Curricula und Kompetenzen für die Zukunft

Curricula und Kompetenzen für die Zukunft

11.02.22

Visualisierung der Graph-basierten Curricula

Welche Kompetenzen braucht es für die Zukunft? Vier Lightning Talks, ursprünglich vorgestellt auf dem University:Future Festivals 2021, geben Impulse: Bernhard Standl entzaubert die Digitalisierung zum Zwecke einer „informatischen Allgemeinbildung“. Florian Kohler und Johanna Weselek stellen E-Learning-Angebote vor, die von Studierenden selbst entwickelt werden. Kati Hannken-Illjes stellt das inter- und transdisziplinäres Lehr-Lern Format „Marburg Modul“ vor und Raphael Wimmer spricht über die graph-basierte Entwicklung von Curricula und Lehrveranstaltungen und lädt zum Austausch ein. 

Lightning Talks zum University Future Festival 2021: Dunkle Schrift auf hellem Grund mit einem Fernglas. Mit Gastbeiträgen zu den Lightning Talks von Bernhard Standl; Johanna Weselek, Florian Kohler; Kati Hannken-Illjes; Raphael Wimmer

Informatische Allgemeinbildung zur Entzauberung und Objektivierung der Digitalisierung

von Bernhard Standl 

Obwohl sich der digitale Wandel in fast allen Bereichen des täglichen Lebens bereits seit ungefähr 40 Jahren zeigt – denkt man an die Vorläufer des Internets in Deutschland mit dem Telekom BTX ab 1977/1983, Datex-J oder der allerersten E-Mail, die in Deutschland am KIT 1984 empfangen wurde – findet die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung in der Gesellschaft teils nur auf einer oberflächlichen bzw. anwendungsorientierten Ebene statt. Zwar werden digitale Medien und das Internet von vielen genutzt und in vergangenen beiden Jahren wurden aufgrund der Corona-Pandemie Online-Meetings, die vorher selten von wenigen genutzt, zum Normalzustand und im Bildungsbereich wurden Methoden und Strategien für Distance Learning und Online-Lehre etabliert. Dennoch stellt sich die Frage, ob die anwendungsorientierten Kenntnisse für eine objektive Orientierung in der digitalen Welt ausreichen. Digitale Kompetenzen werden offenbar nicht durch die schlichte Anwendung der Technologien entwickelt. Zum überwiegenden Teil handelt es sich nur um digitale Anwendungskompetenzen, die dahinterliegenden Konzepte werden nicht erfasst (Digital Skills Gap, 2021). Zudem werden auch nachkommenden Generationen unzureichende digitale Kompetenzen attestiert (Eickelmann et al, 2019). Ohne Informatik gäbe es keine „digitale Welt“ (Brinda, 2018) und die darunterliegenden Ebenen der Digitalisierung werden von langlebigen Konzepten der Informatik getragen. Diese Konzepte ermöglichen Orientierung in der von Digitalisierung geprägten Welt, die für eine objektive Urteilsfähigkeit und einem selbstbestimmten Umgang damit erforderlich sind. Daher ist es zielführend, digitale Phänomene, Gegenstände und Situationen mit informatischen Konzepten im ganzheitlichen Kontext zu betrachten wo die Informatik in der interdisziplinären Anwendung ihr Potenzial entfaltet. Um informatische Kompetenzen nachhaltig in unsere Gesellschaft zu verankern und einer unreflektierten Mystifizierung des Digitalen zu entgehen, führt kein Weg am Pflichtfach Informatik auf allen Schulstufen vorbei.

Referenzen
Brinda, T. (2018). Informatik muss Pflichtfach werden. FAZ. https://gi.de/fileadmin/GI/Mitgliederbereich/Downloads/Informatik-muss-Pflichtfach-werden_T.-Brinda.pdf
„Digital Skills Gap“. Sonderstudie des D21-Digital-Index 2020/2021. Abgerufen am 22. November 2021 von https://initiatived21.de/d21skillsgap/.
Eickelmann, B., Bos, W., & Labusch, A. (2019). Die Studie ICILs 2018 im Überblick. Zentrale Ergebnisse und mögliche Entwicklungsperspektiven (pp. 7-31).

