Digitale (Inter-)disziplinarität - „Data Literacy für Alle“ an der Leuphana Universität Lüneburg

Die Interdiszipliarität ist in den Bachelorstudiengängen der Leuphana-Universität Lüneburg bereits fest verankert. Im neuen Projekt DATAx werden das fachübergreifende Leuphana-Semester sowie das Komplementärstudium nun um "Datenkompetenzen für alle" angereichert. In unserem Blog beschreiben Johannes van Deest und Marietta Hülsmann, wie die interdisziplinäre Data Literacy Education aussieht und liefern nebenbei Praxisbeispiele, wie Digitalisierung Nachhaltigkeit fördern kann.

lichtdurchfluteter, offener Arbeitsraum mit Schriftzug "Ideas start here"Hier entstehen Ideen: datengetriebene Innovation im Leuphana-Semester. Bild: [https://unsplash.com/photos/CxDTMOGnQwU Chris Knight]

Alle Bachelorstudierenden der Universität Lüneburg sollen digital befähigt werden! In fachübergreifenden Lehr-Lern-Formaten werden Studierende sich mit digitalen Themen kritisch auseinandersetzen und digitale Kompetenzen erwerben. Das Projekt „DATAx“ schiebt bisherige Lehrentwicklungen der Universität weiter voran und verankert „Datenkompetenzen für alle“ fest im Studienmodell der Leuphana: Durch praxisgetriebenes Lernen und Forschen in begeisternden Lernsettings und im Austausch mit Experten aus der Praxis, sollen Studierende selbst zu Datenexperten herangebildet werden. Welche Vorteile für Praxisinnovation und Forschungsprojekte solch eine interdisziplinäre Data Literacy Education verspricht, deuten die Ergebnisse studentischer Projekte auf der kürzlich stattfindenden Abschlusswoche des Leuphana Semesters an.

In der Forschung beschäftigt sich die Leuphana schon seit längerem mit digitalen Themen wie beispielsweise im Forschungszentrum digitale Kulturen oder im Forschungszentrum digitale Transformation.

Das DATAx Projekt zielt nun darauf, digitale Inhalte – bzw. spezifische Daten – stärker in der Lehre zu verankern. Zudem soll es bestehende Angebote ergänzen und die Vermittlung digitaler Kompetenzen fest ins Studium aller Bachelor-Studierenden integrieren. Außerdem soll im weiteren Verlauf der Wissens– und Kompetenztransfer rund um digitale Themen und Projekte zwischen Gesellschaft und Universität gefördert werden und der informelle „Lernraum“ Universität weiter ausgestaltet werden.

Das Studienmodell der Leuphana-Universität Lüneburg

Anknüpfpunkt für das DATAx-Projekt, aber auch für bestehende datenbasierte Lehrangebote ist dabei das besondere Studienmodell der Universität Lüneburg. Dieses fußt auf den drei zentralen Werten der Leuphana - dem Humanismus, der Nachhaltigkeit und der Handlungsorientierung.

Dementsprechend soll das Studienmodell Studierende zur kritischen Reflexion des akademischen Selbstverständnisses anregen und ihnen die Freiheit geben ihren Charakter selbst zu bilden und im Sinne der liberal education über ihren disziplinären „Tellerrand“ hinaus zu schauen.

Konkret auf das Studienmodell bezogen, sind dabei zwei Formate besonders hervorzuheben: Zum einen das Leuphana Semester, also das erste Bachelorsemester an der Universität Lüneburg. Dieses durchlaufen alle Studierende gemeinsam, es wird mit der Startwoche eröffnet und mit einer Konferenzwoche beendet. Zudem gibt es das Komplementärstudium, innerhalb dessen Studierende ab dem zweiten Semester jeweils ein Wahlpflicht-Modul belegen müssen, dessen thematischer Schwerpunkt außerhalb des eigentlichen disziplinären Studiums der Studierenden liegt.

Das Studienmodell institutionalisiert demzufolge den „Blick über den Tellerrand“. In der heutigen digitalen Welt muss diese Horizonterweiterung auch Datenkompetenzen umfassen.

Das einzigartige Studienmodell bietet hervorragende organisatorische Voraussetzungen, um alle Studierende zu erreichen, klärt aber noch nicht die wichtige Frage, wie man fachübergreifend alle Studierenden für die Thematik begeistern kann. Dazu soll sich ausführlich die erste Projektphase widmen. Diese Phase des DATAx-Projektes, das im kommenden Wintersemester 2019/2020 in die Umsetzung gehen wird, richtet sich dabei zunächst mit einigen Vorlesungen an alle 1.500 Studierenden des Leuphana Semesters und an etwa 350 Studierende in vertiefenden Programmierübungen. In diesen Übungen soll mit verschiedenen didaktischen Formaten experimentiert werden, um Best-Practices zu entwickeln, mit welchen Studierende bestmöglich für Daten begeistert werden können.

Bis die Ergebnisse aus dieser ersten Projektphase vorhanden sind, machen die Eindrücke von der Konferenzwoche 2019 Freude auf das, was noch folgen kann:

Die erst kürzlich stattgefundene Konferenzwoche, schließt das gemeinsame Wintersemester 2018/2019 aller Studienanfänger ab und ist dabei das jüngste hervorzuhebende Element, in einer ganzen Reihe von Entwicklungen, die digitale Inhalte in die Lehre tragen sollen. Neben z.B. dem Bachelorstudiengang Digital Media oder dem Masterstudiengang Management & Data Science, gibt es diverse einzelne Seminarangebote, die auf die Vermittlung datengetriebener Methoden zielen. Das Leuphana Semester 2018/2019, dass auch in seiner Startwoche schon das Thema „Digital Futures“ aufgegriffen hat, endete mit der Ehrung besonders gelungener studentischer Projekte auf der Konferenzwoche.

