Eine Vision für die Zukunft digitaler Bildung

Hochschulforum Digitalisierung

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Die Entwicklung des Cloud Computing bietet eine neue Möglichkeit der Vollendung des humboldtschen Bildungsideals. Bildungsgerechtigkeit, Mündigkeit und Lebenslanges Lernen könnten durch eine Bildungscloud verwirklicht werden, findet Prof. Dr. Christoph Meinel, Professor für Internet-Technologien und -Systeme. Sein Text erschien zuerst in der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Der Name Wilhelm von Humboldts wurde in bildungspolitischen Debatten der vergangenen Jahre in der Regel bemüht, wenn es darum ging, unliebsame Reformen des deutschen Bildungswesens wie die Bologna-Reform abzuwehren. Dem aufmerksamen Bürger entgeht dabei nicht, dass diese Bezüge oft wohlfeil gebraucht wurden und aus dem Kontext gerissene Schlagwörter des Humboldt‘schen Ideals für eigene Zwecke vereinnahmen. Die berühmte Formel, dass das Humboldt‘sche Bildungsideal durch Veränderungen im deutschen Bildungswesen jedweder Art „in Gefahr“ sei, geistert dabei schnell durch die Feuilletons der großen Zeitungen. Was auch immer man von der einen oder anderen Reform halten mag, um in Gefahr zu sein, müsste das Ideal zunächst einmal Anwendung gefunden haben. Ist man ehrlich, dann muss man feststellen, dass sich das Humboldt‘sche Bildungsideal in Deutschland nie vollständig durchgesetzt hat.[1] Dies festzustellen soll jedoch nicht die Vereinnahmung Humboldts durch ganz verschiedene Interessengruppen bloßstellen – tatsächlich gab es viele institutionelle, kulturelle und technische Gründe, warum das Ideal nie erreicht werden konnte. Heute sind wir erstmals in der Geschichte technisch überhaupt in der Lage, das Bildungsideal Wilhelm von Humboldts vollständig in die Tat umzusetzen. Möglich machen das die im Bildungskontext oft noch unverstanden und vielgescholtenen digitalen Technologien, mit deren Anwendung in Deutschland eine bürgerliche Bildungsrevolution nach der Vorstellung Humboldts realisiert werden kann.

Humboldts Idee

Der Bildungsreformer entwickelte seine Vorstellungen zu einem freiheitlichen, effektiven und modernen Bildungssystem in einer tiefen Krise eines maroden autoritären Staates. Preußen wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom napoleonischen Frankreich vernichtend geschlagen. Einer der wichtigsten Gründe für die Niederlage war die mangelhafte institutionelle, ökonomische und bildungsbezogene Verfassung und fehlende Wettbewerbsfähigkeit des Königreichs Preußen. Es hatte dem modernen, bürgerlichen französischen Staat schlichtweg wenig entgegenzusetzen. Humboldt war nach dem Zerfall der alten Ordnung zusammen mit anderen Reformern vom preußischen König beauftragt worden, die preußischen Institutionen zu modernisieren. Visionär erkannten er und seine Mitstreiter, dass der Schlüssel, um aus dem feudalen und militaristischen Regime einen leistungsfähigen modernen bürgerlichen Staat zu formen, darin lag, das preußische Bildungssystem grundlegend zu reformieren:Humboldts Forderung: eine breite Allgemeinbildung. Bild: [https://unsplash.com/photos/J8oBbwIH2Xk Malte Baumann]

1. Eine breite Allgemeinbildung sollte nicht mehr nur der Elite vorbehalten sein, sondern zur Grundausstattung jedes preußischen Bürgers gehören. Humboldt „verlangt, dass Bildung, Weisheit und Tugend so mächtig und allgemein verbreitet, als möglich, unter [dem Volk] herrschen.“[2] Es entsprach außerdem seiner Auffassung, dass „es […]schlechterdings gewisse Kenntnisse [gibt], die allgemein sein müssen und […] die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierzu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum andern überzugehen.“[3] Hier wird klar, dass es Humboldt im Bereich schulischer Bildung darum geht, Kompetenzen zu vermitteln, die grundlegend für das Verständnis der verschiedenen Lebenswelten sind und die darüber hinaus befähigen, sich neue Kenntnisse anzueignen.

