Tagungsbericht zur Campus Innovation 2014

Vom 20. bis 21. November 2014 fand in Hamburg die Campus Innovation statt, eine Konferenz, die sich alljährlich dem Wechselspiel von Digitalisierung und Hochschule widmet. Für diese Veranstaltung konnten wir die beiden Themengruppenmitglieder Frau Dr. Thillosen und Herrn Dr. Göcks gewinnen, eine Zusammenfassung des Tagungsgeschehens für die Homepage des Hochschulforums zu verfassen:

 

Die seit 2003 vom Multimedia Kontor Hamburg (MMKH) ausgerichtete Campus Innovation gehört inzwischen zu den etabliertesten E-Learning-Tagungen in Deutschland. Bereits zum 7. Mal in Folge fand 2014 die Campus Innovation in Kooperation mit dem Konferenztag Studium und Lehre der Universität Hamburg und zum zweiten Mal auch mit der Jahrestagung des Universitätskollegs statt. Mit ihrem Motto „Change: Digital Readiness – Die Rolle der Hochschulen im zukünftigen Bildungs- und Gesellschaftssystem“ war die Gemeinschaftsveranstaltung am 20. und 21. November in Hamburg zugleich eine Anfrage an die über 640 Teilnehmenden: Wie „ready“, wie bereit, sind Hochschulen für Veränderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung – und welche Rolle wollen sie bei der Gestaltung des derzeit gesamtgesellschaftlichen digitalen Wandlungsprozesses einnehmen? Mit diesen Fragen setzten sich die prominent besetzten Keynotes und die Podiumsdiskussion sowie die parallelen Tracks „eLearning“, „Studium und Lehre“, „eCampus“ und das Workshop-Angebot aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auseinander. Der folgende Tagungsbericht bezieht sich vor allem auf den Track eLearning sowie auf die Keynotes und die Podiumsdiskussion.

Einblicke in die Hochschulpraxis: Einsatzbeispiele und Grundsatzfragen

Eine Reihe von Beiträgen gab Einblicke in die Hochschulpraxis: Hier wurden in mehreren Vorträgen Praxisbeispiele vorgestellt. So berichtete z.B. Prof. Dr. Volkmar Langer, Präsident der HS Weserbergland, über Veranstaltungen an seiner Hochschule, die nicht nur nach dem derzeit vieldiskutierten Inverted Classroom-Modell durchgeführt werden – darüber hinaus werden auch die Filme, anhand derer sich die Lernenden die Kursinhalte aneignen, nach dem Prinzip des „Lernens durch Lehren“ von Studierenden selbst konzipiert und umgesetzt. Welche Erkenntnisse durch den Einsatz von 3D-Modellen und 3D-Druck gewonnen werden können, zeigte Prof. Dr. Christoph Schäfer (Universität Trier) für den Fachbereich Experimentelle Archäologie anhand der 3D-Rekonstruktion und dem Ausdruck eines antiken Schiffs durch Studierende der Fachbereiche Archäologie und Computersimulation.

Weitere Beiträge behandelten eher übergeordnete Themenkomplexe, z.B. Probleme und Lösungsvorschläge bei der Kompetenzmessung durch E-Assessments (Prof. Dr. Karsten Wolf, Univ. Bremen) oder die Bedeutung von Game-based Learning (Prof. Dr.-Ing. Alke Martens, Univ. Rostock). Gleich zwei Beiträge gingen aus unterschiedlichen Perspektiven der grundsätzlichen Frage nach, ob das Internet eher zur Vermittlung von „Skills“ als zur „Bildung“ geeignet sei (Prof. Dr. Jörn Loviscach, FH Bielefeld) bzw. ob die „analoge Hochschule“ bereits tragfähige Konzepte zur Begegnung mit der „digitalen Gesellschaft“ habe (Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Univ. Mainz).

