Digitalisierung 4.0 - Dozierende 1.0?

Hochschulforum Digitalisierung

Die Umsetzung von Konzepten und Methoden der digitalen Lehre bedeutet für die Lehrenden zunächst ein (zeitlicher) Mehraufwand. Yvette Hofmann vom Bayerischen Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung findet, dass darüber hinaus das Rollenverständnis der Dozierenden zeitgemäß und an die Lehre angepasst werden sollte.

Schild mit der Zahl 1.Sind die Dozierenden bei "1.0" hängen geblieben? Bild: [https://unsplash.com/photos/d-pPg9pnZRY Agence Producteurs Locaux Damien Kühn]

Die Möglichkeiten einer informationstechnischen Unterstützung der Lehre haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert und neue Lehr- und Lernräume geschaffen. Parallel hierzu stieg auch die Zahl von Bei- und Vorträgen zu diesem Themenbereich sprunghaft an. Dabei geht es mittlerweile nicht mehr nur um die bloße Online-Bereitstellung von Lehrveranstaltungsunterlagen für Studierende. Im Zentrum der Überlegungen steht hingegen zu Recht immer häufiger, inwiefern Informationstechniken zur digitalen Transformation der Lehre in und außerhalb des Hörsaals von Hochschullehrenden genutzt werden können. Neben arbeitsökonomischen Effekten, sowie positiven Auswirkungen auf die Motivierung und den Kompetenzaufbau von Studierenden ermöglichen diese auch die Öffnung der Hochschulen für neue, nationale wie internationale Zielgruppen sowie die Nutzung virtueller (Lehrveranstaltungs-)Räume.

Digitale Lehrformen bislang nur wenig verbreitet

Dass es bis zu einer Digitalisierung der Lehre oder gar einem virtuellen Campus noch ein weiter Weg ist, machen Umfrageergebnisse der vergangenen Jahre deutlich: Nur gut ein Sechstel der deutschen Hochschulen bietet Online-Kurse, sogenannte MOOCs, an und lediglich gut die Hälfte der befragten Hochschulleitungen misst Lernformaten des Blended Learning strategische Bedeutung bei (vgl. Jungermann/Wannemacher 2016). Auch Befragungen zum Lehrmethodeneinsatz bei Professorinnen und Professoren zeigen, dass diese noch überwiegend an traditionellen Instrumenten, wie der klassischen Vorlesung (ca. 93%) und Fall-/Projektstudien (ca. 55%) festhalten. Deutlich seltener kommen digital unterstützte Vorlesungsformen wie beispielsweise Peer Instruction (ca. 19%) oder Just-in-Time-Teaching (ca. 9%) zum Einsatz. Dies verwundert umso mehr, als gut 60% der befragten Professorenschaft davon ausgeht, dass sich der Einsatz aktivierender Lehrmethoden positiv auf die Studienzufriedenheit auswirkt, und immerhin knapp die Hälfte verspricht sich davon positive Auswirkungen auf die Prüfungsleistungen der Studierenden (Hofmann 2017. Siehe auch Jungermann/Wannemacher 2015 zu Umfrageergebnissen bei sogenannten Early Adopters).Digitale Lehre bedeutet zunächst (zeitlichen) Mehraufwand. Bild: [https://unsplash.com/photos/BXOXnQ26B7o Uros Jovicic]

Digitale Transformation bedeutet Mehraufwand

Damit digitale Lehre zielgruppenadäquat aufgesetzt werden kann, ist ‑ neben einer entsprechenden technischen Ausstattung und strategischen Ausrichtung seitens der Fakultäten und Hochschulen ‑ jeder Einzelne gefordert, denn digitale Transformation der Lehre bedeutet für Dozierende zunächst einen erheblichen Mehraufwand (Hofmann/Köhler 2016): Die Aufbereitung und/oder Neukonzipierung von Lehrmaterialien, die Anpassung des inhaltlichen Zuschnitts der Lehrveranstaltungen sowie der Prüfungsformen (im Sinne eines sogenannten Constructive Alignements; siehe z.B. Biggs/Tang 2011, Biggs 1996) und die Auswahl geeigneter Fragestellungen und Literatur für das Selbststudium der Studierenden sind nur einige Anforderungen für eine erfolgreiche Digitalisierung der Lehre.  Es ist zu vermuten, dass die Entscheidung der Professorenschaft, trotz dieses Mehraufwands digitale Lehrformen zu adaptieren, nicht nur von extrinsischen Anreizen abhängt (z.B. Lehrdeputatsreduktion während der Zeit der Lehrveranstaltungsumstellung), sondern maßgeblich vom Rollenverständnis der Lehrenden respektive ihrer Einstellung zur Lehre beeinflusst wird.