2. Heutzutage neigt man dazu, unter Bildungsgerechtigkeit intellektuelle Gleichheit zu verstehen. Dieser Gedanke war Humboldt fremd. Nur diejenigen mit einer besonderen Eignung sollten studieren. Der ideale Student muss so beschaffen sein, dass „er physisch, sittlich und intellektuell der Freiheit und Selbsttätigkeit überlassen werden kann und vom Zwang entbunden nicht zu Müßiggang oder zum praktischen Leben übergeh[t], sondern eine Sehnsucht in sich tragen wird, sich zur Wissenschaft zu erheben.“[4] Mit anderen Worten ist der Zweck der Universität vom Ursprung her selbstständige Forschung und nicht einfachhin die Fortsetzung der Schule in größeren Klassenräumen. Eigenständigkeit, Selbstkontrolle, Sehnsucht nach Wissen und die Bereitschaft dieses Wissen mit anderen zu vermehren und zu teilen, sind wesentliche Grundzüge der Universität. Wer dahin „getragen“ werden muss, sollte laut Humboldt nicht studieren.

3. Für die höheren Bildungseinrichtungen sieht Humboldt eine grundlegende Unabhängigkeit der Universitäten von verschiedenen Machtgruppen und Interessenverbänden vor und fordert für das Gelingen relevanter Forschung einen strikten Wettbewerb, um neue Ideen. „Er [der Staat] muss sich eben immer bewusst bleiben, dass er nicht eigentlich dies [Forschung] bewirkt noch bewirken kann, ja, dass er vielmehr immer hinderlich ist, sobald er sich hineinmischt, dass die Sache an sich ohne ihn unendlich besser gehen würde.[…] [Außerdem muss er] im Ganzen von ihnen nichts fordern, was sich unmittelbar und geradezu auf ihn bezieht, sondern die innere Überzeugung hegen, dass, wenn sie ihren Endzweck erreichen, sie auch seine Zwecke und zwar von einem viel höheren Gesichtspunkte aus erfüllen, von einem, von dem sich viel mehr zusammenfassen lässt und ganz andere Kräfte und Hebel angebracht werden können, als er in Bewegung zu setzen vermag.“[5] Dennoch darf es keine universitätsinternen Klüngel geben, der letztendlich darauf hinwirkt, dass Professoren nur befreundete Kollegen berufen. Die Folge wäre, dass nur ähnliche Ideen kultiviert werden und die kritische Atmosphäre verloren ginge. Er schlägt daher vor, dass der Staat die Professoren beruft[6], was in gewisser Weise der Forderung, dass eine Universität unabhängig von staatlichem Einfluss sein soll, widerspricht. Um diesen Widerspruch aufzulösen, muss man den Geist des humboldtschen Ideals bemühen. Modern gewendet müsste man demnach die Forderung aufstellen, dass nicht nur ein homogenes Professorium Berufungen durchführt, sondern ein Gremium, dass unterschiedliche Interessen und Ansichten repräsentiert, um die erwünschte „kritische Reibung“ im intellektuellen Universitätsbetrieb zu generieren.

4. Schließlich bestimmt Humboldt den Inhalt und Modus des universitären Bildungsstrebens. „Es ist ferner eine Eigentümlichkeit der höheren wissenschaftlichen Anstalten, dass sie die Wissenschaft immer als ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem behandeln und daher immer im Forschen bleiben, da die Schule es nur mit fertigen und abgemachten Kenntnissen zu tun hat und lernt. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler wird daher durchaus ein anderes als vorher. Der erstere ist nicht für die letzteren, beide sind für die Wissenschaft da.“[7] Aus diesem Ausspruch, wird heute die am meisten bemühte Forderung Humboldts an das Universitätswesen abgeleitet – die Einheit von Forschung und Lehre. Der Hochschulforscher Pasternack hält diesen Kurzschluss für verwegen und nachträglich durch die Geschichtsschreibung konstruiert.[8] Der dogmatische Anspruch der Einheit von Forschung und Lehre lässt sich aus dieser Quelle keinesfalls ableiten. Humboldt beschreibt, dass der ideale Student (siehe Punkt 2) gemeinsam mit dem Professor lernt und forscht. Aber nicht, dass der Professor neben seiner Forschung altes generisches Wissen vortragen muss, das sich der ideale Student durch Bücherlesen, durch Zuhören bei anderen Lehrkräften oder durch andere Lernformen selbst aneignen kann.

