Lehren und Lernen in digitalen Zeiten - Ein Spielfeld

Selten werden Workshopräume so ausgiebig genutzt wie bei Dr. Tina Ladwig und Axel Dürkop: beim Strategieworkshop des Hochschulforums Digitalisierung am 20. März 2018 in Berlin verwandelten sie den Fußboden in ein Spielfeld. Anhand dessen wurde an Strukturen und Formaten für die institutionelle Weiterentwicklung gearbeitet. Im Blogbeitrag beschreiben sie ihren Workshop und laden zur weiteren Diskussion ein. Einen umfassenden Rückblick auf den Strategieworkshop finden Sie übrigens hier.

SpielffeldDas Zusammenspiel. Foto: Dr. Tina Ladwig [https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ CC-BY 4.0]

 

Am 20. März 2018 hatten wir das große Vergnügen, einen Workshop für Mitarbeitende an Hochschulen zu geben, die in der strategischen Weiterentwicklung der Hochschullehre im digitalen Zeitalter involviert sind. Unser Ziel war es, Rahmenbedingungen für die institutionelle Weiterentwicklung zu identifizieren, die zum Gelingen von Lernen und Lehren in digitalen Zeiten beitragen können.

Das Spielfeld beschreiben

Das ist insofern eine Herausforderung, da nicht nur der Kontext eines jeden Bundeslandes, aber auch der Hochschulen und der jeweiligen Fachkulturen einen maßgeblichen Einfluss auf diese Gelingensbedingungen haben.

Nun gibt es aus der Organisationstheorie hierfür hilfreiche Erkenntnisse aus der "Münchner Schule" und dem 2006 von Prof. Dr. Dres. h.c. Werner Kirsch gegründeten Zentrum für organisationstheoretische Grundlagenforschung. Sehen wir Digitalisierung als eine Dimension innerhalb der Strategien von Hochschulen, neben Internationalisierung, Diversität und anderen, bietet gerade dieser Zugang aufgrund seiner Offenheit für einen Pluralismus an relevanten Theorieperspektiven, großes Potenzial für die Analyse und Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen.

Unser Beitrag hier soll nun keine theoretische Auseinandersetzung werden. Wir möchten jedoch dafür plädieren, nicht nur einzelne Formate und Strukturen innerhalb von Hochschulen zu initiieren, sondern das Thema der Weiterentwicklung von Hochschulen ganzheitlich zu denken. Ganzheitlich bedeutet in diesem Fall, dass Strategie als eine Art Handlungsorientierung (vgl. Kirsch 1997) dann wirksam wird, wenn ihr ein politischer Wille attribuiert wird und sie in die Strukturen und Kulturen der Hochschulen, also in deren Lebenswelt nachhaltig verankert wird. Anders herum bedeutet dies aber auch, dass gerade diese Lebenswelt eine Art Ressource für die Strategieformierung darstellt und somit den Prozess einer Strategieentwicklung bottom-up ermöglicht. Im Grunde genommen haben wir dieses Konzept mit einem Spielfeld verglichen. Es ist ein Spielfeld der Hochschule, in dem Strategien top-down formuliert, bottom-up formiert, in der Kultur der Hochschule interpretiert und ggf. (neu) ausgehandelt werden und vorhandene Strukturen nutzt sowie neue schafft. Weder das eine noch das andere allein kann dazu führen, dass das Potenzial, welches dem Lernen und Lehren in digitalen Zeiten innewohnt, ausgeschöpft werden kann.

Das Spielfeld. Foto: Dr. Tina Ladwig [https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ CC-BY 4.0]

Mit dieser Vorstellung der Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen sind wir in den Workshop gestartet. Wir haben aufgrund der Diversität der anwesenden Hochschulvertreter_innen bewusst darauf verzichtet, eine Definition für eine Digitalisierungsstrategie zu geben. Vielmehr ging es uns darum, für das grundsätzliche Prinzip der Offenheit, welche Digitalisierung nach innen und außen in Kollaboration und Kommunikation ermöglicht, zu sensibilisieren. Diese Offenheit und mit ihr auch große Gestaltungs- und Interpretationsfreiräume wurde auch uns im Projekt der Hamburg Open Online University (HOOU) an der TUHH entgegengebracht. Wir konnten hier von vielen zum bisherigen Erfolg der organisationalen Entwicklung beitragenden Bedingungen berichten.

Struktur und die Frage nach den wichtigsten Spielern

Story-MappingStory-Mapping auf dem Workshop. Foto: Dr. Tina Ladwig [https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ CC-BY 4.0]

Zum bisherigen Erfolg haben verschiedene strukturelle Entwicklungen und Akteure, im Sinne der Spiel-Metapher, Spieler_innen beigetragen. So zum Beispiel die sehr enge, vertrauensvolle und offene Zusammenarbeit mit unserem Rechenzentrum und der TU Bibliothek. Dies zeigte sich bspw. darin, dass wir mittlerweile über eine weltöffentliche GitLab-Instanz an der TUHH verfügen, die uns die Kollaboration mit externen Wissenschaftler_innen, Lehrenden und Lernenden ermöglicht. Darüber hinaus zeigte sich, dass das Thema des Lehrens und Lernens in digitalen Zeiten viele Mitspieler_innen braucht, um es für eine Hochschule spielbar zu machen. Dazu zählen u.a. die wissenschaftlichen Begleiter_innen aus den Fachkulturen, die Studierenden, und in unserem Fall auch hochschulexterne Lernende, Vertreter_innen aus Kommunikationsdesign, Medienproduktion, Rechtsabteilungen, Rechenzentren, Didaktik, Bibliotheken, Datenschutz und der Öffentlichkeitsarbeit. Es sind so viele unterschiedliche Perspektiven, die nur strategisch wie auch operativ wirksam werden können, wenn sie zusammenwirken. Ein mögliches Konzept, auf welches wir in dem Workshop hingewiesen haben, ist das sog. User-Story-Mapping, eine Methode aus der Softwareentwicklung, um sich perspektivenübergreifend eine Geschichte, in unserem Fall die Geschichte einzelner Lernangebote, zu erzählen (vgl. Dürkop & Ladwig 2016).

