MOOCs: Reden wir über Chancen & Erfolge

Hans Pongratz

Hans Pongratz ist Geschäftsführender Vizepräsident für IT-Systeme & Dienstleistungen an der TU München. Im Hochschulforum Digitalisierung ist er Themenpate der Gruppe Geschäftsmodelle, Technologien und Lebenslanges Lernen. Im Blog kommentiert er die Forderungen des Jahresgutachtens 2015 der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) nach einer stärkeren Förderung von Massive Open Online Courses (MOOCs). Vorher hatte Markus Deimann die Empfehlungen zu MOOCs in einem Beitrag kritisch betrachtet.

Das Jahresgutachten 2015 der EFI kritisiert, dass vielerorts die Risiken und nicht die Chancen und Potentiale von MOOCs im Fokus stünden. Auch gäbe es bisher nur wenige MOOCs von deutschen Hochschulen. Den Tenor des Gutachtens Hochschulen und Politik für eine stärkere Auseinandersetzung mit der Digitalisierung zu begeistern halte ich für sehr begrüßenswert und erforderlich. Die Digitalisierung berührt sukzessive alle Bereiche unseres Lebens und betrifft natürlich auch Forschung & Lehre.

MOOCs stecken mitten in einer Evolution

Mike and Annabel Beales, CC-BY-SA 2.0 via flickr.com

MOOCs bestehen hauptsächlich aus Video-Lerneinheiten. Der Siegeszug des „Bewegtbilds“ im Internet startete vor über 10 Jahren, YouTube feierte im Februar 2015 Geburtstag. Schnelle Netze, gute Displays und Handykameras mit HD-Qualität verhalfen den Internet-Videoplattformen zum Durchbruch. Beteiligungsmodelle an den Werbeerlösen für Jedermann, welche durch Videos eingespielt werden, sichern die kontinuierliche Produktion durch die Massen. Viele YouTube-Stars können von ihren Beiträgen den eignen Lebensunterhalt bestreiten. Laut eigenen Angaben hat YouTube inzwischen über eine Milliarde Nutzer, von denen täglich mehreren hundert Millionen Stunden Videos angesehen werden. Außerdem stellen sie 300 Stunden neues Videomaterial pro Minute in YouTube ein. Bereits die Hälfte aller Videoabrufe erfolgt über mobile Endgeräte. (Quelle YouTube) Auch werden die technischen Möglichkeiten ständig weiterentwickelt – inzwischen gibt es erste Videos, welche eine 360°-Sicht zulassen – der Blickwinkel kann während des Abspielens z.B. per Maus oder Smartphone-Schwenk verändert werden. Neben zahlreichen neuen technischen Möglichkeiten bieten MOOCs aufgrund der Reichweite von bis zu drei Milliarden Internetnutzern weltweit ein sehr großes Potential bzgl. der Begeisterung und Gewinnung von zukünftigen Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. MOOCs können auch als neuer, zusätzlicher Kanal für Präsenzstudierende genutzt werden. Dozierende können wertvolle Erfahrungen auf einer weltweiten Plattform sammeln und am persönlichen „Lehrbuch der Zukunft“ arbeiten.

Der Fokus des Hochschulforums Digitalisierung liegt im Bereich der Lehre, daher will ich der Vollständigkeit halber den Begriff Science 2.0, auch Open Science genannt, erwähnen. Hier versucht die Europäische Kommission (EC) aktuell im Rahmen von öffentlichen Anhörungen ein gemeinsames Begriffsverständnis herbeizuführen. Aktuell werden unter Science 2.0 von der EC Begriffe wie Open Data, Open Access, Open Source, Open Educational Resources und soziale Netzwerke für die Wissenschaft subsummiert.

Die Digitalisierung der Lehre bringt viele Chancen und Herausforderungen mit sich und ist an sich kein neues Thema – vor 10 Jahren starteten diverse vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekte in Deutschland. Der Fokus lag anfangs auf der Produktion von Inhalten, bald darauf auf der Einführung von Lernplattformen. Ähnlich wie damals geht es heute beim Thema MOOCs wieder um einzelne Pilotprojekte, welche den Weg bereiten. Rückblickend legten wir ab Mai 2005 im Rahmen des BMBF-geförderten Projekts elecTUM mit einer Handvoll hochmotivierter Dozierenden und Projektmitarbeiter die Grundsteine für unsere heutige zentrale Lernplattform, welche TU München-weit im regen Einsatz ist. Hauptaugenmerk lag neben der Einführung einer zentralen Lernplattform auf der Verzahnung von Präsenzstudium und E-Learning und der Schaffung nachhaltiger Strukturen.

Wie viele MOOCs deutschlandweit erstrebenswert sind, bleibt die EFI-Studie schuldig. Dies ist aber auch gut so, wäre doch jede Anzahl anhand der unterschiedlichen Formate, Zielgruppen, Inhalte und Kurslängen nicht belastbar. Auch geht der Trend weg von Kursen mit fixen Start- und Abschlussterminen, welche wie Vorlesungen in regelmäßigen Abständen immer wieder angeboten werden, hin zu sog. „on demand“-Angeboten, an denen die oder der Lernende jederzeit im eigenen Tempo selbstgesteuert teilnehmen kann.