 

Bildung heute

Die Digitalisierung hat in unserer Zeit weite Teile der alltäglichen Lebenswelt erfasst. Praktisch jeder verfügt über einen oder mehrere Email-Accounts, die meisten Bürger besitzen Laptops, Tablets, Smartphones oder andere mobile Anzeigegeräte, mit denen sie immer und überall Zugang zum World Wide Web und seinen vielfältigen Angeboten haben. Dabei sind die Möglichkeiten, die die Digitalisierung im Bereich der Bildung bieten kann, nur durch die menschliche Vorstellungskraft begrenzt. Schon jetzt entziehen sich die vielgestaltigen Angebote einer einfachen Aufzählung, obwohl das meiste noch gar nicht erdacht, geschweige denn erprobt ist.

Trotz dieses ungeheuren Potentials hat die Digitalisierung noch keinen relevanten Einzug in das deutsche Bildungs- und Wissenschaftssystem gehalten. Es wird unterrichtet und gelehrt in tradierter Weise wie zu alten Zeiten, als ein Wissender – Lehrer oder Professor – seine Schüler oder Studenten mit einem thematisch präzise und eng gefassten Wissen bedient. Tafel und Kreide halten sich bis heute hartnäckig in den Klassenzimmern und Hörsälen der Republik, obwohl fast alle Schüler und Studenten über Smartphones und Tablets verfügen.Tafel und Kreide halten sich hartnäckig. Bild: [https://unsplash.com/photos/5mZ_M06Fc9g Roman Mager]

Neue Medien und Technologien kommen im deutschen Schulalltag aufgrund infrastruktureller Probleme nur vereinzelt und punktuell zum Einsatz. Insofern kann sich auch kein gefestigtes pädagogisches Verständnis entwickeln, wann und unter welchen Bedingungen digitale Lerninhalte im Unterricht am sinnvollsten und wie eingesetzt werden. Ein ähnliches Bild zeigt sich in den meisten deutschen Universitäten, wo traditionell ganz überwiegend analoge Lehrangebote zum Einsatz kommen. Anstatt dazu aber in eine fruchtbare Auseinandersetzung einzutreten, werden die neuen Medien oft mit ganz oberflächigen und fadenscheinigen Argumenten abgelehnt bis hin zu platten Talkshow-tauglichen Warnungen vor einer digitalen Demenz.

Kurz gesagt, unser Ausbildungssystem und seine Bildungsinhalte und -angebote entsprechen immer weniger der von der digitalen Transformation in Alltag und Beruf der Bürger geprägten Lebenswirklichkeit. Wichtige Fähigkeiten, die jeder Berufstätige schon heute im Umgang mit digitalen Medien braucht, werden nicht im Unterricht erlernt und eingeübt, sondern müssen sich autodidaktisch angeeignet werden. Das ist tragisch und gesellschaftspolitisch unverantwortlich. Für Humboldt musste die Schule die Grundlagen schaffen, um sich später als selbstständiger und mündiger Bürger im beruflichen und gesellschaftlichen Leben zurechtzufinden. Er würde ganz sicher protestieren und ein Schulsystem entschieden ablehnen, in dem die die Lebenswirklichkeit bestimmenden Fähigkeiten nicht im Unterricht erworben werden können, sondern erst, wenn es zur Pause oder zum Schulschluss läutet.

