Verzerrte Wahrnehmung? Auf dem Boden bleiben!

Hochschulforum Digitalisierung

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und bietet die Gelegenheit, einmal durchzuatmen. Für das Hochschulforum Digitalisierung, dessen erstes Jahr damit ebenfalls zum Schluss kommt, hat sich Prof. Dr. Christian Spannagel bereiterklärt, einige besinnliche - und vielleicht auch auffordernde - Gedanken zu formulieren:

 

Wenn man als Hochschuldozent digitale Medien liebt, jedes neue Tool ausprobieren muss und die Digitalisierung der Hochschullehre für einen enorm wichtigen Trend hält, dann besteht die Gefahr, dass man diese Haltung auf andere projiziert. Klar, andere sind vielleicht nicht ganz so technikverliebt wie man selbst, aber doch zumindest ein bisschen... Dem ist natürlich nicht so.

Mir wird immer deutlicher, wie sehr man sich doch in einer Filterblase befindet: Man umgibt sich im Web mit Menschen, die genau so denken wie man selbst: mit Dozent_innen, die Technik mögen, und mit Student_innen, die im Web zu Hause sind, mit Menschen, die das Internet intensiv nutzen.

 

Kennen die digital natives ihre eigene Heimat?

So gehe ich in den Hörsaal mit der Vorstellung, digital natives vor mir sitzen zu haben, und projiziere alles Know-How zu digitalen Medien in die Student_innen hinein. Die Net Generation gibt es allerdings in dieser Form nicht (vgl. dazu auch den Artikel von Schulmeister). Neulich habe ich in einem Seminar in einem Lehramtsstudiengang ganz selbstverständlich vom Web 2.0 gesprochen  und dabei in irritierte Gesichter geblickt. Das hatte mich dazu veranlasst nachzufragen, wer denn den Begriff Web 2.0 kennt. Keiner kannte ihn. Kein einziger! Mich beschäftigt seit ca. acht Jahren die Frage, wie man das Web 2.0 zum Lernen und Lehren einsetzen kann, und kein einziger Lehramtsstudent in meinem Seminar weiß, was damit gemeint ist? Die "Net Generation" kennt den Begriff Web 2.0 nicht? In etwa genauso wenige meiner Studierenden kennen übrigens aus dem "außeruniversitären Leben" die Begriffe Open Educational Resource (OER), Creative Commons, Hashtag, Social Bookmarking, RSS-Feed und Barcamp. Würde ich keinen MOOC einsetzen, würden die Studierenden den Begriff vermutlich auch nicht kennen.

 

Das heißt: Grundlagenwissen zu digitalen Technologien und deren Nutzung muss man im Studium selbst thematisieren. Die gilt insbesondere für Lehramtsstudierende, denn diese werden digitale Technologien auch später in der Schule einsetzen. Aber natürlich ist dies auch in anderen Studiengängen notwendig und wichtig. Die Arbeit mit Wikis muss man Studierenden zum Beispiel erst zeigen (kaum einer hat jemals in einem Wiki etwas geschrieben), und sollte man mal auf den Gedanken kommen, Twitter in der Lehre einsetzen zu wollen, muss man das auch zeigen (denn kaum ein Student twittert).

 

Internationale Eindrücke

Ähnliche Erfahrungen habe ich an unserer Partnerhochschule in Mosambik gemacht. Dort gebe ich regelmäßig Kurse im dortigen Master of Education zum Einsatz von Computern in der Lehre. Meine Vermutung war, dass mosambikanische Studierende im Bereich "Education" ganz sicher etwas von MOOCs gehört haben müssen. MOOCs – dazu geschaffen, Bildung zu globalisieren und auch armen Ländern Zugang zu freien Bildungsressourcen zu ermöglichen. Wer also wenn nicht Studierende eines bildungswissenschaftlichen Studiengangs in Mosambik sollte von MOOCs gehört haben?

Die mosambikanischen Studierenden kannten MOOCs nicht. Den Begriff nicht und die damit verbundenen Ideen nicht. Mich hat das zunächst gewundert. Mittlerweile denke ich aber: natürlich nicht. Das ist ebenso ein Filterblaseneffekt. Klar sind für uns, die sich täglich mit MOOCs beschäftigen, MOOCs präsent. Viele andere Menschen haben noch nie was davon gehört.

Nichtsdestotrotz fanden die Studierenden MOOCs großartig, nachdem ich sie kurz ins Thema eingeführt und sie in udacity und coursera habe stöbern lassen. Sie haben natürlich sofort das Potenzial für Menschen in ihrem Land erkannt. (An Bücher kommt man nämlich eher schwer.) Allerdings haben sie auch relativ schnell bemerkt, dass MOOCs für sie in der bestehenden Form eigentlich nicht nutzbar sind. Denn: Die Bandbreite der meisten Internetanschlüsse in Mosambik reicht nicht für Videostreaming aus. Also, mal davon abgesehen, dass die wenigsten Menschen dort einen entsprechenden Internetanschluss haben. Globalisierung der Bildung? Sicher nicht, wenn genau die Menschen, die am meisten von offenen Angeboten profitieren würden, nicht darauf zugreifen können. Auch hier ein Effekt der Filterblase.

 

Ich mag meine Filterblase nicht mehr. Sie ist ignorant, sie ist überheblich, sie ist selbstverliebt. Wir müssen alle auf dem Boden bleiben. Und eine pädagogische Trivialität, die ich mich fast nicht zu formulieren getraue, trifft auch auf die Nutzung digitaler Medien und Werkzeuge in der Hochschullehre hundertprozentig zu: Wir müssen die Studierenden dort abholen, wo sie sind.

Blogschwerpunkt(e): 

Kommentare

Kirsten Wil

Für diesen für mich informativen (Filterblase) und treffenden Artikel, der sowohl zum Jahresende als auch zum baldigen Semesterstart (wieder) passend ist.

 

 

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