Welche Unsicherheiten in Bezug auf rechtliche Fragen bestehen – und wie wichtig deren Klärung für den Einsatz digitaler Medien im Hochschulkontext von der Lehre bis zur Verwaltung ist – zeigten ebenfalls mehrere Vorträge: Prominent in der Keynote von Prof. Dr.-Ing. Hannes Federrath (Universität Hamburg) wurde die Frage nach Datensicherheit und Datenschutz aufgeworfen. Die Universität Osnabrück stellte ein im Rahmen eines Pilotprojekts entwickeltes System vor, mit dem Texte erfasst werden können, die gemäß dem (seit Ende November entfristeten) § 52a UrhG in Lehrveranstaltungen eingesetzt bzw. in Lernmanagementsysteme eingestellt werden. Und schließlich warf Dr. Till Kreutzer (iRightsLaw) – Autor eines soeben veröffentlichten Leitfadens zu Open Content Lizenzen – mit seinem Beitrag zu Rechtsfragen im Zusammenhang mit OER (Open Educational Resources, also frei nutzbaren Bildungsressourcen) einen Blick über den Kontext Hochschule hinaus.

Der Blick über die Hochschulgrenzen hinaus: Offene Bildungsressourcen und MOOC-Konzepte

Dass sich noch weitere Beiträge mit OER befassten, zeigt, dass dieses in Deutschland lange vernachlässigte Thema allmählich mehr öffentliche Aufmerksamkeit bekommt. Dabei stellte Prof. Dr. Martin Gersch (FU Berlin) u.a. mögliche Geschäftsmodelle für OER vor; Prof. Dr. Michael Kerres (Univ. Duisburg-Essen) befasste sich nicht zuletzt mit den unterschiedlichen derzeit existierenden OER-Plattformen, der Auffindbarkeit von geeigneten Materialien sowie unterschiedlichen OER-Konzepten. Auch Olaf Scholz, Erster Bürgermeister der Stadt Hamburg, griff in seiner Keynote zur Eröffnung des zweiten Veranstaltungstages im Zusammenhang mit dem Digitalisierungskonzept der Stadt Hamburg die OER-Thematik bzw. die Öffnung von Bildungsressourcen für neue Zielgruppen auf. Darüber hinaus sollen im Rahmen der Hamburger Digitalisierungsinitiative vor allem Lernszenarien mit einer stärkeren Lernendenzentrierung gefördert und im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes auch eine entsprechende Nachhaltigkeit der unterschiedlichen geplanten Maßnahmen gewährleistet werden. Schließlich adressierte auch die Abschlusskeynote von Prof. Dr. Wolfgang Schulz (Hans-Bredow-Institut, Univ. Hamburg) mit dem Thema „Open Science“ die Frage nach der Öffnung von Bildungs- und Wissenschaftsinhalten für erweiterte Zielgruppen.

Erstaunlich selten fiel dagegen auf der diesjährigen Campus Innovation das Wort „MOOC“, obwohl das Phänomen solcher „Massive Open Online Courses“ doch in den letzten Jahren einer der Treiber für die Entwicklung von E-Learning-Konzepten und -Angeboten – und für die Öffnung von Hochschulen und Bildungsangeboten – weltweit war. Eine Ausnahme war der Beitrag von Prof. Dr. Rolf Granow (FH Lübeck): Der Geschäftsführer der oncampus GmbH betonte, dass die von oncampus angebotenen MOOCs in eine Gesamtstrategie eingebettet sind. Es seien nicht kurzfristig MOOCs beantragt worden, um Projektmittel zu erhalten, sondern zuerst nachhaltige Geschäftsmodelle entwickelt worden, und es bestehe Durchlässigkeit zwischen MOOCs, Präsenzstudium und sonstigen Online-Angeboten.

Diskussion und Stimmungen: Skepsis gegenüber dem Einsatz digitaler Medien an Hochschulen