Bildungsforscher schlagen seit vielen Jahren Alarm, dass die „Bildungsungerechtigkeit“ in Deutschland nicht nur beständig hoch sei, sondern seit der Digitalisierung auch steige. Kinder aus akademischen und „heilen“ Elternhäusern hätten demnach höhere Chancen, beruflich erfolgreich zu sein. Dabei wird die monierte Ungleichheit häufig pauschal der Digitalisierung angelastet. Das ist ein äußerst irritierender Kurzschluss, da der Grund wohl eher darin zu suchen ist, dass digitale Kompetenzen, welche für die soziale Integration und den wirtschaftlichen Erfolg in Gegenwart und Zukunft besonders relevant sind, in der Schule keine Rolle spielen und nicht entwickelt werden, sondern außerhalb der Schule autodidaktisch erlernt werden müssen.

Im Grunde finden wir heute eine ähnliche Situation vor wie zu Zeiten Humboldts: Das zeitgenössische Ausbildungssystem kümmert sich nur sehr beschränkt um die Entwicklung von Kompetenzen, ohne die die moderne Welt nicht gemeistert werden kann. Heute wäre Humboldt ein Verfechter der Digitalisierung, weil er nicht nur verstünde, dass digitale Kompetenzen für einen aufgeklärten Bürger unserer Zeit die Voraussetzung für eine mündige Teilhabe in Wirtschaft und Gesellschaft sind, sondern auch, weil mit dem Cloud-Computing technische Infrastrukturen bereitstehen, mit denen seine Bildungsideale auch technologisch leicht realisiert werden könnten.

 

Wie kann das humboldtsche Bildungsideal heute erreicht werden?

Nach dem Aufkommen der Digitalisierung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mit ihren anfänglichen hektischen Entwicklungssprüngen von wenigen Großrechnern über die große Verbreitung von Personal Computer und deren Verknüpfung über das Internet hin zu kabellosen Netzwerken und mobilen Laptops, Tablets und Smartphones ist mit dem Cloud Computing und den weltumspannenden Internet-Plattformen inzwischen ein konsolidierter Stand der Technik erreicht, der es ermöglicht, für jeden und von überall aus nutzbare umfassende digitale Bildungsplattform bereitzustellen. Unabhängig von Ort, Zeit, Geschlecht, Alter, sozialer Stellung und Qualifikation könnten heute Bildungsinhalte für Jeden frei nutzbar verbreitet und angeboten werden. Alle wichtigen Bildungsetappen könnten niedrigschwellig und kostenfrei oder preiswert digital abgebildet werden und es gilt, diese Vision einer zukunftsfähigen Wissensplattform, einer „Bildungscloud“ zu verwirklichen.

Ideal: eine Cloud, auf die alle Lernenden zugreifen können. Bild: [https://unsplash.com/photos/0DosbK_etK8 Lionel Abrial]

Bei der Etablierung einer Cloud-Struktur im Bildungswesen ist es wichtig, Schritt für Schritt vorzugehen und alle wichtigen Bildungspartner von der Notwendigkeit des Projekts zu überzeugen. Ein guter Start für die Etablierung einer Bildungscloud ist die Umsetzung der Cloud-Idee in einem Pilotprojekt, beispielsweise im Bereich der Schulen. Die Bereitstellung einer Schul-Cloud wäre ein unauslässlicher erster Schritt für die niedrigschwellige Integration von digitalen Lerninhalten in den Schulunterricht. Die Nutzung digitaler Bildungsinhalte könnte endlich Akzeptanz und breiten Einzug in den Unterricht erlangen, die digitale Bildung in Deutschland befördert werden und sich fortlaufend auf weitere Bildungsetappen ausweiten.