 

Learning Future: Studierende als Prosumenten adaptiver E-Learning-Angebote 

von Florian Kohler, Johanna Weselek

Heutige Studierende erfahren einen tiefgreifenden Wandel – sowohl in der Lernkultur als auch bei den Lerngegenständen. Digitale Bildungsangebote gewinnen, auch aufgrund der COVID-19-Pandemie, zunehmend an Bedeutung. Gerade für Lehramtsstudierende stellt dies eine doppelte Herausforderung dar: Sie sollen entsprechende mediale und inhaltliche Kompetenzen nicht nur selbst in ihrem Studium erwerben, sondern diese neuen Lernkulturen und Lerngegenstände auch in ihrer späteren Tätigkeit als Lehrkräfte professionell gestalten und umsetzen.

Eine mögliche Lösung ist, durch adaptive E-Learning-Module zu unterschiedlichen z.B. nachhaltigkeitsrelevanten Themen individualisierbare ortsunabhängige Bildungsangebote zu schaffen, bei denen Studierende nicht nur “Konsumierende” sind, sondern als “Produzierende” (Prosumierende) aktiv in deren Konzeption, Umsetzung und Evaluierung eingebunden sind. 

Dabei begutachten Studierende unter Anleitung und auf der Basis von zuvor entwickelten Qualitätskriterien, die von anderen Studierenden entwickelten E-Learning-Module selbst, bevor sie veröffentlicht und von Studierenden, Lehrkräften und Dozierenden in der Lehre oder zur Weiterbildung hochschulweit und an anderen Hochschulen genutzt werden. So erarbeiten sich die Studierenden fachliche, methodische, wissenschaftliche und didaktische Kompetenzen und können das Gelernte anwenden. 

Die vorgestellte E-Learning-Plattform verfügt über ein sehr breites Anwendungsspektrum. Sie kann sowohl in einzelnen Lehrveranstaltungen oder Seminaren genutzt werden als auch als primäre Lehr-Lernumgebung für bestehende oder neue Studiengänge dienen. Die E-Learning-Plattform kann im Vorfeld von Lehrveranstaltungen eingesetzt werden, um eine heterogene Studierendengruppe individuell auszugleichen, als punktuelle digitale Anreicherung der Präsenzlehre genutzt werden, z.B. als Flipped Classroom-Ansatz oder aber auch als zentrales Lehr-Lern-Setting dienen. 

 

Weil wir die Frage noch nicht kennen… Das Marburg Modul

von Kati Hannken-Illjes

Das Marburg Modul ist ein inter- und transdisziplinäres Lehr-Lern Format an der Philipps-Universität Marburg. Seine Entwicklung und Implementierung wird von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre unterstützt. Damit wollen wir Studierende auf die Bearbeitung von Zukunftsfragen vorbereiten.

Wie läuft das Marburg Modul ab?
Als Student:in oder Dozent:in habe ich eine Idee zu einem Thema von gesellschaftlicher Relevanz; allein oder schon mit anderen. Diese Projektidee präsentiere ich auf dem Barcamp zu Beginn des Semesters und werbe für mein Projekt. Am Ende des Barcamps stehen interdisziplinäre Teams bei Studierenden und Lehrenden und vielleicht auch außeruniversitären Akteuren und die Projektarbeit kann beginnen.

Während der Projektarbeit können die Teilnehmer:innen Workshops und digitale Angebote nutzen, z.B. zu den Themen Moderation von Gruppen, Projektmanagement, Präsentation. Die Projektgruppen treffen sich in hybriden Lehr-Lern-Arrangements, den MarSkills Labs. Die Zwischenstände in den Projekten werden in Kolloquien vorgestellt; das Lehrendenforum bietet Raum, um den interdisziplinären Austausch zur Lehre voranzubringen. Zu Semesterende werden die Ergebnisse im Rahmen eines Symposiums vorgestellt, dazu gibt es Impulse über Keynotes und Workshops zu Themen des inter- und transdisziplinären Lehrens und Lernens.

