Einsatzmöglichkeiten von E-Portfolios - ein Interview mit Gina Henry

Im Rahmen der HFD Summer School 2018 haben wir Interviews mit den Workshopgebenden durchgeführt. Gina Henry arbeitet am Kompetenzzentrum Lernen und Lehre Digital an der Europa Universität Viadrina, wo sie unter anderem für die Ausbildung von Lern- und Präsentationstutor(innen) verantwortlich ist. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Susanne Schwarz hat Gina Henry den Workshop "Einsatzmöglichkeiten von E-Portfolios in der eigenen Lehre" gehalten. Das Videointerview gibt einen Überblick darüber, was E-Portfolios sind, wie diese für Lehrende und Studierende genutzt werden können und worauf dabei zu achten ist.

 

 

Was sind E-Portfolios und wann ist ihr Einsatz sinnvoll?

E-Portfolios lassen sich als netzbasierte Sammelmappen zusammenfassen, in denen Studierende ihren Lernprozess dokumentieren und reflektieren können. Dieser Lernprozess kann für alle Arten von Projekten stehen. Nach unserem Verständnis zählen dazu Seminare und andere Lehrveranstaltungen, aber eben auch eine Abschlussarbeit oder eine Klausur. Also alles, was den Studierenden dabei hilft ein Projekt umzusetzen, um von A nach B zu gelangen, kann in dem E-Portfolio gesammelt werden. Das können Textbausteine sein, selbst verfasste Reflexionen, aber auch Videos, Podcasts, Bilder - sprich: Digitale Elemente lassen sich dort integrieren. Die Einsatzmöglichkeiten sind also extrem vielfältig. Nichtsdestotrotz sollte man vor allem in der e-Didaktik, also in der Lehre, überlegen: Was ist mein Lernziel, was sind die Inhalte, die ich vermittle, und welche Instrumente und Tools passen dazu? Wenn ich E-Portfolios den Studierenden als Tool vorschlagen oder sogar vorschreiben möchte, dann muss man sich auch diese üblichen Fragen zu ihrem Nutzen stellen.

 

Welche Vor- und Nachteile haben E-Portfolios?

Typ am LaptopDas E-Portfolio kann man überall dabei haben. Bild: [https://unsplash.com/photos/iVGevPcaJzk Steve Halama]

Ein definitiver Vorteil sind die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und das individuelle Arbeiten für Studierende und Lehrende. Für Lehrende, die E-Portfolios in ihrer Lehre von Studierenden anfertigen lassen, ist die Einsicht in den studentischen Lernprozess ein großer Vorteil. Hier ergibt sich die Möglichkeit zu beobachten, wie die Studierenden die Lehrveranstaltung aufnehmen, ob und wo Fragen auftauchen, es Unverständnis gibt, und was besonders hängen geblieben ist. Gleichzeitig kann auch direkt Feedback gegeben werden, als Rückmeldung in Form einer Art Dialog mit den Studierenden, was ebenfalls  ein Kernelement der E-Portfolios ist. Ein Nachteil ist meiner Ansicht nach, dass eine qualitativ gute Arbeit mit E-Portfolios schlichtweg Zeit erfordert. Aus Lehrendenperspektive ist die Grenze erreicht, wenn mehr als einhundert Studierende in einer Veranstaltung sind. Bereits bei fünfzig Studierenden und demnach fünfzig E-Portfolios ist die Betreuungsarbeit sehr herausfordernd. Das kommt sicherlich auch auf die Zeit an, die man dafür verwenden kann. Um sinnvoll mit E-Portfolios zu arbeiten und sie in die Lehre einzubinden, braucht es Rückmeldungen und Zeit, die sich die Leser(innen)schaft nimmt, statt nur durch das E-Portfolio zu scrollen und quasi einen Haken dran zu setzen. Das jeweilige E-Portfolio muss also wirklich vom Lehrenden aufgenommen werden und dafür ist eine Wertschätzung notwendig. Sollte diese Zeit nicht aufgebracht werden können, so komme ich wieder auf die Frage zurück, ob es das richtige Tool ist. Die Antwort wäre dann: Nein, ist es nicht.

 

Wie bewerten Studierende die Nutzung von E-Portfolios?

