schauen, was kann in den vorhandenen Räumen umgesetzt werden und wo müssen neue Raumstrukturen geschaffen werden. Hochschulbau bedeutet heute leider noch in den meisten Fällen das vorhandene Konzepte 1:1 in den Neubau überführt werden. Davon müssen wir dringend wegkommen, da wir davon ausgehen können, dass eine einmal gebaute Umgebung sich die nächsten 30-40 Jahre kaum verändern wird. Das heißt aber auch, dass wir Gebäude mit möglichst vielen Flexibilitätsoptionen gestalten müssen, auch wenn dies eventuell in der Erstellung teurer wird wie ein klassischer Bau. Mittelfristig schafft dies aber Optionen, auf Veränderungsbedarfe reagieren zu können. Dazu bedarf es aber neben den Architektinnen und Architekten auch Expertinnen und Experten aus dem pädagogischen Bereich. Ich fordere schon lange eine “pädagogische Bauleitung” für Bildungsbauten. Und so wie der Brandschutz überall berücksichtigt wird, sollte es keinen Bildungsbau mehr geben dürfen, in dem eine pädagogische Expertise nicht berücksichtigt wurde.

 

Gibt es ein anschauliches Beispiel aus der Praxis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist und warum?

Hier möchte ich auf unser Forschungslabor “Lernwelt” verweisen. Es ist derzeit in Deutschland eines der wenigen - vielleicht auch einzige - Living Lab, in dem untersucht wird, wie Studierende flexible Raumstrukturen zum Lernen nutzen. Auf 400 qm haben wir Platz für 120 Studierende - meistens halten sich mehr darin auf - geschaffen. In der Lernwelt ist bis auf wenige Möbel alles flexibel. Die Studierenden können sich ihr räumliches Lernsetting selbst gestalten. Unterschiedliche Sitzmöbel und Tische ermöglichen es, zu untersuchen, welche Präferenzen es gibt. Wir haben in dem Raum drei Kameras installiert, die alle 10 Minuten ein Bild machen - dabei werden die Gesichter sofort verpixelt. Außerdem messen wir mit Schallpegelmesser die Geräuschkulisse. Wir forschen nun insgesamt seit acht Jahren und können schon einige grundlegende Aussagen treffen. Jede/r Studierende hat eigene Präferenzen, was Sitzmöglichkeiten angeht, dies gilt auch für Tische. Flexible Pinn- und Whiteboard-Wände schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Studierende einen Raum im Raum gestalten und sich für Gruppenarbeiten abschotten können. Flexible Displays ermöglichen die Adaption an Bedarfe. Wenn die Anzahl nicht mehr ausreicht, können sukzessive neue angeschafft werden, was den Vorteil hat, dass man bei Technikwandel nicht immer alles austauschen muss. Die Lernwelt ist inzwischen zum “Arbeitszimmer” der Studierenden geworden, was auch dadurch zum Ausdruck gebracht wird, dass es fast keine Verunreinigungen und Zerstörungen in der Lernwelt gibt. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass wir uns von einigen Dingen verabschieden müssen wie beispielsweise eine vorgegebene Ordnung - denn alles ist in Bewegung - oder eine Einheitsmöblierung.

Die Vorbehalte gegenüber der Lernwelt waren anfangs sehr groß. Inzwischen wurde auch von der Hochschulleitung erkannt, welches Potenzial in solchen Raumstrukturen steckt und es werden weitere Flächen mit Hilfe dieses Konzeptes gestaltet. Entscheidend war und ist, dass das Raumkonzept auf der Basis pädagogischer Expertise entwickelt und die Konzeptentwicklung nicht nur den Bauämtern überlassen wurde.

Vielen Dank für das Gespräch!

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