TU München: Gute Erfahrungen mit MOOCs

Unsere Erfahrungen im Rahmen des MOOCs@TUM-Projekts an der Technischen Universität München (TUM) sind sehr positiv. Sowohl die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, als auch die Dozierenden berichten begeistert von ihren Erfahrungen und Erkenntnissen. Beispiele: Eine kleine Spezialvorlesung für Informatik-Master-Studierende mit dem Titel „Ausgewählte Themen aus dem Bereich Künstliche Intelligenz und Robotik - Visuelle Navigation für Flugroboter (IN3150)“ von Professor Cremers und Dr. Sturm mit normalerweise zw. 10-20 Studierenden war im xMOOC-Format als „Autonomous Navigation for Flying Robots“ auf Englisch plötzlich für über 25.000 Lernende aus 162 Ländern interessant. 19.000 von ihnen beteiligten sich zwischenzeitlich an den Hausaufgaben. Der Kurs kann auch heute noch belegt werden, es findet aktuell allerdings keine Betreuung mehr statt. In der ursprünglichen betreuten Kursphase von Mai bis Juli 2014 qualifizierten sich ca. 7 % der Lernenden für ein Zertifikat.

Der MOOC „Einführung in die Computer Vision“ von Professor Kleinsteuber wird auf Deutsch angeboten und führte zu einer Verdoppelung der Präsenzhörer in seiner Vorlesung „Computer Vision“ für Master-Studierende der Elektro- und Informationstechnik mit einem Flipped Classroom-Ansatz. Er konnte bisher ca. 20.000 Lernende verzeichnen und führt bis April 2015 einen so genannten „Rerun“, also eine neue betreute Kursphase durch. 27% der aktuellen Kursteilnehmenden hatten vor dem Kurs noch nichts von der TUM gehört. Nach Kontinenten aufgeschlüsselt kommen 52% aus Europa, 25% aus Asien, 14% aus Nordamerika, 6% aus Südamerika und 3% aus Afrika. Ich persönlich finde diese Zahlen vor dem Hintergrund der Durchführungssprache Deutsch sehr spannend.

Auch erreichten unsere MOOC-Dozierenden mehrere internationale Kooperationsanfragen; außerdem konnten erste Mittelrückflüsse verbucht werden. Die Sichtbarkeit und Reichweite von MOOC-Kursen sollte also nicht unterschätzt werden, wobei hier natürlich auch die genutzte MOOC-Plattform eine wichtige Rolle spielt. Analytische ad-hoc Auswertungen helfen den Dozierenden wertvolle Rückmeldungen über den Lernfortschritt der Kursteilnehmenden und deren Kontext, z.B. in Bezug auf Sprache, Zeitzone, Vorbildung oder auch technischer Ausstattung zu erfahren.

Natürlich ist es für die Dozierenden anfänglich ein sehr großer Aufwand die entsprechenden Lerninhalte in MOOC-Häppchen zu portionieren und zu produzieren. Etwas Neues auszuprobieren ist auch immer mit Risiken behaftet, egal ob in der digitalen Welt oder im Hörsaal. Unser Medienzentrum unterstützt interessierte Dozierende bestmöglich, sowohl bzgl. didaktischer Aspekte als auch bei der Produktion und Durchführung der Kurse. Eine engagierte Diskussion über die benötigten Ressourcen für MOOCs ist sicherlich richtig und wichtig, sollte allerdings auch keine vorgeschobene Verhinderungsstrategie sein.

Die Schaffung nachhaltiger Strukturen und Angebote ist mittelfristig erfolgskritisch. MOOCs sind im Kontext der eigenen Hochschulstrategie zu definieren und in die E-Learning- bzw. digitale Lehre-Strategie einzubetten.

Damoklesschwert Urheberrecht?

Zum Schluss will ich noch auf das Damoklesschwert Urheberrecht (§52a UrhG) kurz eingehen. Bisher fand in Deutschland eine pauschale Abgeltung der Urheberrechtsansprüche über Gesamtverträge der Länder statt. Nun droht eine Einzelerfassungsplicht und Abgeltung durch die Hochschulen. Es mag vielen Hochschuldozierenden und auch deren Hochschulleitungen noch nicht bewusst sein – Stand heute ist ab 1. Januar 2016 eine Einzelerfassung der Nutzung von urheberrechtlich geschützten Material in der Hochschullehre in Deutschland zwingend erforderlich. Die Länder konnten sich mit den Verwertungsgesellschaften vertraglich nicht einigen, der Bundesgerichtshof entschied (vgl. Urteil Bundesgerichtshof 20.3.2013). Das Urteil zielte vor allem auf digitale Semesterapparate, gilt aber auch für andere Auszüge aus urheberrechtlich geschützten Werken. Jede Hochschule ist selbst für die Implementierung und Durchführung des Verfahrens verantwortlich. Neben dem nicht zu unterschätzenden, kontinuierlichen Erfassungsaufwand wird es auch bzgl. der Finanzierung noch spannend – vielerorts wird es keine gesonderte Zuweisung staatlicher Mittel für diese neuen Hochschulausgaben geben, bisher wurden fällige Nutzungsentgelte über eine Pauschalabgeltung per Gesamtvertrag durch die Länder finanziert.

Fazit: Es bleibt spannend!

Somit wird es natürlich spannend, wie die einzelnen Hochschulen mit diesem Thema umgehen werden. Können sich Dozierende bald nur noch ein bestimmtes Kontingent an urheberrechtlich geschütztem Material für ihre Lehrveranstaltungen und somit ihre Studierende leisten? Wird „materialreiche“ Lehre zukünftig aufgrund der Kosten ein Auslaufmodell? Ich hoffe nicht! Wir werden sehen, ob dies den Durchbruch von OER in Deutschland bedeutet.

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