Meiner Erfahrung nach sind die Reaktionen von Studierenden sehr unterschiedlich. Einige schätzen die Arbeit mit E-Portfolios extrem und nutzen es wirklich sehr umfangreich für sich, wodurch sie auch sehr viel daraus ziehen. Generell kann man sagen: Was Studierende mit einbringen, können sie später auch wieder mit rausnehmen. Natürlich gibt es auch Studierende, die damit nichts anfangen können und nur das Mindestmaß erfüllen. Entsprechend nehmen sie auch weniger mit. Den Studierenden fällt auch auf, dass das Anfertigen von E-Portfolios arbeitsintensiv ist. Die konstante Beschäftigung mit dem eigenen Lernprozess und dem Befüllen der Portfolios geschieht nicht von allein. Manche merken dann plötzlich, dass sie wirklich etwas durch diese Methode für sich lernen und nutzen die Möglichkeiten von E-Portfolios auch über den Kurs oder sogar über das Studium hinaus. Das Feedback ist also sehr gemischt. Des Öfteren wird die Software - das ist in unserem Fall Mahara - kritisiert, weil sie auf dem ersten Blick sehr intuitiv scheint und die Studierenden dann aber merken, dass es doch gut ist, eine Schulung dazu zu besuchen, die die Grundlagen in der Nutzung vermittelt. Viele sehen das aber nicht als notwendig, und resignieren, wenn es nicht so funktioniert wie Facebook.

 

Worauf ist bei der Einbindung von E-Portfolios zu achten?

Was ich allen empfehlen würde, die vorhaben mit E-Portfolios in der Lehre zu arbeiten, ist, sie als Tool wirklich aktiv mit einzubinden. Sei es in der Präsenzlehre oder online-basiert. Den Studierenden am Anfang zu sagen: “Wir arbeiten mit E-Portfolios, bitte legt euch eins bei Mahara an und sammelt alles, was euch hilft.” Und dann nach 15 Vorlesungen alle E-Portfolios einsammeln zu wollen, funktioniert nicht. Sie müssen ein aktiver Teil der Lehre sein. Damit ist mehr gemeint als eine wöchentliche Erinnerung, sondern es können vielmehr gezielte Aufgaben sein, für die es sich lohnt, sie im E-Portfolio zu bearbeitet und zu beantworten. Das kann durch Feedback-Pläne oder Feedback-Partnerschaften erfolgen, also indem Personen die E-Portfolios von anderen lesen und damit auch eine Rückmeldung zum eigenen Portfolio bekommen. Hier ist die Passung, also die Frage, ob das Tool und die Methode nützlich dafür sind, um die Lernziele und Inhalte zu vermitteln, ein absolutes Muss.

Erklärende FrauDer Umgang mit E-Portfolios will gelernt sein. Bild: [https://unsplash.com/photos/ZKBzlifgkgw Mimi Thian]

 

Was nehmen Sie aus dem Workshop bei der HFD Summer School mit?

Dass die Teilnehmenden hier sehr interessiert waren, dass es wirklich sehr vielfältige Einsatzmöglichkeiten gibt und ich am liebsten mit jedem einzelnen ganz individuell darüber gesprochen hätte, wo und wie die Umsetzung von E-Portfolios, in welchem Kontext möglich und vor allem sinnvoll ist. Also dieses Interesse aus unterschiedlichen Fragestellungen heraus auf E-Portfolios zurückzugreifen. Gleichzeitig aber auch die Erkenntnis, dass viele E-Portfolios nicht sofort mit dem Thema Reflexionen verbinden, obwohl man ja immer sagt: Lernprozesse dokumentieren und reflektieren. Das ist immer wieder wichtig, denn das Reflektieren passiert nicht automatisch, das muss man anleiten. Auch das muss gut didaktisch durchdacht werden: Welches Reflexionsmodell wird verwendet, wie wird in der Lehre mit den Reflexionen umgegangen? Dass dieses Thema auch eine Auseinandersetzung verdient, ergab auch heute bei dem Workshop einen Aha-Effekt für die Teilnehmenden. Das ist also nicht immer ganz klar, und das nehme ich für zukünftige Workshops mit.

 

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