Ingenieurausbildung: Erfolgsfaktor Weiterentwicklung an Hochschulen

Im Mai dieses Jahres hat die Hochschulallianz HAWtech in Berlin die Tagung zu „Ingenieurinnen und Ingenieure für den Wirtschaftsstandort Deutschland“ veranstaltet. Ein Ergebnis dieser Tagung war die „Berliner Erklärung für Bessere Rahmenbedingungen für eine agile Hochschulentwicklung und zukunftsorientierte Ingenieurausbildung“. Der HAWtech-Verbund besteht aus sechs in den MINT-Fächern führenden Hochschulen für Angewandte Wissenschaften: Fachhochschule Aachen, HTW Berlin, Hochschule Darmstadt, HTW Dresden, Hochschule Esslingen und Hochschule Karlsruhe. Ralph Sonntag, Professor an der HTW Dresden, ordnet für uns die Ergebnisse der Tagung ein.

Auf der HAWTech Tagung entstand die Berliner Erklärung. Bild: [https://unsplash.com/photos/Oog0wehKxYs Håkon Sataøen]

Zukunftskompetenzen denken

Wir haben bei dieser Tagung im Kreis von über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die notwendigen Zukunftskompetenzen für Ingenieurinnen und Ingenieure gesprochen und Wege für deren Integration in die Hochschulen und das Curriculum diskutiert.

Die Berufswelt und die Anforderungen an Ingenieurinnen und Ingenieure werden immer komplexer. Wir wissen heute noch nicht, wie sich die Arbeitswelt entwickeln und welche Technologien uns zur Verfügung stehen werden. So erwächst die Notwendigkeit zur Fähigkeit, interdisziplinär zu denken und zusammenzuarbeiten. Gerade Ingenieurinnen und Ingenieure werden diese Veränderung zum Wohle der Gesellschaft aktiv gestalten. Hieraus resultiert auch eine ethische Verantwortung zur Nutzung von Technologien.

Die Digitalisierung wird zu einer Querschnittskompetenz für alle Berufsbilder und damit auch für unsere Studierenden. Die Internationalität in der Arbeitswelt, das unternehmerische Denken sowie das Leben agiler Methoden werden zur Normalität.

Ideen und Ansätze, welche Kompetenzen in der Zukunft notwendig sein werden, gibt es zahlreiche. Jede Hochschule hat Good-Practice–Beispiele, wie heute schon Studierende zukunftsorientierte, fachliche und überfachliche Kompetenzen, z.B. in interdisziplinär geprägter Projektarbeit oder durch hochschuldidaktische Formate wie Flipped Classroom, erwerben können.

Für mich ist genau dieser Austausch von neuen Ansätzen des Wissenserwerbs und des Kompetenzaufbaus innerhalb von Netzwerken, wie dem Hochschulforum Digitalisierung, dem Stifterverband, in Lehre hoch n und HAWtech-Verbund, notwendig. Zum einen hilft dieser Austausch bei der Reflexion der eigenen Lehre und zum anderen - aus meiner Sicht viel entscheidender - bekommen Hochschulen so Impulse für eine Weiterentwicklung der gesamten Organisation Hochschule.

Weiterentwicklung ist agil

Die Digitalisierung wirkt sich auf das Beziehungsgeflecht der Organisation aus. Bild: [https://unsplash.com/photos/1ZZ96uESRJQ Shane Rounce]

Hochschulen entwickeln sich weiter. Ergebnisse eines gemeinsamen Diskurses aller Mitglieder und Gremien münden in einem Hochschulentwicklungsplan, der als strategische Roadmap für die Hochschulen gilt. Parallel entwickeln Hochschulen natürlich permanent ihre Studiengänge weiter, um so passgenau Zukunftskompetenzen aufzubauen.

Die Zunahme der Vielfalt und Quantität an Aufgaben in den Bereichen Lehre, Forschung und Dritte Mission an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften sowie Fachhochschulen bedeutet gerade auch eine Herausforderung an die Organisation Hochschule als Gesamtes. Die Digitale Transformation, die wir aktuell erleben, hinterfragt nicht nur Prozesse und Angebote, sondern gerade auch die Organisationsform und das Beziehungsgeflecht nach innen und außen. Diese Reflexion ist meiner Erfahrung nach unerlässlich, um eine valide Grundlage zu haben, um zukünftig die Dynamik und Komplexität von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft abbilden zu können.

