Anerkennung und Anrechnung – „Zertifizierungsanstalt“ Hochschule?

Anrechnung ist für Hochschulen kein neues Thema: Bereits heute kommen Menschen mit unterschiedlichsten Vorkenntnissen an die Hochschulen und verlangen dabei nicht selten um Anrechnung ihrer Kompetenzen auf ein Hochschulstudium. Durch die ubiquitäre Verfügbarkeit digitaler Lehrinhalte wird diese Tatsache wahrscheinlich künftig noch verstärkt. Wie sollen Hochschulen damit umgehen?

Anrechnung. Bild: [https://unsplash.com/photos/_zsL306fDck Antoine Dautry]Anrechnung. Bild: [https://unsplash.com/photos/_zsL306fDck Antoine Dautry]

Mit dieser Fragestellung beschäftigt sich die Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Anrechnung und Anerkennung digitaler Lehrformate“ im Hochschulforum Digitalisierung, welche Ende November 2017 in Berlin eine Expertenanhörung durchgeführt hat. Am Rande der Sitzung konnten wir einige Statements von den Experten und den Mitgliedern der AG einfangen.

Helmut Hoyer: „Funktionierende Anrechnung eine Win-Win-Situation“

Beim Thema Anrechnung stünden die Hochschulen am Anfang, so der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer. Angesichts der Digitalisierung gewinne dieses Thema jedoch an Bedeutung und Dringlichkeit für die Hochschulen. Funktionierende Anrechnungsverfahren seien eine „Win-Win-Situation“ sowohl für Hochschulen als auch für Studierende: Hochschulen könnten so Aufmerksamkeit bei Studierenden mit Vorkenntnissen erzeugen, diese wiederum profitierten etwa von einer verkürzten Studienzeit.

Ilona Buchem: „Die Hochschule ist auch ein sozialer Raum“

Prof. Dr. Ilona Buchem, Mitglied der Ad-hoc-AG, warnt jedoch davor, Anrechnungsverfahren nur unter dem Aspekt „Verkürzung der Studienzeit“ zu sehen. Vielmehr dienten qualifizierte Anrechnungsmechanismen dazu, den Studierenden außerhochschulisch erworbene Kenntnisse ausweisen zu können, welche diesen wiederum auf dem Arbeitsmarkt nützten. Die Reduzierung des Nutzens von Anrechnungsverfahren auf einen zeitlichen Effizienzgedanken führe – konsequent zu Ende gedacht – dazu, dass Hochschulen nur noch die Rolle von Zertifizierungsanstalten ausfüllten. Die Hochschule sei jedoch mehr: Als Lernraum auch ein sozialer Raum, der zur Persönlichkeitsbildung beitrage.

Herman de Leeuw: „Vertrauen aufbauen“

Digitalisierung hat aber nicht nur Auswirkungen auf die Vermittlung der anzurechnenden Formate, sondern auch auf die Dokumentation der Kompetenzen. Gegenüber Dokumenten in Papierform hätten digitale Zertifikate, etwa Badges, den Vorteil einer leichteren Transferierbarkeit zwischen verschiedenen Computersystemen und böten bessere Möglichkeiten der Überprüfung, so Herman de Leeuw vom Groningen Declaration Network. Notwendig sei hierbei allerdings der Aufbau von Vertrauen sowohl auf die einem digitalen Zertifikat zugrundeliegende Technologie als auch auf die ausstellende Institution.

Ernst Andreas Hartmann: „Alte Fragen in neuem Gewand“

Dass wir es bei der Anrechnung nicht mit einem neuen Thema zu tun haben, sagt auch PD Dr. Ernst Andreas Hartmann, Leiter des VDI-Instituts für Innovation und Technik. Digitale Formate könnten hier allerdings die Funktion eines „trojanisches Pferds“ erfüllen: Wenn sich alte Fragen im Gewand der ohnehin geführten Digitalisierungsdebatte neu stellten, erhöhe das möglicherweise die Motivation, diese zu beantworten. Hartmann regt die Entwicklung einer Plattform für deutsche Hochschulen an, welche ein modulbezogenes Ausstellen von Badges ermöglicht.

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