Einer der wichtigsten Hinderungsgründe für die Nutzung digitaler Medien in Schulen ist die fehlende Infrastruktur. In den Schulen stehen nur eine begrenzte Zahl teurer, aber schlecht gewarteter und unsicherer Rechner zur Verfügung, aufgestellt in Computerräumen oder Rechnerkabinetten. Nur wenige Schüler können so gleichzeitig auf digitale Lerninhalte zugreifen, in den meisten Klassenräumen und Unterrichtsfächern ist das vollkommen unmöglich. Die auf diesen Rechnern installierten oder über sie erreichbaren digitalen Inhalte stehen schon zu Hause für die Hausaufgaben oder in der Nachbarschule nicht zur Verfügung. Damit in jedem Unterrichtsfach und von allen Schülern digitale Lerninhalte gleichzeitig abgerufen werden können, müssen die Rechner aus den Schulen. Die digitalen Lerninhalte müssen in einer modernen Cloud-Architektur vorgehalten werden, die auf im Land verteilten und professionell gewarteten Rechenzentren gehostet wird. Zur Nutzung in den Schulen bzw. von zu Hause braucht es lediglich einen Breitband-Internetanschluss, mit WLAN ausgeleuchtete Klassenzimmer sowie einfache digitale Anzeige- und Eingabegeräte. Das können natürlich Rechner oder Laptops sein, aber viel besser sind es einfache Tablets oder Smartphones, die entweder von zu Hause mitgebracht werden können – wie „bring your own device“ – oder von der Schule zur Verfügung gestellt werden.

Sobald diese im Vergleich zur heutigen Bereitstellung einer Zahl von Schulrechnern viel preiswertere und vor allem technisch langlebigere Ausstattung vorhanden ist, können die Bildungsangebote, die zur Zeit in dezentralen „Speichern“ in Schulen und anderen Einrichtungen vorgehalten werden, einfach über einen Webbrowser aus der Schul-Cloud hochgeladen und genutzt werden. Schüler und Lehrer können in allen Schulfächern auf die für sinnvoll befundenen Bildungsangebote zugreifen und digitale Kompetenzen in jedem Unterrichtsfach erwerben. Gleichzeitig würde die Cloud Lehrer, Schüler, Unternehmen und öffentliche Institutionen dazu anregen, neue webbasierte Bildungsangebote auf hohem Niveau zu entwickeln und anzubieten. Es ist zu erwarten, dass innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl innovativer digitaler Lehr- und Lernangebote entstehen und Lehrer nur noch diejenigen auswählen müssten, die für ihre Unterrichtseinheit relevant sind und dort eingebaut werden können. Durch die Nutzung und Bewertung einzelner Lernanwendungen entsteht gleichzeitig eine effektive Qualitätskontrolle durch die Nutzer. Mit den Mitteln der Learning Analytics können die digitalen Lernangebote auf der Basis des Nutzerverhaltens gezielt weiterentwickelt und Lernen individueller und erfolgreicher gestaltet werden.

Der Erfolg jeder Cloud-Lösung hängt davon ab, wie viele Nutzer sich beteiligen, wie gut die Internetanbindung und die Ausstattung mit mobilen Anzeigegeräten ist. Deshalb ist es wichtig, die Cloud-Architektur nicht unnötig zu duplizieren oder zu vervielfältigen, wie etwa durch eigene Clouds der Bundesländer, großer Städte oder Unternehmen. Es macht einen qualitativen Unterschied, ob Bildungsinhalte für einen potentiellen Markt von 40.000 Schulen entwickelt werden oder für 10.000. Damit ist jedoch keinesfalls das Ende des deutschen Förderalismus eingeleitet. Im Gegenteil kann durch die Schul-Cloud ein echter Länderwettbewerb darüber entstehen, welcher länderspezifische Cloud-Zugang am nutzerfreundlichsten und attraktivsten ist, welches Land die meisten oder besten Lerninhalte anbietet und die engagiertesten Programmierer für neue Lerninhalte hervorbringt. Es ist offensichtlich, dass die Schul-Cloud das Potential hat, das Bildungssystem im Sinne des humboldtschen Bildungsideals zu reformieren und gleichzeitig Kosten zu sparen. Die teure Anschaffung und Wartung von schnell veraltenden Rechnern in Schulen wäre überflüssig. Kommunen würden sehr viel Geld sparen und Lehrer hätten mehr Zeit für den Unterricht und zusätzliche Nachhilfeangebote.