Wandel des Rollenverständnisses von Hochschullehrenden erforderlich

Im bisherigen Hochschulkontext kommt den Professorinnen und Professoren neben der Forscherrolle vor allem die Rolle des Lehrenden zu, der vornehmlich in Präsenzveranstaltungen die Vermittlung von Wissen verantwortlich vorantreibt. Diese Form der Wissensvermittlung wird im Zuge der Digitalisierung der Lehre zunehmend in den Hintergrund treten, so dass sich Professorinnen und Professoren mehr und mehr in der Rolle des Diskussionsleiters, Motivators und Problemlösers wiederfinden werden: Während also bisher überwiegend die Lehrveranstaltungen selbst zur Vermittlung des Lehrstoffs dien(t)en, wird dieser Prozess durch die neuen, digitalen Lehrformen immer öfter außerhalb des Hörsaals bis nach Hause verlagert. Präsenzveranstaltungen dienen dann weniger der Vermittlung als vielmehr der Vertiefung oder Diskussion des Lernstoffs, weil Grundlagen nicht mehr von Dozierenden „vorgelesen“, sondern von den Studierenden im Selbststudium in eigenverantwortlicher Vorbereitungszeit (sei es einzeln oder in Lern- und Arbeitsgruppen) im Vorfeld erarbeitet werden. Dies führt zwangsläufig zu einer veränderten Zwecksetzung von Präsenzveranstaltungen und eröffnet, unterstützt durch entsprechende digitale Technik, neue Lehrräume und Lehrformen.

Präsenzzeiten werden zum Diskutieren und Üben genutzt. Bild: [https://unsplash.com/photos/78sqdU2FC00 Jonathan Velasquez]

Aktivierende Lehrkonzepte steigern die Eigenverantwortung der Studierenden

An diesem Punkt setzen bereits heute aktivierende Lehrkonzepte an. Zu nennen sind hier beispielsweise der sogenannte Inverted Classroom, das Just-in-Time Teaching oder Peer Instruction. Allen diesen Lehrkonzepten ist gemein, dass sie die Eigenverantwortlichkeit der Studierenden hinsichtlich des selbstständigen Aneignens von Basiswissen stärken, um dann die Präsenzzeit in den Lehrveranstaltungen dazu zu nutzen, Sonder- und Problemfälle zu diskutieren, Anwendungsmöglichkeiten durchzuspielen und vorhandene Fehlvorstellungen zu korrigieren. Es bleibt abzuwarten, inwiefern Dozierende bereit und in der Lage sind, einen solchen Wandel ihres Rollenverständnisses zu vollziehen, um aus der bisher „schlafenden Revolution“ (Bischof et al. 2013) den Anschluss an die rasanten Entwicklungen im amerikanischen und angelsächsischen Raum finden und halten zu können.

Umsetzung digitaler Lehrkonzepte erfordert Phantasie und Veränderungsbereitschaft

Zweifelsohne hängt der Wandel der Lehre daher nicht nur von der Schaffung geeigneter institutioneller Rahmenbedingungen ab, sondern vor allem von den Dozierenden selbst, denn diese entscheiden letztlich, ob und in welchem Ausmaß Digitalisierungsmöglichkeiten in der Lehre genutzt, Studiengänge an die digitalen Möglichkeiten angepasst sowie im virtuellen Raum verortet und vorhandene Potenziale ausgeschöpft werden. Dies erfordert neben einem tiefergehenden Technikverständnis vor allem die Vorstellungskraft auf Seiten der Hochschulakteure, was im „digitalen Zeitalter“ alles machbar ist. Ohne diese Vorstellungskraft wird das Denken radikal neuer Bildungskonzepte, wie es beispielsweise Ben Nelson mit seinem Minerva Schools-Konzept gelungen ist, kaum zu realisieren sein.

 

Literatur:

Biggs, J. (1996): Enhancing teaching through constructive alignment. In: Higher Education 32, S. 347-364.

Biggs, J./Tang, C. (2011): Teaching for Quality Learning at University. What the Student Does, 4. Aufl., Maidenhead.

Bischof, L. et al. (2013): Die schlafende Revolution. Zehn Thesen zur Digitalisierung der Hochschullehre, Gütersloh, CHE.

Hofmann, Y.E. (2017): Die Forschungs- und Lehrbedingungen an den Hochschulen Bayerns: Eine Standortbestimmung aus Sicht der Professorinnen und Professoren, Projektbericht der Professorenbefragung ProfQuest, München, voraussichtl. Dezember 2017.

Hofmann, Y.E./Köhler. T. (2016): Interaktivität um jeden Preis? Bericht aus dem Alltag von Lehrveranstaltungsumstellungen in MINT-Fächern. In: Das Hochschulwesen HSW 3/2016, S. 110-113  

Jungermann, I./Wannemacher, K. (2016): Digitaler Aufbruch im Bildungssystem: MOOCs und die Folgen. In: F. Stratmann, U. Krüger, D. Polte, P. Altvater, B. Vogel, I. Jungermann, K. Wannemacher, J. Müller, U. Ketelhön, J. Stibbe, R. Tegtmeyer, M. Ruiz, & R.-D. Person. Kleiner Dreh, große Wirkung; Magazin für Hochschulentwicklung 2|2015. Hannover: HIS-HE 2016, S. 8.

Jungermann, I./Wannemacher, K. (2015): Innovationen in der Hochschulbildung. Massive Open Online Courses an den deutschen Hochschulen. Berlin: Expertenkommission Forschung und Innovation EFI 2015 (Studien zum deutschen Innovationssystem, Studie 15-2015). http://www.e-fi.de/fileadmin/Innovationsstudien_2015/StuDIS_15_2015.pdf, aufgerufen am 29.09.2017 

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