Was wollen wir mit dem Marburg Modul?
Das Marburg Modul soll verschiedene communities of practice zusammenbringen, auf Studierenden- und Lehrendenebene. Es soll einen Reflexionsraum bieten für die eigene community of practice, für Studierende und Lehrende. Und Studierende sollen über digitale Lehrangebote Fähigkeiten erwerben, die für die Projektarbeit relevant sind.
Und natürlich soll das alles überschwappen und auf die gesamte Lehre an der Philipps Universität Marburg wirken.

 

Graph-basierte Entwicklung von Curricula und Lehrveranstaltungen

von Raphael Wimmer

Unsere Wissensgesellschaft benötigt immer stärker spezialisierte, aber auch immer mehr interdisziplinäre Studiengänge für Studierende mit unterschiedlichsten Vorkenntnissen und Zielen. Manuell erstellte Curricula hinken diesen Bedarfen immer hinterher. Ein Lösungsansatz: Studieninhalte und benötigte Vorkenntnisse als Abhängigkeitsgraph modellieren. Ein „one-size-fits-all“-Studiengang wird immer weniger Studierenden-Biographien gerecht. Und gerade in technischen Fächern ändert sich das relevante Wissen schnell. Vor diesen Herausforderungen stehen wir bei der Entwicklung neuer Informatik-Studiengänge an der Universität Regensburg. Unsere Idee: anstatt Studieninhalte und Curricula von anderen Universitäten oder Fachgesellschaften zu kopieren, oder nur das anzubieten, was die Dozierenden eines Instituts gerade spannend finden, könnte man Studieninhalte in einem Abhängigkeitsgraphen modellieren. Für jeden Studieninhalt definiert man dazu, welche anderen Inhalte zwingende oder nützliche Vorkenntnisse darstellen. Der entstehende Graph zeigt dann auf, wie Themen zusammenhängen, und in welcher Reihenfolge sie gelernt werden sollten.

Visualisierung der Graph-basierten CurriculaDieser Graph kann dann als zentrale Repräsentation von studiengangsrelevantem Wissen vielfältig genutzt und erweitert werden: 

  • Schlüsselkompetenzen identifizieren
  • kohärente Studiengänge entwerfen
  • Lehrveranstaltungen sinnvoll modellieren
  • personalisierte Studienpläne generieren
  • automatisiert Feedback zum Studienverlauf geben

Aber kann man universitäre Bildung denn einfach in einen Graphen quetschen? Wie soll so ein Graph konkret aussehen? Und: bringt das tatsächlich einen echten Nutzen? Mit diesen Fragen beschäftige ich mich momentan. Aus dem U:FF-Lightning-Talk haben sich dazu schon mehrere spannende Gespräche mit Kolleg:innen an anderen Hochschulen ergeben. Über weitere Möglichkeiten zum Austausch freue ich mich.

Weiteres
Projektwebseite: https://graphit.ur.de/
Video des Vortrags: https://www.youtube.com/watch?v=uIp2qOJZh2U 

 

Nicht Live, aber in Farbe: die Aufzeichnung der Lightning Talks auf dem University:Future Festival 2021.

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In dieser Reihe zum University:Future Festival 2021 veröffentlichen wir eine Auswahl der Festivalbeiträge als Artikel, die Sie auch gesammelt in einem Dossier finden. Die Autor:innen haben hierfür Ihre Vorträge noch einmal schriftlich festgehalten. Weitere Vorträge und Talks finden Sie auch auf YouTube.

Mit über 250 Veranstaltungen, 500 Speaker:innen und 3.850 Teilnehmer:innen fand das University:Future Festival 2021 vom 02.–04.11.2021 unter dem Titel „Open for Discussion“ statt. Hier finden Sie weitere Infos zum Festival.

 

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