 

Die Vision der Bildungscloud

Auch wenn die Idee der Schul-Cloud bereits revolutionär genug ist, sind damit noch nicht alle Möglichkeiten der Digitalisierung des Bildungssystems erreicht. Erinnern wir uns, dass es bei Humboldt darum geht, mündige und selbstständige Bürger zu bilden und daran, dass sich Wissen in der heutigen Zeit immer schneller wandelt. Unter diesen Voraussetzungen reicht es nicht aus, in der Kindheit und Jugend gebildet zu werden, sondern es wird immer wichtiger, lebenslang zu lernen, um mündiger und selbstständiger Bürger zu bleiben. Daher besteht die Vision in ihrer Vollendung darin, eine umfassende Bildungscloud zu schaffen, in der sämtliche existierenden und zukünftigen Aus-, Weiter- und Fortbildungsinhalte frei und jederzeit verfügbar sind. Dadurch erweitert sich das Nutzerfeld um Auszubildende, ehrenamtlich Tätige, die ihre überfachlichen Fähigkeiten erweitern wollen, Arbeitssuchende, die sich weiterbilden und auf konkrete Stellen qualifizieren können, Krisen- und Katastrophenkräfte, die schnell und unkompliziert auf bestimmte Einsätze vorbereitet werden müssen, und einfache Arbeitnehmer, die ihre Karriereoptionen verbessern wollen.

Es gibt bereits zahlreiche Initiativen und Technologien, die eine digitale Ausbildung ermöglichen. Dazu zählen Massive Open Online Courses (MOOCs), Blended Learning Strukturen und Lernspiele jeglicher Art. Das Problem ist jedoch, dass es für Nutzer nur sehr schwer ist, unter der Vielzahl von Angeboten, diejenigen zu finden, die für ihren individuellen Fall geeignet und qualitativ hochwertig sind. Außerdem ist eine Zertifizierung bei den meisten Angeboten nicht möglich und die soziale Komponente digitalen Lernens kaum ausgeprägt.

Wie auch bei der Schul-Cloud können die Bereitstellung und Wartung der Hard- und Software sowie die IT-Sicherheitsüberwachung ausgelagert werden. Nutzer und Anbieter von Lerninhalten können sich voll und ganz auf die Verwendung und Entwicklung dieser konzentrieren und dazu beitragen, ein vielfältiges Lernökosystem zu bilden. Jeder registrierte Nutzer kann darüber hinaus ein Lernprofil anlegen, das idealerweise ab der Schulzeit alle relevanten Ausbildungsschritte registriert und den Status der Fortbildung nachvollzieht. Das Bildungscloud-Lernprofil würde so zum persönlichen Lebenslauf werden, der über die individuellen Fähigkeiten und Kenntnisse punktgenaue Auskunft erteilt und so die Bedeutung von weniger aussagekräftigen aggregierten Bewertungssystemen (z. B. Abiturnoten) abnimmt. Es ist heute möglich, mit Hilfe neuester Technologie Nutzer über die Kamera und das Eingabeverhalten ihrer vernetzten Geräte sicher zu identifizieren. So erübrigt sich sogar die Präsenz bei Prüfungen und Zertifikate für online erbrachte Leistungen hätten Gewicht. Auf der Grundlage des digitalen Lebenslaufs kann die Wahl der Studien- und Ausbildungsrichtung vereinfacht werden und wäre nicht mehr von z. T. zufälligen Noten abhängig, sondern von tatsächlicher, individueller Qualifikation.

Die Bildungscloud könnte eine Reihe von zusätzlichen nützlichen Programmen bereitstellen wie beispielsweise einen Bildungsbuddy und einen Bildungscloud-Atlas. Der Atlas verschafft mit einer Lernlandkarte einen Überblick über vorhandene Angebote und verhilft den Nutzern über einen intelligenten Algorithmus, genau die Inhalte zu finden, die für die persönliche Weiterentwicklung relevant sind. Der Bildungsbuddy kann die Lernenden dabei unterstützen, durch den Lernatlas zu navigieren, auf Errungenschaften und Schwächen hinzuweisen und entsprechend Vorschläge für weitere verfügbare Bildungsmodule machen, die auf den erreichten Wissensstand aufbauen. Durch spielerische Elemente, wie dem Erreichen von Zwischenzielen, wird weiterhin die Motivation der Nutzer gesteigert. Außerdem kann der Lernbuddy auf existierende Lerncommunities und Themenräume verweisen, die für den aktuell erreichten Bildungsstand relevant sind.

