"Blockaden im Kopf lösen": Bottom-Up Digitalisierung @ Chinese University of Hong Kong

Jürgen Handke hat im März eine Woche an der Chinese University of Hong Kong verbracht: Auf Einladung des “Departments of Linguistics and Modern Languages” und des “Center for Learning Enhan-cement and Research (CLEAR)” konnte er eine Woche lang die Prinzipien der Digitalisierung der Lehrens und Lernens an Lehrende sowie an Studierende aller Studienphasen weitergeben. Für unseren Blog hat er sein Reisetagebuch geöffnet.

Tag 1: Montag, 5. März 2018; Dept. Of Modern Languages (German)

  • Workshop: Lehrvideos – OER und DIY (in deutscher Sprache)
  • Abstract/Ziel: Die Produktion und Nutzung von Lehrvideos ist ein wichtiger Eckpfeiler auf dem Weg in das digitalisierte akademische Lehren und Lernen. Doch was sind das für Videos? Zur Beantwortung dieser Frage nehmen wir zunächst eine Klassifikation von Lehrvideos vor und schätzen die Vor- und Nachteile ein. Mit speziellen Videobeispielen soll geklärt werden, welche Videotypen für das Sprachenlernen besonders geeignet sind.
  • Video vorab: Lehrvideos, Grundlagen

Mein Programm für die insgesamt fünf Universitäten in Hong Kong begann mit einem intensiven Workshop über die Entwicklung von sogenannten „Mikro-Modulen“, in Handke (2017, Handbuch Hochschullehre Digital) als „Micro-E-Lectures“ bezeichnet, für die Deutschlehrer an der chinesischen Universität von Hongkong. Man hat dort erkannt, dass man mit Videos mehr für die Lehre tun kann als mit klassischen Lehrmethoden. Daher war mein Ziel, den Deutschlehrern zu zeigen, wie man digitale Materialien erstellt, und zwar nicht nur dadurch, dass man alles selbst macht, sondern auch dadurch, dass man versucht, offene Bildungsmaterialien zu integrieren. Dieser Workshop war der Startschuss für ein intensives Video-Training während - also begleitend - und am Ende meines Aufenthaltes in Hongkong.

Tag 2: Dienstag, 6. März 2018; CLEAR (vormittags)

Ankündigung der Mini-Konferenz

  • Keynote: Language Learning in the Digital Age
  • Abstract/Ziel: Nearly all branches of public life have been introducing digital methods into their daily routines with one excep-tion: teaching and learning. Teachers and learners of all levels have in many ways been stuck in 20th century teaching scenarios that by and large dispense with the principles of digitization. In his workshop Prof. Handke, one of Germany’s leading experts of digital teaching and learning, focuses on language learning and linguistics and first identifies the digital elements, scenarios and formats that not only solve numerous problems of traditional teaching and learning but will also be beneficiary in many ways. Using an integrated model of digitization he also shows how new digitized course formats and modern techniques enrich teaching and learning and lead to more individualization and higher degrees of flexibility.

In einer Mini-Konferenz mit zwei Vortragenden, der Kollegin Dawn Bennett aus Australien und mir, ging es um das Thema Flipped/Inverted Classroom. Hauptanliegen meines Inputs war es, moderne Lehr- und Lernmethoden vorzustellen und zu zeigen, wie man die Grundprinzipien des Inverted Classroom in der heutigen Lehre einsetzt. Am Ende meines Vortrages stürzten viele der ca. 60 Teilnehmer auf mich ein, löcherten mich mit Fragen und wollten ein Maximum an Zusatzinformationen von mir. Neben einem Stoß von Visitenkarten konnte ich so nicht nur viele Ideen und Fragen mit nach Hause nehmen, sondern auch die enorme Begeisterung für das Thema spüren.

Das Interesse an Handkes Erfahrungen ist groß.

… immer noch Tag 2: Dienstag, 6. März 2018; Linguistics (nachmittags)

  • Lecture: Digital Teaching and Learning in the 21st Century
  • Abstract/Ziel: Nearly all branches of public life have been introducing digital methods into their daily routines with one exception: teaching and learning. Teachers and learners of all levels have by and large been stuck in 20th century teaching scenarios that dispense with the principles of digitization. In his keynote/input Prof. Handke, one of Germany’s leading experts of digital teaching and learning, first identifies the digital elements, scenarios and formats that not only solve numerous problems of traditional teaching and learning but will also be beneficiary in many ways, especially for lan-guage learning and linguistics. Using an integrated model of digitization he also shows how new digitized course formats enrich teaching and learning and lead to more individualization and higher degrees of flexibility.

