Argumente im Digitalisierungsprozess von Bildungsinstitutionen

Argumente im Digitalisierungsprozess von Bildungsinstitutionen

22.11.17

Geht es um niedrigschwelligen Zugang, Gerechtigkeit und angemessene Didaktik oder vielleicht doch eher um einen vorderen Platz im Ranking und die technische Ausstattung? Jane Brückner von der Leuphana Digital School hat sich die Argumente der Schulen und Universitäten im Digitalisierungsprozess genauer angeschaut und fordert zum Fragenstellen auf, damit Digitalisierung in der Bildung nicht zum Selbstzweck wird.

Tagungen, Konferenzen und Netzwerktreffen zum Themenfeld Digitalisierung haben auch im Bildungsbereich Konjunktur. Dabei geht es mal um die strategische Entwicklung von Bildungseinrichtungen, mal um die Medienkompetenz der Lernenden und Lehrenden. Die Themen der Veranstaltungen zeugen von zwei Blickrichtungen auf die Digitalisierung: Hochschulen sehen sich durch die Digitalisierung genötigt, dem nationalen und globalen Wettbewerb beizutreten und die eigene Institution mit beeindruckenden Zahlen in Lehre und Forschung in der digitalen Öffentlichkeit vorn zu platzieren. Viele Schulen mahnen, endlich die Diskrepanz zwischen (digitalisierter) Lebenswelt der Schüler und Unterrichtspraxis zu überwinden.

Reduziert binäres Verständnis: Schulen unter Anschaffungsdruck

Vorträge wie auch Diskussionen entlang der vielen Veranstaltungen zum Thema beziehen sich im Schulbereich vor allem auf eine technische Ausstattung für einen garantierten Zugang der Schüler und Lehrkräfte. So wurde beispielsweise auf dem Tag der Medienkompetenz in Hannover[1] für die niedersächsische Bildungscloud geworben und das vernetzte Lernen mit mobilen Endgeräten vorgestellt. Die Ausstattung der Schulen mit digitalen Endgeräten und Breitbandanschluss, so die einhellige Meinung vieler Diskutanten, würde auch Lehrer der „analogen Fraktion“ zu den neuen Medien bringen und den Unterricht digitalisieren.

Nicht nur die antagonistische Sichtweise von digital und analog zeugt von einem reduziert binären Verständnis der Digitalisierung, sondern bringt auch den Handlungsdruck beim Übergang in die neue Zeit zum Ausdruck, dem sich die meisten Schulen ausgeliefert sehen. Digitalisierung wird hier zur unhinterfragten Transformationsmaßnahme um ihrer selbst willen. Dass digitalisierte Lernprozesse für Schüler kaum Mehrwert haben und über den schlichten Austausch der Medien zu keinem erhöhten Lernerfolg führen, bleibt oftmals unberücksichtigt und die Diskussion zur Digitalisierung der Schulen wird von Lehrern, Schulleitungen und Ministerien weiterhin unter dem vermeintlichen Druck der Anpassung an das mediale Zeitalter geführt.

Digitalisierung als Wettbewerbsvorteil

Die Gespräche und Vorträge zur Digitalisierung der Hochschulen in Deutschland fokussieren dagegen Themen wie Innovation durch digitale Medien und institutionelles Changemanagement für die Nutzung digitaler Medien im Rahmen der Hochschullehre. Zuletzt auf der Fachtagung der DGfE mit dem Titel „Universität 4.0“, die sich vorgenommen hatte, die Folgen der Digitalisierung für akademische Lehre und Forschung auszuloten.[2] Hier wird dem Digitalen ein Mehrwert unterstellt, der den Universitäten zu einem der vorderen Rangplätze im nationalen und internationalen Wettbewerb verhelfen kann und soll. Das Lernen der Studierenden ist in dieser Argumentationskette meist nur unter dem Aspekt des messbaren Lernfortschrittes relevant, der im Idealfall mit digitalen Methoden (Learning Analytics) als institutionelle Leistungssteigerung öffentlich gemacht werden kann. Dass insbesondere in der hochschuldidaktischen Diskussion zur Digitalisierung die Chancen und Potentiale digitaler Bildung in den Vordergrund gerückt werden, ist wohl dem Transformations- und Wettbewerbsdruck zuzuschreiben, dem sich Hochschulen ausgesetzt sehen. Digitalisiertes Lehren und Lernen gilt als Signal der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit einer Hochschule, welches innerhalb der Vergleichsmessung von Hochschulen als Reputationskapital nutzbar gemacht werden kann. Der Mehrwert des Einsatzes digitaler Medien an Hochschulen für das Lehren und Lernen liegt innerhalb dieser Argumentation in dem Potential für den Hochschulwettbewerb.

„Einen vorderen Platz einzunehmen bedeutet für eine Einrichtung nicht nur, dass ihr Bewunderung und Aufmerksamkeit zufließen, es heißt auch, dass sie bei Finanziers und Sponsoren bessere Karten hat, dass die Rekrutierung leistungsfähiger Studierender leichter gelingt, dass sie weniger Aufwand betreiben muss, um potente Kooperationspartner zu gewinnen, und dass renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftler leichter angeworben werden können“.[3]

Obwohl vor diesem Hintergrund zumeist effizienzorientierte und wettbewerbsgeprägte Szenen einer Bildungsrevolution laut gedacht werden, gehören auch Forderungen nach Sicherheit und Datenschutz zum guten Ton, die Google und Facebook zu Gegenspielern freien Lernens werden lassen. Dieser kritischen Haltung gegenüber den Marktgiganten der digitalen Kommunikation liegt ein Abgrenzungs- und Schutzimpuls zu Grunde, der die gesellschaftliche(n) Funktion(en) der Hochschulen vorschiebt, um das eigene Handeln zu rechtfertigen. Die Führungsrolle, die genannte kommerzielle Anbieter einnehmen, ist nicht mehr wegzudiskutieren, deshalb wird beim Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen im Zuge der Digitalisierung gern kritisiert, was das eigene System bedrohen könnte.