Gerade hier gilt es eine gute kommunikative und konstruktive Balance zwischen Weiterentwicklung und den etablierten Strukturen einer Hochschule zu finden.

Die Abbildung von interdisziplinären Strukturen in Lehre und Forschung, die Weiterentwicklung neuer Lehr-/Lernformate, die Gestaltung von Transferangeboten sowie die fortlaufenden Anforderungen und Entwicklungen in der Verwaltung stehen an dieser Stelle exemplarisch für diese neue Dimension der Hochschulentwicklung.

Ein weiterer Aspekt dieser neuen Form der Organisationsentwicklung ist die Kooperation mit anderen Hochschulen. So steht der Verbund HAWtech für ein gelebtes Kooperationsmodell mit konkreten gemeinsamen Aktivitäten in Lehre und Forschung.

Diese Transformation an Hochschulen, die deutlich umfassender als bisherige Veränderungen, wie z.B. der Bologna-Prozess, ist, erfordert entsprechenden Aufwand - von der Strategiebildung bis zur kontinuierlichen Umsetzung. Hochschulstrategien müssen nach meiner Sicht auch mehr Dynamik der Außenwelt abbilden können. Hier existieren verschiedene dynamische Strategiemodelle, die u.a. die Erfahrungen aus der Strategieimplementierung in einen permanenten Strategieanpassungsprozess einfließen lassen (z.B. Double Loop – Strategie). Auch können gut agile Methoden der Zusammenarbeit und Gestaltung von Organisationen für diesen dynamischen Transformationsprozess an Hochschulen adaptiert werden.

Freiraum und Flexibilität

Flexibilität innerhalb eines festen Ordnungsgerüsts benötigen Hochschulen für eine erfolgreiche Transformation. Bild: [https://unsplash.com/photos/O7GPOnW3o54 Wes Hicks]

Nach meiner Einschätzung nach werden mit den steigenden Anforderungen aus Gesellschaft und Wirtschaft die Transformationsprozesse an Hochschulen immer wichtiger. Dieser Umstand ist schwerlich in einem Strategiepapier in Gänze gut abzubilden. Wichtig ist hier die Aufnahme von Anpassungsmöglichkeiten, um eine Agilität in der Transformation zu leben.

Um dieses auch umsetzen zu können, bedarf es eines entsprechenden Freiraums für Hochschulen. Rechtsnormen und Ordnungen müssen sich stets an der Transformation von Hochschulen orientieren. Natürlich ist ein Ordnungsgerüst zwingend für Hochschulen, eine hohe Flexibilität innerhalb dieses Gerüsts ist aber zwingend für die Ermöglichung von agilen Weiterentwicklungen von Hochschulen.

Hochschulen fordern häufig mehr finanzielle Ressourcen in der Grundfinanzierung. Dieses hat eine gute Berechtigung hinsichtlich der oben beschriebenen Aufgabenvielfalt. Die zunehmende Notwendigkeit zu agiler Transformation und Hochschulentwicklung verstärkt genau diese unerlässliche Forderung.

Wenn von Maßnahmen im Zuge der Digitalisierung in der Politik gesprochen und diese dann umgesetzt werden, helfen diese Programme der Gesellschaft und Wirtschaft, die Transformationsprozesse durch die Digitalisierung besser zu meistern und neue Mehrwerte für uns alle zu kreieren. Hochschulen benötigen neben Ressourcen die rechtlichen Rahmenbedingungen, damit diese Digitale Transformation auch für und in den Hochschulen umgesetzt werden kann.

Hochschulen wollen und können mit den entsprechenden Ressourcen und Bedingungen schneller passgenaue und flexible Angebote für Studierende sowie Bildungsangebote für Wirtschaft und Gesellschaft konzipieren und umsetzen.

Damit ist Hochschulentwicklung, die Agilität und Veränderungsmanagement widerspiegelt, nach meiner Einschätzung ein entscheidender Erfolgsfaktor für Hochschulen.