Der Einsatz der Blockchain in der Hochschullehre – ein Anwendungsszenario

Hochschulforum Digitalisierung

Bereits in einem früheren Blogbeitrag erwähnte Raimund Matros das Szenario eines digitalen Studienbuchs für die (Hochschul-)Bildung auf der Basis der Blockchain-Technologie. Nun widmet er dem Thema einen eigenen Artikel und skizziert, wie mithilfe eines Blockchain-Studienbuchs die Mobilität und die Souveränität der Studierenden über ihre Leistungen und Nachweise unterstützt werden können. Weitere Artikel zur Nutzung der Blockchain in der Bildung finden Sie auf unserer Seite übrigens hier und hier.

Die Leistungsnachweise über die Blockchain erleichtert die Studierendenmobilität.

Spätestens mit dem Höhenflug der Kryptowährung Bitcoin ist das Thema Blockchain in aller Munde. Es gibt derzeit kaum eine Technologie auf die der Begriff „Hype“ mehr zutrifft als auf die Blockchain. Neben digitalen Währungen und Bezahldiensten gibt es allerdings noch wenig etablierte Anwendungsmöglichkeiten. Und das obwohl es inzwischen eine schier unübersichtliche Menge an Projekten und Start-ups gibt. Der Blick auf die Möglichkeiten der Blockchain-Technologie lohnt sich dennoch. Besonders im Umfeld der Hochschule gibt es großes Potenzial für deren Einsatz.

„Die Blockchain lässt sich in jedem Bereich einsetzen, der die Erfassung, den Nachweis oder den Transfer jeglicher Art von Kontrakt oder Objekt zum Gegenstand hat.“ (Vgl. Schatt et al. 2016)

Die Blockchain verspricht eine manipulationssichere Speicherung von Daten. Das alleine ist aber noch keine Neuerung. Der Clou liegt im Mechanismus, der die Echtheit der Einträge garantiert. In herkömmlichen Umgebungen gibt es zentrale Stellen, die für die Authentizität garantieren. Alle Teilnehmer im System müssen diesen zentralen Instanzen vertrauen. Derartiges Vertrauen wird häufig durch Zertifikate signalisiert. Die Blockchain hingegen setzt auf Dezentralisierung. Ein ausgeklügelter technischer Mechanismus verlagert die Vertrauensprüfung auf alle Teilnehmer im Verbund. Das Vertrauen auf die Zentrale weicht dem Vertrauen auf den Mechanismus Blockchain.

In der Blockchain können Hash-Werte gespeichert werden, die auf Dateien wie z.B. PDF-Dokumente verweisen. Es können dort aber auch die Dateien selbst abgelegt werden. Darüber hinaus kann die Blockchain ausführbare Programme (sog. Smart contracts) enthalten. Diese Smart contracts integrieren Prozesslogik in der Blockchain. Sie bestehen i. d. R. aus Wenn-dann-Beziehungen. Ist ein Smart Contract einmal in der Blockchain abgelegt, können Änderungen nur noch von der Mehrheit aller Teilnehmer durchgeführt werden (sog. Konsensmechanismus). Dies bedeutet auch, dass einmal eingeführte Regeln in der Blockchain von keinem einzelnen Mitglied einfach unterwandert werden können. Aber wie können wir diese Mechanismen für unser Hochschulsystem nutzen?

„Mobilität in der Hochschullehre kennt drei Ebenen: intrauniversitär, interuniversitär und die Ebene Hochschulsystem. Auf allen drei Ebenen kann die Blockchain helfen Aufwände zu reduzieren.“

Das Prinzip Hochschullehre ist eigentlich gut strukturiert. Studierende studieren an Hochschulen und erlangen nach bestimmten Voraussetzungen ein Gütesiegel über ihre erworbenen Kompetenzen, das wir Studienabschluss nennen. Soweit der kleinste gemeinsame Nenner in unserem System. Die Heterogenität liegt aber im Detail. Wir wollen, dass unsere Studierenden mobil sind. Die Anforderungen an die Mobilität beginnen bereits in der eigenen Institution, bspw. beim Studium interdisziplinärer Programme. Wir fördern aber ebenso die Mobilität zwischen Hochschulen, bspw. im Rahmen von kooperativen Studiengängen. Auf europäischer Ebene wollen wir, dass unsere Studierenden sich mobil im gesamten Hochschulraum bewegen können. Aus diesem Grund gibt es den Bologna-Prozess, das ERASMUS-Programm und die Lissabonner Konvention. Darüber hinaus gibt es auf internationaler Ebene Absichtserklärungen für die Mobilitätsförderung, wie z. B. die Groningen Declaration.