Auseinandersetzung mit kommerziellen Anbietern erforderlich

Eine ähnlich kritische Diskussion wäre auch für die bundesweite Innensicht der Hochschulen wünschenswert. Dann würden Lernprozesse und Lernerfolge nicht nur für das hauseigene Ranking digital optimiert, sondern wieder an den Lernenden ausgerichtet. Damit ergäbe sich wohl auch ein nachhaltiger Mehrwert von digitaler Bildung an Hochschulen gegenüber den kommerziellen Angeboten digitaler Kommunikation und digitaler Bildung. Dieser könnte am Zugang und an der Teilhabe ausgerichtet sein, der im Sinne der Third Mission[4] und entlang einer Openness-Strategie Einblicke zum und Handlungsspielräume im „wissenschaftlichen Tagesgeschäft und Forschung“[5] einer Hochschule für erweiterte Akteursgruppen gewährt. Im Zuge dieser Öffnung von Bildungseinrichtungen könnten auch kommerzielle Akteure im digitalen Wandel zu Stakeholdern werden, wenn sie den digitalen Veränderungsprozess von Bildung beispielsweise mit Blick auf lebensweltliche Anbindung und auf Gerechtigkeit zu unterstützen vermögen.[6]

Reflektierte Gestaltung der Rollen von Lehrenden und Lernenden

Beiden, dem schulischen wie hochschulischen Diskurs, ist das Wissen eingeschrieben, dass digitale Medien unsere Gesellschaft verändern werden und es bereits tun. Den Akteuren beider Institutionstypen scheint bewusst zu sein, dass Veränderungsprozesse vor dem Hintergrund der Digitalisierung unserer Gesellschaft gerade in der Bildung ein verändertes Handeln und Miteinander zur Folge haben werden. Sowohl die Schulen als auch die Hochschulen loten diese Neuartigkeit in ihren Handlungskreisen aktuell aus. An dieser Stelle des Wandlungsprozesses allgemeingültige Antworten zu erwarten, würde wohl zu einer ersten Resignation führen. Vielmehr gilt es gut formulierte Fragen zu stellen und übergreifende bildungstheoretische Grundlagen abzustecken.[7]

Dies gilt insbesondere dann, wenn wir die Sozialisation von Lehrenden und Lernenden ernst nehmen wollen, um beiden Akteursgruppen zu gerechten Rollenkonzepten innerhalb der Digitalisierungsprozesse von Bildung zu verhelfen. Diese Rollenkonzepte sollten einem Bildungsverständnis folgen, welches dem Ideal der Autonomie und Emanzipation verpflichtet ist. In jedem Fall ist darauf zu achten, dass weder ein unreflektierter Transformationswille, noch die Effizienzmaximierung und Wettbewerbsorientierung im Zentrum der Entwicklungsarbeit von Bildungseinrichtungen stehen, sondern die Verknüpfung von Ich und Welt für alle am Bildungsprozess Beteiligten ebenso wie die Verbindung von Institution und Welt auf der organisatorischen Ebene.

Bei kontinuierlicher Komplexitätssteigerung der Gesellschaft werden auch protektionistische Tendenzen von Bildungsinstitutionen an den Entwicklungen in der Bildung vorbeilaufen. Werden dagegen strukturelle Kopplungen[8] zwischen den Systemen der Gesellschaft zugelassen, können schulische wie hochschulische Bildungsinstitutionen ihre traditionelle Aufgabe erfüllen, nämlich einen Beitrag zur ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung leisten. Nur indem Bildungsinstitutionen die digitale Komplexität der Gesellschaft abbilden, kann die Weiterentwicklung und damit der Fortbestand dieser Aufgabe von Bildungsinstitutionen gewährleistet werden.

 

Literaturverweise

[1] Der fünfte Tag der Medienkompetenz wurde am 02.11.2017 vom Niedersächsisches Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) und der Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) veranstaltet.

[2] Die Fachtagung „Universität 4.0 Folgen der Digitalisierung akademischer Lehre und Forschung“ fand in Berlin am 03. und 04.11.2017 statt.

[3] Mau, S. (2017). Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin: Suhrkamp. S. 85-86.

[4] Vgl. die Überblicksdarstellungen von Henke J., Pasternack, P., Schmid S. (2016): Third Mission bilanzieren. Die dritte Aufgabe der Hochschulen und ihre öffentliche Kommunikation. HoF-Handreichungen 8. Beiheft zu „die hochschule“. S. 22-31.

[5] Dürkop, A., Ladwig, T. (2016). Neue Formen der Koproduktion von Wissen durch Lehrende und Lernende. Arbeitspapier Nr. 24. Berlin: Hochschulforum Digitalisierung. S. 12.

[6] Vgl. hierzu: Reich, J., Mizuko, I. (2017). From Good Intentions to Real Outcomes: Equity by Design in Learning Technologies. Irvine, CA: Digital Media and Learning Research Hub. S. 16.

[7] Vgl. die Argumentation von Markus Deimann für Open Educational Resources: Deimann, M. (2014): Open Education als partizipative Medienkultur? Eine bildungstheoretische Rahmung. In: Biermann, R.; Fromme, J. und Verständig, D. (Hrsg.): Partizipative Medienkulturen. Positionen und Untersuchungen zu veränderten Formen öffentlicher Teilhabe. S. 185-206.

[8] Vgl. Luhmann, N. (1997). Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 92ff.

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