Blockchain: „Das Internet sollte nicht bleiben, wie es ist“

Blockchain: „Das Internet sollte nicht bleiben, wie es ist“

23.10.17

Bild von [https://unsplash.com/photos/gtVrejEGdmM Pietro Jeng]

Wir haben mit Jutta Steiner, Mitgründerin von Parity Technologies, ein Interview über Blockchain, Bitcoin und Ethereum geführt. Sie erklärt uns darin, wie Blockchain funktioniert, was das für unsere Gesellschaft bedeutet und was in den nächsten Jahren noch passieren könnte.

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HFD: Die Mächtigen im Internet bekommen Konkurrenz.

Jutta Steiner: Ich hoffe nicht, dass das Internet so bleibt, wie es ist. In den letzten zehn, zwanzig Jahre ist ein Netz mit zentralisierten, sehr mächtigen Firmen entstanden. Ein Grund hierfür ist die Art und Weise, wie wir die technische Architektur entwickelt haben: Im Hintergrund sitzen Server, über die die User bedient werden. Wir versuchen, neue Technologien zu entwickeln, durch die das Internet grundlegend anders aufgebaut werden kann, sodass alle Nutzer letztendlich gleichberechtigt sind und miteinander interagieren können.

Open Source Bild von [https://unsplash.com/photos/R-HXWCbCBGU Alex Holyoake]HFD: Brauchen wir eine offene Infrastruktur?

Jutta Seiner: Ein großes Element für das Neuerfinden des Internets ist die Tatsache, dass Open Source entwickelt wird. Das heißt: Jeder, der besser verstehen will, was die Software eigentlich tut, kann den gesamten Source Code lesen. Und jeder kann darüber hinaus selbst etwas zum Code beitragen und die Software verbessern. Open Source steht im Gegensatz dazu, wie Software in den letzten 20 Jahren produziert wurde. In der Hochzeit von Microsoft war nahezu alles “Closed Source“. Niemand konnte richtig sehen, was da im Hintergrund passiert. Open Source ist in diesem Sinne ein zentraler Faktor, um das Internet besser sichtbar zu machen und in einer größeren Community zu entwickeln. Dank Open Source können Entwickler einfach den Source Code analysieren, um so zu erkennen, wo es Probleme gibt – und ob der Source Code auch das, was die Anbieter behaupten. Demnach ist eines unserer Ziele die Entwicklung neuer Technologien um das Internet sicherer und dezentraler zu machen. Ein Beispiel hierfür ist Blockchain. Viele Leute haben wahrscheinlich heutzutage schon von Blockchain gehört. Das ist ein zentraler Bestandteil von dem, was man einen „Technologie Stack“ nennt. Blockchain ersetzt das, was heute auf Servern kodifiziert ist, also die Art und Weise, wie wir miteinander interagieren. Darüber hinaus gibt es so genannte Peer-to-Peer-Protokolle, bei denen Informationen nicht mehr über einen Server ausgetauscht werden, sondern direkt zwischen den Nutzern im Internet.

Das sind Technologien, die wir in unserer Firma Parity entwickeln. Parity haben wir vor etwas mehr als eineinhalb Jahren gegründet. Zuvor waren meine Mitgründer im Ethereum-Projekt beschäftigt. Ethereum war eine große Weiterentwicklung nach Bitcoin – eigentlich die erste große Innovation, nachdem das Bitcoin-Protokoll vor acht, neun Jahren entwickelt worden war. Und Ethereum hatte eben nicht nur zum Ziel, Finanztransaktionen zu ermöglichen, sondern ganz beliebige Transaktionen zwischen Nutzern, für die es keinen Mittelsmann mehr im Hintergrund braucht.

Analoge Suche Bild von [https://unsplash.com/photos/UGQoo2nznz8 João Silas]Bild: Analoge Suche

HDF: Was automatisiert Blockchain genau?

Jutta Steiner: Digitalisierung bedeutet beispielsweise, dass wir unsere Buchhaltung nicht mehr auf Papier, sondern durch Datenbanken ausführen. Früher haben wir mit normalen Unterschriften überprüft, woher eine Nachricht kommt und ob sie authentisch ist. Heute nutzen wir Kryptographie. Früher hat man Berechnungen mit einem Abakus ausgeführt, heute macht das ein Prozessor. Es hat sich viel verändert, aber eine fundamentale Sache nicht: Die zentrale Autorität, zu entscheiden und managen, wem was gehört, haben immer Organisationen. Und das hat Blockchain automatisiert. Blockchain ist sozusagen eine automatisch ausgeführte Regel, über dessen Einhaltung sonst eine Organisationen als Mittelsmann gewacht hat. Als zentrale Autorität zu agieren, ist ein sehr fundamentaler Prozess, den Institutionen traditionell übernehmen. Weil dies jetzt durch Technologie automatisiert werden kann, glauben wir, dass Blockchain unsere Gesellschaft sehr, sehr stark verändern kann.