Am Nachmittag des gleichen Tages stand eine Vorlesung vor Sprachwissenschaftlern auf dem Programm. Natürlich ging es auch hier um die Digitalisierung der Lehre, allerdings mit dem Fokus auf Sprachen und dem Lehren von Sprachen. Nach anfänglicher Skepsis, die meiner Kenntnis nach allen Sprachwissenschaftlern auf diesem Planeten gemeinsam ist, konnte ich aber auch dort die Teilnehmer für mich und meine Ideen gewinnen, so dass wir am Ende vereinbarten, gemeinsam Lehrvideos zu speziellen sprachwissenschaftlichen Themen zu erstellen und in unseren YouTube-Kanal mit aufzunehmen. Teilen und Kooperieren, das war für mich am Ende die richtungsweisende Erkenntnis, sind in Hong Kong selbstverständlich. Und so durfte ich mit Stolz vernehmen, dass unsere linguistischen YouTube-Videos in vielen Lehrveranstaltungen an den Hochschulen in Hong Kong fester Bestandteil der Lehre sind.

Tag 3: Mittwoch, 7. März 2018; CLEAR

  • Workshop: Focus Language Learning - 6 Steps A Roadmap Towards Digitization
  • Abstract/Ziel This workshop introduces the central steps towards the digitization of content for language learning. Prof. Handke not only talks about "digital language learning" but shows how and where to start. His 6-step-roadmap serves as a blueprint not only for the subject but opens the gate for the digitization of any academic content. And the main goal is: free your class for more time for your students.

Dieser Tag wird mir lange in Erinnerung bleiben. Ich konnte in einem hochmodernen Seminarraum, der nach der ‚Mohnblumen Architektur‘ eingerichtet ist, die Prinzipien des Inverted Classroom nicht nur vorstellen, sondern auch praktizieren und somit mit den Teilnehmern – es waren ungefähr 35 – mein sechs Schritte Programm in die Digitalisierung praktisch erproben.

Durch die für diese Methode hervorragende Architektur konnte ich das Prinzip „From sage on stage to guide on the side“ sehr effizient umsetzen. Meine Position war überall: sitzend wie stehend. Und das Resultat? Eine zukünftige Kooperation zwischen CLEAR und meiner Arbeitsgruppe in Sachen Assistenzrobotik: gemeinsame Lernapps für humanoide Roboter mit gemeinsamen Lehrvideos. Die Begeisterung war greifbar.

Den 'Mohnblumen-Seminarraum' wird Handke so schnell nicht vergessen.

Tag 4: Donnerstag, 8. März 2018; Linguistics

  • Lecture: Teaching Language/Linguistics in the 21st Century
  • Abstract/Ziel: In recent years, technology has been introduced to nearly all branches of language learning and linguistics: digital text analysis and composition, sound editing and analysis tools, grammar and spell checkers and digital databases of all kind, to name a few. However, in teaching and learning we have, by and large, been stuck in 20th century scenarios that almost completely dispense with the principles of digitization. In his workshop, Prof. Handke, one of Germany’s leading experts of digital teaching and learning and developer of the world's largest digital linguistics campus, first identifies the digital elements, scenarios and formats that not only solve numerous problems of traditional teaching and learning but will also be beneficiary in many ways, especially for language learning and linguistics. He will show how digital elements, scenarios, and even new course formats can be integrated into modern teaching and learning, thus leading to more individualization and higher degrees of flexibility.

Nun waren wieder die Linguisten dran. Vor ca. 35 Masterstudenten und 10 Lehrenden ging es darum, wie in meinem eigenen Fach die Digitalisierung in Forschung und Lehre umgesetzt wird bzw. umgesetzt werden kann. Wieder wurde ich am Ende mit Fragen gelöchert, und einer der wissenschaftlichen Assistenten konnte es am Ende gar nicht abwarten, mit mir zusammen Glossar-Videos zu erstellen, die die Lehre in Hongkong, aber auch bei uns, über unseren YouTube-Kanal in anderen Teilen der Welt möglicherweise bereichern.