Zwei der ausgezeichneten Projekte stehen dabei beispielhaft für die positiven Synergien, die sich aus einer interdisziplinären Datenlehre ergeben können: das Tiny-House- und das Vegetalization-Projekt.

evtl. nicht ganz so romantisch in LüneburgTiny Houses als Wohnalternative für Studierende? [https://unsplash.com/photos/51adhgg5KkE Foto: Nachelle Nocom]

Das Tiny-House Projekt

Gerade einmal zehn bis 15 Quadratmeter Grundfläche und maximal zwei Etagen – größer sind Tiny Houses oft nicht. Dennoch sind sie gerade für junge Menschen eine Alternative zu WG-Zimmer oder kleinem Apartment. „Unsere Analyse hat gezeigt, dass wir Studierenden eine ideale Zielgruppe für dieses nachhaltige Wohnkonzept sind“, erklärt die 18-Jährige Klara. Der Studienbeginn markiere einen Lebensumbruch, der offen für neue Konzepte mache. Meist wohnten viele Erstsemester-Studierende auch im Elternhaus nur in einem Zimmer, hätten also noch nicht viel Materielles angesammelt. Bereits bei Studierenden in höheren Semestern sei diese Flexibilität aber oft nicht mehr so hoch. Gemeinsam mit ihrer Projektgruppe führte Klara im Rahmen des Moduls „Wissenschaft trägt Verantwortung“ eine Fragebogen-Analyse bei rund 300 Teilnehmenden zwischen 15 und 25 Jahren durch. „Wir wollten einerseits wissen, wie groß das Wissen über Tiny Houses ist und andererseits messen, wie hoch die Motivation der Menschen ist, in einem Tiny House zu wohnen“, sagt Greta, die International Business Administration & Entrepreneurship studiert.

Die wissenschaftlichen Methoden zur Beantwortung ihrer Forschungsfrage lernten die Studierenden während des Leuphana-Semesters am College. Beispielsweise belegte die internationale Studierende Noemi einen Kurs zur statistischen Auswertung von Daten mit dem Computerprogramm R. Die Software wird auch auf internationaler Ebene von Wissenschaftler*innen verwendet. „Die Auswertung war herausfordernd“, erinnert sich die Digital-Media-Studierende. Doch der Einsatz der insgesamt fünfköpfigen Projektgruppe hat sich gelohnt. Mittlerweile besteht ein Kontakt zu Campus Wohnen, die an den Studienergebnissen interessiert sind. „Wir haben im Leuphana-Semester wichtige Methoden zur Datenerhebung und zur Analyse gelernt. Uns war es aber genauso wichtig, mit unseren Ergebnissen möglicherweise einen Anstoß für eine nachhaltige Veränderung geben zu können“, sagt Gruppenmitglied Mona.

Vegetalization-Gemüse trifft auf digitales Zeitalter55 Kilo Essen landen in Deutschland pro Kopf und Jahr im Müll. Können Daten helfen?

Das Vegetalization Projekt

Rund 1500 Erstsemester-Studierende beschäftigten sich während des Leuphana-Semesters und während der Konferenzwoche mit drängenden Problemen der Nachhaltigkeit. „Vegetalization-Gemüse trifft auf digitales Zeitalter“ heißt das zweite ausgezeichnete Projekt. „Die Ringvorlesung hat uns wichtige Anstöße für unsere Themenfindung gegeben“, sagt Lena. Gemeinsam mit ihren Kommiliton*innen entwickelte sie ein Konzept für eine App, die Lebensmittelverschwendung eindämmen soll. „Jährlich werden in Deutschland 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen – das sind 55kg pro Kopf“, erklärt die Studierende der Umweltwissenschaften. Vieles davon lande bereits auf dem Weg zwischen Erzeugern und diversen Zwischenhändlern auf dem Müll. „Deshalb wollten wir das Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft mit Mitteln der Digitalisierung weiterdenken“, sagt Lena. Gemeinsam entwickelte die Gruppe einen App-Prototyp, der den Konsum von regionalem, saisonalem und ökologischem Gemüse durch mehr Wahlmöglichkeiten erleichtert und dabei Lebensmittelverschwendung vermeidet. „Mit der App wird SoLawi flexibler und dadurch vor allem für junge Leute attraktiver. Außerdem helfen die in die App integrierten Rezepte dabei, keine Lebensmittel zu verschwenden“, erklärt eine weitere Studierende der Projektgruppe. Der verbleibende Kompost soll anschließend zu Dünger verarbeitet werden, der wieder im Gemüseanbau verwendet wird. Mit Experten-Interviews prüften die Studierenden ihr Konzept auf Umsetzbarkeit: „Wir sind bereits mit einigen solidarischen Landwirtschaftsbetrieben in Kontakt, die an unserer Idee interessiert sind“, berichtet Lena.

Beide Projekte stehen dabei sinnbildlich für die Vorteile einer interdisziplinären Lehre, die um Datenkompetenzen angereichert wird – insbesondere der Mehrwert für Studierende wird hierbei deutlich und wie ein für Daten sensibilisierter Blick, Wege und Möglichkeiten der aktiven Gestaltung unserer Gesellschaft eröffnet und gleichzeitig die professionelle Entwicklung der Studierenden um Elemente höchst relevanter 21st Century-Skills erweitert. Das DATAx-Projekt zielt im weiteren Verlauf darauf ab, solche Projekte im großen Stil zu fördern.

CC-BY-SA LogoDieser Text steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International - CC BY-SA 4.0. Bitte nennen Sie bei einer möglichen Nachnutzung den angegebenen Autorennamen sowie als Quelle das Hochschulforum Digitalisierung.

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