Diese Bestrebungen nach einer Angleichung der europäischen Hochschulsysteme untermauern zwar die Einigkeit bei der Mobilitätsförderung, dennoch ist die praktische Umsetzung der Studierendenmobilität aufwändig. Unterschiedliche Wertungspraktiken bei Modulen und fehlende Standards bei der Echtheitsprüfung der fremden Studienleistungen verursachen hohe Kosten in der Lehrverwaltung. Häufig fehlt es auch an Transparenz über die Historie von anerkannten Fremdleistungen. Dadurch müssen Äquivalenzprüfungen in den Fachbereichen mehrfach durchgeführt werden und binden unnötig Kapazitäten. Für die Studierenden bedeutet das häufig Ungewissheit über die Anerkennung von fremden Leistungen, fremden Abschlüssen und Hürden für eine effiziente Studienplanung.

„Durch den Einsatz der Blockchain kann die Souveränität der Studierenden gestärkt werden.“

Abhilfe könnte eine Dezentralisierung der Studienleistungen schaffen. Über ein bologna-konformes Standardformat für Studierendendaten könnten Leistungsdaten in der Blockchain abgelegt werden. Dass eine solche interuniversitäre Spezifikation gelingen kann, zeigt das österreichische Projekt AESN[1]. Sind die Leistungsdaten einmal in der Blockchain ändern sich damit auch die Eigentumsverhältnisse. Ganz in der Tradition des Papierscheins bekommen Studierende die Souveränität über ihre eigenen Daten zurück. Im konkreten Beispiel könnten Studierende nach einem Auslandsaufenthalt ihre Fremdleistungen aus dem eigenen Blockchain-Wallet einfach an die Heimatuniversität für einen fachlichen Abgleich übertragen.

So könnte ein digitales Studienbuch auf der Blockchain aussehen.

Im Campus-Management-System der Heimatuniversität würden alle relevanten Daten wie Modul-ID, Leistungspunktzahl und Bewertung ankommen. Nach der inhaltlichen Äquivalenzprüfung durch den Fachausschuss würden eindeutige Gleichwertigkeiten entstehen, die für alle identischen Fremdleistungen in der Zukunft verwendet werden können. Die dadurch entstehende Transparenz würde auch die Planungsgrundlagen für zukünftige Mobilitäten verbessern. Studierende wüssten nun mit Sicherheit welche Leistungen ohne Prüfung an der Heimatinstitution in das eigene Curriculum fließen.

Denken wir dieses Szenario weiter, könnten wir auch die Regelwerke in der Blockchain dezentralisieren. Smart Contracts könnten das Zusammenspiel der Studienleistungen steuern und Zwischenabschnitte wie bspw. Abschlussziele (Bachelor, Master etc.) definieren. Dadurch würde Transparenz hinsichtlich der Entstehung von Abschlüssen entstehen, spätere Echtheitsprüfungen wären obsolet und die Hoheit der Dokumente läge bei den Absolventinnen und Absolventen.

„Der Einsatz der Blockchain in der Lehrverwaltung wäre nicht revolutionär. Die wesentlichen Prozesse und Kompetenzen bleiben unverändert.“

Bei genauerem Blick verändern sich die Prozesse der Lehrorganisation in diesem Szenario kaum. Anerkennungen, Äquivalenz- und Echtheitsprüfungen gehören zum Tagesgeschäft von Hochschulen. Die Blockchain schafft aber Transparenz bei Anrechnungsprozessen. Darüber hinaus vereinfacht sie das Prozedere bei der Echtheitsprüfung. Außerdem können Regelwerke effizient eingehalten und einfach durchgesetzt werden.

Eine wichtige Gelingensvoraussetzung für dieses Konzept der Lehrorganisationen ist allerdings der eindeutige Umgang mit Studienleistungen. Diese Voraussetzung sollten aber zumindest all jene Hochschulen erfüllen, die integrierte Campus-Management-Systeme im Einsatz haben. Für die Wiederverwendung von Anrechnungsäquivalenzen muss sichergestellt sein, dass Module revisionssicher sind und nicht nach der Verabschiedung verändert werden.

Bleibt im vorgestellten Szenario nur noch die Frage offen, wie eine Blockchain für die Hochschullehre genau ausgestaltet werden sollte. Blockcerts von den MIT Media Labs setzt beispielsweise für die Echtheitsprüfung auf das Netzwerk der Kryptowährung Bitcoin.[2] Vielleicht wäre es im europäischen Verbund denkbar, das Vertrauen in unsere Hochschulinstitutionen im Verbund zu nutzen und jede Transaktion durch die teilnehmenden Universitäten prüfen zu lassen.

 

Weiterführende Literatur

Schlatt, V. et al. (2016): Blockchain: Grundlagen, Anwendungen und Potenziale. Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT)

[1] Austrian Education Systems Network, Plattform für den dokumentierten, nachvollziehbaren und transparenten Austausch von Informationen

[2] www.blockcerts.org

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