Tag 5: Freitag, 9. März 2018; Dept. Of Modern Languages (vormittags)

  • Lecture: A Roadmap Towards the Digitization of Linguistic Content
  • Abstract/Ziel: In this workshop, we will look at the central steps towards the digitization of linguistic and `language teaching´ content. Prof. Handke not only talks about "digital linguistics" but shows how and where to start. His 6-step-roadmap serves as a blueprint not only for his subject but opens the gate for the digitization of any academic content. And the main goal of all this: free your class for more time for your students.
  • Video Input beforehand: The Roadmap 

Mit einem einstündigen Vortrag zum Thema “Lehrvideos” begann dieser letzte Tag, und ich konnte wiederum die Begeisterung spüren. Und mir gelang es, diese mit einem kurzen ‚Biteable‘-Video, das wir zum Abschluss der Vormittags-Session erstellten, noch zu schüren. Und so war jedem klar, was am Nachmittag folgen würde: Lehrvideoerstellung mit Bordmitteln – und viel Spaß bei der Praxisarbeit.

… immer noch Tag 5: Freitag, 9. März 2018; Dept. Of Modern Languages (nachmittags)

Ausprobieren vor dem Greenscreen

  • Workshop: Digitizing Linguistic Content
  • Abstract/Ziel: This workshop introduces ways of generating DYI-content, i.e. content we have to generate by hand. This includes some advice on how to organize e-learning units in linguistics and beyond. And includes the production of a short micro-teaching video to illustrate the ease of creating DIY-content. Furthermore, we will produce a short clip using the CLEAR-studio and will integrate that into existing video content.
  • Video Input beforehand: Digitizing Linguistic Content

Zum krönenden Abschluss noch ein 3-stündiger Video Workshop mit den Lehrkräften für die verschiedenen Sprachen an der CUHK: Deutsch, Französisch, Koreanisch und Spanisch. Sofort ging es in die Praxis: PowerPoint-Präsentationen mit Snagit, einfache Lehrvideos mit Camtasia, praktische Aufnahmen vor dem Greenscreen und die Erstellung eines gemeinsamen Videos, das letztendlich, nach abschließender Nachbearbeitung, sogar auf YouTube eingestellt werden konnte.

Und wieder hat sich gezeigt: die Infrastruktur steht, die Lehrenden sind bereit, man kooperiert, man teilt, und man ist sich vollständig bewusst: Es geht nur gemeinsam. Die Motivation zur Digitalisierung der eigenen Lehre ist extrem hoch! Man braucht keine Strategie, man will nicht mehr reden, sondern man will es machen!

Beeindruckt hat Handke die Motivation, einfach loszulegen.

Fazit

So fliege ich mit gemischten Gefühlen heim. Auf der einen Seite die große Begeisterung für die Digitalisierung und das Vorhandensein aller Elemente und Strukturen in Hongkong; auf der anderen Seite die großen Probleme zu Hause. In Deutschland macht man genau das nicht, was anderswo und zumal in Hong Kong Standard ist: Man teilt häufig nicht, man kooperiert nur zögerlich, man redet von Strategien und Herausforderungen, man diskutiert Risiken und setzt den Fokus bei der Digitalisierung auf einen Top-Down-Prozess. (Und während ich diese Zeilen schreibe, wird Unsinn-Verbreitenden Ignoranten wie Manfred Spitzer im Deutschlandfunk auch noch eine Bühne gegeben). So wird das nichts mit der Digitalisierung der Lehre.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die von mir praktizierte Bottom-Up Vorgehensweise die Lehrenden in angemessener Weise auf den Weg ins 21. Jahrhundert mitnimmt und ihnen zeigt, ‚wie es geht‘. Klar – wir brauchen auch Top-Down Elemente, wie z.B. die von der Politik und den Präsidien/Rektoraten endlich zu praktizierende Wertschätzung der Lehre, und wir brauchen auch funktionierende digitale Infrastrukturen. Aber eines ist mir so klar geworden wie nie zuvor: Die Digitalisierung der Lehre beginnt in den Köpfen. Und die deutschen ‚Köpfe‘ sind im Gegensatz zu vielen ausländischen ‚Köpfen‘ noch zu sehr zu blockiert.

Daher mein Plädoyer: Nicht andere Hochschulen besuchen und schauen, was dort gemacht wird (wie es z.B. vor einem Jahr eine Asien-Delegation gemacht hat, deren Impakt in Deutschland aber bis heute nicht spürbar ist), sondern andere Hochschulen besuchen und zeigen, wie es geht.

Denn eines ist klar: Wir können es, wenn wir wollen - ansonsten können wir es auch lassen!

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