Forschungen im Bereich digitalen Lernens heben die große Bedeutung der sozialen Interaktion in digitalen Lernumgebungen hervor.[9] Deshalb müssen Lernforen und Tools für die Interaktion in Lerngruppen fester Bestandteil der Bildungscloud sein. Der Vorteil ist offensichtlich: Durch den direkten Austausch zwischen Nutzern steigt die Motivation, digitale Lernangebote durchzuarbeiten und am Ende auch erfolgreich abzuschließen.

 
Die Vollendung des humboldtschen Bildungsideals

Universität müssen ein Ort von neuen Ideen sein. Bild: [https://unsplash.com/photos/3aVlWP-7bg8 Mikael Kristenson]

Die Diskussion zeigt, dass einem herkömmlichen Bildungswesen, das allein auf analogen Materialien und analogen Interaktionen zwischen Lernenden und Lehrenden beruht, die Mittel fehlen, dem großen Bildungsideal nahezukommen, das Humboldt skizzierte. Erst mit Hilfe neuester Digitaltechnologien können die humboldtschen Erwartungen auf den verschiedenen Bildungsebenen realisiert werden:

1. Das heutige analoge Schulwesen bereitet junge Menschen in Deutschland nicht darauf vor, sich in einer digitalen Lebenswelt zurechtzufinden und zu selbstständigen und mündigen Bürgern zu entwickeln. Es zementiert Eliten und trägt so zur Chancenungleichheit bei. Mit der Nutzung von digitalen Medien werden nicht nur die notwendigen Kompetenzen für das digitale Zeitalter erworben, sondern Schüler können individuell, leistungsgerecht und fair ihre Potentiale heben. Geschickt gespielt könnte die Bedeutung der Herkunft der Schüler abnehmen, weil alle Schüler über Cloud-Strukturen praktisch kostenlos auf sämtliche Lerninhalte zugreifen und sich mit anderen Schülern und Lehrern vernetzen können. Das von Humboldt angestrebte Allgemeinwissen, die Kompetenz, die notwendig ist, um sein eigenes Glück zu machen, kann sich so vermitteln.

2. Durch die Nutzung von Cloud-Strukturen, die Möglichkeiten der selbstständigen Vernetzung und Initiierung eigener schulübergreifender Projekte werden Schüler schon frühzeitig an selbstständiges Lernen und Arbeiten herangeführt. Dadurch erhöht sich beim Übergang zu höheren Bildungseinrichtungen die studentische Autonomie.

3. Seit Gründung der Nationalstaaten und Länder sind die Universitäten in Deutschland von diesen finanziert und abhängig. Zwar dürfen die Länder heute auf universitäre Angelegenheiten keinen direkten Einfluss nehmen, aber über Verwaltungsregeln, die Logik politischer Systeme und öffentliche Förderprogramme (DFG-/EU-Programme) wurden indirekte Strukturen geschaffen, die Abhängigkeiten etablieren und staatlich gewünschte Zielvorstellungen fördern. Eine Diversifizierung der Finanzierungsgrundlage beispielsweise durch Unternehmen, Verbände, Stiftungen etc. ist nur sehr schwach ausgeprägt. Selbstverständlich haben auch diese Gruppen eigene Zielvorstellungen, aber zu glauben, dass ein Universitätssystem frei wäre, weil es nur einer Interessengruppe dient, die dabei zum Teil erratischen Änderungen in ihrer Zielvorstellung im Vierjahreszyklus unterliegt, ist naiv. Eine Universität kann nur dann wirklich frei und unabhängig sein, wenn sie ihre Interessen selbstständig bestimmt und sich dafür selbst die notwendigen Partner suchen kann. Auch hier helfen digitale Technologien. So können Cloud-Strukturen den Austausch und die Interaktion mit potentiellen Partnern in Gesellschaft und Wirtschaft dramatisch erleichtern, neue Geschäftsmodelle und der Wissenstransfer können blühen.