Auf der Tagung wurde aber auch Skepsis gegenüber dem Einsatz digitaler Medien geäußert, nicht nur in den bereits erwähnten Vorträgen. So wurden in einem Statement des AStA der Universität Hamburg und verschiedenen Beiträgen der Podiumsdiskussion sowie aus dem Publikum die Frage gestellt, ob vor dem Hintergrund der kritischen finanziellen Lage vieler Hochschulen gerade das Thema der Digitalisierung zu priorisieren sei. Im Rahmen der Podiumsdiskussion, an der der Student Jan Cloppenburg (ehem. Vorstand freier zusammenschluss von studentInnenschaften fzs), Prof. Dr. Bernhard Kempen (Präsident des DHV), Prof. Dr. Jacqueline Otten (Präsidentin der HAW Hamburg) und Prof. Dr. Andreas Schlüter (Generalsekretär des Stifterverbandes) teilnahmen, wurde zudem deutlich, dass es noch sehr unterschiedliche Wissensstände und Positionen zu den Möglichkeiten und Zielsetzungen digitaler Lehre gibt. Zumindest im deutschen Hochschulsystem meint dies ja auch nicht die vollständige Virtualisierung bisheriger traditioneller Lehre, sondern zielt vielmehr auf eine sinnvolle Ergänzung und Erweiterung von Lehren und Lernen durch den Einsatz digitaler Medien unter Berücksichtigung didaktischer Anforderungen ab. Überhaupt wurde mehrfach auf die Werte des traditionellen Hochschul- und Bildungsverständnisses verwiesen, die durch die Digitalisierung nicht über Bord geworfen werden dürften, zugleich sollten aber die Chancen und Potentiale digitaler Lehre offen diskutiert und genutzt werden. Nicht zuletzt wurde schließlich appelliert, sich nicht den Angeboten kommerzieller Anbieter zu unterwerfen und die Hochschulen mit einer stärkeren Grundfinanzierung zu versehen, damit kreative Ideen (wie Konzepte zum Einsatz digitaler Medien) nicht in Konkurrenz zueinander gerieten und gegeneinander ausgespielt werden könnten. Möglicherweise hat dieser kritische Blick, der wohl die Stimmung im Hochschulraum realistisch widerspiegelt, auch damit zu tun, dass auf der Campus Innovation die E-Learning-Community nicht unter sich bleibt: Schon seit einigen Jahren hat sich bei der Durchführung der Tagung die Kooperation mit dem Konferenztag Studium und Lehre sowie die thematische Erweiterung – vor dem Hintergrund der zunehmenden Konvergenz – auf die Bereiche der Hochschulverwaltung und des Hochschulmanagements bewährt.

Fazit

Insgesamt konnte es auf der Campus Innovation 2014 natürlich keine eindeutigen und einfachen Antworten auf die vielschichtige und komplexe Frage nach der „Digital Readiness“ der deutschen Hochschulen geben – stattdessen wurde jedoch ein Einblick in die Vielfalt der Ansätze und Ansichten sehr verschiedener Akteure im Hochschulkontext geboten.

So bekommt im Rückblick auf die Tagung die Eröffnungskeynote von Prof. Dr. Gabi Reinmann (Zeppe­lin Universität) ein noch größeres Gewicht. Unter dem Titel „Spielarten des Sollens“ zeigte sie, dass der Einsatz digitaler Medien an Hochschulen in verschiedenen bildungswissenschaftlichen For­schungsansätzen sehr unterschiedlich begründet wird. Ohne einen Austausch darüber – fachwissen­schaftlich und interdisziplinär, innerhalb der Hochschulen und auf gesellschaftlicher Ebene – wird es schwer sein, Skeptiker vom Mehrwert des Einsatzes digitaler Medien an Hochschulen zu überzeugen.

Für diesen Austausch und zur Diskussion, zum Vertiefen alter und Knüpfen neuer Kontakte bot die Campus Innovation mit großzügig bemessenen Pausen, dem von Jazzmusik des Victor Millones Trios untermalten Abendempfang und dem sehr guten Catering im Curio-Haus den gewohnt stilvollen und einladenden Rahmen. Allen, die nicht in Hamburg dabei sein konnten, bieten inzwischen die Vortragsaufzeichnungen auf www.podcampus.de, der Podcast-Plattform des MMKH, sowie kurze Video-Interviews mit Referent_innen und Teilnehmenden umfassende Eindrücke von der Tagung. Das Multimedia Kontor Hamburg als Veranstalter der Campus Innovation und die Universität Hamburg als Veranstaltungspartnerin mit ihrem Konferenztag Studium und Lehre wollen diesen spannenden Dialog bei ihrer nächsten Gemeinschaftskonferenz am 26. und 27. November 2015 in Hamburg fortsetzen.

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