HFD: Wie unterscheiden sich die offenen Blockchains Bitcoin und Ethereum?

Jutta Steiner: Wenn wir erklären, was Bitcoin und Ethereum sind, benutzen wir oftmals die folgende Analogie: Bitcoin ist wie ein Taschenrechner, Ethereum ist wie ein Smartphone. Bitcoin erlaubt einem, einfache Transaktionen zu machen, also Geld hin und her zu schicken. Auf Ethereum kann man im Prinzip beliebige Applikationen bauen. Ganz am Anfang war Ethereum ein loser Zusammenschluss von Entwicklern, die diese Idee spannend fanden und versucht haben, sie in eine Plattform umzusetzen. Dabei war es faszinierend zu sehen, wie viele intelligente Menschen durch diese Ideen angezogen uns inspiriert wurden. Es war beeindruckend, aus wie vielen Ländern Ideen zusammenkamen. Es wurde sehr konstruktiv zusammengearbeitet, um dieses Projekt wirklich Realität werden zu lassen. Die meisten unserer Entwickler – eigentlich alle – sind durch das große Ziel getrieben, das Internet wieder dezentral zu gestalten und es dahin zu bringen, wo es schon hätte stehen können. In so einem Umfeld zu arbeiten, ist eine schöne Sache, auch wenn wir kein gemeinnütziger Verein sind, sondern eine kommerzielle Firma. Unser Team hat eine sehr starke Vision und möchte einfach die Dinge fixen, die wir heute als Problem im Internet haben.

Blockchain erobert die Welt Bild von [https://unsplash.com/photos/Q1p7bh3SHj8 NASA]Bild: Blockchain erobert die Welt

HFD: Welches Potenzial birgt Blockchain als Technologie?

Jutta Steiner: In den letzten Jahren hat man bereits gesehen, dass Blockchain ein großes Potenzial hat, Dinge zu verändern. Insbesondere die Welle von ICOs (Initial Coin Offerings also die Vergabe neuer Einheiten einer digitalen Währung) als eine Art und Weise, Crowdfunding zu machen, zeigt die Möglichkeiten von Blockchain. Allerdings hat sich auch gezeigt, dass wir an vielen, vielen Stellen noch Dinge an der Technologie verändern müssen. Das sind Sachen, an denen wir in den nächsten drei bis fünf Jahren arbeiten werden. Ich glaube, solange wird es auch noch dauern, bis Blockchain und ähnliche Technologien tatsächlich Mainstream werden und dementsprechend von vielen Leuten genutzt werden. Bis wir die entsprechenden Modelle, zum Beispiel Facebook, auch im Blockchain-Bereich sehen werden, wird noch etwas Zeit vergehen. Auf diese großen und skalierbaren Verbraucheranwendungen werden wir wahrscheinlich noch drei bis fünf Jahre warten müssen.

Bild von [https://unsplash.com/photos/gtVrejEGdmM Pietro Jeng]HFD: Was braucht es, damit Blockchain massentauglich wird?

Jutta Steiner: Blockchain ist heutzutage bereits sehr mächtig, hat aber immer noch einige Probleme, die behoben werden müssen. Zum Beispiel ist die Anzahl von Transaktionen sehr limitiert. An diesen Dingen, sowie der tatsächlichen Garantie von Privatsphäre oder, bestimmten Arten von „Permissioning“, also die Bestimmung darüber, wer überhaupt das System nutzen kann und auf welcher Ebene, arbeiten wir gerade. Im Moment sind wir dabei, eine neue Plattform zu entwickeln, also eine neue Blockchain: Das Polkadot.Network. Polkadot wird mehrere Blockchains miteinander vernetzen können. Momentan laufen Bitcoin und das Ethereum-Netzwerk nur nebeneinander und sind nicht vernetzt.. Um tatsächlich das Internet der Blockchains Realität werden zu lassen, braucht es ein weiteres Protokoll, das alle Blockchains vernetzt. Und an dem arbeiten wir momentan.

 

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