4. Es wurde bereits erwähnt, dass das Ideal von der Einheit von Forschung und Lehre eine historische Konstruktion und keine ursprüngliche humboldtsche Idee ist. Fachliche Grundlagen, die heute in großen Vorlesungssälen vorgetragen werden und die in der Regel nichts mit aktueller Forschung zu tun haben, könnten über die Bildungscloud in Form von MOOCs angeboten werden. Die standardisierten Prüfungen müssen nicht mehr mühsam von wissenschaftlichen Mitarbeitern bearbeitet, sondern können durch Maschinen in Echtzeit bewertet werden. Nicht an jeder Universität müssten die gleichen Grundlagenvorlesungen gehalten werden; im Wettbewerb könnte entschieden werden, wer solche Vorlesungen am ansprechendsten und lehrreichsten für eine große Zahl von Studenten anbietet. Grundsätzlich könnten auch talentierte wissenschaftliche Mitarbeiter diese Aufgabe übernehmen. Professoren hätten so mehr Zeit, sich ihrer eigentlichen Aufgabe zu widmen: zu forschen und diese Forschung ihren Studenten und einem breiten Publikum zu vermitteln. Die humboldtsche Forderung der Einheit von Forschung und Lehre würde so sinngemäß erfüllt.

5. Universitäten müssen ein Ort von neuen Ideen sein. Das wird möglich, wenn mehr Zeit für Forschung gegeben ist und ein engerer und inspirierender Austausch zwischen den Wissenschaftlern stattfindet. Ein Bildungswesen, dem die Wissensinfrastruktur einer digitalen Bildungscloud frei zugänglich zur Verfügung steht, bietet größtmögliche Transparenz auch in Bezug auf die Resultate neuester Forschung, der Austausch über Kontinente hinweg wäre unmittelbar möglich und auch die Qualität der Forschung könnte effektiv evaluiert werden.

Digitale Technologien bieten so erstmals die Möglichkeit, dem humboldtschen Bildungsideal so nahe zu kommen, wie es bisher nicht möglich war. Jetzt muss es darum gehen, wie politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen werden können, um das technisch Mögliche auch in die Tat umzusetzen.

Quellen:

Humboldt, Wilhelm von: Schriften zur Anthropologie und Geschichte, Werke in fünf Bänden, I, Hrsg.: Andreas Flitner und Klaus Giel, J.G. Cotta´sche Buchhandlung Stuttgart 19953.

Humboldt, Wilhelm von: Schriften zur Politik und zum Bildungswesen, Werke in fünf Bänden. IV, Hrsg.: Andreas Flitner und Klaus Giel:. Darmstadt 19823.

Humboldt, Wilhelm: Über die innere und äussere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin, 1809/10. (Online-Quelle: e (03.03.2017))

Meinel, Christoph und Willems, Christian: openHPI. Das MOOC-Angebot des Hasso-Plattner-Instituts, Technische Berichte Nr. 79, Universitätsverlag Potsdam 2013.

Pasternack, Peer: Die Einheit von Forschung und Lehre, in: duz-Magazin, Ausgabe 2, 2008, S. 20.

Tenorth, Heinz-Elmar: Bildung, in: Humboldt Spektrum, Ausgabe 2-3, 2009, S 14-19.

Fußnoten:

[1] Tenorth 2009, S. 18.

[2] Humboldt 19953, S. 236.

[3] Humboldt 19823, S. 218.

[4] Humboldt 1809/10, S. 235.

[5] Ebd., S. 231, S. 234.

[6] Ebd., S. 239.

[7] Ebd., S. 230.

[8] Paternack 2008, S. 20.

[9] Meinel 2013, S. 5ff.

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