Wichtig hierbei ist, dass es in diesem Strukturformat eine Auflösung von Hierarchien gibt. Jede_r einzelne ist mit der eigenen Expertise, die er oder sie mitbringt, wichtig. Es ist ein Aushandlungsprozess auf Augenhöhe unter Berücksichtigung der Anforderungen und Bedarfe jeder Fachkultur.

Kultur und die Frage der Spielregeln

Auch wenn das Thema sehr komplex ist, wäre es eine zu starke Komplexitätsreduktion, sich nur auf die Fachkulturen zu fokussieren. Denn auch diese sind wiederum geprägt von der Hochschulkultur. Kultur hat, wie uns wahrscheinlich allen bewusst ist, viel mit Sprache und Kommunikation zu tun. Gilt es also nun sich mit kulturelle Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen, und damit mit der Aushandlung der Spielregeln der Kommunikation und Kollaboration auf dem Spielfeld, haben wir uns von sowohl nationalen wie auch internationalen Beispielen inspirieren lassen. Diese haben uns geholfen, unsere Argumentation für das Erproben bestimmter Formate des Austausches zu unterstützen. Letztendlich müssen diese inspirierenden Beispiele, wie z.B. Lifelong Kindergarten, der P2PU Learning Circles oder der Django Girls immer im Kontext der eigenen Hochschule interpretiert werden.

Für uns bedeutete dies, dass wir vor einigen Monaten den Hack[a|er]space an der TUHH gegründet haben. Er steht unter dem Motto "Own Your Brought Device" und beabsichtigt die Aneignung von Geräten, Tools, Workflows und Artefakten durch Nutzung, Veränderung, Verbesserung und erneute Veröffentlichung. Dieser findet jeden Mittwoch von 14 - 17 Uhr statt und ist offen für jede_n, der oder die mit uns gemeinsam das Lehren und Lernen in digitalen Zeiten gestalten möchte. Der Hack[a|er]space ist nun ein Lernraum für uns und die Teilnehmer_innen geworden, in dem die Spielregeln immer wieder auch auf den Prüfstand gestellt werden können.

Und genau dieses "auf den Prüfstand stellen" haben wir als eine wichtige Inspiration aus einer Forschungsreise in die USA mitgebracht: Es geht nicht nur darum, Formate zu finden und damit zu experimentieren - diese Phase ist extrem wichtig - es geht auch darum, diese Formate zu evaluieren und zu beforschen. Die Beforschung von Wirksamkeit in all ihren Dimensionen ist für uns ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit geworden. So beforschen wir im Projekt BRIDGING aktuell den Transfer digitaler Hochschulbildungskonzepte aus Verbundprojekten in einzelne Fachkulturen und im Projekt open[learning]spaces die Gestaltung zukünftiger virtueller Lernräume.

Das eigene Spielfeld entdecken

Gerade die Kommunikation und die Argumentation für die Bedeutung dieses Themas und das entsprechende Framing haben wir während der ersten Workshopphase intensiv mit den Teilnehmer_innen diskutiert. In der zweiten Workshopphase waren die Teilnehmenden dann aufgefordert, anhand von Leitfragen ihr eigenes Spielfeld einmal zu identifizieren, sich gegenseitig vorzustellen, sich gegenseitig inspirieren zu lassen und am Ende bestimmte Aspekte festzuhalten, die sie als erstes in ihrer Hochschule anstoßen wollen.

Das Zusammenspiel. Foto: Axel Dürkop [https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ CC-BY 4.0]

Das eigene Spielfeld kennenlernen

Nun wollen auch wir Sie animieren, Ihr eigenes Spielfeld kennenzulernen. Hierfür nutzen Sie gerne die Leitfragen aus dem Workshop. Lassen Sie gerne über die Mattermost-Plattform des HFD teilhaben an Ihren Erfahrungen auf Ihrem Spielfeld! Sollten Sie noch keinen Zugang zu Mattermost haben, wenden Sie sich bitte an Viet-Chi Pham vom Hochschulforum Digitalisierung (pham@hrk.de). Wir freuen uns auf Ihre Berichte und wünschen viel Spaß bei Ihrem Spiel!

Referenzen

Dürkop, A. & Ladwig, T. (2016). Der gemeinsame Weg zu einem Lernarrangement in der Hamburg Open Online University. Synergie. Digitalisierung in der Lehre, (1), 76–77.

Kirsch, W. (1997): Wegweiser zur Konstruktion einer evolutionären Theorie der strategischen Führung. Kapitel eines Theorieprojektes, Herrsching.

CC-BY-SA LogoDieser Text steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International - CC BY-SA 4.0. Bitte nennen Sie bei einer möglichen Nachnutzung den angegebenen Autorennamen sowie als Quelle das Hochschulforum Digitalisierung.

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